Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
die Mithras Mysterien waren voll ausgebildete Mysterien mit den 7 Stufen der Einweihung, wie sie R. Steiner oftmals schilderte:
Sie finden dazu in dem Buch von Schütze sieben Symbole in sehr schön ausgearbeiteten Mosaiken (daraus auf dem Bild : der Rabe).
Höhepunkt des Mithrasdienstes war - wie in allen Mysterien - das Schauen der Sonne um Mitternacht. Die Mithraspriester konnten aus der Erkenntnis des Herzens und des Verhältnisses des Herzens zum Blutkreislauf dieselben Erkenntnisse gewinnen, welche die Druiden aus dem Jahreslauf der Sonne mithilfe ihrer Steinsetzungen und Kromlechs erfahren konnten. Es gibt einen wunderbaren Vortrag für die Arbeiter am Goetheanumbau, wo diese Polarität der Druidenmysterien zu den Mithrasmysterien ausgeführt ist (GA 350, 11.9.1923).
Bei den Mithras Heiligtümern gab es sogenannte „taurobolien“, wo der Stier geopfert wurde und die Einweihung der Schüler vollzogen wurde. Das taurobolium war eine Grube, die nach oben durch einen Rost abgedeckt wurde. Der Einzuweihende kauerte in der Grube, was als ein Analogon zur Grablegung in den Mysterien zu werten ist. Über dem Rost lag der Stier, dem eine Ader geöffnet wurde, sodass der Schüler mit dem warmen Blut übergossen wurde. Entsprechend vorbereitet und begleitet durch mantrische Gesänge und Formeln wurde der Schüler durch diese Zeremonie hellsichtig. So etwas kommt uns heute sehr fremdartig vor. Aber das entsprach der damaligen Konstitution der Menschen.
Wie schon erwähnt gab es in den ersten christlichen Jahrhunderten einerseits den Mithrasdienst und andererseits die christliche Messe, die zunächst in den Katakomben und später in den vom römischen Staat anerkannten Kirchen gefeiert wurde. Wenn man nun fragt, was aus diesen beiden parallelen, im Innersten christlichen, aber äußerlich sich bekämpfenden Richtungen in der Anthroposophie geworden ist, sieht man, dass beide durch die Anthroposophie erneuert worden sind.
Zur Begründung der Christengemeinschaft hat R. Steiner den anwesenden, hauptsächlich protestantisch orientierten Zuhörern zunächst einmal das Wesen der katholischen Messe erklärt. Er tat dies, indem er Satz für Satz die Worte der Menschenweihehandlung aus den Worten der Messe hervorgehen ließ (GA 343). Das war die Erneuerung dessen, was seit Konstantin seinen Weg durch das Abendland gemacht hatte.
Die andere Strömung gibt es in der Anthroposophie aber auch. Sie entstand aus dem Freien Christlichen Religionsunterricht, den R. Steiner für die „Dissidentenkinder“ in der Waldorfschule eingerichtet hatte. Die Sonntagshandlung für Kinder und die Jugendfeier wurden von dort im Wesentlichen wortgleich in die Sakramente der Christengemeinschaft übernommen. Nachdem dann die Jugendfeier in der Waldorfschule zwei Jahre lang gefeiert worden war, wo „Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in deinem Leben…“ gesagt wird, fragten sich die älter werdenden Oberstufenschüler, ob dieser Augenblick nicht eigentlich auch mal vorübergeht. Die Schülerin Johanna Wohlrab stellte die entsprechende Frage. Von den Lehrern wurde diese Frage gegenüber der Schülerin zunächst einmal zurückgewiesen. Aber immerhin leiteten die Lehrer die Frage an R. Steiner weiter. Und R. Steiner sagte sofort, dass diese Frage „von weittragender Bedeutung“ sei (GA 269, S. 124) und vermittelte daraufhin die Opferfeier (GA 269, S. 63 - 79). Die Opferfeier ist eine viergliedrige Messe, aber ohne Brot und Wein. R. Steiner bezeichnete sie als etwas „Messe – Ähnliches“ (ebenda, S. 124). Sie ist ein vollgültiger Kultus, aber ohne Priester. Sie kann überall gefeiert werden, „wo Menschen sind, die sie wünschen“, wie R. Steiner zu Maria Röschl ausdrücklich sagte (ebenda, S. 125).
Und nun das Mithras Motiv der Opferfeier: geopfert wird das Blut und der Leib desjenigen, der an der Feier teilnimmt. Das Blut des Opfernden und der Leib des Opfernden werden verbunden mit dem Blut und dem Leib Christi. Natürlich geschieht dies geistig, seelisch und ganz innerlich. Es wird aber von dem Blut und dem Leib des Opfernden ohne weitere Umschweife gesprochen: „Sie seien in dir [Christus], du [Christus] seiest in ihnen“. Als ich dies zum ersten Mal hörte bzw. verstand, war ich schockiert, dass eine solche Unmittelbarkeit und Innigkeit möglich ist. Die Opferfeier ist vom Tageslicht abgeschlossen, so wie es die Mithras Heiligtümer ebenfalls waren. Frauen waren beim Mithrasdienst ausgeschlossen. In unserer Zeit waren es dann Johanna Wohlrab und Maria Röschl, denen wir die Frage nach der Opferfeier bzw. den wichtigsten Bericht über die Opferfeier verdanken. So geht die Entwicklung weiter.
Es gibt noch viele weitere Aspekte der Mithras Mysterien, der Opferfeier und der Menschenweihehandlung. Mit den obigen Andeutungen soll nur ein einziger Aspekt dargestellt sein, der aber besonders wichtig ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
jeder Reisende durch Italien lernt die Mitgrasheiligtümer kennen. Man sieht dort auf einem Stier reitend den Sonnenhelden mit phrygischer Mütze, der dem Stier sein Schwert ins Herz stößt. Das Bild erinnert an den Hl. Georg oder an Michaels Kampf mit dem Drachen. Aber ganz dasselbe ist es doch nicht. Alfred Schütze (1903 – 1972) hat ein umfassendes Buch über Mithras (Urachhaus, 1972) geschrieben, welches vorbildlich klar geschrieben ist und sämtliche historische und anthroposophische Aspekte enthält. Es ist schön und reichlich bebildert. Alfred Schütze war Priester der Christengemeinschaft. Sein Buch und die Anthroposophie sind meine Quellen.
Was bedeutete der Stier in diesem Bild? Die alte, lebendige Astronomie sah im oberen Menschen die Planeten Saturn, Jupiter und Mars tätig, und im unteren Menschen die Planeten Merkur, Venus und Mond. Die Erde gab dem eine äußere Gestalt und die Sonne führte diesen aus den Planetenkräften zusammenströmenden Menschen aus dem Irdischen wieder hinaus (GA 204, 15.4.1921). Diese Astronomie war noch mit einer lebendigen Anschauung des Menschen verbunden, die weniger die einzelnen Organe als vielmehr die lebendigen Säfte - Ströme erforschte. Heute haben wir eine physikalische, tote Astronomie und medizinisch eine Anatomie der abgegrenzten Organe. Durch Anthroposophie allerdings kann jene alte Wissenschaft in neuer Form wiedererrungen werden, wofür z. B. mit der Anthroposophischen Medizin erste Keime gelegt und z. T. ausgearbeitet worden sind.
Warum also der Stier? Man kann das heute gar nicht mehr verstehen, sondern dafür braucht man die Geisteswissenschaft. Die alten Eingeweihten wussten: jene lebendige Astronomie und jene lebendige Organologie, die bringen es gar nicht bis zum Menschen. Die bringen es nur bis zum Stier, bis zum Bilde der Kuh oder des Rindes. Deswegen muss der Sonnenkönig Mithras dem Stier aufgesetzt werden. Der Stier muss bezwungen werden, damit der ganze Mensch vor dem Menschen steht (GA 204, ebenda). Das war der Sinn dieses Kultbildes, und das war das tief Überzeugende für die religiös Gläubigen der damaligen Zeit.
Es besteht heute eigentlich eine ähnliche Situation in Bezug auf die Entwicklungslehre des 19. Jahrhunderts. Der Entwicklungsgedanke war der wesentliche Fortschritt, den das 19. Jahrhundert gebracht hat. Von diesem Entwicklungsgedanken war R. Steiner zeit seines Lebens methodisch begeistert. Aber was hat er uns inhaltlich gebracht? Zunächst einmal nichts weiter als den Menschen als höheres Tier. Aber die Entwicklung selbst geht eben weiter. So hat R. Steiner im 12. Kapitel seiner „Philosophie der Freiheit“ (Untertitel: „Darwinismus und Sittlichkeit“) folgende Worte geschrieben: „Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft erstrebt haben. Er ist vergeistigte Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.“ In diesen Worten ist ein modernes Mithras Bild enthalten, man könnte es schon an dem Wort „Krönung“ ahnen. Das bloße Tier des Materialismus muss zur Menschenwissenschaft und zu einem Handeln aus Liebe erhöht werden.
Und damit sind wir bei der Ähnlichkeit der Mithras Religion mit dem Christentum. Diese Ähnlichkeit ist offenkundig, vor allem dann, wenn man den kosmischen Christus ins Auge fasst. So wie Christus als das hohe Sonnenwesen den Leib des Menschen Jesus durchdrungen und verwandelt hat, so reitet der Sonnenheld Mithras auf dem Stier und lässt das Opferblut aus ihm herausfließen. So wie der christliche Kultus das von Kreuze fließende Blut anbetet, so verehrte man in den Mithras Heiligtümern das Opferblut des Stieres. Der Mithraskult und die christliche Messe sind einander sehr ähnlich. Die geschichtliche Entwicklung dieser Parallelitäten verlief aber tragisch. Als das Mysterium von Golgatha sich ereignet hatte, konnten die Vertreter der Mithras Religion nicht erkennen, dass „Christus als der wahre Mithras“ (GA 204, 15.4.1921) schon auf Erden erschienen war, sondern sie blieben bei ihrer Erwartung, dass er ein Kommender sei. Erstaunlicher- und eigentlich paradoxerweise hat sich die Mithras Religion dann gerade in den ersten christlichen Jahrhunderten rasant ausgebreitet. Und als dann das Christentum durch Konstantin zur römischen Staatsreligion geworden war, da wurde der Mithrasdienst verboten und ausgerottet. Das kosmische Verständnis des Christentums, welches durch die Mithras Religion mehr oder weniger leicht hätte erreicht werden können, wurde ausgelöscht. Und so ist es in der Geschichte oftmals gewesen, dass etwas vernichtet wird, was eigentlich die Rettung gewesen wäre. Das Rettende hat allerdings zu seiner eigenen Vernichtung häufig auch dadurch beigetragen, dass es sich selbst nicht recht verstanden hatte.
Wenn Sie an Ödipus vor der Sphinx denken, an die Vision des Ezechiel oder an dasselbe Bild in der Apokalypse, an den Beginn der Göttlichen Komödie oder an Olaf Asteson an der Gjallarbrücke, wo jeweils die drei Tiere bzw. das Viergetier erscheinen, oder an die ersten Klassenstunden (GA 270): immer geht es in den Mysterien darum, das Tier in sich zu erkennen und dadurch zu überwinden. Insofern war das 19. Jahrhundert, wo das Tier als wissenschaftliches Ergebnis der Entwicklungslehre auftrat, selbst schon ein erster Schritt in Richtung auf die Mysterien. Das merkte natürlich niemand, als 1859 Darwins „Entstehung der Arten“ erschien. Aber R. Steiner hat darauf hingewiesen, dass die Menschheit als Ganzes zwischen 1842 und 1879 unbewusst die Schwelle zur geistigen Welt überschritten hat. Die Anthroposophie ist zu dem Zwecke gekommen, damit die Menschheit sich dessen bewusstwerde (GA 233, 1.1.1924 und GA 233a, 12.1.1924). Weil dann, wenn die Menschheit sich dessen nicht bewusstwird, das „zum alleräußersten Unheil der Menschheit führen würde“ (12.1.1924)
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
(Ein zweiter Teil folgt).
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
ich habe jetzt „Petersburg“ von Andrej Belyj gelesen (Insel, 1991, 443 S., Übersetzung aus dem Russischen durch Gisela Drohla). Der Roman erschien 1913 und gilt als sein Meisterstück. Es ist ein Schlüsselwerk des Symbolismus. Mich interessierte das Buch, weil Belyj viele Jahre lang Schüler R. Steiners war und über seine Eindrücke und Erlebnisse mit R. Steiner das wunderbare Buch „Verwandeln des Lebens“ geschrieben hat. „Verwandeln des Lebens“ war der Leitspruch des Symbolismus.
„Petersburg“ war für mich nicht leicht zu lesen, ich habe mehrere Leseperioden dazu gebraucht. Die vielen, ineinander verschlungenen Handlungsstränge haben sich mir dadurch nicht vollständig erschlossen. Der Stil ist freischwebend und assoziativ, gelegentlich humorvoll, oftmals ironisch, dann wieder sehr ernst. Manche Bilder wie der grünlich schimmernde Nebel, die hinziehenden Wolken oder die schrill pfeifenden kleinen Dampfer auf der Neva kehren immer wieder, ohne dass man eigentlich weiß, warum. Es geht im Wesentlichen um den alten Senator Apollon Apollonowitsch Ableuchow und seinen Sohn Nikolaj. Ihr Verhältnis ist zwar äußerlich korrekt, innerlich aber von gegenseitiger Verachtung geprägt. Der Sohn will seinen Vater ermorden und legt dafür eine Bombe mit Zeitschaltuhr. Etwa die Hälfte des Romans spielt solange, als diese Uhr tickt. Nikolajs Entschluss bleibt indessen ambivalent, er will ihn rückgängig machen, kann es aber nicht, weil ausgerechnet sein Vater nichtsahnend die getarnte Bombe aus ihrem Versteck weggetragen hatte. Glücklicherweise trifft die explodierende Bombe zuletzt niemanden. Stattdessen wird aber vorher eine Nebenfigur ermordet, dem Leser kommt dies wie eine Stellvertretung vor. Die Beschreibung dieses Ereignisses ist abgründig und hässlich. Schön und seelisch berührend ist die Versöhnung zwischen Vater und Sohn, die am Ende dadurch zustande kommt, dass die Mutter Nikolajs, also die Frau des Senators, nach 2 1/2 Jahren Abwesenheit aus Spanien zurückkommt. Um seine Mutter zu begrüßen, legt Nikolaj seinen Kopf in ihren Schoß und weint und schluchzt herzzerreißend, wodurch beide Eltern gerührt sind und die Familie wieder zueinander findet.
Inhaltliche Anklänge an die Anthroposophie, die Belyj damals schon sehr gut kannte, erscheinen höchstens als Ausschmückung. Aber die symbolistische Methode als solche kann ohne weiteres als „imaginativ“ gelten. Im guten wie im schlechten Sinne. Im guten Sinne: das Freischwebende, Mehrdeutige der Bilder, die nicht als das genommen werden wollen, was sie äußerlich sind, sondern die auf etwas deuten, was hinter ihnen verborgen wirksam ist. Im schlechten Sinne: dass man zu keiner Klarheit kommt, dass alles mehrdeutig bleibt, dass beispielsweise die Hirngespinste und Angstvorstellungen Nikolajs, die als solche erscheinen und auch als solche bezeichnet werden, denselben Stellenwert haben wie die beschriebene Romanwirklichkeit.
Was ist ein Symbol? Was bedeutet der Symbolismus? Goethe schrieb: „Alles, was geschieht, ist Symbol, und, indem es vollkommen sich selbst darstellt, deutet es auf das übrige. In dieser Betrachtung scheint mir die höchste Anmaßung und die höchste Bescheidenheit zu liegen. Diese Forderung haben wir mit dem Obersten und dem Geringsten gemein“ (Brief vom 2.4.1818 an Schubarth, HH Ausgabe der Briefe, Band 3, 1965, S. 426). Auch ein Verkehrsschild ist ein Symbol, es wird von jedem verstanden, bezieht sich aber auf nichts Höheres. Das Kreuz ist Symbol für das Höchste, wird aber erst am Ende aller Tage verstanden und verwirklicht sein. Auf dem Wege dazwischen liegt die Arbeit an den Symbolen, die wir nach Goethe so gestalten sollen, dass sie „vollkommen sich selbst darstellen“. Bestes Beispiel ist die Urpflanze. Sie ist ein Symbol, aber gleichzeitig auch eine lebendige Idee, die sich ausweitet und zusammenzieht. Sie tut dies dreimal hintereinander, zuerst als Spross und Kelch, dann eine Stufe höher als Blüte und Stempel bzw. Staubfäden, zuletzt dehnt sie sich als Frucht wieder aus und zieht sich als Same wieder zusammen. Damit kehrt sie an ihren Ausgangspunkt zurück (Goethe „Die Metamorphose der Pflanzen“, Gedicht und Aufsatz mit demselben Titel). Die Mutter mit dem Kind ist ein Symbol für das Alltägliche und Wirkliche ebenso wie für das Höchste, z. B. „das Geisteskind im Seelenschoß“. Wenn man unsere Epoche symbolisieren will, kann man das Bild „Der Schrei“ von Edvard Munch wählen. Symbole sind lebendig, mehrdeutig und verwandeln sich: „Siehe, er geht an mir vorüber, ehe ich's gewahr werde, und verwandelt sich, ehe ich's merke“ (Hiob 9,11). In Symbolen zu denken, bereitet auf das imaginative Schauen vor. Wissenschaft und Kunst verbinden sich. Die exakteste Wissenschaft kann zum Symbol werden. R. Steiner hat die Cassini `sche Kurve zur Meditation empfohlen und zur Konkretisierung des Merkurtabes regte er an, sich nicht nur die entwickelnde Pflanze vorzustellen, sondern auch den Elektromagneten (GA 35, Bologna Vortrag, S. 118 der Ausgabe von 1965). Eine Disziplin wie die Physik wird mit der Phantasie sich verbinden, wie Novalis meinte: „Die Physik ist nichts als die Lehre von der Phantasie“ (Fragment Nr. 453, Ausgabe von Ewald Wasmuth, 1957) und Novalis schlug vor: „Goethe soll der Liturg dieser Physik werden, er versteht vollkommen den Dienst im Tempel“ (Nr. 452, ebenda).
All dies gilt auch methodisch. Die „exakte, sinnliche Phantasie“ sah Goethe als die richtige Forschungsweise an („Ernst Stiedenroths Psychologie“, HH Ausgabe, 1966, Band 13, S. 42). Exaktheit und Phantasie sind aber für unser gewöhnliches Empfinden Gegensätze. Ebenso sind Strenge und Lust gegensätzlich, aber Faust erhebt sich gerade dadurch zum höheren Schauen, indem er sie verbindet:
„…schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch
Der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.“
(Faust I „Wald und Höhle“, Verse 3236 bis 3239).
Solche methodischen Polaritäten wie „der Betrachtung strenge Lust“ oder „exakte, sinnliche Phantasie“ werden im sechsten nachatlantischen Zeitraum, also in der russischen Kulturperiode voll erblühen. Der Goetheanismus ist der Impuls, den die kommende Kulturperiode von uns in Mitteleuropa erwartet. Das empfindet man, wenn man diesen Roman von Andrej Belyj liest. Vielleicht hat er auch deswegen mit kyrillischen Buchstaben seinem Werk das deutsche Wort „Petersburg“ als Titel gegeben, weil er den Menschen in Mitteleuropa sagen wollte: Euer Weg geht zu den Symbolen, das ist von Euch noch zu leisten, das müsst Ihr noch vollenden und zur Vollkommenheit bringen, damit wir Russen einen Inhalt haben, um an Euch anzuknüpfen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
das Wesen der moralischen Phantasie erschließt sich über das Wesen der Vorstellung. Die Vorstellung allerdings erscheint uns nicht gerade als ein sympathischer Begriff. Der Mensch von heute denkt dabei an Kants „Ding an sich“ oder an Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“, hat aber auch das Gefühl, dass trotz allen Scharfsinns da vielleicht irgendetwas nicht stimmt.
Die „Welt als Vorstellung“ war das beherrschende Thema der Philosophie am Ende des 19. Jahrhunderts. Eduard von Hartmann, Robert Hamerling und die Neu-Kantianer Otto Liebmann und Johannes Volkelt beherrschten die Szene. Wie man als Leser der „Philosophie der Freiheit“ weiß, beschäftigte sich R. Steiner mit dieser Auffassung sehr gründlich. Seine Bemühungen zusammenfassend bemerkte er später, dass dieser Gedankengang viele Naturforscher und Philosophen „bis zur Ungeheuerlichkeit verblendet habe“ und das Denken der Gegenwart „verdorben“ hat („Die Mystik im Aufgange…“, GA 7, Kap. „Nikolaus von Kues“). Auch sprach er einige Jahre später von dem „verwüstenden Fundamental-Irrtum Kants“ („Philosophie und Anthroposophie“, Aufsatz in GA 35).
R. Steiners Widerlegung kann zusammengefasst werden als eine reductio ad absurdum, wie er selbst einmal sagte (GA 52, 17.12.1903), also als eine Rückführung auf das Absurde: wenn die ganze Welt nur meine Vorstellung wäre, dann wären aber auch mein Auge, mein Ohr, mein Gehirn, mein Denken und sogar meine Vorstellung selbst auch wieder nur eine Vorstellung. Die ganze Welt kann aber nicht die Vorstellung einer Vorstellung sein, das wäre absurd. Der Gedanke „die Welt ist meine Vorstellung“ hält also vor sich selbst nicht stand.
Neben dieser unsympathischen Seite der Vorstellung hat sie aber auch eine sympathische, geradezu künstlerische Seite, auf die ich hier aufmerksam machen will. Dass wir uns überhaupt Vorstellungen bilden können, ist ein schöpferischer Akt, der uns zum Menschen macht. Ich sehe einen Baum, das ist eine Wahrnehmung, solange ich den Baum in meinem Wahrnehmungshorizont habe. Dann wende ich mich von dem Baum ab. Was daraufhin in mir zurückbleibt, ist die Erinnerung an den Baum. Ich habe ein mehr oder weniger vollständiges Bild des Baumes in mir. Dies ist die Erinnerungsvorstellung des Baumes. Diese Fähigkeit, dass wir eine gehabte Wahrnehmung als Erinnerung oder Vorstellung oder Erinnerungsvorstellung in uns bewahren können, ist für unsere seelisches Leben absolut grundlegend. Wir können ohne diese Fähigkeit das heute mit dem gestern nicht verknüpfen und erkennen jemanden, den wir gestern begrüßt haben, heute nicht wieder. Ohne diese Fähigkeit wären wir dement. Darüber hinaus ist diese Fähigkeit die Grundlage unserer Kreativität. Ich bringe das Erinnerungsbild in mir selbst hervor und – das ist das Wunderbare – ich kann es verändern. Wissenschaftlich betrachtet kann es dadurch falsch und seinem Original untreu werden, hier liegt natürlich die Ursache vieler Irrtümer. Aber künstlerisch betrachtet ist es eine begeisternde Fähigkeit: ich kann die Vorstellung so verändern, dass sie schön wird und mich beglückt. Die Phantasie beruht auf dem Verändern von Vorstellungen. Insofern ist jeder Mensch ein Künstler seiner eigenen Vorstellungen, um das berühmte Wort von Josef Beuys zu konkretisieren.
Und genau in dieser Weise hat R. Steiner die moralische Phantasie eingefürt. Ohne diese Phantasie gibt es für den handelnden Menschen keine Erfindung und keinen Fortschritt, alles würde nur beim Alten bleiben. Wir müssten an der Welt verzweifeln, wenn wir nicht den Glauben haben könnten an die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen, mit der am Ende die Probleme der Welt doch noch gelöst werden können. R. Steiner bemerkte einmal, dass die moralische Phantasie das eigentliche Neue der „Philosophie der Freiheit“ sei (GA 254, 19.10.1915). Weiterhin bemerkte er – und das scheint mir besonders wichtig -, dass er das „allererste feinste Hellsehen“ in der „Philosophie der Freiheit“ nur auf moralischem Gebiet, eben als moralische Phantasie habe darstellen können (GA 212, 7.5.1922).
Also Phantasie und Hellsehen? wie kommt diese Verbindung zustande? Die Brücke dazu ist der Begriff der Vorstellung. In der kleinen Schrift „Die Stufen der höheren Erkenntnis“ (GA 12) werden die Stufen der höheren Erkenntnis aus unserer ganz gewöhnlichen Erkenntnis heraus entwickelt. Ich habe das früher hier schon einmal dargestellt, Sie finden es auch in meinem Buch „Rudolf Steiners Schriften in 50 kurzen Porträts“, dessen erste Auflage vergriffen ist, das aber als „book on demand“ vom Verlag weiter verfügbar gehalten wird. Ich bringe, um mich nicht zu wiederholen, deswegen hier nur zusammengefasst die folgende Tabelle:
Gegenstand Materielle Erkenntnis
Vorstellung Imagination
Begriff Inspiration
Ich Intuition
Unsere Fähigkeit zur Vorstellungsbildung wird dann, wenn sie systematisch gesteigert wird, zur Imagination. So zeigen sich Vorstellung, moralische Phantasie und Imagination in ihrer gegenseitigen Verwandtschaft. Wir erfassen damit
1. unsere Irrtumsfähigkeit, denn jede Vorstellung kann auch falsch sein, sie muss erst durch den Begriff verstanden werden.
2. unsere eigene schöpferische Potenz, weil wir die Vorstellung bzw. die moraliche Phantasie selbst hervorbringen.
3. unsere Begabung zu höherer Erkenntnis, weil Vorstellung und Phantasie der Keim unserer imaginativen Fähigkeit sind.
Die Vorstellung, die moralische Phantasie und die Imagination haben das miteinander gemeinsam, dass sie jeweils die ersten Schritte sind. Es müssen weitere folgen. Dennoch gelangen wir durch diese ersten Schritte in die geistige Welt. Und das ist erst mal Etwas, worüber wir begeistert sein dürfen. Eine Betrachtung über die notwendigen zweiten Schritte folgt.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
der Buddhismus dringt immer mehr in unser Geistesleben ein, wie Sie an dem Begriff der „Achtsamkeit“ beobachten können. Dieses Wort wird mittlerweile so oft gebraucht, dass es fast schon wieder zu einer Phrase geworden ist. Die Achtsamkeit als solche, die Buddha in vielerlei Hinsicht sehr eindrucksvoll beschrieben hat, ist natürlich eine gute Sache und mit vielem von dem, was R. Steiner empfahl, sehr verwandt oder identisch.
Buddha hat seine Erleuchtung unter dem Bodhibaum empfangen (GA 60, 2.3.1911, öffentlicher Vortrag über Buddha). Das Sitzen unter dem Bodhibaum ist gleichbedeutend mit dem Vorgang der Einweihung. Aber es gibt noch genauere Darstellungen über den Grad der jeweiligen Einweihung. Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums erkannte Jesus an Nathanael einen bestimmtem Grad der Einweihung. Die Grade er Einweihung waren damals: 1. Rabe (corax), 2. Verborgener oder Okkulter (cryphius), 3. Streiter (miles), 4. Löwe (leo), 5. Perser (perses) und noch zwei weitere Grade. Der fünfte Grad „Perser“ galt für das Volk, dem man angehörte. Nathanael war Israeliter. Jesus nannte Nathanael „einen wahren Israeliter“ und meinte damit den 5. Grad der Einweihung. Daraufhin fragte Nathanael, woher Jesus ihn denn kenne. Jesus antwortete, dass er ihn unter dem Feigenbaum hat sitzen sehen (Joh. 1,48). R. Steiner bemerkte dazu, dass das Sitzen unter dem Feigenbaum dasselbe ist wie das Sitzen unter dem Bodhibaum (GA 103, 23.5.1908, dort auch die Beschreibung der genannten Einweihungsstufen).
Das Sitzen unter dem Bodhibaum bedeutet, dass man den geistigen Aufbau des Menschen kennt (GA 124, 19.12.1910). Damit ist das gemeint, was wir heute als die sieben Wesensglieder in den ersten Kapiteln von „Theosophie“ und „Geheimwissenschaft“ kennenlernen. Ob man die Wesensglieder schauend beobachten kann oder ob man sie mit seinem Verstand und mit seiner Vernunft studiert und versteht, ist natürlich ein Unterschied. Aber dieses letztere „ins Urteil hineingenommene Hellsehen“ (GA 312, 3.4.1920) ist nicht zu verachten und für das Verwirklichen der Anthroposophie vollständig ausreichend. Wer also die 7 Wesensglieder kennt, der sitzt schon unter dem Bodhibaum, zumindest in einer ins Urteil hineingenommen Weise.
Am Ende des Kapitels „Das Wesen des Menschen“ in der „Theosophie“ gibt es eine Stelle, wo der Bodhibaum mehr oder weniger direkt ausgesprochen wird. Der Mensch hat drei leibliche, drei seelische und drei geistige Wesensglieder, wobei Empfindungsleib und Empfindungsseele bzw. Bewusstseinsseele und Geistselbst zusammenfallen, wodurch dann die sieben Wesensglieder sich ergeben. Und nun heißt es über diese drei leiblichen, drei seelischen und drei geistigen Glieder: „Dadurch nimmt der Mensch an den „drei Welten“ (der physischen, seelischen und geistigen) teil. Er wurzelt durch den physischen Körper, Ätherleib und Seelenleib in der physischen Welt und blüht durch das Geistselbst, den Lebensgeist und Geistesmenschen in die geistige Welt hinauf. Der Stamm aber, der nach der einen Seite wurzelt, nach der anderen blüht, das ist die Seele selbst.“ So hat sich der Bodhibaum in die Anthroposophie verwandelt bzw. ist in ihr enthalten.
Weiterhin gibt es eine physiologisch-anatomische Bestimmung des Bodhibaumes. Das Kleinhirn, welches in der hinteren Schädelgrube unter dem Großhirn liegt und keine Verbindungen zu den Sinnesorganen hat, ist nach R. Steiner gleichbedeutend mit dem Bodhibaum (GA 93 a, 7. 10. 1905). Im Schnittbild sieht es aus wie aneinander gelegte Blätter oder Zweige und mikroskopisch zeigt es besonders große Nervenzellen, deren Verzweigung mit Spalierobstbäumen verglichen werden. Physiologisch dient das Kleinhirn dem Gleichgewicht beim Gehen, reguliert also mehr das Unbewusste. Und wer in dieses Unbewusste erkennend eindringen kann, der sitzt unter dem Bodhibaum.
Der Höhepunkt aller Gedanken zum Bodhibaum steht dann in einem Vortrag (GA 350, 11.9.1923) für die Arbeiter am Goetheanum. Da stellt R. Steiner den Druidenkult, den Mithraskult und den Freimaurerkult dar. Und zuletzt kommt er auf die damals ganz neue Menschenweihehandlung zu sprechen. Dieser neue Kultus dient dazu, um die geistige Wahrnehmung, die durch das Kleinhirn unterhalten wird, zu entwickeln. Die Menschenweihehndlung bringt das Innerste in den Kultus, sie ist ein Weg, um den Bodhibaum zu entwickeln. Das Moderne und Neue ist, dass durch solch einen Kultus der Mensch versteht, dass er erst auf geistige Art lernen muss, was zu geschehen hat im sozialen Menschenleben. Eine richtige Sozialwissenschaft muss von der geistigen Weltumgebung gewollt sein, sie kann nicht nur theoretisch ausgedacht werden. Um ein Beispiel zu nennen, möchte ich hinzufügen: die soziale Dreigliederung, die gerade jetzt so dringend wieder sich als notwendig erweist, die muss man zunächst im Geistigen erfassen: einerseits als Dreigliederung des menschlichen Organismus und andererseits - wie dies im Kultus geschieht – als Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit der Gottheit in Vater, Sohn und heiligem Geist. Die etablierten Kirchen haben davon nur noch die Worte, aber die wirklichen Begriffe dazu lernt man erst wieder durch Anthroposophie bzw. durch die Menschenweihehandlung, die beide das Wissen vom Bodhibaum erneuert haben.
Nach seinem Tod im 6. Jahrhundert vor Christus, der gar kein Tod mehr war, sondern eine Verklärung, hat Buddha eine dramatische Entwicklung mit wichtigen Aufgaben für Mensch, Erde und Kosmos durchlitten, die ganz im Sinne des Christentums und im Sinne des Rosenkreuzertums gewesen sind. Aber das Sitzen unter dem Bodhibaum, das Zurückziehen des Bewusstseins in einen Bereich, der mit Auge, Ohr, Geruch und Geschmack, der mit Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen nichts zu tun hat, so wie dies beim Kleinhirn der Fall ist, dieses Sitzen unter dem Bodhibaum hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt. Es ist genau das, was wir anthroposophisch unter der Meditation verstehen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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