Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
unter dem Titel „Antike Mysterien und Christentum“ (GA 87) sind jetzt die Vorträge vom Winter 1901/1902 erschienen, die R. Steiner kurz darauf zu seinem Buch „Das Christentum als mystische Tatsache“ (GA 8) ausgearbeitet hat. Weil die Mitschriften z. T. sehr bruchstückhaft sind, konnte man sich bisher nicht dazu entschließen, diese Vorträge in der GA zu publizieren. Dazu kam als weiterer Grund, dass R. Steiner das dazugehörende Buch ja selbst verfasst hatte. Die Stenogramme und die Klartextübertragungen des Stenographen wurden jetzt gründlich durchgearbeitet, und z. B. auch mit R. Steiners handschriftlichen Anstreichungen in seinen Büchern verglichen. Der Anhang zu den Vorträgen umfasst nahezu 100 Seiten, wodurch das Vorgehen der Herausgeber lückenlos transparent gemacht worden ist. Die editorische Sorgfalt der Herausgeber David Marc Hoffmann und Hans - Christian Zehnter und die Qualität des vorgelegten Textes erscheinen mir vorzüglich
Es handelt sich um den ersten Zyklus R. Steiners, von dem eine Mitschrift angefertigt wurde. Die gehaltenen 24 Vorträge sind viel ausführlicher als das daraus entstandene Buch. Das Buch erscheint zumindest von der Form her wie eine Neuschöpfung.
Wunderbar sind die Darstellungen über Philo von Alexandrien (10 v. Chr. bis 40 n. Chr.). Diesem Zeitgenossen Jesu verdanken wir die Beschreibung der Essäer in Palästina und der Therapeuten in Ägypten. Zu R. Steiners Zeiten wurde die Existenz der Essäer historisch angezweifelt. Die Qumran Funde von 1945 haben dann aber Philo mit seinen Berichten und R. Steiner mit seinen Forschungen über die Essäer (z. B. im 5. Evangelium, GA 148), zumindest was die Existenz der Essäer betrifft, bestätigt. Johannes der Evangelist war Schüler des Philo von Alexandrien (GA 90a, 27.5.1904). Die Logoslehre des Philo ging auf Johannes den Evangelisten über (GA 87, 1.2.1902). Interessant ist ein Vergleich zwischen Philo und Platon. Platon hob unsere Gedanken in die Höhen der Ewigkeit. Philo führte dieselben Gedanken herunter bis ins Leben. Philo entdeckte im Denken den freien schöpferischen Willen. „Das ist einer der bedeutsamsten philosophischen Schlüsse, die nach Platon noch haben gemacht werden können“ (ebd.). Und wenn man diese Polarität zwischen Platon und Philo auf R. Steiners Lebenswerk anwenden will, dann ergibt sich: der 1. Teil der “Philosophie der Freiheit“, die Wissenschaft der Freiheit, führt zum lebendigen Ideenerleben wie damals durch Platon. Der zweite Teil „Wirklichkeit der Freiheit“ führt mit derjenigen Intuition, die wir im ersten Teil verstanden haben, hinunter in das Leben, um die Freiheit zu verwirklichen, so wie damals durch Philo.
Aus anderen Zusammenhängen wissen wir, welches die weiteren Verkörperungen des Philo von Alexandrien gewesen sind. Er kam wieder als Baruch Spinoza (1632 – 1677), der einen so bedeutenden Einfluss auf Goethe gehabt hat. Und er wurde dann ziemlich bald wiedergeboren in Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814), bei dem Novalis gelernt hat. R. Steiner bemerkt dazu: „Wir haben hier also eine durchgehende Individualität in drei Persönlichkeiten. Liest man Fichte ohne Kenntnis dieser Vorgänge, so versteht man ihn nur wenig. Mit dieser Kenntnis aber findet man, dass seine Worte mit Feuerschrift geschrieben sind“ (GA 88, 24.8.1903) (über Spinoza und Fichte siehe auch GA 158, 5.6.1913).
Die Logoslehre, der Leib als Tempel der Gottheit, das Abendmahl oder ein solch zentrales Wort wie „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30) waren Lehrgut der Essäer (GA 87, 8. und 15. 2. 02). Christus hat mithilfe dieser Lehre sein Wesen aussprechen können. Die Essäer waren diejenigen unter den Juden, die Christus erwartet und erkannt haben. Der bedeutendste Essäer war Johannes der Täufer.
Ein anderer wichtiger Aspekt sind Steiners Darstellungen über Augustinus: „Augustinus gehört zu den tiefsten Denkern aller Zeiten…[…]…Ich möchte keine Persönlichkeit an Größe und Scharfsinn des Denkens vergleichen mit Augustinus“ (GA 87, 19.4.1902). Aber Augustinus war auch der erste Mystiker, der von der Wiederverkörperung nichts mehr wusste. Seine Prädestinationslehre war „grausam, hart und inhuman“ (19.4. und 26. 4. 1902), weil er als einzelner Mensch seinem Gott allein gegenüberstand und die Wiederverkörperung als Zwischenglied zwischen Gott und Mensch ihm fehlte (19.4.1002).
Sehr wichtig ist, dass wir den Glaubensbegriff des Augustinus richtig verstehen, weil wir dadurch auch verstehen, wie R. Steiner diesen Begriff in seinem Buch benützt. Der Glaubensbegriff bei Augustinus darf nicht verwechselt werden mit demselben Wort, wie es Luther und Kant benützt haben. Bei Luther hieß es „Rechtfertigung allein durch den Glauben“, wobei er den Glauben vor der aufkommenden naturwissenschaftlichen Denkweise (Kopernikus) retten wollte. Kant machte daraus ein System, indem er „das Wissen aufhob, um für den Glauben Platz zu schaffen“. Diese beiden Männer wollten Glauben und Wissen trennen. Letztlich hat das aber nichts geholfen, die natürliche Schöpfungsgeschichte hat gegenüber der biblischen Schöpfungsgeschichte den Sieg davongetragen, die Kirchen wurden immer leerer und das naturwissenschaftliche, zumeist materialistisch orientierte Denken erfasste die Seelen aller Menschen. Der Glaube ohne Wissen überzeugte die Menschen nicht. Also blieben sie beim Wissen.
Ganz anders war es bei Augustinus. Er war 10 Jahre lang Schüler der Manichäer, das heißt aber, er lernte das Mysterienwesen kennen. Er erkannte, dass die gesamte vorchristliche Weisheit aller Mysterien in Christus zu einer Tatsache geworden ist. R. Steiners Titel „Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums“ könnte von Augustinus stammen. Nun ging es für die damalige Zeit darum, an diese Tatsache zu glauben. Die Apostel sagten, wir haben ihn gesehen, wir können es bezeugen. Die Schüler der Apostel gaben es weiter. Die Verbürgtheit durch die Augenzeugen ging über auf die Kirche. Und das, was einmal geschehen ist, kann immer wieder geschehen: „Diese sinnliche Wahrheit, welche für das, was Augen und Ohren hörten, da war, lebt in der Kirche weiter. Diese Wahrheit ist für alle Zeiten da. Sie ist nicht nur die zeitliche Wahrheit, die sich in der Zeit, als Jesus lebte, zugetragen hat, sondern sie lebt als solche fort. Das ist das, was wir christliches Mysterium nennen“ (24.1.1902). Das Abendmahl oder das Weihnachtsfest geschehen immer wieder. „Das müssen wir als ewige Wahrheit nehmen, dass das, was einmal geschehen ist, immer wieder geschehen kann“ (ebd.). Deswegen sagte Augustinus die von R. Steiner in seinem Buch mehrmals zitierten Worte: „Ich würde an die Wahrheit der Evangelien nicht glauben, wenn mich nicht die Autorität der Katholischen Kirche dazu zwänge.“ Das klingt mit heutigen Ohren sehr rückschrittlich, weil wir unwillkürlich die Trennung von Wissen und Glauben in solche Worte hineinschieben. Damit war aber die durch und durch empirische Qualität der apostolischen Sukzession gemeint. Das war keine Trennung von Wissen und Glauben, sondern das war der Glaube an eine Tatsache, die gesehen, bezeugt und die mit dem höchsten Wissen der damaligen Zeit verstanden worden war. Der machtpolitische Missbrauch der apostolischen Sukzession kam erst viel später.
Die Wiederverkörperung, die Augustinus vom Christentum trennte, hat R. Steiner mit dem Christentum wieder verbunden. Lessing und Goethe hatten in derselben Richtung erste Ansätze gemacht. Glauben und Wissen, die Luther und Kant voneinander getrennt haben, hat R. Steiner wieder verbunden. Auch hier war es Goethe, der in derselben Richtung erste Schritte gemacht hatte.
Hier noch einige Einzelheiten, die ich so in den anderen Zyklen nicht gefunden habe: die 42 Totenrichter in Ägypten entsprechen den 42 Generationen von Abraham bis Jesus im 1. Kapitel des Matthäusevangeliums (S. 259). Auch bei Buddha finden wir 42 Stufen seiner Vorfahren (S. 262). Das himmlische Jerusalem ist eine Pyramide, und der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben (Matth 21, 42), mit dem Christus sich selbst bezeichnete, ist die Pyramidenspitze (S. 311, 312). Das Verhältnis von Typhon zu Osiris ist dasselbe Verhältnis wie zwischen Kain und Abel (S. 255).
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
an dieses Wort R. Steiners (aus GA 185, 3.11.1918) musste ich denken, als ich das Buch „Verwandeln des Lebens“ von Andrej Belyj (1880 – 1934) jetzt zum zweiten Mal gelesen habe.
Der aus Russland stammende Belyj wohnte mit seiner damaligen Frau Assia Turgeniew in Dornach gegenüber der Villa Hansi, wo R. Steiner wohnte, und arbeitete schnitzend am ersten Goetheanum mit. Von 1912 bis 1916 begleitete er die Vortragsreisen R. Steiners und hörte dadurch ca. 400 Vorträge von ihm.
Belyj beschreibt den Beginn des ersten Weltkrieges in Dornach, wo 19 verschiedene Nationen zur Arbeit am Goetheanum versammelt waren. Die Mitglieder der kriegführenden Länder haben damals natürlicherweise in langen Diskussionen und schlimmen Vorwürfen in der Kantine miteinander gestritten. Als dann R. Steiner zum ersten Mal nach Beginn des Krieges wieder nach Dornach kam, klärte er mit wenigen Vorträgen die Situation dadurch, dass er die verschiedenen Kapitälformen der Säulen als Ausdruck der Volksseelen Europas darstellte. Italien: Sonnensäule; Mondsäule: Frankreich; England: Marssäule; Merkursäule: Deutschland; Russland: Jupitersäule (GA 287, 18. und 19.10. 1914). Alle waren irgendwie zufrieden, nur die Schweizer waren enttäuscht, dass über sie nicht extra gesprochen worden war. (Dazu bemerke ich als Nicht-Schweizer: die Schweizer haben das Privileg, dass das 1. Goetheanum mit seinen sieben Säulen der großen Kuppel und mit seinen sechs Säulen der kleinen Kuppel in ihrem Land stehen durfte, und dass das 2. Goetheanum heute noch dort steht. Beide Tatsachen werden von jedem Anthroposophen in der Welt als Glücksumstand betrachtet). R. Steiner am 19.10.1914 (GA 287): „Denn unser Bau soll sein, was man nennen kann: eine Kuppel des gegenseitigen Verstehens der europäischen Menschen.“ Was Belyj über die Ursachen des ersten Weltkrieges auf nur zwei Seiten zusammenfasst, von dem möchte man wünschen, dass es allgemein bekannt wäre. Es entspricht genau dem, was R. Steiner damals in vielen Vorträgen dargestellt und was durch Markus Osterrieder dokumentarisch belegt worden ist (Welt im Umbruch, Stuttgart, 2014, 1722 Seiten).
Belyj hatte anfängliche Fähigkeiten geistigen Schauens. In einem Brief an Alexander Blok (Beiträge zur GA, 1985, Nr. 89/90, S. 20) berichtete er, wie er die Aura der Menschen schauen konnte. In seinem Buch schrieb er: „der Doktor hatte sozusagen jeweils eine verschiedene Aura; außer dem glühenden Purpur seiner Worte über Christus konnte sie rosa-golden, von blendendem Gold rosa und weiß sein“ (S. 149). Bei dem Zyklus „Von der Initiation“ (GA 138) hatte Belyj das Gefühl einer strengen Symphonie mit tiefen „samtschwarzen Klängen des Abgrunds“ (S.166), R. Steiner wirkte „streng, fordernd, blass und traurig“. Wenige Wochen später beim „Markusevangelium“ (GA 139) sprach ein anderer Mensch: er wirkte jung, rasch, frisch und irgendwie „rosafarben“ (S. 167).
Bei einer Probe zu den Weihnachtsspielen spielte R. Steiner einen Hirten vor. Es war so eindrucksvoll, dass man es nicht mehr vergessen konnte. Bei einer Probe zum Faust stellte R. Steiner den Mephisto dar. Es war der Moment, wo Mephisto (II. Teil, 5. Akt) sich in die Engel verliebt, und die Engel dann die Rosen streuen: „das war nicht mehr der Doktor, das war der Teufel […] Das Bild des Bösen, wie es von Dr. Steiner dargestellt wurde, rüstete mich mit einem Wissen aus, das durch kein Buch vermittelt werden kann“ (S. 369).
Belyj entwirft lebendige Bilder der damaligen Mitarbeiter R. Steiners: Sophie Stinde und Pauline Kalckreuth, die die Münchner Arbeit leiteten und glanzvolle organisatorische Fähigkeiten hatten; Felix Peipers, der in den Mysteriendramen den Benedictus in überragender Weise darstellte; Carl Unger, wie er das Rechnungswesen während des Baues betreute; Michael Bauer, Friedrich Rittelmeyer und Christian Morgenstern, mit denen Belyj am meisten sich verwandt fühlte; Joseph Englert, der für das Zusammenstimmen der beiden Kuppeln eine hervorragende Ingenieurleistung vollbrachte, später aber von dem Bau und der Anthroposophie sich wieder abwandte; Wilhelm Selling in Berlin, der sich mit warmer Menschlichkeit um Belyj kümmerte, als Belyj 1921 bis 1923 zum zweiten Mal in Berlin und Stuttgart war und in der anthroposophischen Bewegung sich nicht mehr heimisch fühlte. (Für Dornach bekam er damals keine Einreiseerlaubnis).
Den Höhepunkt seiner Darstellungen über R. Steiner bilden die Vorträge über das 5. Evangelium (GA 148), die Belyj 1913 in Kristiania (Oslo) miterlebte. Nach der Darstellung Belyjs verlor R. Steiner damals mehr oder weniger die Fassung, er wusste nicht, wo und wie er auf der Bühne stehen oder wo er hinschauen sollte, seine eigene Unfähigkeit und Unsicherheit gestand er ein und erst im Laufe der Vorträge konnte er sich zur gewohnten Beherrschung des Themas und seiner selbst durchringen. Die späteren Vorträge über dasselbe Thema in Berlin, Nürnberg und Stuttgart hörte Belyj ebenfalls, sie waren verglichen mit der ersten Form nach Belyjs Wahrnehmung nur noch ein matter Abglanz.
Belyj hatte keine Angst vor der Subjektivität, er wusste, dass die subjektive Imagination die erste Form der Geistesschau darstellt und dass sie ebenso notwendig überwunden werden muß. Er bewältigte die Subjektivität durch vielseitige Beleuchtungen ein und desselben Themas, z. B. wenn er über Marie Steiner mit humorvollem Unterton schrieb: „Eine trockene, pedantische, ungerechte Deutsche! Das sagten Russen. Die Deutschen sagten etwas anderes: eine trockene, pedantische, ungerechte Russin!“ Durch seine russische Wahlverwandtschaft war Belyj mit Marie Steiner freundschaftlich verbunden. Während er aber über die anderen Mitarbeiter viele Seiten schrieb, beschränkte er sich bei Maria Jakovlevna -wie die Russen Marie Steiner nannten - auf wenige Worte. Die haben es aber in sich. Sie sind ein bewusst inszeniertes lautes Schweigen.
Andrej Belyj war ein Dichter. Er nahm das Dichten ernst. Er verstand es wie Goethe. Goethe wollte mit dem Titel seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ sagen: dass das Dichten hier nicht etwa ein Hinzu-Erfundenes oder Hinzu-Phantasiertes bedeuten soll, sondern dass die Poesie hier die tiefere Wahrheit, „das Grundwahre“ erfassen will (Brief an Ludwig I von Bayern am 15.2.1830 und weitere Stellen, in der HH Ausgabe Band 9 auf Seiten 632 und 633 zitiert, Auflage von 1967). Goethe hat den Titel „Dichtung und Wahrheit“ bewusst paradox und missverständlich gewählt, und die meisten mehr oder weniger Gebildeten fallen beim Zitieren dieses Titels darauf rein, indem sie ihn in dem Sinne zitieren, wie es Goethe gerade nicht gemeint hatte. Aber Belyj als Dichter hat es verstanden. Es gibt keine andere Darstellung, wo man R. Steiner so lebendig, gegenwärtig und leibhaftig begegnet wie diejenige Belyjs. Er beschreibt auch Einzelheiten wie z. B. Rudolf Steiners Falten und feine Fältchen im Gesicht, deren reges Bewegungsspiel, sein Lächeln oder gar sein Lachen dergestalt, dass man eine seelische Gänsehaut bekommt.
Zuletzt noch einige Sätze zu der „Gralsstimmung im Russizismus.“ R. Steiner schildert Goethes drei Ehrfurchten aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ (2. Buch, 1.Kapitel, Pädagogische Provinz) und nimmt diese drei Ehrfurchten als Beispiel dafür, dass Goethe in der Gralsstimmung lebte. Goethe wollte das Religiöse hinaufheben: „…das was Goethe dazu führt, in dieser Weise hinaufzuheben, nicht jesuitisch herunterzuführen, sondern hinaufzuführen das in der Sinnenwelt wirksame Religiöse in die spirituellen Höhen: das ist die Gralsstimmung. Und Grals-Stimmung, so paradox das besonders heute klingt, Grals-Stimmung ist im Russizismus. Und auf dieser im Russizismus vorhandenen unbesieglichen Grals-Stimmung beruht eben jene Zukunft des Russentums für die sechste nachatlantische Zeit, von der ich so oft habe zu sprechen gehabt.“ (GA 185, 3.11.1918).
Mit herzlichen Grüßen Ihr Friedwart Husemann
Dr. Florian Roder
23.6.1958 – 22.2.2020
Liebe Freunde
Vor wenigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass Dr. Florian Roder gestorben ist. Da ich viel mit ihm zu tun hatte, drängt es mich, Ihnen einige Worte über ihn zu schreiben, wobei ich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann.
Als Kind wuchs er in einer anthroposophischen Familie in München auf. Seine Eltern Charlotte und Hans Roder waren Jahrzehnte lang in München für die Anthroposophie tätig. Charlotte Roder vertrat in den letzten Jahren ihres Lebens als Generalsekretärin die deutsche Landesgesellschaft am Goetheanum.
Schon als Konfirmand wünschte sich Florian die Werke des Novalis und las immer wieder darin. 1992 kam sein Novalis Buch heraus, das in jeder Hinsicht erstaunlich ist. Erstaunlich wegen der offenkundigen Reife eines erst 34-jährigen Autors, erstaunlich wegen der gründlichen Erörterung aller Einzelheiten und aller übergeordneter Aspekte, die mit Novalis zusammenhängen. Er schreibt mit solcher Leichtigkeit, mit einem so gereiften Stil und mit einem so profunden Wissen, wie wenn er auf sämtliche der vorhandenen Probleme schon vorbereitet gewesen wäre. Das Buch hat 956 Seiten. Sein Verleger Johannes Meyer gab sein Bestes, sodass ein prachtvoller Band erschienen ist. Kurze Zeit später hätte so ein Buch nicht mehr erscheinen können. Es ereignete sich die Krise des Verlages Urachhaus, wodurch Johannes Meyer die Leitung abgeben musste. Rückblickend ein erstaunlicher Glücksumstand, der dem Werk zugutekam. Man kann die philologische Wissenschaft ja auch kritisch sehen. Aber wenn ein Autor mit so viel Liebe zum Detail und mit so viel Liebe zum Ganzen vorgeht, wie es bei Florian Roder der Fall ist, dann ist alles anders. Und vollends bei solch einem Thema wie Novalis. Die Beschäftigung mit Novalis wird ganz von allein zur Geisteswissenschaft oder besser noch mit Hardenbergs eigenen Worten gesagt: zum magischen Idealismus.
Florian Roder wurde dann bald ein beliebter Vortragsredner. In den 90 er Jahren übernahm er die Leitung des Arbeitszentrums München der deutschen Landesgesellschaft. Eine besonders schöne Erinnerung bleibt für mich, als wir 2005 und 2006 das Jubiläumsjahr 2007 in München zusammen mit Karl Lierl und Rudolf Gädeke vorbereiteten. Später erschien darüber die Dokumentation „Anthroposophie wird Kunst – Der Münchner Kongress 1907 und die Gegenwart“ ISBN 978-3-00-025311-9, 432 Seiten, in der Florian Roder u.a. den Artikel „München 1900 – wo Geister wandern“ geschrieben hat. Dieser kurze, sehr inhaltvolle Essay zeigt so ganz seine Eigenart.
2007 erschien sein Buch „Die Mondknoten im Lebenslauf“, welches sehr lesenswert ist und welches ich schon vielen meiner Patienten empfohlen habe.
Die weiteren Jahre waren von Prüfungen geprägt. Zunächst ging es darum, seine Frau zu begleiten, die schwer erkrankte und im Jahr 2011 in kurzer Zeit dahinstarb. Dann meldete sich anfangs nur langsam, dann aber doch immer deutlicher seine eigene Krankheit. Zuletzt traf ich ihn 2014 beim Faustfestival der Waldorfschule Ismaning, wo die Krankheit schon so offensichtlich war, dass man in Ruhe mit ihm darüber reden konnte. Die weiteren Jahre waren eine immer schwerere Prüfung, die er aber tapfer bestanden hat.
Das Motto seines Buches möge ihn weiter begleiten:
„Das Sterbliche dröhnt in seinen Grundfesten,
aber das Unsterbliche fängt heller zu leuchten an
und erkennt sich selbst.“
Novalis
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
der Nebel ist eine Erscheinung, der wir nicht ausweichen können. Wenn er einmal da ist, müssen wir uns nach ihm richten. Es nützt nichts, sich wärmer anzuziehen, wie dies bei der Kälte sinnvoll ist, oder einen Hut aufzusetzen, wenn es regnet oder wenn uns die Sonne zu heiß wird. Der Nebel ist geheimnisvoll oder „seltsam“, wie Hermann Hesse sein Gedicht über den Nebel beginnt. Das Faszinierende am Nebel ist, auf welche Weise er mehr oder weniger dicht ist. Im Vordergrund steht eine gut sichtbare Kastanie, im Hintergrund eine Eiche, die schon ziemlich eingehüllt ist. Zu uns näherkommend werden die Umrisse der Dinge deutlicher, wir vermeinen ihr Werden, vielleicht sogar ihre Schöpfung auf uns zukommen zu sehen. Es gibt nämlich einen Nebelgrad, wo der Nebel gerade so dicht ist, dass die Umrisse eines Baumes wie aus ihm heraus geboren erscheinen. Der Baum ist dann wie ein verdichteter Nebel. Das ist doch nur ein Phänomen, könnte man sagen, in Wirklichkeit ist es aber die Wahrheit. Denn das Leben der Pflanzen und der Bäume, und damit auch der Tiere und des Menschen, das Leben der ganzen Erde ist aus der Luft verdichtet. Alle Pflanzen gewinnen ihre Kohlenhydrat Substanz aus dem Kohlenstoff, genauer gesagt aus der Kohlensäure der Luft. Die so dicht gefügte Cellulose einer Eiche stammt aus der Luft. Das kommt mithilfe des Sonnenlichtes zustande (Photosynthese). Licht und Luft sind die beiden Ursprünge des Lebens. Und wenn wir nach dem Ursprung alles Stofflichen fragen, dann ergibt sich: „Alle Materie ist kondensiertes Licht“ (GA 120, 27.5.1910). Die Luft selber, die sich zum Nebel verdichtet, stammt ursprünglich aus dem Licht.
Im Nebel erscheinen für das geöffnete Geistesauge „ahrimanische Wesenheiten“. Dazu im Gleichgewicht erscheinen über dem Nebel in den von der Sonne beschienenen Wolken luziferische Wesen (GA 232, 24.11.1923).
Der Nebel hatte einstmals eine große Bedeutung in der Geschichte der Erde und der Menschheit. Die Germanen nannten diese vergangene Zeit „Nivelheim“. Wir leben zurzeit in der Epoche, die auf dieses Nebelheim folgte. Unsere geschichtlichen Quellen reichen aber nur zurück bis in die ägyptische Kulturperiode. Davor gab es noch die uralt persische und davor noch die uralt indische Epoche, von denen keine geschichtlichen Zeugnisse mehr vorhanden sind. Der persische Avesta und die indischen Veden sind spätere Nachklänge der genannten ursprünglichen Epochen. Jede dieser Epochen dauerte etwa 2160 Jahre, sodass folgende annähernde Zeiten sich ergeben:
Seit 1413 gegenwärtige 5. nachatlantische Epoche: Frühlingspunkt der Sonne in den Fischen, diese Epoche wird bis 3573 dauern
753 v. Chr. – 1413 n. Chr. griech.- röm. Kulturperiode: Sonne im Widder (daher stammt das Wort vom Lamm Gottes)
2913 v. Chr. – 753 v. Chr. ägyptische Kulturperiode: Sonne im Stier (daher der ägyptische Apisstier mit der Sonne zwischen den Hörnern)
5073 v. Chr. – 2913 v. Chr. uralt persische Kulturperiode: Sonne im Zwilling (daher die Licht/Finsternis Lehre des Zarathustra)
7233 v. Chr. – 5073 v. Chr. uralt indische Kulturperiode: Sonne im Krebs (Verinnerlichung, alles Äußere ist Maja)
Davor war die atlantische Katastrophe, wo der atlantische Kontinent zwischen Europa und Afrika einerseits und Amerika andererseits unterging. In der Bibel wird dieses Ereignis als Sintflut bezeichnet, entsprechende Mythen gibt es bei vielen Völkern. Für die Geisteswissenschaft ist die atlantische Katastrophe eine sichere Tatsache (GA 13, Kap. Die Weltentwicklung und der Mensch und GA 11, Kap „Unsere atlantischen Vorfahren“).
In der atlantischen Zeit war die äußere Luft noch dichter, das Wasser war dafür dünner als heute. Es herrschte damals ein dichter Nebel, der sich niemals aufhellte. Dafür waren die Menschen natürlicherweise hellsehend und konnten sich im Raum gut orientieren, weil sie das Innere der Dinge schauen konnten. So wie wir heute eine Laterne im Nebel sehen und ein Lichtkreis um die Laterne erscheint, so sahen die Menschen damals die Farbenaura der Dinge. Wenn ein wohlmeinender Mensch oder ein gefährliches Tier dem Menschen in der Atlantis begegneten, erkannte er dies an der Aura und konnte entsprechend sich verhalten. Rechnen und Kombinieren konnte man damals nicht, dafür hatte der Mensch ein hochentwickeltes Gedächtnis. Die atlantische Kultur stand nicht, wie man meinen könnte, niedriger als unsere Kultur, sondern im Gegenteil durch das natürliche Hellsehen und die weit überragenden Führungspersonen, die an Götter heranreichten, stand sie höher als unsere.
Als die Atlantis untergegangen war, wurde die Luft geklärt, sodass der Mensch die Sonne so sehen konnte, wie wir sie heute sehen. Der Regenbogen mit seinem Farbenglanz und seinem Farbenleuchten erschien. Als Noah nach der Sündflut mit seiner Arche an Land kam, sah er erstmals den Farbenbogen (1.Mose 9,16).
Ein solcher Rückblick in vergangene Zeiten ist ein Stück Selbsterkenntnis. Schließlich waren wir selbst damals auch schon verkörpert. Durch solch einen Rückblick gewinnen wir auch einen Vorblick in die Zukunft. Wir werden uns nämlich das atlantische Hellsehen in Zukunft wieder erwerben, das heutige helle, wache Tagesbewusstsein bleibt dann aber erhalten. Dann werden wir die Farbenaura nicht mehr im Nebel, sondern im hellen Sonnenlicht schauen. Wir werden eine Art geistigen Regenbogen erkennen, so wie dies in dem Kapitel „Von den Gedankenformen und der menschlichen Aura“ in der „Theosophie“ (GA 9) dargestellt ist. Entsprechendes gilt von der Adventsepistel der Menschenweihehandlung (GA 345, S. 76 ff) und von der 17. Klassenstunde (GA 270/II S. 131 ff). Das ist so zu verstehen, dass wir in unserer sonnerhellten Welt in einem höheren Sinne blind sind (Joh. 9,39) bzw. in der Finsternis leben („Ich schaue in die Finsternis…“ GA 268, S. 92 bzw. GA 228, 2.9.1923 in London). Wenn wir aus jener Blindheit bzw. dieser Finsternis zum höheren Schauen des Geisteslichtes erwachen, dann erscheint der geistige Farbenbogen in ähnlicher Weise wie damals der physische Regenbogen dem Noah (oder Manu) erschienen ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Hannah Arendt (1906 – 1975) wurde berühmt durch ihr Buch „Eichmann in Jerusalem – ein Bericht von der Banalität des Bösen (1964)“. Sie beschreibt darin ihre Beobachtungen und Deutungen des Prozesses gegen Adolf Eichmann in Jerusalem: „Das Beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, dass er war wie viele und dass diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsinstitutionen und an unseren moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität viel erschreckender als all die Gräuel zusammengenommen…“ (S. 400).
Durch einen Text von Martin Basfeld wurde ich auf Arendts Aufsatz „Über den Zusammenhang von Denken und Moral“ aufmerksam. Der Aufsatz erschien 1971. Sie finden ihn in dem Band „Zwischen Vergangenheit und Zukunft – Übungen im politischen Denken I“, Tb, Piper, 2016. In diesem Aufsatz blickt Hannah Arendt auf ihren damaligen Bericht zurück und fasst ihr Urteil über Eichmann noch einmal folgendermaßen zusammen: man konnte an ihm „eine merkwürdige, durchaus authentische Unfähigkeit zu denken feststellen. In der Rolle des prominenten Kriegsverbrechers funktionierte er ebenso wie zuvor unter dem Nazi Regime; es bereitete ihm nicht die geringste Schwierigkeit, völlig andere Regeln zu akzeptieren. Er wusste, dass das, was er einst als Pflicht angesehen hatte, nun als Verbrechen bezeichnet wurde, und er akzeptierte diesen neuen Kodex der Beurteilung, als handele es sich um nichts anderes als eine andere Sprachregel.“
Arendt stellt die Fragen: „Was ist das Denken?“ und „Was ist das Böse?“ Mit diesen beiden Fragen geht sie durch die Geschichte der Philosophie, wobei sie insbesondere Platon thematisiert. Sie stellt fest: „Die Schwierigkeit besteht darin, dass wenige Denker uns je erzählt haben, was sie zum Denken gebracht hat, und noch weniger von ihnen Lust gehabt haben, ihre Denkerfahrung zu beschreiben und zu ergründen.“ Im Hinblick auf Demokrit meint sie: „Es sieht so aus, als ob das, was wir als rein moralische These verstehen […], in Wirklichkeit aus der Denkerfahrung selber kommt.“ Dann aber scheint es ihr wieder so, dass „das Denken als solches keine Werte schafft…“
All das sind Fragen und Probleme, die R. Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“ erörtert. Der erste Teil antwortet auf die Frage: was ist das Denken? Und der zweite Teil befasst sich mit der Frage: was ist das Gute oder anders gesagt: was ist die Liebe? Oder vom Schatten her betrachtet: was ist das Böse? Was Hannah Arendt als Mangel empfand, dass die Philosophen keine Lust gehabt haben, ihre Denkerfahrungen zu beschreiben, dazu hatte R. Steiner – so möchte man mit ihren Worten sagen - die größte Lust. Er hat das Denken soweit ergründet, dass er im Beobachten des Denkens bzw. in der Intuition des Denkens sogar die Quelle der Liebe gefunden hat. Deswegen ist „Die Philosophie der Freiheit“ auf den Christusimpuls gebaut (GA 74, 24.5.1920).
Der Begriff des Verbrechers in der „Philosophie der Freiheit“ entspricht genau dem, was Hannah Arendt an Eichmann beobachtet hat. Das Böse und das Verbrechen stammen im Sinne der „Philosophie der Freiheit“ gerade nicht aus dem Individuellen eines Menschen, sondern aus dem, was aus zwölf Menschen ein Dutzend macht (9. Kapitel). Das ist ja das, was man zunächst nicht glaubt. Das war das, was Arendt an Eichmann so erschreckend fand, erschreckender als die ganzen Gräuel des Holocaust. Und dieses Phänomen ist auch heute noch kaum verstanden, dass das Böse denjenigen eher ergreift, der zu wenig zum Individuum sich durchgerungen hat, der zu wenig erzogen wurde, der zu wenig gelernt hat und zu wenig Individualisierung und zu wenig Beobachtung des Denkens und zu wenig vom Christusimpuls erfahren durfte bzw. esoterisch gesagt, der ein zu kurzes Leben zwischen Tod und neuer Geburt gehabt hat (GA 153, 8.4.1914). Es ist zwar bekannt, dass gerade weniger Gebildete dem Radikalismus und der Gewaltbereitschaft eher verfallen, aber es werden aus diesem Forschungsergebnis nicht die entsprechenden Folgerungen gezogen. Deswegen der Impuls R. Steiners, dass jedem Menschen 12 Jahre Schulbildung gewährt werden müssen. Das braucht jeder Mensch allein schon dafür, um seine eigene Würde als Individualität zu erlangen.
Hier die entscheidenden Worte aus dem 9. Kapitel: „Dass die Tat des Verbrechers, dass das Böse in gleichem Sinne ein Ausleben der Individualität genannt wird, wie die Verkörperung einer Intuition, ist nur möglich, wenn die blinden Triebe zur menschlichen Individualität gezählt werden. Aber der blinde Trieb, der zum Verbrechen treibt, kommt nicht aus Intuition, und gehört nicht zum Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend ist und aus dem sich der Mensch durch sein Individuelles herausarbeitet.“ Man muss diese Worte und die weiteren Sätze, die folgen, mehrmals lesen, um zu ermessen, wie revolutionär sie auch heute noch sind. Aus demselben Grund löste das Buch „Eichmann in Jerusalem“ bei seinem Erscheinen einen Sturm der Entrüstung aus: in Israel, in Deutschland und in den USA. Warum? Weil wir alle den Unterschied zwischen der Individualität auf der einen Seite und der „Banalität“ oder den „blinden Trieben“ auf der anderen Seite noch nicht verstanden haben. Dieser Unterschied ist aber letztlich der Unterschied zwischen unsere Veranlagung zum Guten oder unserer Veranlagung zum Bösen.
Dass der Verbrecher viel eher einen Typus darstellt als eine besonders interessante Individualität, dem ist Dostojewskij in seiner Schrift „Aufzeichnungen aus einem Totenhause“ (1860 -1862) ziemlich nahegekommen, obwohl er es so nicht ausspricht. Nietzsche sagte über dieses Buch: „Mit 27 Jahren zum Tode verurteilt, auf dem Schafott noch begnadigt, dann 4 Jahre in Sibirien, in Ketten, inmitten schwerer Verbrecher. Diese Zeit war entscheidend: Dostojewskij entdeckte die Kraft seiner psychologischen Intuition. Sein Erinnerungsbuch an diese Zeit ist eines der „menschlichsten Bücher“, die es gibt.“ Dostojewskij stellte in seinen Aufzeichnungen gerade die Eigenschaften an seinen Mitgefangenen fest, die jeder an sich und an anderen Menschen kennt, eben die Eigenschaften, die nicht individuell sind. Nietzsche nannte sie noch „menschlich“, Hannah Arendt fand sie entsprechend der fortgeschrittenen Dekadenz unserer Zeit und angesichts der Ungeheuerlichkeit des Holocaust bereits „erschreckend banal.“
Albert Steffen hat das hier vorliegende Problem in seinem Drama „Barrabas“ (1949) auf die Bühne gebracht. Barrabas kennen wir nur aus dem Evangelium, historisch oder in der Legende ist nichts von ihm überliefert. Steffen hat ihn dichterisch ausgestaltet. Er schrieb ganz in unserem Sinne: „Barrabas ist ein Typus, der noch heute [1949!] lebt.“ Bei Steffen ist er ein Nationalist, der Pilatus aus Jerusalem vertreiben will, aber aus taktischen Gründen mit ihm gemeinsame Sache macht. Man könnte auch sagen, Barrabas ist der Typus des Chauvinisten, der nur die eigene Herkunft kennt und nichts davon ahnt, was Individualisierung bedeuten soll. Im Vordergrund des Dramas stehen bei Steffen allerdings Seraphita, die Gattin des Barrabas, und Claudia, die Gattin des Herodes. Sie gehören beide zu den Heiligen Frauen um Jesus und bemühen sich, die Seelen ihrer Männer zu retten.
Die Fragen, die Hannah Arendt stellte, sind in „Der Philosophie der Freiheit“ beantwortet worden. Hannah Arendt zeigt uns: wir haben „Die Philosophie der Freiheit“ gerade in der Art, wie sie das Böse und das Verbrechen beleuchtet, noch viel zu wenig gewürdigt und ausgearbeitet. Das ist heute bei dem zunehmenden Nationalismus, Rassismus und angesichts der zunehmenden Lügenhaftigkeit unserer Zeit dringend erforderlich.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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