Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Die Konzertdirektion Wolff und Sachs hatte Rudolf Steiner eingeladen, für ihn eine Vortragsreise durch Deutschlands Städte zu organisieren. R. Steiner hielt vom 15.9.1921 bis zum 20.5.1922 in zwei Tourneen insgesamt 22 Vorträge in Berlin, München, Stuttgart, Frankfurt, Mannheim, Köln, Wuppertal-Elberfeld, Hannover, Hamburg, Bremen, Dresden und Breslau. Die Vorträge waren durchwegs ausverkauft und fanden jeweils in den größten Sälen dieser Städte statt, sodass regelmäßig 1000 bis 2000 Zuhörer anwesend waren. Die Mitschriften und viele Dokumente zu diesen Vorträgen sind jetzt in dem Band „Das Wesen der Anthroposophie“ (GA 80a) auf 625 Seiten erschienen.
In München wurde R. Steiner am 15.5.1922 von einer rechtsradikalen, antisemitischen Gruppe gestört. Am Ende des Vortrages kam es zu einem Angriff auf R. Steiners Person, indem die Bühne gestürmt wurde. Einige beherzt handelnde Anthroposophen (Hans Büchenbacher, Ludwig Noll, Walter Beck u.a.) konnten den Angriff abwehren. Die vorab um Hilfe gebetene Münchener Polizei hatte es nicht für nötig erachtet, R. Steiner zu schützen. Die Randalierer zeigten später auf der Straße Hakenkreuzfahnen. Um ihnen auszuweichen nahm R. Steiner am nächsten Morgen in München den Personenzug nach Augsburg und stieg erst in Augsburg in den Schnellzug nach Mannheim um. An Edith Maryon telegrafierte er von Mannheim aus: „München überstanden“.
Rudolf Steiner war damals ein Tagesgespräch. Die Zeitungen berichteten ausführlich über seine Darstellungen. Zu Pfingsten 1922 kam dann der West Ost Kongress in Wien (GA 83), der für die Anthroposophie ein großer Erfolg in der Öffentlichkeit gewesen ist. Über ihn sagte R. Steiner dann später, dass er wirklich ein großer Erfolg gewesen sei, jedoch hätten ihn die anthroposophischen Zeitschriften viel zu wenig ausgemünzt. Jede andere Korporation hätte wochenlang über so einen Kongress berichtet, die anthroposophischen Medien hätten in dieser Richtung nichts getan (GA 259, S. 265, S. 300, S. 382). So kommt es einem auch mit jenen öffentlichen Vorträgen von 1922 in Deutschland vor, die erst jetzt vollständig erscheinen. Der Inhalt dieser Vorträge ist bedeutend gerade dann, wenn man das Ganze von R. Steiners Werk erfassen will.
Dazu nur ein Beispiel: das Wesen der Intuition. Jeder Leser der „Philosophie der Freiheit“ kennt die Intuition als zentralen Begriff, der den ersten Teil und den zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ verbindet. Im ersten Teil ist Intuition die Form, in welcher das Denken sich selbst erkennen und beobachten kann. Mithilfe dieser Intuition ist die Wahrheit als Maßstab jedem Menschen zugänglich. (Die Wahrheit als Maßstab, nicht als Inhalt. Die oft zitierte Stelle Steiners, dass die Wahrheit ein freies Erzeugnis des Menschengeistes ist (GA 3, Vorrede), meint, dass wir im Beobachten des Denkens den Wahrheitsmaßstab selbst erzeugen müssen, sonst wäre er nicht da). Im zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ ist dann die Intuition die höchste Quelle der Sittlichkeit. Der aus Freiheit handelnde Mensch handelt aus Intuition, und zwar im Sinne der Intuition, wie sie im ersten Teil gereinigt vor einem steht. Die Intuition wird dann als Motiv und als Triebfeder des Handelns zu einem Handeln aus Liebe. Liebe, Intuition, Freiheit und die Wahrheit als Maßstab sind in diesem Sinne dann ein und dasselbe. Natürlich ist dies ein Ideal, aber ein Ideal, welches der Mensch verwirklichen kann, weil es sein Wesen ist. Wir sind nicht entweder frei oder unfrei. Wir sind auf dem Wege zur Freiheit. Wir können in unseren Taten immer mehr Intuition, Freiheit und Liebe verwirklichen.
Wenn man daraufhin in der „Geheimwissenschaft“ die Stufen der höheren Erkenntnis kennenlernt, kommt dort nach Imagination und Inspiration die höchste Stufe der höheren Erkenntnis, die wiederum den Namen Intuition trägt. Ist dies dieselbe Intuition wie in der „Philosophie der Freiheit“? Viele Jahre lang dachte ich: nein, diese beiden Intuitionsbegriffe sind zweierlei. Bis ich in den öffentlichen Vorträgen vom September 1921 in Stuttgart „Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzel und Lebensfrüchte“ (GA 78) eines Besseren belehrt worden bin. Diese Vorträge fanden kurz vor den Wolff und Sachs Vorträgen statt. Rudolf Steiner beleuchtet dort den Sachverhalt ganz genau. Im zweiten Teil der „Philosophie der Freiheit“ geht es um die moralische Intuition. Im ersten Teil dieses Werkes handelt es sich um das gegenständliche Erkennen. In der Erkenntnis höherer Welten ist es dann so, dass man das gegenständliche Erkennen durch Imagination und Inspiration erweitert und zuletzt zur „kosmischen“ Intuition gelangt, wie R. Steiner sie in Stuttgart nennt. Die kosmische Intuition ist für die Welt dasselbe, was im Innern des Menschen die moralische Intuition ist (GA 78, 3.9.1921). Wenn man also das Ganze der Anthroposophie mit einem Haus vergleichen will, dann ist die „Philosophie der Freiheit“ nicht nur das Fundament, sondern sie ist das Fundament des gegenständlichen Erkennens und dazu auch noch das Dach der moralischen Intuition. Die Anthroposophie als Erkenntnis höherer Welten entsteht aus der Philosophie der Freiheit dadurch, dass man zwischen Fundament und Dach das Erdgeschoss der Imagination und den ersten Stock der Inspiration dazwischenschiebt.
Oder anders gesagt: jeder Mensch hat eine Intuition: das ist die Intuition seines Ich (GA 12, 1.Kap.). Diesen Punkt hat die Philosophie der Freiheit ausgearbeitet. Will man dieselbe Intuition auf die ganze Welt anwenden, muss man sich Imagination und Inspiration dazu erwerben. Dann entsteht die Anthroposophie als Erkenntnis höherer Welten. Also die beiden Intuitionen in der Philosophie der Freiheit und in der Anthroposophie sind qualitativ dasselbe, sie verhalten sich aber zueinander wie Punkt und Kreis.
In den von Wolff und Sachs arrangierten Vorträgen stand R. Steiner ganz allein vor einem großen Publikum und sprach nicht von etwas, was jetzt unbedingt zu tun ist, von Agitation war keine Rede, er sprach auch nicht von sensationellen, mitreißenden Inhalten. Sondern von dem, was jede einzelne Seele im Innersten sich erwerben kann und was er selbst sich bereits erworben hatte. Er berichtete vom Wesen der Erinnerung, wie sie sich zur Imagination verhält. Er sprach vom systematisch geübten Vergessen als Übung zur Inspiration. Und dann sprach er von der Intuition: Intuition ist zur Erkenntniskraft gewordene Liebe. In den meisten Vorträgen der ersten Tournee erwähnte er die Intuition der „Philosophie der Freiheit“ als wesensgleich mit der Intuition bei der höheren Erkenntnis. Weiterhin berichtete er, wie aus der Anthroposophie zwei Klinisch Therapeutische Institute entstanden sind. Wie der Bau des Goetheanum nicht in einem beliebigen Stil hätte gebaut werden können, sondern in einem Stil, der dasselbe vor Augen führt, was die Anthroposophie für den Gedanken ist. Er erzählte von der Waldorfschule, die Emil Molt gegründet hat und von ihm selbst geleitet wurde. In geradezu rührender Selbstlosigkeit wies er immer wieder auf die Vorträge von Caroline von Heydebrandt und Emil Leinhas hin, die damals auch als Broschüren vorlagen und womit wichtige Schritte in der Verarbeitung der Anthroposophie geleistet worden sind.
Das war im Jahr 1922, als das Goetheanum noch da war. Wenige Monate später versank es in Schutt und Asche. Unbeirrt und mit gesteigerter Kraft arbeitete R. Steiner weiter. Ein neuer Bau wurde entworfen, die Gesellschaft sozial von innen her neu gegründet und eine neue esoterische Schule mit 19 großen Mantren in 19 sogenannten Klassenstunden entfaltet. Dieses Grundgerüst der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft ist jetzt auch als handliches Buch (GA 270) für jeden zugänglich. Die Jahre 1922 bis zu Rudolf Steiners Tod am 30.3.1925 sind auf diese Weise zu einem Zeugnis für die Auferstehungskräfte geworden, mit denen die Anthroposophie verbunden ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Liebe Freunde
Im Folgenden finden Sie zwei Hinweise zu aktuellen Veröffentlichungen. Und aus Anlass der weltweiten Demonstrationen gegen den Rassismus sende ich Ihnen einen Bericht meines Bruders Frimut Husemann, der vor einigen Monaten als Priester der Christengemeinschaft eine Zeit lang in Südafrika gearbeitet hat. Laurens van der Post hat gesagt, Afrika sei der Spiegel der Welt. So wie es Afrika geht, so gehe es der Welt. Ein Wort, von dem man empfindet, dass es immer wahrer wird.
Zwei Aktualitäten
In der neuesten Nr der Wochenschrift „Das Goetheanum“ (Ausgabe 23, 5.6.2020, Einzelheft und Abo Bestellung bei
In der neuesten Nr. der Zeitschrift „info 3“ Juni/2020 (
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
In Süd-Afrika
von Frimut Husemann
In Süd-Afrika kommen Dinge zusammen, die uns sonst weit auseinander gelegen begegnen. Zwischen einem Township, wo Menschen ohne die einfachsten Voraussetzungen für das Leben wohnen und einer Müllkippe, die sich als langgestreckter Hügel aus der Landschaft heraushebt, liegt ein Industriegebiet mit einer Fabrik, in der mit deutschen Maschinen Pflastersteine aus Beton hergestellt werden. Von den insgesamt 400 Beschäftigten sind hier vor Ort etwa die Hälfte tätig. In einer Produktionshalle hört der Besucher ein Streichquartett spielen, Arbeiter sitzen auf Paletten und Kanistern zwischen den Maschinen und hören zu. Mozart in Johannesburg, Schwarze spielen, Schwarze hören hingegeben zu, zwei Weiße stehen etwas abseits, der Besuch und seine Begleitung. Die Arbeiter kommen aus dem Township und sind froh, in der Fabrik Arbeit zu finden. Einmal in 14 Tagen kommen die Musiker und spielen in der Arbeitszeit 25 Minuten. Die Musiker spielen 3 Stunden in den Produktionsstätten und in den Büros der Fabrik.
Das Ehepaar, welches diese Fabrik aufgebaut hat, David und Chandré, versuchen mit viel Phantasie und Seelenanteil die Dreigliederung des sozialen Organismus in der Fabrik und in der Gesellschaft einzuführen. Sie haben ein Spiel entwickelt, in dem die Spieler auf drei Ebenen, in drei Schwierigkeitsgraden, die Dreigliederung im Spielen anwenden und verstehen können. Auf dem Hof der Fabrik steht ein dreiarmiges Gestell, welches man auf den ersten Blick für ein Spielzeug oder Turngerät halten könnte. Es ist mehr: Die drei Arme, die auf einen Punkt zusammenlaufen, repräsentieren die drei Lebensspähren: Das Rechtsleben (der blaue Balken), das Wirtschaftsleben (der rote Balken) und das Geistesleben (der gelbe Balken). Bei Besprechungen kann es vorkommen, dass die Beteiligten dort hingehen und abwechselnd die drei Positionen einnehmen, auf die Balken steigen, und ein dreiseitiges Gleichgewicht herzustellen versuchen, in Gedanken aber auch auf dem Balancegerät, das einen Punkt hat, eine Kugel, wo die drei Balken zusammen kommen.(1)
Wie notwendig eine Neuordnung der sozialen Verhältnisse ist, erlebt jeder, der sich in Johannesburg einige Zeit aufhält. Auf einer Fahrt zu einem Park fährt man durch Straßen, die mit Mauern eingefasst sind, zusätzlich noch mit elektrisch geladenen Zäunen und Stacheldraht versehen. Überall große Schilder, welche Security Firma hier darüber wacht, daß niemand die Grenze des Privateigentums überschreitet. An den Ampeln betteln arme, heruntergekommene Menschen. Bei Rot in der Warteschlange begegnet man dem sozialen Weltproblem, von Mensch zu Mensch persönlich. Im Park muss dafür gesorgt sein, dass das Auto bewacht wird. Der Wächter bekommt dann ein paar Münzen, für die er sich rührend bedankt. Im Park gehen die Reichen ihre Hunde ausführen und erholen sich von dem Getriebe der Großstadt. An einem Fluss sieht man auf der anderen Seite eine Ansammlung von provisorischen Zelten aus Kunststofffolien zusammengebaut, dahinter ein Platz mit großen Mengen von Pappe, Berge von Plastikmüll und anderen Haufen, alles Abfälle. Schon auf den Straßen waren diese Männer aufgefallen, die gewaltige Kunststoffsäcke auf flachen Rollwagen durch den Verkehr ziehen. Sie kommen einem auf der „falschen“ Seite entgegen, oder wenn die Wägen leer sind, fahren sie auch mit großer Geschwindigkeit die Hügelstraßen von Johannesburg abwärts. Diese Männer arbeiten hart, sie durchsuchen die Abfalltonnen vor den Häusern der Reichen und trennen den Müll, was verwertet werden kann, nehmen sie mit. Dort beim Park wohnen sie und haben den Platz, wo die Materialien gesammelt werden. Solcher Plätze gibt es viele in Johannesburg. Ein Reiseführer gibt die Zahl der Obdachlosen in Johannesburg mit 1 Mio. an. Die dort Lebenden vermuten die Zahl viel höher.
Jean Ziegler beschreibt das Weltproblem aus der Übersicht, die er als Beauftragter der UNO für die Welternährung bekommen hatte, als ein immer weiter wachsendes Übel, das heute in sein drittes Stadium gekommen ist. Die „kannibalische Weltwirtschaft“. Kannibalisch, also menschenfressend deshalb, weil durch die völlig legalen Praktiken der Weltwirtschaft täglich 35 000 Menschen verhungern oder durch die Folgen des Hungers auf Krankheiten so empfindlich reagieren, dass sie sterben. Wenn in den USA die Baumwollfarmer subventioniert werden, bleibt in Afrika (Mali) die Baumwolle liegen und die Menschen dort sind ohne Einkommen. Das Schlimme ist, dass die Folgen weltweit allen bekannt sind natürlich auch in Amerika. Vor der kannibalischen Weltwirtschaft war es der Kolonialismus, durch den die Europäer „ihre“ Dritte Welt ausgebeutet haben und davor war es die Ausrottung und Versklavung der Bevölkerung der sogenannten „Dritten Welt“. All das ging von dem Europa aus, das eine christliche Kultur aufgenommen hatte, in dem seit Jahrhunderten führende Geister auftraten, die das friedliche Zusammenleben und die Entwicklung des Menschen vorgedacht haben. Aber der Kampf um die materiellen Güter, der Egoismus im Wirtschaftsleben setzten sich bis jetzt immer stärker durch als das, was auch von Europa ausgehen könnte, ausgehen sollte.
Es gibt in Afrika große Reservate, in denen der Besucher alles das, was als Weltproblem erfasst werden kann, vergisst. Eine große Harmonie des Zusammenlebens zwischen Pflanzen und Tieren vermittelt die Stimmung einer Schöpfung wie sie ursprünglich gottgewollt auf der Erde sich entwickelte. Giraffen fressen hoch oben an Bäumen, die so viele Blätter haben, dass nichts fehlt, auch wenn noch so viele daran gefressen wird. Kleine Vögel picken den Giraffen die Parasiten aus dem Fell, Löwen brüllen, Nilpferde wälzen sich im Schlamm. Dieser natürliche Urzustand, in dem kein Mensch störend eingreift, wird künstlich erhalten, ein großer Zaun schützt das Gebiet, für Besucher gelten strenge Regeln. Solche Schutzräume sind auch für das Zusammenleben der Menschen notwendig. Der innerste Schutzraum, in dem Harmonie und Gleichgewicht erzeugt werden kann, ist die eigene Seele, in die wir uns zurückziehen können. Von dort, wo die Verantwortung für das Leben gefühlt wird, kommen auch die Lösungen, die rettenden Ideen, für die oben geschilderten Aufgaben, nicht wie Jean Ziegler meint, aus einer Revolution nach französischem Vorbild, deren Beginn er in der Flüchtlingsbewegung nach Europa hin und in dem Arabischen Frühling schon zu sehen glaubt.
Was David und Chandré in ihrer Fabrik zu erreichen suchen, kann nicht mit dem schnellen Erfolg rechnen, der wenn er auch eintritt, noch nicht das Beste ist, sie rechnen, wie in einigen anderen Einrichtungen, die noch zu schildern sind, mit den wiederholten Erdenleben und der Zeit zwischen den Inkarnationen, in denen die Samen aufgehen, die auf der Erde gelegt, wo die Schicksalsbeziehungen wachsen und Kraft gewinnen, die im Sinne des guten Willens auf der Erde eingegangen wurden.
Andere Schutzräume, in denen in Johannesburg in diesem Sinn gearbeitet wird, sind die Waldorfschulen, die schon vor der Aufhebung der Apartheit, ein sehr gutes Ansehen genossen, weil sie schon von Anfang an ohne Ansehen der Hautfarbe die Kinder aufgenommen haben. Eine der Waldorfschulen arbeitet sogar in einem Township. Wenn die Samen aufgehen werden, die seit 100 Jahren in den Waldorfschulen in der ganzen Welt ausgestreut werden, kann das soziale Weltproblem gelöst werden. Übrigens ist David, der Fabrikant, der die Dreigliederung in Johannesburg befördert, ein ehemaliger Waldorfschüler.
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es Menschen in Johannesburg, hauptsächlich jüdischen Ursprungs, die aus Europa nach Süd-Afrika geflüchtet sind, sie wollten hier die Christengemeinschaft haben. Seit 1965 ist in Johannesburg die Christengemeinschaft tätig. In den letzten Jahrzehnten hauptsächlich durch Reingard Knausenberger vertreten. Ihr Wirkungsfeld geht weit über Johannesburg hinaus. Abgesehen davon, dass sie das Gebiet Afrika als Lenkerin betreut, hat sie Taufen und Bestattungen, die weit von Johannesburg entfernt liegen. So zum Beispiel die Bestattung von Roswitha Groth, die 1974 mit ihrem Mann zusammen in Botsuana eine Einrichtung für Seelenpflege bedürftige Kinder gründete. Diese Einrichtung umfasst inzwischen 400 Menschen, Betreute und Betreuer zusammengezählt. In Botsuana ist das Verhältnis zwischen den europäisch orientierten Weißen und den Schwarzen weniger belastet, eine wirtschaftlich-soziale Trennung gab es nicht. Die Managerin M’Puh begegnet dem Besuch freundlich, aufmerksam, zart, aber durchaus selbstbewusst. Die Gesänge der Schwarzen bei der Abschiedsfeier von Renate Groth waren musikalisch hoch differenziert. Jeder durfte seine Stimme singen, Betreute und Betreuer, es gab keinen Misston und die musikalische Hülle nahm alle auf, auch die Fremden, die in der Sphäre der Musik nicht mehr fremd waren.
So wie die Arbeiter in der Pflastersteinfabrik in Mozarts Musik lebten, so lebten wir als Europäer in Botsuana im Gesang der Menschen, die singend ihren Dank der Verstorbenen gegenüber zum Ausdruck brachten. In der Musik wird die Sphäre berührt, in der die Schicksale der Menschen und der Welt harmonisiert werden können.
Frimut Husemann, Priester in der Christengemeinschaft
(1) Bei Interesse an dem Spiel oder an dem Balanziergerät, schreiben Sie bitte an:
(2) Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen: Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren.
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
im Jahr 1792, drei Jahre nach dem Beginn der Französischen Revolution, schrieb Wilhelm von Humboldt als 25-Jähriger die Schrift: „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen“. Humboldts zentrale These war, dass der Staat sich nicht um das positive Wohl seiner Bürger, sondern nur um das negative Wohl seiner Bürger kümmern soll. Humboldt schrieb: „der Staat enthalte sich aller Sorgfalt für den positiven Wohlstand der Bürger, und gehe keinen Schritt weiter, als zu ihrer Sicherstellung gegen sich selbst und gegen auswärtige Feinde notwendig ist; zu keinem anderen Endzwecke beschränke er ihre Freiheit.“ In einem Brief an Gentz schrieb Humboldt 1791: „das Prinzip, dass die Regierung für das Glück und das Wohl, das physische und das moralische, sorgen muss, ist gerade der drückendste und ärgste Despotismus.“ (entnommen der Wiederauflage der genannten Schrift im Verlag Freies Geistesleben, 1962, Nachwort von Dietrich Spitta; z. Zt. ist die Schrift in Reclams UB erhältlich).
Im 19. Jahrhundert entstand eine Technik, die unser Leben immer stärker beherrscht, und gleichzeitig entstand wie eine Art von „Allheilmittel“ für alle Probleme „der dogmatische Glaube an die Allmacht der Einheitsstaates“, wie es R. Steiner am 11.6.1922 beim Ost West Kongress in Wien formulierte (GA 83). Dieser Glaube an die Allmacht des Einheitsstaates ist das Kernproblem der sozialen Frage. Dieses Problem muss immer besser durchschaut werden. Humboldt wollte die Macht des Staates begrenzen. Sein Gedanke war ein Keim zu dem, was R. Steiner als Dreigliederung des sozialen Organismus begründete (GA 23, Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft). Prinzipiell gesprochen gehört dem Staat nur ein Drittel des ganzen sozialen Organismus. Die anderen zwei Drittel gehören jeweils zum Wirtschaftsleben und zum Geistesleben. Das Gesundheitswesen gehört ins Geistesleben und sollte vom Staat und von der Wirtschaft getrennt sein.
In der Zeit des atomaren Wettrüstens trafen sich im Jahr 1961 Chruschtschow und Kennedy und im Jahr 1973 trafen sich Breschnew und Nixon. Jedes Mal wurde ein „rotes Telefon“ eingerichtet, damit die beiden kurz vor dem „großen Knall“ noch telefonieren könnten. Dürfen zwei Männer so viel Macht über die ganze Menschheit und die Zukunft der Erde haben? Soviel Macht hatten sie nur dadurch, dass weltweit die Allmacht des Einheitsstaates herrschte und weiter herrscht.
Vor einigen Monaten wäre es fast dazu gekommen, dass die USA einen Krieg gegen Iran geführt hätten. Im letzten Moment besann sich der amerikanische Präsident D. Trump eines Besseren und der Krieg kam dann doch nicht zustande. Soviel Macht hat der amerikanische Präsident wegen der Allmacht des Einheitsstaates.
Dasselbe Problem haben wir jetzt bei der Corona Krise erlebt. Immerhin, könnte man sagen, wollte der Staat während der Corona Krise für die Gesundheit seiner Bürger, für das Leben jedes einzelnen Menschen sorgen. Er wollte, und da fängt im Sinne Humboldts das Bedenkliche schon an, für das positive Wohl seiner Bürger sorgen. Man könnte denken, es sei doch gut, wenn der Staat sich um seine Bürger kümmert. Aber man braucht ja nur an die Verhältnisse in der DDR zu erinnern, wo sich der Staat um das physische und moralische Wohl seiner Bürger kümmerte, wie stark da die Freiheit unterdrückt worden ist und wie letztlich eine schreckliche Gleichmacherei herauskam.
Nach den dramatischen Corona-Ereignissen in Italien sah man zunächst ein, dass das öffentliche Leben eingeschränkt worden ist. Je länger aber der lockdown dauerte, desto weniger plausibel wurde er. Desto mehr stellte man fest, dass die Deutung der Reproduktionszahl, dass Begriffe wie Infektion, Krankheit, Mortalität und Letalität, Tod durch Corona oder Tod mit Corona usw in jedem einzelnen Fall so hingedreht worden sind, dass die Bevölkerung möglichst eingeschüchtert werden sollte.
Das Prinzip, für das positive Wohl der Bürger zu sorgen, sollte man konsequent zu Ende denken. Nach demselben Prinzip müsste man nämlich den Alkohol oder den Tabak verbieten. Der Alkohol zerstört nicht nur denjenigen, der ihn konsumiert, sondern auch seine Mitmenschen. 7,5 % der Verkehrstoten sind auf Alkohol am Steuer zurückzuführen. Alkohol zerstört auch die soziale Umgebung eines Alkohol Kranken (seine Ehe, seine Familie und sein berufliches Umfeld). Der Straßenverkehr überhaupt müsste verboten werden. Im Straßenverkehr entstehen viel zu viele Tote. Ihre Zahl steigt täglich. Ebenfalls müssten alle Risiko-Sportarten verboten werden: z. B. Bergsteigen, Klettern oder Paragliding. Die Höhenkrankheit bei Trekking Touren in Nepal, die Taucherkrankheit beim Tauchsport auf den Malediven, das ist alles viel zu gefährlich, da ereignen sich viel zu viele Todesfälle.
An diesen Beispielen sieht man, dass es der Staat bei vielen Problemen richtig macht: er überlässt das Krankheits–, Unfall- und Sterberisiko im Einzelfall dem einzelnen Menschen. So hätte er es bei der Corona Krise auch machen müssen. Er hätte sagen können: wir helfen Dir, wenn Du zuhause bleiben willst. Wir bereiten alles vor, damit die Krankheit optimal behandelt werden kann (Sorge für das negative Wohl). Wir schützen die Gefährdeten. Aber der Staat kann nicht sagen: Du musst zuhause bleiben, damit Du Dich nicht ansteckst (positives Wohl des Bürgers).
Taxiunternehmer müssen jetzt einen Umsatzrückgang von 90% verkraften. Man schätzt, dass etwa 25% dieser Unternehmen pleitegehen. Viele davon sind Kleinstunternehmer. Wieviel Niedergang, wieviel Enttäuschung und Verzweiflung spiegelt sich allein in dieser Branche. Die Taxikunden, die jetzt ausbleiben, haben ebenfalls keine Arbeit mehr und erleben denselben Niedergang. Ich würde gern einmal wissen, ob der lockdown durchgeführt worden wäre, wenn die Beamten des Innenministeriums, die mit ihrem Thesenpapier zum lockdown die „erwünschte Schockwirkung“ bei den Menschen erreichen wollten, wenn diese Beamten von heute auf morgen ebenfalls 90 % weniger Gehalt bekommen hätten wie die Taxifahrer. Wenn Jens Spahn und Angela Merkel ebenfalls von heute auf morgen nur noch 10% ihrer bisherigen Bezüge erhalten hätten. Das wäre gerecht gewesen nach dem Prinzip: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Danach müsste sich der Staat richten. Das ist der Kern des Rechtslebens: quod tibi, hoc alteri.
Der Staat hat das Wirtschaftsleben in beispielloser Weise zerstört, also gerade den Bereich, wo er in einem gesunden sozialen Organismus nichts zu suchen hat. Ebenfalls hat er den dritten Bereich des sozialen Organismus, von dem er sich zurückhalten müsste, nämlich das Geistesleben und die Kultur niedergelegt: keine Schule, keine Hochschule, kein Konzert, kein Theater, keine Oper, kein Kino, keine Museen, kein Festival, kein Gottesdienst. Ein Zynismus der Kulturzerstörung wie er seit Robespierre und Lenin nicht mehr vorgekommen ist.
Der Staat hat bei der Corona Krise das Selbstbestimmungsrecht und die Freiheit des einzelnen Menschen niedergetreten. Ich referiere aus dem Editorial von Gerold Aregger in Heft 2/2020 der schweizerischen anthroposophischen Zeitschrift „Gegenwart“, (Thema „Die Corona Prüfung“, zu bestellen bei
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als junger Mann meinen Friseur einmal fragte, ob er Linkshänder sei. Nein, sagte er, das hätten schon viele gemeint, das käme durch den Spiegel. Seitdem ertappte ich mich beim Besuch des Friseurs immer wieder dabei, dass ich die rechte und die linke Seite des Spiegelbildes falsch beurteilte. In der letzten Zeit dachte ich nun, so geht das nicht weiter. Ich müsste doch eine so einfache Täuschung sicher vermeiden können. Und da merkte ich: ich muss von mir selber ausgehen. Ich muss mir meiner eigenen rechten Seite bewusst sein, dann beurteile ich die rechte und die linke Seite des Spiegelbildes richtig. Was bei mir selbst rechts oder links ist, das ist auch im Spiegel rechts oder links.
In der imaginativen Welt ist die Spiegelbildlichkeit noch eine von den elementaren Dingen, die einen durcheinanderbringen können: 365 muss man als 563 lesen. Was auf einen zukommt, geht in Wahrheit von einem aus. Was gleisnerisch und schön von außen erscheint, ist in Wahrheit eine hässliche Eigenschaft von einem selber usw. Deswegen ist diese Welt zunächst verwirrend. Man muss in Geduld durch Labyrinthe wandern können. Und man braucht, um sich zurecht zu finden, ein erhöhtes Selbstbewusstsein. Eine erste Andeutung dieses erhöhten Selbstbewusstseins ist es, wenn wir vor einem Spiegel stehend lernen, uns selbst mit unserer eigenen rechten Seite und uns selbst mit unserer eigenen linken Seite mit dem Bild zu vergleichen. Diese Rückbesinnung auf sich selber klärt das Problem. Dazu braucht man eine erhöhte Kraft des Selbstbewusstseins, die in der imaginativen Welt unbedingt notwendig ist. Die Erstarkung des Selbstgefühls ist dort so groß, dass es mit derselben Stärke in der physischen Welt rücksichtslos und egoistisch wäre. Der Geistesschüler muss deswegen bewusst dafür sorgen, dass er das in der imaginativen Welt erstarkte Selbstgefühl nicht in den Alltag trägt, sondern es in der physischen Welt abdämpft und in Liebe verwandelt (GA 17, Kap. „Von dem Ich-Gefühl und von der Liebefähigkeit der menschlichen Seele und deren Verhältnissen zur elementarischen Welt“).
Es gibt keinen Vergleich, den R. Steiner so oft, so inhaltvoll und in so vielen verschiedenen Zusammenhängen benützte wie den Spiegel. Das bekannteste Beispiel ist der Bologna Vortrag von 1911, wo unsere Leibesorganisation im Verhältnis zu unserem Ich als Spiegel dargestellt wird: „Und man wird deshalb zu einer besseren Vorstellung über das «Ich» erkenntnistheoretisch gelangen, wenn man es nicht innerhalb der Leibesorganisation befindlich vorstellt, und die Eindrücke ihm «von außen» geben läßt; sondern wenn man das «Ich» in die Gesetzmäßigkeit der Dinge selbst verlegt, und in der Leibesorganisation nur etwas wie einen Spiegel sieht, welcher das außer dem Leibe liegende Weben des Ich im Transzendenten dem Ich durch die organische Leibestätigkeit zurückspiegelt.“ („Die psychologischen Grundlagen und die erkenntnistheoretische Stellung der Theosophie“, GA 35, S. 111ff).
Der Spiegel ist ein Bild für die ganz allgemeine Tatsache, dass uns in der sinnlichen Welt die große Illusion, die Maja umgibt. Auch hier ist es wiederum entscheidend, ob ich glaube, dass die Maja ein konstituierendes Element der Welt selber ist oder ob ich glaube, dass ich selbst die Maja über die Welt darübergestülpt habe: „Woran liegt es, dass die Welt eine Illusion ist? fragt der Buddhist. Und er antwortet: es liegt an der Welt! Woran liegt es, dass die Welt eine Illusion ist? Fragt der Christ. Er antwortet: es liegt an mir! Ich selber, mein Erkenntnisvermögen, meine ganze Seelenverfassung haben mich so in die Welt hineingestellt, dass ich jetzt nicht das Ursprüngliche sehe [….]. So darf der Buddhist sagen: die Welt ist die große Illusion, also muss ich die Welt überwinden. So darf der Christ sagen: Ich bin in die Welt hineingestellt und muss dort mein Ziel finden.“ (GA 60, 2.3.1911, in einem Vortrag über Buddha). Das ist ein Gedanke, der zu Pfingsten passend ist.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
In der jetzigen Situation der Corona Krise mit ihren destruktiven und disruptiven Elementen erwacht im einzelnen Menschen die Frage: wie kann ich von mir aus etwas beitragen, dass die guten und die aufbauenden Kräfte in der Welt gestärkt werden? Dazu gab R. Steiner für religiös orientierte Menschen zwei grundlegende Hilfen. Aber auch für jemanden, der bisher nicht religiös orientiert war, können sie den Sinn der religiösen Übung erschließen. Die beiden Hilfen sind der Vortrag „Das Wesen des Gebetes“ (GA 59, 17.2.1910, auch Einzelausgabe), worin das berühmte „Ergebenheitsgebet“ enthalten ist, und der Vortrag „Das Vaterunser – eine esoterische Betrachtung“ (GA 96, 28.1.1907, auch Einzelausgabe).
Der Vortrag über das Vaterunser bringt die sieben Bitten des Vaterunsers in einen Zusammenhang mit den sieben Wesensgliedern des Menschen:
| Name | 1. | 3. | Geistesmensch |
| Reich | 2. | 2. | Lebensgeist |
| Wille | 3. | 1. | Geistselbst |
| Brot | 4. | 7. | Ich |
| Schuld | 5. | 6. | Astralleib |
| Versuchung | 6. | 5. | Ätherleib |
| Böse | 7. | 4. | Physischer Leib |
Wenn man das Vaterunser betet, folgt man der links wieder gegebenen Reihenfolge. Die Zahlen der sieben Bitten sind rechts zu den Wesensgliedern geschrieben, denen sie entsprechen. Die Wesensglieder selbst erscheinen so, wie es ihrer hierarchischen Ordnung entspricht. Man geht also bei den ersten drei Bitten vom Geistselbst (Name) bis zum Geistesmensch (Wille). Man fängt bei den höheren Wesensgliedern an, die erst keimhaft entwickelt sind, und geht von der Reihenfolge der Wesensglieder her aufwärts von unten nach oben. Diese drei oberen Wesensglieder sind das, was im Vaterunser der Himmel genannt wird. Ebenso ist es bei den schon entwickelten vier Wesensgliedern des Menschen, die das Vaterunser „auf Erden“ verkörpert sieht. Wiederum durchschreiten wir sie von unten nach oben: zuerst das tägliche Brot (physischer Leib) und zuletzt die Bitte um Erlösung von dem Bösen (Ich). Zusammengefasst: erst der höhere, zukünftige Mensch, dann der vorhandene, reale Mensch und beide jeweils in aufsteigender Reihenfolge.
Es gibt ja viele weitere Aspekte des Vaterunsers, auf die ich hier nicht eingehen will. Auch auf die sechste Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“, auf die man sofort angesprochen wird, wenn man vom Vaterunser spricht, will ich hier nicht eingehen. Ich will nur aufmerksam machen auf diesen doppelten Aufwärtsstrom von unten nach oben. Dieser Aufwärtsstrom kann mit Christi Himmelfahrt verbunden werden.
Worauf also will uns dieser dargestellte doppelte Aufwärtsstrom aufmerksam machen? Biblisch oder apokalyptisch gesagt: „Ich habe deinem Ich gegeben die Richtung nach aufwärts, dem Morgenstern, dem Merkur“ (Apokalypse 2,28, R. Steiners Übersetzung in GA 104, 20. 6. 1908). Seit dem Mysterium von Golgatha geht die Entwicklung wieder nach aufwärts. Das ist gar nicht so leicht. Da gibt es objektive Widerstände. Denn die Kräfte der Finsternis wirken als beharrendes Element und ziehen uns erst recht nach abwärts. Auch ist es so, dass wir erst im Anfang der christlichen Entwicklung stehen. Das glaubt man erst einmal nicht, weil die etablierten Kirchen so alt und verstaubt erscheinen. Aber in dem Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriß“ (GA 13), die in vieler Hinsicht ein revolutionäres Christentum enthält, steht: „Was durch die Christus-Erscheinung der Menschheitsentwicklung zugeflossen ist, wirkte wie ein Same in derselben. Der Same kann nur allmählich reifen. Nur der allergeringste [!] Teil der Tiefen der neuen Weistümer ist bis auf die Gegenwart herein in das physische Dasein eingeflossen. Dieses steht erst im Anfang der christlichen Entwicklung (Kap. „Die Weltentwicklung und der Mensch“). Also eben für dieses Aufkeimen, Sprießen, Sprossen und Wachsen des neuen Christentums brauchen wir den doppelten Aufwärtsstrom des Vaterunsers.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Mißverständnis zum Vaterunser
Liebe Freunde
Meine Darstellung über die Bitten des Vaterunsers im Zusammenhang mit den Wesensgliedern war offensichtlich missverständlich. Es ist ohne Zweifel im Sinne Steiners so, dass die erste Bitte über den Namen Gottes dem Geistselbst entspricht, die zweite Bitte über das Reich Gottes entspricht dem Lebensgeist und die dritte Bitte über den Willen Gottes entspricht dem Geistesmenschen. Das habe ich mit den verschiedenen Zahlen rechts und links darstellen wollen. Bei den unteren Wesensgliedern ist es so, dass das tägliche Brot dem physischen Leib, die Schulden dem Ätherleib, die Versuchung dem Astralleib und die Erlösung von dem Bösen dem Ich entspricht. Das habe ich wiederum mit den rechtsseitig verschränkten Zahlen angedeutet. Die Wesensglier habe ich deswegen in der üblichen Reihenfolge dargestellt und nicht in der dem Vaterunser entsprechenden Reihenfolge, um den Aufwärtsstrom zu zeigen.
Das Wichtigste, was ich sagen wollte, war, dass man vom Geistselbst zum Geistesmenschen die oberen Wesensglieder aufwärts durchschreitet. Ebenso bei den unteren Wesensgliedern durchschreitet man die Wesensglieder vom vom Phys. Leib zum Ich aufwärts. Von der 3. zur 4. Bitte springt man mitten im Vaterunser (wie oben in den Himmeln also auch auf Erden) vom obersten Wesensglied bis zum untersten, vom Geistesmenschen zum Phys. Leib, von der Bitte über den Willen Gottes hinunter bis zum täglichen Brot. Ich empfinde das wie eine Art von Oktavsprung nach unten, so etwa wie in Mozarts Symphonie No. 29, KV 201, die mit einem Oktavsprung abwärts beginnt und dann Ton für Ton aufwärts schreitend diesen Oktavsprung nach abwärts insgesamt siebenmal wiederholt. Das ist das erste Thema des ersten Satzes in A Dur.
Wenigstens schien es mir, dass dieser doppelte Aufwärtsstrom des Vaterunsers, wie er sich ergibt, wenn man die Bitten mit den Wesensgliedern vergleicht, ein Bild für Christi Himmelfahrt darstellt, bzw überhaupt für die Tatsache, dass es seit dem Mysterium von Golgatha wieder aufwärts geht.
Ich bedanke mich herzlich bei denjenigen von Ihnen, die mir geschrieben haben, sodass ich mich noch einmal äußern konnte und klar geworden ist, dass das , was Steiner sagte, von mir nicht geändert worden ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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