Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
mittlerweile geht es auf Michaeli zu, und es ist jedes Jahr dasselbe, dass man sich mit den Waffen des Geistes erst wieder rüsten muss, um den Michael Festes Gedanken in sich lebendig zu machen. Als Thema sei gewählt, dass die Gedanken ein Herz bekommen sollen (GA 217, 3.10.1922) bzw. dass die Herzen beginnen, Gedanken zu haben: „Michael befreit die Gedanken aus dem Bereiche des Kopfes, er macht ihnen den Weg zum Herzen frei“ (GA 26, Kap. „Im Anbruch des Michael Zeitalters“). Andreas Neider hat soeben ein Buch zu demselben Thema („Denken mit dem Herzen“, Verlag Freies Geistesleben) veröffentlicht. Ich möchte auf dieses Buch hinweisen, weil ich Andreas Neider als Anthroposophen gut kenne, ich habe sein Buch aber noch nicht gelesen.
Zwei Vorerwägungen
Das erste, was wir bedenken müssen, ist, dass es die Gedanken sind, die ein Herz bekommen sollen. Das ist keinesfalls selbstverständlich. Das Fühlen liegt dem Herzen viel näher. Wir sprechen von der Herzlichkeit eines Menschen, wenn wir sein warmes Gefühlsleben charakterisieren wollen. Wir sprechen von der Herzensgüte, wenn ein Mensch eine Tat vollbringt, die nicht auf seinen eigenen Vorteil, sondern dem Interesse eines anderen Menschen dient. Fühlen und Wollen liegen dem seelischen Wesen des Herzens viel näher als das Denken. Und eben dieses Denken soll es nun sein, welches im Sinne Michaels ein Herz bekommen soll.
Zweitens müssen wir bedenken, was das Gehirndenken eigentlich ist und warum wir zu einem Herzdenken überhaupt voranschreiten müssen. Wir bringen unsere Gedanken mithilfe des Gehirns selbst hervor. Wir sind deswegen unsicher, wie unsere Gedanken zur wahrnehmbaren Wirklichkeit passen, und auf diesem Misstrauen beruhen ganze Philosophiesysteme. Zudem ist unser Gehirndenken für sich allein betrachtet ungeordnet und irrlichterlierend (Kap. „Der Pfad der Erkenntnis“ in GA 9 „Theosophie“). Die Sinne sind es, die unser Denken disziplinieren und ihm darüber hinaus den Inhalt geben. Schon Thomas von Aquino hat gesagt: „Nihil est in intellectu, quod non prius fuerit in sensu“ (Nichts ist im Denken, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist). Es hat sich noch nicht allgemein durchgesetzt, was es bedeutet, dass unsere mathematischen Vorstellungen (d. h. unser Denken) der Sinnenwelt entsprechen, wie R. Steiner oft betonte. Man hat allgemein noch nicht verstanden, wie sinnlos die bloße Wahrnehmungswelt ist, worauf R. Steiner in seinen erkenntniswissenschaftlichen Schriften so deutlich hinwies. Das Denken selbst ist noch nicht verstanden.
Worin liegt das Herzdenken in der „Philosophie der Freiheit“?
Bereits im Vorwort zielt die erste Wurzelfrage darauf ab, ob es eine Anschauung der menschlichen Wesenheit gibt, die sich als Stütze erweist für alles andere, was durch Erleben oder Wissenschaft an den Menschen herankommt. Die weiteren Kapitel zeigen dann, dass diese sich selbst stützende Wesenheit in der Beobachtung des Denkens gefunden werden kann. Im 3. Kapitel steht der zentrale Satz: „Das Denken können wir durch es selbst erfassen.“ Beim Denken können wir den Sinn seines Daseins aus ihm selber schöpfen. Wenn wir das Denken beobachten, brauchen wir das Denken nicht zu verlassen, sondern wir können im selben Element verbleiben, weil wir das Denken nur wieder mithilfe des Denkens beobachten können. Im Denken haben wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht. Mit Bezug auf die Gehirnphysiologie, die heutzutage die Philosophie nahezu ersetzt hat, fällt der Satz: „Man kann nicht zu etwas kommen, was das Denken bewirkt, wenn man den Bereich des Denkens verlässt.“ Im 4. Kapitel kommt dann das Erlebnis des in sich Ruhenden: „die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte Natur des Denkens…“. Im 5. Kapitel erscheint die „absolute Natur des Denkens“. Im 7. Kapitel wird auf den inneren Lichtcharakter des Denkens hingewiesen: das „in sich vollständig klare und durchsichtige Element des Denkens.“ Gelegentlich wird dieses Denken deswegen auch „reines Denken“ genannt.
Zu einem ersten Gipfelpunkt der „Philosophie der Freiheit“ gelangen wir im 8. Kapitel im Zusatz zur Neuauflage von 1918, wo ein Hymnus auf das Denken angestimmt wird. Der „innere Reichtum, und die in sich ruhende und zugleich in sich bewegte Erfahrung innerhalb des Lebens im Denken“ kann mit Fühlen und Wollen nicht verglichen werden. Das gewöhnliche Denken erscheint zwar tot und abstrakt, aber dies ist nur der stark sich geltend machende Schatten seiner „Licht-durchwobenen, warm in die Welterscheinungen untertauchenden Wirklichkeit. Dieses Untertauchen geschieht mit einer in der Denkbetätigung selbst dahinfließenden Kraft, welche Kraft der Liebe in geistiger Art ist.“ Damit ist das Herzdenken eigentlich schon ausgesprochen.
Weiter geht es im 9. Kapitel zu der Einsicht, dass „das Denken als eine in sich beschlossene Wesenheit unmittelbar angeschaut werden kann,…dass man im Beobachten des Denkens in einem geistigen sich selbst tragenden Wesensweben darinnen lebt….und dass der Geist zunächst in diesem auf sich selbst beruhenden Denken gefunden werden kann.“ Das Denken ist nicht bloß das schattenhafte Nachbild einer Wirklichkeit, sondern „eine auf sich ruhende geistige Wesenhaftigkeit.“ Hier wird dann auch der Begriff der Intuition für dieses sich selbst erfassende Denken eingeführt: „Intuition ist das im rein Geistigen verlaufende bewusste Erleben eines rein geistigen Inhaltes. Nur durch eine Intuition kann die Wesenheit des Denkens erfasst werden.“
Im letzten Kapitel über „Die Konsequenzen des Monismus“ kommen wir zu dem „sich selbst verstehenden Denken“ und zu der „objektiv geistigen Wirklichkeit des Denkens.“ Es geht um den aus Freiheit handelnden Menschen. Wenn der Mensch seine Triebe und seine Motive soweit reinigt, dass er aus einem sich selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten Antrieb handelt, dann gleicht sein Antrieb einer Intuition, also dem auf sich selbst beruhenden Denken. Der erste Teil der „Philosophie der Freiheit“ stellt das intuitive Denken als erlebte innere Geistbetätigung dar. „Diese Wesenheit des Denkens erlebend verstehen kommt aber der Erkenntnis von der Freiheit des intuitiven Denkens gleich. Man wird den Menschen dann für frei halten, wenn man dem intuitiven Denkerleben eine in sich ruhende Wesenheit auf Grund der inneren Erfahrung zuschreiben darf.“
In dem Buch „Goethes Weltanschauung“ (GA 6) formuliert R. Steiner diese Zusammenhänge drei Jahre später folgendermaßen: „Die eigene Natur der Ideenwelt kann der Mensch nur erkennen, wenn er seine Tätigkeit anschaut. Bei jeder anderen Anschauung durchdringt er nur die wirkende Idee; das Ding, in dem gewirkt wird, bleibt als Wahrnehmung außerhalb seines Geistes. In der Anschauung der Idee ist Wirkendes und Bewirktes ganz in seinem Innern enthalten. Er hat den ganzen Prozess restlos in seinem Innern gegenwärtig. Die Anschauung erscheint nicht mehr von der Idee hervorgebracht; denn die Anschauung ist jetzt selbst Idee. Diese Anschauung des sich selbst Hervorbringenden ist aber die Anschauung der Freiheit“ (Kap. „Die Metamorphose der Welterscheinungen“).
Das Herzdenken als Erleben der Freiheit
Das Herzdenken in der „Philosophie der Freiheit“ ist demnach das sich selbst hervorbringende, sich selbst erkennende, in sich ruhende und zugleich in sich bewegte, intuitive, reine Denken, welches wir beobachten können und welches zugleich das Anschauen der Freiheit ist. Unabhängig vom Gehirn hat das Denken damit einen eigenen, durch sich selbst bestehenden, klaren Inhalt, der gleichzeitig Kraft der Liebe in geistiger Art ist. Der in sich selbst zurückkehrende Gang des Denkens und die Anschauung der Freiheit sind dasselbe: „Freiheit! du freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was mein Menschentum am meisten würdigt, in dir fassest, und mich zu niemandes Diener machest, der du nicht bloß ein Gesetz aufstellst, sondern abwartest, was meine sittliche Liebe selbst als Gesetz erkennen wird, weil sie jedem nur aufgezwungenen Gesetze gegenüber sich unfrei fühlt“ (9. Kap.).
Eine zweite Betrachtung zu diesem Thema folgt.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
hier folgt der zweite Teil meiner Betrachtung.
Das Herzdenken als innere Sonne
Wegen der in sich klaren und Licht-durchwobenen Natur des reinen Denkens ist dieses Denken zugleich ein inneres Licht. Es ist dieses Licht, von dem in den Michaelbriefen gesagt wird: „Der Mensch wird von einer „inneren Sonne“ sprechen lernen. Er wird sich deshalb in seinem Leben zwischen Geburt und Tod nicht weniger als Erdenwesen wissen; aber er wird das auf der Erde wandelnde eigene Wesen als sonnengeführt erkennen“ (GA 26, Kap. „Die menschliche Seelenverfassung vor dem Anbruch des Michaelzeitalters“). Weil dieses Denken gleichzeitig als Kraft der Liebe in geistiger Art empfunden werden kann, können wir es auch als Wärme, als innere Sonnenwärme, als innere Sonne, als Christusimpuls in uns empfinden. Deswegen ist die „Philosophie der Freiheit“ auf den Christusimpuls gebaut“ (GA 74, 24.5.1920). Wir erleben das paulinische „Nicht ich, sondern der Christus in mir“ (Galater 2,20) und erkennen, inwiefern die „Philosophie der Freiheit“ die Erkenntnistheorie des Paulus ist (GA 116, 8.5.1910).
Wenn ich im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ mein Leben durch das Ideal der Freiheit geführt empfinde, wenn ich innerlich begeistert bin über den Satz: „Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen“ (9. Kap.), so ist dies ganz dasselbe, wie wenn ich mein Leben im Sinne Michaels als „sonnengeführt“ empfinde oder wenn ich im Sinne des Paulus „Aber nicht ich, sondern der Christus in mir“ (Galater 2,20) empfinden kann. Einer dieser Sätze allein genügt nicht, sondern wir brauchen heute mehrere solcher Worte innerer Kraft, um uns zurecht zu finden, denn unsere Seelen sind heute zu sehr zerstreut, um in einem einzigen Satz sich zusammenfassen zu können.
Der Gedankenweg und der Willensweg zu Christus
In früheren Rundbriefen (29.12.1915 und 5.1.2016) habe ich schon einmal darüber referiert, was Rudolf Steiner unter Herzdenken verstand (GA 119, „Makrokosmos, Mikrokosmos“, Wien, die letzten 3 Vorträge). Er verstand darunter u. a., was er in seinem Buch „Die Rätsel der Philosophie“ praktizierte: jeden anderen Standpunkt so zu verstehen, wie wenn er der eigene wäre, mit Hegel hegelisch, mit Marx marxistisch, mit Darwin darwinistisch, mit Nietzsche nietzscheanisch, mit Goethe goetheanistisch, mit Stirner stirnerisch usw. denken zu lernen. An anderer Stelle nennt R. Steiner diese Art des Denkens den „Gedankenweg zu Christus“ (GA 193, 11.2.1919). Das Herzdenken in diesem Sinne ist also ein in sich bewegliches Denken, das auf ein und dasselbe Problem von den verschiedensten Seiten eingehen kann. Es bildet um das Problem herum eine Art von Peripherie oder Umkreis, so wie alle Blutgefäße bis in die kleinsten Kapillaren hinein einen Umkreis um das Herz bilden.
Da das Handeln aus Freiheit gleichzeitig ein Handeln aus Intuition und gleichzeitig ein Handeln aus Liebe ist, deswegen ist dieses im zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ begründete Handeln der „Willensweg zu Christus“ (GA 193, 11.2.1919), worunter R. Steiner einen gesteigerten, bewusst in der zweiten Lebenshälfte erworbenen Idealismus verstand, der dem Idealismus der „Philosophie der Freiheit“ entspricht. In der „Philosophie der Freiheit“ wird somit der Willensweg zu Christus wie ein Zentrum oder Herz begründet, dem in den „Rätseln der Philosophie“ (1. Auflage 1900/1901) die Peripherie des Gedankenweges zu Christus gegenübersteht. Beide Wege sind natürlich auch in der „Philosophie der Freiheit“ selbst enthalten: „Leben in der Liebe zum Handeln“ – der Willensweg zu Christus; „Lebenlassen im Verständnis des fremden Wollens“ – der Gedankenweg zu Christus. Oder mit Rosa Luxemburg gesagt: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“ [Rosa Luxemburg hat diese Worte enger gemeint als sie zitiert werden, dennoch werden diese Worte berechtigter Weise so oft zitiert, weil sie auch ganz allgemein gelten]: wer das Wesen der Freiheit in sich selbst gefunden hat, der kann dieselbe Freiheit auch anderen zubilligen. Wer die Freiheit verstanden hat, der weiß, dass jedes Problem von den verschiedensten Seiten betrachtet werden muss. Das Gehirndenken ist einseitig und intolerant, das Herzdenken ist vielseitig und tolerant. Die heutigen nationalistischen, populistischen Tendenzen, die mit agitatorischen Methoden sich durchsetzen wollen, sind ein Ausdruck des bloßen Gehirndenkens.
Das Herzdenken versetzt uns an den Weltenursprung und in die Menschheitszukunft
Das sich selbst erkennende Denken führt uns zurück an den Anfang der Weltentwicklung. Das geht aus dem Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13) hervor. Die Saturnentwicklung war die erste Verkörperung unserer Erde, wo es außer dem Menschen noch keine weiteren Naturreiche und außer der Wärme noch keine weiteren Aggregatzustände und außer dem physischen Leib noch keine weiteren Wesensglieder des Menschen gab. Der allererste Beginn dieser Entwicklung wird da so beschrieben: „…geistig Wesenhaftes, das in sich selbst vollendet ist und keines äußeren Wesens bedarf, um seiner bewusst zu werden.“ Und später noch einmal mit anderen Worten: „Bei wirklich genauem Zusehen wird man aber doch merken, dass alles Fragen nach dem „Woher“ endigen muss bei den oben geschilderten Saturnzuständen. Denn man ist auf ein Gebiet gekommen, wo die Wesen und Vorgänge nicht mehr durch das sich rechtfertigen, aus dem sie entstammen, sondern durch sich selbst.“ Der Mensch schaut in dem sich selbst erfassenden Denken etwas an, was durch sich selbst sich rechtfertigt. Anders gesagt, er wird an seinen eigenen Ursprungspunkt zurückversetzt.
Und das ist wiederum ein Michael-Motiv: „Michael trägt in sich alle die Ursprungskräfte seiner Götter und der des Menschen.“ (GA 26, „Die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken Ahrimans“). Ahriman will den Menschen von „seinen kosmischen Kindheitskräften abschnüren“ (GA 26, Leitsatz Nr.129). So werden wir durch das sich selbst erfassende Denken an den Ursprung unserer eigenen Entwicklung versetzt und damit an den Punkt, wo wir selbst zu Schöpfern werden können.
Aus der freien Tat des Menschen wird demgemäß in Zukunft ein neuer Kosmos entstehen. Wenn die Erde in den Wärmetod übergehen wird, dann wird die Summe oder das Integral aller freien Taten aller Menschen den Kosmos der Zukunft bilden, welcher ein Kosmos der Liebe sein wird (GA 78, 5.9.1921 und GA 128, 28.3.1911). Die Götter warten auf die freien Taten des Menschen, und ohne das freie Schöpfertum des Menschen geht die Entwicklung nicht weiter.
Dieser Zusammenhang unseres Denkens mit unserer Vergangenheit und unserer Zukunft kann auch christologisch ausgesprochen werden: „Ich bin das A und das O, der Erste, der Letzte und der Lebendige“ (Apokalypse 1,8 bzw. 22,13).
Wo können wir das Denken beobachten?
Diese Frage ist wichtig und wird deswegen immer wieder erörtert. R. Steiner äußerte sich darüber ausführlich im 3. Kapitel. Ich kann das Denken eines anderen Menschen, ich kann mein eigenes vergangenes Denken und ich kann das Denken an fingierten Beispielen, etwa an den Billardkugeln (3. Kap.) oder an dem aufflatternden Rebhuhn (4. Kap.) beobachten. Der Spezialfall, dass ich mein gegenwärtiges Denken nie beobachten kann, weil es vollständig auf meiner eigenen Tätigkeit beruht, hindert mich nicht daran, das Denken vollinhaltlich beobachten zu können und darüber Forschungen anzustellen. In der „Philosophie der Freiheit“ sind wir in Sachen „Beobachtung des Denkens eines anderen Menschen“ sogar in der privilegierten Situation, das Denken eines so hervorragenden Denkers wie Rudolf Steiner beobachten zu können. Die Beobachtung des Denkens in diesem Sinne hat zunächst mit irgendeiner Meditation nichts zu tun, sondern erhebt unseren gewöhnlichen Menschenverstand zum gesunden Menschenverstand. In Wirklichkeit ist unser Denken nämlich krank, es hat einen „intellektuellen Sündenfall“ (GA 220, 21.1.1923) durchgemacht, welcher durch die „Philosophie der Freiheit“ geheilt werden kann.
Man könnte einwenden, diese Art der Beobachtung des Denkens sei lediglich ein literarisches Verarbeiten. Es ist hier jedoch wie in der Mathematik. Wenn ich den Lehrsatz des Pythagoras verstanden habe, so ist er mein geistiges Eigentum und ich kann damit schalten und walten, ganz unabhängig davon, wer ihn entdeckt hat oder von wem ich ihn gelernt habe. Genauso ist es mit der Beobachtung des Denkens. Wenn ich begriffen habe, welche Bedeutung es hat, dass wir das Denken durch es selbst erfassen können, dann ist diese Beobachtung mein geistiges Eigentum und ich kann die Wichtigkeit dieser Sache so weit verstehen, dass ich den Zusammenhang mit der inneren Sonne Michaels erfassen kann. Meine Freude, mein Enthusiasmus, die durch solche Gedanken erzeugt werden, die gehören zwar mir, aber sie sind aus dem reinen Denken entsprungen: „Die Begeisterung entströmt nicht mehr bloß mystischem Dunkel, sondern gedankengetragener Seelenklarheit“ (GA 26, „Im Anbruch des Michael Zeitalters“). Und es besteht doch immer wieder die Gefahr, dass man jenes „mystische Dunkel“ nachträglich in die “Philosophie der Freiheit“ wieder hineinschiebt.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Unter dem Titel „Was will Waldorf wirklich?“ erschien jetzt rechtzeitig zum Jubiläum ein Buch von Valentin Wember im Stratos Verlag, 250 Seiten, 15,00 €.
Wember ist ein erfahrener Waldorf Lehrer, wie man an jedem Satz seines Buches merkt. Die Inhalte der Waldorf-Pädagogik kommen sehr deutlich zur Geltung. Die entscheidenden Vorgaben lässt Wember allesamt in Steiner Zitaten sprechen. Gleichzeitig berücksichtigt er sensibel und kenntnisreich die heute bestehenden Vorurteile. Jeder Leser wird dort abgeholt, wo er steht. Der Autor hat nämlich jede seiner Mitteilungen selbst hinterfragt und bietet seine Lösung freilassend an. Wember kennt die damaligen Verhältnisse bei der Gründung der Schule und die heutigen Bedürfnisse unserer Zeit und der nächsten Zukunft. Im Zentrum steht sein Bemühen um Erkenntnis des sich entwickelnden Kindes, allgemein menschlich, aber auch so individuell wie nur möglich. Sehr einleuchtend beispielsweise wird es, wie die drei Seelenkräfte ineinanderwirken. Die Sympathie ist noch ein Gefühl, neigt sich aber dem Willen zu. Die Antipathie ist ebenfalls noch ein Gefühl, nähert sich aber schon dem Denken. Die Denkfähigkeit eines Kindes wird dadurch geweckt, dass der Erzieher Interesse für das Kind entwickelt. Die Willenskräfte eines Kindes erstarken dadurch, dass der Erzieher dem Kind gegenüber Liebe entwickelt. So kurz gesagt, scheint das fabelhaft. Je mehr man sich aber mit den menschenkundlichen Grundlagen der Waldorfpädagogik befasst, desto einleuchtender wird es einem.
Der Lehrer kommt nicht darum herum, sich mit den Texten R. Steiners auseinanderzusetzen, sonst hat er nicht die nötigen lebendigen Begriffe, um ein Kind zu verstehen, und vor allem erweckt er andernfalls seine eigenen Schöpferkräfte nicht. Wember weist nach, dass solche Forderungen keine Dogmatik bedeuten, sondern das Streben, die eigene Identität der Waldorfpädagogik zu bewahren und ihr Abgleiten in die Beliebigkeit zu verhindern. Der Autor stellt auch die Esoterik der Gründung der Schule dar. R. Steiner bat die höheren Hierarchien, also Engel, Erzengel und Zeitgeister zu Hilfe und legte sie den Lehrern zur täglichen Meditation ans Herz. Wember zeigt hierbei, wie man „innerste Esoterik mit äußerster Öffentlichkeit verbinden“ kann, wie dies R. Steiner 1923 bei der Weihnachtstagung empfohlen hatte.
Ein wichtiges Anliegen des Buches liegt darin, für ein wirklich freies Geistesleben zu wirken, was durch den Gedanken der sozialen Dreigliederung möglich werden wird. Hier erweist sich Valentin Wember als fundierter Kenner unserer heutigen Zeitverhältnisse. Überall bringt er konkrete Beispiele. Das Buch enthält keine einzige Phrase, jeder Satz ist individuell erkämpft und erlitten.
Ich war selbst 5 1/2 Jahre lang in der Waldorfschule und habe meine beiden Kinder durch verschiedene Waldorfschulen bis zum Abitur begleitet. Das vorliegende Buch ist für Anfänger und Fortgeschrittene, für Begeisterte und auch für Enttäuschte sehr zu empfehlen, denn es stellt das notwenige Ideal dar, ohne welches keiner von uns für die Waldorfpädagogik wirken oder unterstützend mitwirken kann. Man fühlt nach der Lektüre die beglückende Gewissheit: so kann es weitergehen!
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Der Pfad der Erkenntnis in der “Theosophie“
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
vor der Sommerpause kommt ein etwas längerer Text zu Ihnen, aber Sie haben dann ja auch mehr Zeit, sich damit zu befassen. Im Zusammenhang mit den Problemen der Gegenwart, die politisch und in unseren eigenen Reihen überall auf uns eindringen, gilt auch für das hier angeschlagene Thema: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin „Patmos“). Gerade im äußeren Trubel und sogar im Untergang ist die Besinnung auf das Wesentliche entscheidend.
Rundbrief zur Himmelskunde
Liebe Freunde,
es gibt Dinge, die ich in der Schule gerne gehört und verstanden hätte, dort aber nicht gehört habe. Das bezieht sich bei mir vor allem auf den Mond. Der zunehmende Mond, den wir abends sehen, wendet seine beleuchtete Seite der Sonne zu. Von uns aus gesehen ist seine rechte Seite beleuchtet. Der abnehmende Mond, den wir morgens sehen, wendet seine beleuchtete Seite ebenfalls der Sonne zu. Da die Sonne nun aber links von ihm steht, ist seine linke Seite beleuchtet. Als man früher noch die deutsche (bzw. Sütterlin-) Schrift schrieb, war das geschriebene z dem zunehmenden Mond und das geschriebene a dem abnehmenden Mond ähnlich. Über diese Eselsbrücke dichtete Christian Morgenstern:
Als Gott den lieben Mond erschuf,
gab er ihm folgenden Beruf:
Beim Zu- sowohl wie beim Abnehmen
sich deutschen Lesern zu bequemen,
ein a formierend und ein z –
dass keiner groß zu denken hätt.
Befolgend dies, ward der Trabant
ein völlig deutscher Gegenstand.
Und nun das Wesentliche. Auf der Südhalbkugel ist es andersherum! Wenn Touristen aus Europa in Brasilien zum Baden gehen, merken sie meistens erst an ihren Sonnenschirmen, wohin der Schatten sich bewegt, dass die Sonne andersherum als bei uns wandert. Sie wandert natürlich auch von Ost nach West, von der Südhalbkugel aus gesehen ist dies aber eine Bewegung von rechts nach links und nicht wie bei uns eine Bewegung von links nach rechts. Der zunehmende Mond sieht dort unten also aus wie bei uns der abnehmende Mond und der abnehmende Mond sieht im Süden so aus wie bei uns der zunehmende Mond.
Insgesamt also ein Musterbeispiel für das verschiedene, ja umgekehrte Erscheinen der Welt je nach dem, von welchem Standpunkt aus man sie betrachtet. Das ist keine Sinnestäuschung, das ist kein Irrtum, sondern, weil der Mensch es verstehen und durchschauen kann, ist es das Wesen der Sache, welches man denkend erfassen kann. Die Sonne bewegt sich von Osten nach Westen, wenn wir es phänomenologisch bzw. ptolemäisch betrachten. Kopernikanisch betrachtet fährt der auf der Erde stehende Mensch mit der sich drehenden Erde von Westen nach Osten. Die Erde dreht sich von oben (vom Norden) betrachtet um ihre eigene Achse links herum, gegen den Uhrzeigersinn. Vom Süden her betrachtet dreht sie sich im Uhrzeigersinn, rechts herum (siehe Walter Kraul „Erscheinungen am Sternenhimmel“, Stuttgart, 2002, S. 18). So wird uns die Erde selbst erst zu einem Stern.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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