Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

es ist gut, auf das Positive dieser Krise zu achten, z. B. dass Beatmungspatienten aus Italien in Dresden aufgenommen worden sind, und ebensolche Patienten aus dem Elsass in Freiburg. Diese Taten gegenseitiger Hilfe, wie sie im kleineren Kreis unter Nachbarn und in der Familie sich jetzt überall eröffnet haben, sind ein seelisches Element, was helfen wird, diese Krise zu überwinden.

               So ist es auch ein positives Zeichen, dass die Corona Krise in der Zeit der steigenden Frühlingssonne sich ereignet. Die Sonne strebt mit großen Schritten aufwärts. An den vom Winter her noch dürren und trockenen Zweigen sprießen die Blätter hervor. Zunächst sind es nur die sich vergrößernden Knospen, dann entfalten sich die spitz gewordenen Knospen in zusammengerollte Blätter, die sich auswickeln, erst klein, dann immer größer.  Oftmals ergeben sich in diesem Moment der Entfaltung vorübergehende Formen, die an Flammen oder auch an Flügel erinnern. Beobachten Sie die aufbrechenden Knospen einer Eberesche (Sorbus aucuparia), da sind diese täglich sich wandelnden Bewegungen der Formen besonders eindrucksvoll.

Der Regent dieser Jahreszeit ist der Erzengel Raphael, der für den Geistesblick jetzt mit dem feurigen Merkurstab in den Wolken zu erkennen ist. Raphael ist der Erzengel der heilenden Kräfte. So wurde er schon im Alten Testament als Lehrer des Tobias dargestellt, wie er mithilfe der Galle eines Fisches seinen blinden Vater heilte. 

               Raphael wirkt zusammen mit den drei anderen Erzengeln, mit Uriel (Sommer), Michael (Herbst) und Gabriel (Winter). Nun gibt es aber das besondere Geheimnis, dass die jeweils sich gegenüberliegenden Erzengel eine besondere Beziehung zueinander haben. Wenn Raphael draußen im Kosmos wirkt wie jetzt im Frühling, dann steht Michael neben dem Menschen auf der Erde und stärkt den Menschen mit dem Impuls der „Bewegungskraft“. Die anderen drei Erzengel haben, wenn sie unten beim Menschen stehen, folgende Impulse:

Gabriel im Sommer: Ernährung, 

Raphael im Herbst: Atmung oder Heilung, 

Uriel im Winter: Gedankenkraft

Michael im Frühling: Bewegungskraft 

(GA 229, 13.10.1923, sogenannter „5. Vortrag“ zu den vier Jahreszeiten Imaginationen). 

               Die anerkannte medizinische Wissenschaft hat nachgewiesen, dass die körperliche Bewegung nicht nur gegen Übergewicht, Zuckerkrankheit, Herz und Kreislaufkrankheiten, sondern sogar gegen Krebs wirksam ist. Wir können also dankbar sein, dass uns in diesen Zeiten des Hausarrestes wenigstens die Bewegung draußen in der Natur erlaubt worden ist. Im Lichte Michaels kommt dann noch die Bewegung in Frage, die nicht nur nach äußeren, physisch, irdischen Bedingungen sich richtet, sondern nach dem Lebensleib oder Ätherleib: die Eurythmie. Wer entsprechend dem Leben, entsprechend der Seele und dem Geist seine Glieder bewegt, wirkt noch einmal wesentlich stärker heilend auf seinen Organismus als bloß durch die äußere Bewegung, die aber auch schon gut ist. Welche Übungen auch immer Sie kennen (IAO, dreiteilig Schreiten, Ich denke die Rede, Licht strömt aufwärts, Schwere lastet abwärts usw.), die sind jetzt angezeigt. Spezifischer wirken die Übungen aus dem 5. Vortrag des Heileurythmiekurses (GA 315). Dort schildert R. Steiner 12 Übungen, die unseren Ätherleib zu einem „brauchbaren Patron“ machen, die jeder in mäßiger Weise täglich üben sollte, wenn er zu viel sitzen muss, was ja bei jedem von und der Fall ist, wenn Sie nur an Ihre Zeit vor dem PC denken. In meinem Buch „Anthroposophische Medizin – ein Weg zu den heilenden Kräften“, Dornach, 2. Auflage, 2011, habe ich diesen 12 Übungen ein eigenes Kapitel gewidmet, das ich Ihnen, wenn Sie daran interessiert sind, als pdf schicken kann. Ich habe dort versucht, gerade die Tatsache der Zwölfheit dieser Übungen als urbildlich herauszuarbeiten. Sobald wieder Menschenkontakte erlaubt sind, können Sie diese Übungen bei einer Heileurythmistin erlernen. Sie stärken damit ihren eigenen Michaelimpuls. Michael ist der Führer zur Überwindung alles dessen, was uns ängstlich und zaghaft macht. Viren waren zu R. Steiners Zeiten zwar noch nicht entdeckt, als Krankheitserreger gehören sie aber mit den Bakterien und Bazillen zu derselben Kategorie. Also: Bakterien, Bazillen und Viren sind die Helfer des Drachens, um den Menschen zu quälen (GA 266/1, 18.10.1907). Eben diesen Drachen hat Michael überwunden und besiegt. Für uns zum Vorbild hat er dies getan. 

               Hinweisen möchte ich noch auf die neueste Nummer der Wochenschrift „Das Goetheanum“ (Nr. 13, 27.3.2020), wo ein ganz hervorragender Aufsatz zur Corona Krise von Peter Selg erschienen ist, der Titel lautet: „Das Mysterium der Erde“. In derselben Nummer erschien zum Coronaproblem ein ebenso interessanter Artikel der Medizinischen Sektion von Georg Soldner und Matthias Girke. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann