Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
das Hauptwerk des französischen Literaturnobelpreisträgers Albert Camus „Die Pest“ wird jetzt wegen der Corona Krise wieder öfters besprochen, und ich nahm es zum Anlass, überhaupt mal etwas von ihm zu lesen. Das Buch erschien 1947, zur selben Zeit wie Samuel Beckets „Warten auf Godot“. In beiden Werken geht es um ein Leben, welches absurd oder sinnlos erscheint. Spannend und meisterhaft komponiert erleben wir das Entstehen und das Vergehen der Pest in einer algerischen Stadt. Diese ansteckende Krankheit ist aber nur der Anlass, um nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Als Personen kommen fast nur Männer vor, worüber man sich beschweren könnte. Die Männer sind aber nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche ist die Frage nach der Aufgabe des Menschen.
Erst sterben nur die Ratten, dann sterben die Menschen. Dann muss man der Sache einen Namen geben, und nach einigem Zögern wird die Diagnose Pest gestellt. Die Toten werden gezählt und ihre Zahl wird wöchentlich veröffentlicht. Als diese Zahl über 920 steigt, wird sie täglich gezählt und täglich veröffentlicht, damit sie wenigstens numerisch kleiner erscheint. Erst sind es immer nur die anderen, die sterben. Dann rückt der Tod näher. Herzzerreißend ist das Sterben eines Knaben, der qualvoll sein Leben beenden muss. Niemand kann den Sinn eines solchen Todes verstehen. Auch der Jesuitenpater nicht, der noch am Anfang der Epidemie eine flammende Bußpredigt halten konnte, dann aber, nachdem er den Tod des Knaben miterlebt hatte, zugeben musste, dass dieses Kind nicht als Sünder bezeichnet werden kann, sondern schuldlos gestorben ist. Konsequenterweise stirbt dann der Jesuitenpater selbst an derselben Krankheit, nachdem er seine erste Predigt mit einer zweiten, viel moderateren Kanzelrede relativiert hatte. Dann stirbt auch der nächste Freund der Hauptperson. Das Sterben wird im Laufe der Erzählung immer plastischer und detaillierter geschildert.
Der Journalist Rambert war zufällig in der Stadt, als die Quarantäne beschlossen wurde. Er machte viele offizielle Versuche, um die Stadt verlassen zu dürfen, erreichte es aber nicht. Dann gelang ihm ein inoffizieller Weg. Der funktionierte beim ersten Versuch aber nicht. Beim zweiten Mal ist Rambert mittlerweile so stark engagiert, den Kranken zu helfen, dass er auf die eigene Flucht verzichtet. Die Flucht wäre ihm als Feigheit erschienen. Sein Entschluss entstand still und ohne viel Aufhebens zu machen. Solche innere Bescheidenheit im Gegensatz zu den schreienden äußeren Ereignissen, ist typisch für Camus und sehr überzeugend.
An Rambert zeigt sich, was die Hauptperson Rieux täglich uns vorlebt: der Sinn des Lebens ist, anderen Menschen behilflich zu sein, anderen Menschen beizustehen, auch wenn man ihnen nicht durchgreifend helfen oder gar ihr Leben retten kann. Die Hauptperson ist als Arzt tätig, bekennt sich zum Atheismus und sagt am Schluss über den Menschen: „und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“. Dieses Wort wiegt schwer, weil Rieux ansonsten wenig und fast nur Sachbezogenes sagt. Letztlich ist es eine anspruchslose Form dessen, was schon Sophokles in seiner „Antigone“ (Verse 332-333) meinte: „Vieles Gewaltiges gibt es, aber das Gewaltigste ist der Mensch.“
Camus suchte nach dem Wesen des Menschen. Das sieht man durch alle Leere und Sinnlosigkeit immer wieder aufleuchten. Deswegen liest man bis zu Ende. So muss man auch diesem Schriftsteller bis zu Ende folgen, wo er in einem Essay „Heimkehr nach Tipasa“ (1953) die berühmt gewordenen Worte schrieb: „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“
Das erinnert an den 30. Spruch im Seelenkalender, wo es Ende Oktober heißt: „Der Winter wird in mir den Seelensommer wecken.“ Und das ist unsere Aufgabe im Michaelzeitalter: „Der Mensch wird von einer inneren Sonne sprechen lernen“, er wird „das auf der Erde wandelnde eigene Wesen als sonnengeführt erkennen“ (GA 26, Kap. „Die menschliche Seelenverfassung vor dem Anbruch des Michaelzeitalters“). Aus der französischen Kultur ist für dieses innere Sonnenverständnis viel zu lernen. 1870 waren Monet und Pissarro in London und sahen dort die Werke von William Turner. Sie waren von seinem revolutionären Umgang mit Licht und Farbe begeistert und formulierten ihren Wahlspruch: „Le soleil est dieu.“ Drei Generationen später drückte Albert Camus dasselbe aus, zwar ohne das Wort Gott zu nennen, aber dafür ein Stück weit innerlicher. So geht unser Weg nach innen, zur inneren Sonne.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
Die übliche Meinung ist heute, dass unser Denken, Fühlen und Wollen im Nervensystem zuhause sind. Weil die ganze Seele angeblich nur im Gehirn und im Nerven vorhanden ist, ist es erlaubt, einem Menschen Organe zu entnehmen oder Sterbehilfe zu leisten, wenn er dauerhaft bewusstlos ist. Das Bewusstsein ist viel mehr wert als das ganze übrige Leben. Im sozialen Bereich haben das Wirtschaftssystem und neuerdings die Finanzwirtschaft in ähnlicher Weise ein Übergewicht erreicht, sodass das Rechtsleben unterdrückt und das Geistesleben schon gar nicht mehr frei und selbständig wirken kann:
Nerven Sinnes System Wirtschaftsleben
Rhythmisches System Rechtsleben
Stoffwechsel Gliedmaßen System Geistesleben
Die Ursache von beiden Entartungen ist jeweils der intellektualistische Materialismus, der seit dem 19. Jahrhundert herrschend geworden ist. Von der Tendenz zum Überwuchern her sieht man, wie das Nervensinnes Systems im Wirtschaftsleben sich widerspiegelt, wie wir dies im vorigen Rundbrief kennengelernt haben.
Nun möchte ich noch einen weiteren Vergleich zwischen den beiden Systemen anstellen. Es geht dabei um den Grad des Bewusstseins, mit dem wir die Glieder unseres Organismus erleben:
NSS Denken Wachen
RhS Fühlen Träumen
StGS Wollen Schlafen
Im Nerven Sinnes System sind wir denkend hellwach. Entsprechend weiß jeder, dass unser soziales Leben vom Wirtschaftsleben geprägt wird. Arbeit und Lohn, Kapital und Zinsen, Mehrwert und Profit, all dies ist uns als Realität klar.
Schon im Rechtsleben wird es nicht mehr so klar. Im Rhythmischen System und im Fühlen träumen wir. Heute Vormittag bin ich schlechter Laune und weiß eigentlich gar nicht warum. Heute Nachmittag ist es andersherum und ich weiß wieder nicht warum. Die Atmung verläuft höchstens halbbewusst, den Herzschlag spüren wir normalerweise gar nicht. So ist es auch mit unserem Bewusstsein über das Rechtsleben. Es bedarf schon eines gewissen Erwachens, um R. Steiner darin zu folgen, dass eigentlich nur Waren gekauft und verkauft werden dürfen. Waren, die man verbrauchen kann. Ein Grundstück ist aber keine Ware, sondern es ist ein Recht auf Benutzung. Rechte dürfen nicht käuflich sein. Wenn Rechte käuflich sind, entsteht soziale Unterdrückung all derer, die sich das nicht leisten können. Dafür muss man erst erwachen, dass das ein sozialer Faktor ist.
Vollends im Willensleben, das sich auf Stoffwechselvorgänge stützt, schlafen wir ganz und gar. Wir sind uns des Motivs bewusst, die Kaffeetasse anheben zu wollen, dann beobachten wir von außen, wie unsere Hand die Tasse erhebt. Was dazwischen vorgeht, verschlafen wir. Insofern ist unser Wollen schlafend. Und so schlafen wir auch für die Rolle des Geisteslebens im sozialen Organismus. Der Marxismus meint ja, das Geistesleben sei nur eine Ideologie, der Schaum des Persönlichen, der aus der Realität des Wirtschaftslebens aufsteigt.
Man glaubt heute nicht, dass es sozial bedeutsam sein könnte, wie wir über uns selbst denken. Wenn die Genetik sagt, jede persönliche DNA sei eine zufällige Mischung aus mütterlicher und väterlicher DNA oder wenn Martin Heidegger und mehr oder weniger gleichlautend Romano Guardini sagen, der Mensch sei „hineingeworfen ins Dasein“ bzw. „hineingeworfen in Gott“, so sind alle drei Behauptungen – die des Genetikers, des Philosophen und des Religionswissenschaftlers - gleichermaßen trostlos und materialistisch. So wird die Individualität des Menschen verleugnet. Die Individualität selbst ist es, die Vater und Mutter zusammenführt. Wir werden eben gerade nicht geworfen, sondern wir sind es selbst, die wir uns ins Dasein werfen. Dieses Gefühl, dass der Mensch für sich selbst und sogar für sein Schicksal verantwortlich ist, schafft initiative Menschen, die den sozialen Problemen gewachsen sind.
Man sagt dann, Religion müsse Privatsache sein. Ja, eben. In einem gesunden sozialen Organismus sollte das ganze Geistesleben genau in diesem Sinne Privatsache sein. Wenigstens behauptet dies R. Steiner, was ja erstaunlich ist, wenn man es zum ersten Mal hört (GA 23, Kap. 2, S. 83). Da sieht man den Bezug zum Stoffwechsel System unmittelbar, denn dass der Stoffwechsel unsere Privatsache ist, das versteht jeder. Gleichzeitig sieht man aber auch, wieviel noch geleistet werden muss, bis wir diese Höhe der Schätzung des Geisteslebens für den sozialen Organismus erreicht haben werden. Da gibt es noch viel zum Erwachen.
Nerven Sinnes System Wachen Wirtschaftsleben
Rhythmisches System Träumen Rechtsleben
Stoffwechsel Gliedmaßen S. Schlafen Geistesleben
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
die Dreigliederung des menschlichen Organismus (GA 21, Kap. IV,6.) beruht darauf, dass drei deutlich zu unterscheidende Systeme harmonisch zusammenwirken. Dadurch auch kann man verstehen, wie die Seele (Denken, Fühlen und Wollen) mit dem Leib zusammenhängt. Das Leib/Seele Problem wurde damit gelöst:
Nerven-Sinnes-System Denken
Rhythmisches System Fühlen
Stoffwechsel Gliedmaßen System Wollen
Es ist also nicht so, dass alles Seelische nur am Nervensystem hängt, wie man heute glaubt, sondern nur unser Bewusstsein und unser Denken hängen mit dem Nervensystem und dem Gehirn zusammen. Das ist sehr wichtig, um solche Phänomene wie das Wachkoma und die moderne Hirntod Definition richtig einzuschätzen, was aber jetzt nicht unser Thema ist.
Wenn man diese Dreigliederung mit der ebenfalls von R. Steiner inaugurierten sozialen Dreigliederung vergleicht, könnte man meinen, dass das Geistesleben im sozialen Organismus mit dem Nerven Sinnes System, und dass das Wirtschaftsleben im sozialen Organismus mit dem Stoffwechsel Gliedmaßen System zusammenpasst. So ist es aber nach Steiner nicht. Im 2. Kapitel seines Buches „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) geht er darauf ein. Nach Steiner muss man so vergleichen:
Nerven-Sinnes-System Wirtschaftsleben Brüderlichkeit
Rhythmisches System Rechtsleben Gleichheit
Stoffwechsel Gliedmaßen S. Geistesleben Freiheit
Wie ist das zu verstehen? Es treten durch diesen Vergleich Eigenschaften der drei Glieder des menschlichen und des sozialen Organismus hervor, die sonst verborgen bleiben. Steiner schreibt: „Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses ökonomische Leben muss ein selbständiges Glied für sich innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das Nerven Sinnes System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum ist“ (S. 61/62).
Unser Geistesleben andererseits beruht nicht nur auf dem sogenannten „Geist“, den wir uns irrtümlicherweise ohne Materie vorstellen, sondern unser Geistesleben beruht auf individuellen Fähigkeiten und auf natürlicher geistiger und physischer Begabung des einzelnen Menschen. Das macht es verwandt mit dem Stoffwechsel Gliedmaßen System, das in ähnlicher Weise individualisiert ist.
Ich füge noch einige weitere Aspekte hinzu, die das verdeutlichen sollen. Unser Denken, das auf dem Nerven Sinnes System beruht, ist universell. Das zeigt sich, wenn wir Denken und Sprache miteinander vergleichen. In der Sprache sind wir noch regional getrennt. Im Italienischen sagt man testa, im Deutschen sagt man zu demselben Organ des Menschen Kopf. Der Deutsche beschriebt die äußere Form des Kopfes, der Italiener benennt die innere Tätigkeit, das Testieren des Kopfes. Aber der Begriff des Organes „Kopf“, der ist in jeder Sprache derselbe. So machen uns die Begriffe zu einer ganzen Menschheit. So auch ist es mit dem Wirtschaftsleben, das weltweit ein Ganzes bildet, das aber durch Nationalität und andere Egoismen daran gehindert wird, ein Ganzes zu sein. Wir haben als Menschheit alle dieselben Begriffe, das ist die Grundlage unserer Brüderlichkeit.
Mit unserem Stoffwechsel ist es anders. Der Stoffwechsel dient nur uns selbst. Ein Stück Brot kann ich vor dem Essen noch mit jemandem teilen, nach dem Essen nicht mehr. So auch beruht das Geistesleben im sozialen Organismus auf den individuellen, abgeschlossenen Fähigkeiten des einzelnen Menschen. Jeder hat seine individuelle Geistesfreiheit im sozialen Organismus wie er seinen eigenen Stoffwechsel hat. Bei unseren Gliedmaßen ist es ähnlich. Dass ein anderer Mensch ein Stück gehen kann, davon habe ich nichts. Ich muss den Weg selbst gehen. Der oft zitierte Satz: „Wege entstehen, wenn wir sie gehen“, deutet auf dieses individuelle Prinzip unserer Gliedmaßen hin, wodurch sie mit dem Geistesleben verwandt sind.
Oder noch einmal anders gesagt, wenn wir uns in unsere Schulzeit zurückversetzen: die Hausaufgaben meines Schulkameraden, die kann ich kurz vor Beginn der Schule noch abschreiben. Es gibt eine konstitutionelle Brüderlichkeit in dem, was wir mit unserem Nerven Sinnes System erarbeiten und was von den Plagiatoren missbraucht wird. Den Weg in die Schule andererseits, den kann mir mein Kamerad nicht abnehmen, dafür muss ich meine eigenen Glieder benützen.
Es ist kein Jonglieren mit Analogien, wenn wir so etwas vergleichen. Sondern es geht darum, wie R. Steiner es formuliert: „dass das menschliche Denken, das menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise anwenden könne auf den sozialen Organismus“ (GA 23, 2. Kapitel, S. 60).
Wir wollen deswegen noch einen weiteren Vergleich hier anschließen, der den Menschen als umgekehrte Pflanze betrifft. Die mit der Mineralwelt sich auseinandersetzende Wurzel entspricht unserem Kopf. Die Blüte, wo auch die Fortpflanzung stattfindet, entspricht unserem Stoffwechselsystem. Der Blattorganismus und die Atmung sind zueinander komplementär: Tier und Mensch nehmen den Sauerstoff auf und geben den Kohlenstoff ab, die Pflanze nimmt den Kohlenstoff auf und gibt den Sauerstoff ab.
Kopf Wurzel Wirtschaftsleben Brüderlichkeit
Lunge Blatt Rechtsleben Gleichheit
Stoffwechsel Blüte Geistesleben Freiheit
Wenn man sich vorstellt, wie die Pflanzen im Boden wurzeln, so hat jede Pflanze natürlich auch eine Tendenz sich auszubreiten, wenn Sie an den Giersch mit seinen wuchernden Wurzeln im Garten denken. Aber im Ganzen herrscht doch eine ganz wunderbare Brüderlichkeit im Nebeneinander und im Sich gegenseitig Berücksichtigen der Wurzeln. Die Pflanze ist am Boden festgebunden, sie kann den Ort nicht wechseln. So hat auch jede Firma im Wirtschaftsleben ihren „Standort“. Ganz anders ist es mit der Blüte. Da herrscht große Freiheit. Sehen Sie auf die Löwenzahn Samen, wie sie mithilfe ihrer Schirmchen überall hinfliegen. Wenn Sie einen Acker ein Jahr lang brach liegen lassen, kommen schon im nächsten Jahr unzählige Kamillenpflanzen, die den rohen Boden bedecken. Wo sind die hergekommen? Das ist die Freiheit des Samen- und Keimes- Lebens. Der überall frei herumfliegende Samen muss aber im Stempel und dann im Fruchtknoten auch wieder zur Ruhe kommen, sonst entsteht keine Frucht. Die Freiheit des Geisteslebens ist uns in der Freiheit der Samenausbreitung naturhaft vorgegeben. Die Verantwortung, die wir im Geistesleben gegenüber dem Streben nach Wahrheit haben, die erscheint uns naturhaft in Stempel und Fruchtknoten.
Ein zweiter Teil zu demselben Thema folgt.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Die Erderwärmung ist eine gesicherte Tatsache. Die Durchschnittstemperatur der Atmosphäre und der Meere wird seit 1880 regelmäßig gemessen, und der Weltklimarat teilte 2017 mit, dass die seitherige Temperaturerhöhung etwa 1°C beträgt. Man spricht über die Erderwärmung gelegentlich auch so, dass die Erde „Fieber“ habe.
Kürzlich machte mich meine Frau darauf aufmerksam, dass es einen Vortrag R. Steiners gibt, wo dieses „Fieber der Erde“ sehr eindrucksvoll beschrieben und dafür eine Ursache benannt wird, die einem zu Herzen geht. Es ist der Vortrag vom 6.3.1911 in GA 127, den R. Steiner in Bielefeld gehalten hat, und den ich Ihnen nachfolgend mit meinen Erklärungen dazu referieren will.
Der Mensch und die Erde sind ein Ganzes. Wie ein einzelner Finger nur im Ganzen unseres Organismus leben kann, so auch der Mensch auf der Erde. Wie wir in unserem Organismus weiße und rote Blutkörperchen haben, die mit uns zusammenleben, so leben wir Menschen mit der Erde in einem Ganzen: „Was diese roten und weißen Blutkörperchen für den Menschen sind, das sind wir Menschen für den Erdorganismus (GA 127, 6.3.1911).
Und nun das Entscheidende: was wir hier auf der Erde tun, das hat eine Wirkung für das Ganze der Erde. Das bezieht sich vor allem auf unsere Moral. R. Steiner nennt als Beispiele Lüge und Diebstahl. Die Lüge oder der Diebstahl eines Menschen ist wie eine Eiterbeule am Organismus der Erde: „Sodass, wenn ein Diebstahl auf der Erde begangen wird, die Wirkung davon ist, dass die ganze Erde eine Art von Fieber bekommt. Das ist nicht bloß vergleichsweise gesagt, sondern das ist tief begründet“ (ebenda). Um in dem genannten Vergleich mit den weißen Blutkörperchen zu bleiben: der Eiter besteht im Wesentlichen aus weißen Blutkörperchen. Also durch unsere unsittlichen Handlungen wird die Erde krank. Nicht nur unsere direkte Rücksichtslosigkeit im Umgang mit der Erde, nicht nur beispielsweise der Dieselskandal durch Software-Betrug an den Messinstrumenten, sondern viel einschneidender: der Betrug beispielsweise gegenüber einer Versicherung oder der Betrug gegenüber dem Finanzamt oder dem Arbeitsamt, der den meisten Menschen ganz selbstverständlich ist, jeder solche Betrug macht unsere Erde krank. Man denke an so etwas wie die Cum- /Ex- Geschäfte, das ist gemeint. Äußerlich betrachtet hat das natürlich gar nichts miteinander zu tun. Innerlich aber schon, das wollen wir gleich betrachten.
Der Treibhauseffekt und der CO 2 Ausstoß als erwiesene Ursachen der Erderwärmung widersprechen den hier genannten inneren, moralischen Ursachen nicht. Erstens würden wir Menschen, wenn wir durch und durch ehrlich wären, mit der Erde anders umgehen. Und zweitens hat die Moral des Menschen geistige Wirkungen. Der Mensch ist nicht nur die Krone der Schöpfung und herrscht über die drei unter ihm befindlichen Naturreiche, sondern er ist die unterste Hierarchie höherer Hierarchien, die über ihm wirken. Ich nenne hier nur einen Ausschnitt:
Exusiai oder Geister der Form oder Elohim
Archai oder Geister der Persönlichkeit
Archangeloi oder Erzengel
Angeloi oder Engel
Mensch
Tiere
Pflanzen
Mineralien
Jede dieser Hierarchien ist einzigartig. Mensch und Tier stehen beispielsweise höher als die Pflanzen, aber die Fähigkeit der Pflanzen, mithilfe des Sonnenlichtes aus dem Kohlenstoff der Luft lebende Substanz herzustellen, die haben Tiere und Menschen nicht. Entsprechend ist es mit jeder Stufe. Auch gehen die Stufen im Laufe langer Zeiträume entwicklungsgeschichtlich ineinander über. Die Entwicklung vom Mineral zur Pflanze dauert ebenso lang wie die Entwicklung vom Engel zum Erzengel. Der Wesensabstand zwischen jeder Stufe ist jeweils gleich.
Die Engel begleiten den einzelnen Menschen. Jeder Mensch hat einen Engel. Die Archangeloi oder Erzengel sind Volksgeister, sind also schon für viele Menschen einer Gruppe verantwortlich. Die Archai oder Urkräfte sind Zeitgeister, bestimmen also den Zeitgeist einer Epoche weltweit. Die Exusiai sind u. a. an der Erdoberfläche wirksam und haben die Auftürmung der Alpen, die von noch höheren Hierarchien bewirkt worden ist, zur Ruhe gebrac ht (GA 121, 11.6.1910). Die Gedanken dieser Exusiai oder Geister der Form sind zugleich wirksame Naturkräfte: „Die Wesenheiten, deren Gedanken dem sinnlichen Wahrnehmen als Naturkräfte sich offenbaren, kann man Geister der Form nennen“ (GA 16, 6. Meditation). Daran sieht man, dass wir Menschen nicht die einzigen Wesen sind, die an der Erde arbeiten.
Die Wirkung unserer Moral auf den Organismus der Erde erkläre ich mir so, dass die höheren Hierarchien unsere Fehler und Lügen, unsere Diebstähle, unsere Korruptheit, unseren Hass und Neid und unsere Angeberei und Eitelkeit usw. usw. fortdauernd ausgleichen müssen und damit sehr stark beschäftigt sind. Wären wir Menschen moralisch lautere Wesen, dann könnten die höheren Hierarchien sich anderen Aufgaben widmen. Dann wäre es z. B. möglich – das ist natürlich nur als Gedankenexperiment um der Verständigung willen gemeint – dass bei demselben industriellen CO2 Ausstoß wie bisher so viele Ausgleichs- und Reparaturvorgänge von den höheren Hierarchien hätten eingeleitet werden können, dass die Erde sich nicht erwärmt hätte.
In demselben Vortrag vom 6.3.1911 kommt dann noch der wunderbare Gedanke, dass in dem Zusammenhang, dass wir die roten und weissen Blutkörperchen der Erde sind, für den Christus der folgende Gedanke gilt: „was das Herz für den Organismus ist, das ist der Christus für den Erdenleib.“
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
Wangari Maathai (1940 – 2011) war eine mutige und erfolgreiche Frau, die mit „Afrika, mein Leben – Erinnerungen einer Unbeugsamen“ ihre Autobiographie vorgelegt hat (Dumont, 1. Aufl. 2006, 5. Aufl. 2019, Tb, 383 S., 9,99 €). Nach einer wunderschönen Kindheit am Fuße des Mount Kenia hatte sie das Glück, in die Schule gehen zu dürfen. Dort war sie auf jeder Jahrgangsstufe die beste Schülerin der Klasse, sodass sie zuletzt ein Stipendium für ein Studium in den USA bekam. Dort studierte sie 4 Jahre lang Tiermedizin und Biologie. Nach Hause zurückgekehrt arbeitete sie wissenschaftlich weiter und wurde zur ersten Professorin Kenias. Ihr eigentliches Interesse war aber die Sorge um die zunehmende Bodenerosion ihres Landes. Ursache ist das rücksichtslose Abholzen der Wälder und das vollständige Fehlen von Maßnahmen zur Wiederaufforstung. Sie begann mit einer Menge an Kübelpflanzen, die in ihrem Garten standen, zuletzt aber doch nicht gepflanzt wurden, weil die den Bäumen zugedachten Menschen fehlten. Nach und nach wurden die Pflanzprogramme Maathais aber immer erfolgreicher. Zuletzt entstand das „Green Belt Movement“, wo Frauen in der Nähe ihres Wohnortes eine Pflanzschule bewirtschafteten und nach der Erfüllung eines 10 Punkte Programms einen Lohn erhielten. Auf diese Weise entstanden etwa 600 Baumschulen und im Laufe der Jahre wurden bis heute etwa 45 Millionen Bäume gepflanzt. Der Boden wurde wieder lebendig und die Menschen hatten wieder eine Lebensgrundlage. Dreizehn weitere Länder in Afrika übernahmen das Programm. 1984 bekam Wangari Maathai den alternativen Nobelpreis und 2004 den Friedensnobelpreis, dazu natürlich viele weitere Preise und Auszeichnungen. Aufgrund ihrer Pionierrolle nannte man sie auf Kisuaheli „Mama Miti“, das heißt: „Mutter der Bäume“. International wurde sie zur Vorzeige – Frau Afrikas: Afrika kann sich selbst helfen. Sie pflegte viele Freundschaften weltweit. Diese haben ihr in kritischen Momenten dann auch entscheidend geholfen.
Neben diesen Aktivitäten für das „Green Belt Movement“, das sie ab einem gewissen Zeitpunkt hauptberuflich und mit 80 Mitarbeitern betrieb, war Maathai auch eine Aktivistin, die gegen ihre eigene Regierung Opposition machte. Sie war viermal in ihrem Leben im Gefängnis und musste eine Zeitlang sogar untertauchen, weil sie auf Todeslisten stand. Sie organisierte den Widerstand gegen eine Verbauung des Uhuru Parkes, der in Nairobi so etwas wie der Central Park in New York ist. Zuletzt hat sie diesen Kampf gegen das geplante 60-stöckige Hotel mit Golfplatz gewonnen, unterstützt von der landeseigenen Presse und den internationalen Geberländern, die auf die kenianische Regierung Druck ausübten. Ebenfalls erfolgreich war ihr Kampf gegen die Abholzung des Karura Forstes, der als grüne Lunge in der Nähe Nairobis gelten kann. Weiterhin beteiligte sie sich am „Aufstand der Mütter“, die dagegen demonstrierten, dass ihre Söhne ohne Gerichtsurteil gefangen genommen worden waren. Diese Aktionen waren alle erfolgreich, aber gefährlich.
Man lernt durch eine solche Biographie eines bedeutenden Menschen mehr als durch viele Beschreibungen. Als die vier Jahre Studium vorüber waren, bekam Maathai eine Stelle am Zoologischen Institut der neu gegründeten Universität in Nairobi. Pünktlich wie verabredet erschien sie am 10.1. 1966. Der Chef, der ihr diese Stelle schriftlich zugesagt hatte, berichtete ihr ohne mit der Wimper zu zucken, dass sie die Stelle nicht antreten könne. Die Stelle sei schon anderweitig vergeben. Später wurde ihr klar: erstens hatte sie für diesen Chef die falsche Ethnie (Kikuyu), zweitens war sie eine Frau. Das waren die eigentlichen Gründe, um so behandelt werden zu können. Die Stammesfeindschaften in Afrika (Tribalismus) bezeichnet Maathai als eine Art von „Mikronationalismus“. Vor Wahlen wurden solche Feindschaften durch die Politiker geradezu gezüchtet, an jedem Missstand war der andere Stamm schuld. Das führte oft zu blutigen Auseinandersetzungen. Die Unterdrückung der Frau ist in Afrika inzwischen besser geworden, so wie überall auf der Welt. Aber beseitigt ist sie noch nicht.
Bei ihrer eigenen Initiative des „Green Belt Movement“ brauchte man dann ab einer bestimmten Größe Kontrolleure. Die arbeitenden Frauen wünschten sich, dass diese Kontrolle von den Männern oder den Söhnen durchgeführt wird. Maathai schrieb: „Zu meiner großen Enttäuschung mussten wir im Laufe der Jahre allerdings feststellen, dass viele der Kontrolleure unehrlich waren. Sie schmückten die Zahlen der herangezogenen Setzlinge und der tatsächlich überlebenden Bäume aus. Nur war ihnen nicht bewusst, dass wir dank unseres Zehn - Schritte -Programms genau nachprüfen konnten, wo Ungereimtheiten auftraten. Diese Unehrlichkeit traf mich sehr, führte mir aber auch die Herausforderung vor die Augen, der sich die Gesellschaft insgesamt stellen musste. Wenn schon bei einer Graswurzelbewegung Betrug an der Tagesordnung war, wie ging es dann erst in den höheren Etagen der Regierung und in der Gesellschaft insgesamt zu?“ (S. 214/215).
Damit bringt Maathai zwei Dinge auf den Punkt, die in der übrigen Welt ganz genau so wie in Afrika herrschend sind: der Nationalismus oder Gruppenegoismus auf der einen, und die Unehrlichkeit auf der anderen Seite. Wie kommen wir aus diesen menschlichen Schwächen heraus?
Es klingt natürlich naiv, ich weiß schon, Sie werden vielleicht über mich lächeln, aber es ist trotzdem so. Wer sich mit der Anthroposophie beschäftigt, lernt im Laufe der Jahre kennen, dass sich die Anthroposophie als eine „Mahnerin zur Wahrheit“ zeigt. Durch Anthroposophie können wir uns das erwerben, was so fortgeschrittene Geister wie Wangari Maathai von sich aus hatten. Weiterhin erweist sich die Anthroposophie als etwas, was das Leben gesünder und erfrischender macht. Und drittens wirkt die Anthroposophie im Laufe der Jahre als „Überwinderin der Selbstsucht“ (GA 187, 22.12.1918). In diesen drei Eigenschaften – Wahrhaftigkeit, Gesundheit, Überwindung der Selbstsucht – erlebt der heutige Mensch den Christusimpuls der Anthroposophie (ebenda).
Diese drei Ideale sind der Inhalt des Pfingstgeistes. Er ist der Geist der Wahrheit (Joh. 15, 26), und er ist der heilende Geist (Pfingstepistel in der Menschenweihehandlung). Er ist der Geist der Selbstlosigkeit und der spirituellen Gemeinschaftsbildung im Sinne des Paulus: Nicht ich, sondern der Christus in mir (Galater 2,20).
In diesem Sinne mit herzlichen Pfingstgrüßen
Ihr Friedwart Husemann
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