Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Liebe Freunde der Rundbriefe von Friedwart Husemann,
mit Trauer im Herzen über den Schwellenübergang muss ich Euch mitteilen, dass der letzte Rundbrief von seinem Account folgender war:
Liebe Empfänger des Rundbriefes,
es war der Wunsch meines Vaters, dass Sie im Falle seines Todes auf diesem Wege benachrichtigt würden.
Friedwart Husemann ist am 3.Februar 2022 unerwartet bei einer Operation verstorben.
Geboren wurde er am 7. März 1945.
Der von Rudolf Steiner für diesen Zeitraum (seiner Geburt) gegebene Wochenspruch lautet:
Im Lichte, das aus Weltenhöhen
Der Seele machtvoll fließen will,
Erscheine, lösend Seelenrätsel,
Des Weltendenkens Sicherheit,
Versammenlnd seiner Strahlen Macht,
Im Menschenherzen Liebe weckend.
Rudolf Steiner, Anthroposophischer Seelenkalender
Mit herzlichen Grüßen
Irmingard Kimeto
für uns Anthroposophen ändert sich mit dem Übergang über die Schwelle des Todes der Wochenspruch.
Mit dem Verstorbenen verbinden wir folgenden Wochenspruch zum Todeszeitpunkt:
Ergreifend neue Sinnesreize
Erfüllet Seelenklarheit,
Eingedenk vollzogner Geistgeburt,
Verwirrend sprossend Weltenwerden
Mit meines Denkens Schöpferwillen.
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
es gibt in der Welt Kräfte, die das Gute bekämpfen. In der Geschichte vom Gral werden diese Kräfte auf das Schloss Chastelmarveille, auf Klingsor und seine Gemahlin Iblis zurückgeführt. Goethe hat in seinem Faust dieselben Kräfte in Mephistopheles verkörpert. In der Bibel gibt es in dieser Richtung Luzifer, Satan, Diabolos, den Antichrist und das zweihörnige Tier bzw. den Drachen bzw. Sorat. Es gibt eine ganze Hierarchie des Bösen. Einen gewissen Überblick dazu aus anthroposophischer Sicht gibt Hans Werner Schröder „Der Mensch und das Böse“, Stuttgart, 3. Auflage, 2001
In diesem Zusammenhang wichtig, ist der Begriff der „schwarzen Magie“ oder des „schwarzen Pfades“. Natürlich sträuben sich dem „aufgeklärten Zeitgenossen“ die Haare, wenn er schon nur dieses Wort hört. Man kann die Anthroposophie leicht diffamieren, wenn man nur solche Worte wie „Astralleib“ – „Geheimwissenschaft“ – „esoterisch“ – „Akasha Chronik“ oder „okkult“ zitiert. Man braucht gar nicht zu sagen, was darunter zu verstehen ist, schon der ungewohnte Wortklang zeigt dem „aufgeklärten Zeitgenossen“, dass es sich um einen Unsinn handeln muss. Wenn man aber tiefer eindringen will, geht es ohne diese Begriffe nicht.
Was schwarze Magie bzw. der schwarzer Pfad ist, wurde von R. Steiner im letzten Kapitel von „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (GA 10) ausführlich dargestellt. Der große Hüter der Schwelle hält eine lange Rede, in welcher er zuletzt den Unterschied zwischen dem weißen und dem schwarzen Pfad erläutert. Der „aufgeklärte Zeitgenosse“ ist wegen dieser „Schwarz - Weiß Malerei“ schon wieder unzufrieden. Aber Schwarz und Weiß sind gerade an dieser Stelle genau die richtigen Begriffe, weil es moralische Qualitäten sind. Der weiße Pfad führt „entweder zum Guten oder zu gar nichts“. R. Steiner selbst rechnete sich zu den „Okkultisten des weißen Pfades.“ Der schwarze Pfad dagegen ist die vollkommene Erfüllung des Egoismus. Den Begriff „Magie“ muss man deswegen wählen, weil es sich nicht bloß um den persönlichen Egoismus eines Menschen wie Du und ich handelt. Sondern es werden übersinnliche Kräfte dazu benutzt, um sie für persönliche oder gruppenegoistische oder nationale Sonderzwecke zu gebrauchen. Wenn dies der Fall ist, dass übersinnliche oder okkulte Kräfte zu egoistischen Zwecken missbraucht werden, dann handelt es sich um schwarze Magie. Weiße Magie ist demgegenüber, wenn bei der Betätigung übersinnlicher Kräfte die persönliche Opferbereitschaft des Einzelnen und in sozialer Hinsicht das Heil der gesamten Menschheit an oberster Stelle stehen.
Es ist vielleicht ein ungewohnter Wortgebrauch, aber in diesem Fall dient er dem Verständnis: es ist beispielsweise weiße Magie, wenn Sie ein Vaterunser beten, weil Sie damit nicht nur für sich, sondern für alle Menschen und die geistige Welt etwas Gutes tun. Das Wort „uns“ oder „unser“ kommt im Vaterunser neunmal vor. Ebenso ist es weiße Magie, wenn Sie an einem Gottesdienst teilnehmen oder eine Meditation durchführen oder einem lieben Verstorbenen einen spirituellen Text vorlesen, wie R. Steiner oftmals empfohlen hat. Viele weitere Beispiele weißer Magie könnten wir hier anführen.
Schwarze Magie ist demgegenüber das, was wir zwar vermeiden wollen, was wir aber kennenlernen und durchschauen müssen. Das Urbild der schwarzen Magie – und damit kommen wir auf das Symbol des Grals zurück – ist die Enthauptung Johannes des Täufers. Sie wird bei Matthäus und Markus beschrieben. Salome, die Tochter der Herodias, wünschte sich das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers in einer Schüssel liegend. Dieses Bild braucht man nur einmal gesehen zu haben, um es nie wieder zu vergessen. Rudolf Steiner bezeichnete das „blutige Haupt in der Schüssel“ als „schwarzmagisches Gegenbild der reinen Gralskräfte“ (W. J. Stein „Weltgeschichte im Lichte des heiligen Gral“, Stuttgart, 1966, S. 115).
Es lohnt sich, bei diesem Bild etwas zu verweilen, weil wir daran viel lernen können. Wir sind dieses Bild durch die vielen malerischen Gestaltungen so gewohnt, dass wir die Unbefangenheit darüber verloren haben. Unbefangen betrachtet ist es doch eine freche Unverschämtheit, eine solche Untat zur Schau zu stellen. Wie wenn man sich seiner eigenen Bosheit und Schamlosigkeit noch rühmen wollte. Andererseits ist so etwas nur deswegen möglich, weil eine raffinierte Zeremonie inszeniert wird. Es ist eben nicht irgendein Bild, sondern es wird das Heiligste der Mondenschale, die den Sonnengeist trägt, nachgeahmt, nachgeäfft und ins Gegenbild verkehrt. Dadurch ist es auf geheime Weise sehr wirksam. Auf dieselbe Art und Weise haben die Nazis das Hakenkreuz, welches ein Gegenbild der vierblättrigen Lotusblume ist, missbraucht. Ebenso das Wort „Führer“, welches in Wahrheit für die Christuswesenheit gilt (GA 15, I). In ähnlicher Weise haben sie es mit vielen anderen Dingen gemacht.
Weiterhin ist bemerkenswert, dass das schwarzmagische Gegenbild des Grals schon auftrat, bevor der Gral da war. Der Ursprung des Gral ist das Karfreitagsmysterium, als das Blut des Erlösers zur Erde floss. Als Johannes der Täufer enthauptet wurde, war das Mysterium von Golgatha aber noch gar nicht geschehen. Den Menschen bewusst wurde der Gral erst im 9.Jahrhundert, und damals nur einigen Eingeweihten. Bis dahin hatten anstelle der Menschen bestimmte Engelwesen den Gral behütet (GA 26, Kap. „Gnosis und Anthroposophie“). Erst im 11. Jahrhundert wurde der Gral als Erzählung öffentlich. Richard Wagner im 19. Jahrhundert hat mit seinem „Parsifal“ einen weiteren Schritt in Richtung Öffentlichkeit und Kulturfaktor getan. Die schwarzmagischen Gegenkräfte dagegen wussten vom Gral schon vor dem Gral, sie haben das alles vorausschauend beurteilen können, um entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Diese spirituelle Prophetie Fähigkeit der Widersacher Mächte müssen wir uns klar machen. Man darf nicht zu klein von diesen Kräften denken. Die Menschen, die den Gegengral vertreten, haben professionell ausgefeilte Methoden der Geistesschau und wollen damit das Böse bewirken.
Die Gemeinschaftsbildung der Gralsritter, die um die Christuswesenheit sich gliedert, wird von den Kräften des Gegengrals ebenfalls in ihr Gegenteil verkehrt. Das sind die sogenannten „okkulten Bruderschaften“, von denen R. Steiner als Drahtzieher des ersten Weltkrieges ausführlich gesprochen hat (GA 173 a-c, der längste zusammenhängende Zyklus, den R. Steiner je gehalten hat). Der Zusammenhang der okkulten Bruderschaften mit den Gemeinschaften des Gegengrals ergibt sich aus den mitgeteilten Zusammenhängen ohne weiteres. In Klingsor sah R. Steiner entsprechend die „schlimmsten Kräfte orientalischer Zauberei“ wirksam (GA 144, 7.2.1913). Wer sonst nicht Bescheid weiss, sieht in so etwas wie „okkulten Bruderschaften“ natürlich den Inbegriff einer „Verschwörungstheorie.“ Aber es kommt ja nicht auf solch eine inzwischen genugsam erschöpfte Phrase an, sondern darauf, wer etwas sagt und welche Tatsachen zugrunde liegen. Das alles muss man immer prüfen.
Die sogenannten „okkulten Bruderschaften“ gibt es laut R. Steiner (GA 173 c, 20.1.1917) in „ungeheuer großer Zahl“. Sie betreiben „zeremonielle Magie“ (ebenda). Sie erreichen damit für sich selbst eine Art von „ahrimanischer Unsterblichkeit“ (ebenda). Diese Bruderschaften sind „Assekuranzgesellschaften ahrimanischer Unsterblichkeit“ (ebenda). Damit können sie als Verstorbene die Wirksamkeit der beabsichtigten bösen Impulse verstärken.
Wenn man über so etwas wie „Versicherungsgesellschaften der ahrimanischen Unsterblichkeit“ nachdenkt, kommt man unweigerlich auf unser ägyptisches Erbe zurück. Damals sollten mithilfe der Mumifizierung die physischen Leiber konserviert werden. Jetzt sind es die schwarzmagischen Impulse, die mithilfe verstorbener und dazu präparierter Seelen unsterblich gemacht werden sollen. Und tatsächlich ist es so, dass die zeremonielle Magie jener okkulten Bruderschaften gelenkt und geleitet wird von den besagten Engeln, die im Laufe der ägyptischen Zeit sich nicht der Führung des Christus unterstellt haben. Wir haben darüber im ersten Teil unserer Rundbriefe über unser ägyptisches Erbe berichtet. R. Steiner zitiert (GA 173 c, 20.1.1917) in diesem Zusammenhang aus GA 15, wo er von diesen zurückgebliebenen Engeln gesprochen hat und erinnert daran, dass ohne diese Gegenwirkung unserer Kultur des Guten und Schönen die notwendige Schwere fehlen würde.
Wesentliche Ziele dieser Gesellschaften sind: sie wollen den „Materialismus noch übermaterialisieren“ (GA 173 c, 20.1.1917). Ihre Methode ist die systematische Ausnützung dessen, was Lüge und Verlogenheit ermöglichen: „Und es ist schon eine wichtige magische Verrichtung, das Unwahre in der Welt so zu verbreiten, dass es wie das Wahre wirkt. Denn in dieser Wirkung des Unwahren wie des Wahren liegt eine ungeheure Kraft des Bösen. Und diese Kraft des Bösen wird von den verschiedenen Seiten her ganz gehörig ausgenützt“ (ebenda). Der Journalismus in diesem Sinne ist ein wichtiger Helfer solch „grauer oder schwarzer Magie“.
Weitere Folgerungen und Bezüge zur Gegenwart, die sich aufdrängen, will ich vorerst Ihnen überlassen. Es ist klar, dass hier noch sehr viel Forschungsarbeit geleistet werden muss. Worauf es mir ankam, ist, dass die „okkulten Bruderschaften“ im Zusammenhang mit dem Gegengral und im Zusammenhang mit unserem ägyptischen Erbe durchaus plausibel sind.
Vor wenigen Tagen bezeichnete Prof. Helmut Zander die „okkulten Bruderschaften“ im Werk R. Steiners als typisches Beispiel einer anthroposophischen Verschwörungstheorie (Interview in der Süddeutschen Zeitung am 24.11.2021, S. 9). Als Antwort darauf habe ich mir erlaubt, Ihnen diesen etwas längeren Text zu schicken. Missverständnisse sind wegen meiner komprimierten Formulierungen nicht ausgeschlossen. Mancher Leser, der die vorangehenden 4 Teile über das ägyptische Erbe nicht gelesen hat, hat vielleicht allein schon dadurch Verständnisschwierigkeiten. Wer von Ihnen diese 4 vorangehenden Teile noch einmal zugeschickt haben möchte, kann sich gerne melden. Wer eine Frage oder einen Einwand hat, darf mir gerne schreiben.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Wir leben in schwierigen Zeiten, und dadurch ist jeder von uns aufgefordert, sich auf sich selbst und seine eigenen Kräfte zu besinnen.
Dazu hilfreich ist ein Spruch R. Steiners, der die Überschrift „In Todesgefahr“ trägt. Diese Überschrift gibt viel zu denken. Eine der Deutungen ist diese, dass wir auch in der größten Angst oder Gefahr auf die höchsten Ideale des Menschentums uns besinnen mögen:
In Todesgefahr
Du Geist meines Lebens, schützender Begleiter,
Sei Du in meinem Wollen die Herzensgüte,
Sei Du in meinem Fühlen die Menschenliebe,
Sei Du in meinem Denken das Wahrheitslicht
(GA 268, S. 190)
Der schützende Begleiter unseres Lebens ist unser Schutzengel. Er beherrscht den Teil unseres Astralleibes, den unser Ich noch nicht beherrschen kann (GA 105, 6.8.1908).
Vor einiger Zeit schickte ich Ihnen schon einmal eine Anrede an den Engel. In den Karma Vorträgen (Band VI) gibt es die Stelle, wie man sich an den Engel wenden kann, bevor man sich zu einer Handlung entschließt: „…und wenn der Mensch irgendetwas tut, so soll er an seinen Angelos denken, etwa so: „Mein schützender Geist empfange dasjenige, was meine Tat ist, als eine Wurzel und bringe Früchte daraus hervor.“ Je bildlicher, je anschaulicher also anknüpft ein Mensch eine solche Ansprache an seinen Angelos für Taten, die in der Zukunft Früchte tragen sollen, desto mehr wird von diesen Früchten in der Zukunft vorhanden sein“ (GA 240, 28.1.1924, in Zürich).
Eine weiterer Hinweis gestaltet den Augenblick vor dem Einschlafen: „Ich schlafe ein. Bis zum Aufwachen wird meine Seele in der geistigen Welt sein. Da wird sie der führenden Wesensmacht meines Erdenlebens begegnen, die in der geistigen Welt vorhanden ist, die mein Haupt umschwebt, da wird sie dem Genius begegnen. Und wenn ich aufwachen werde, werde ich die Begegnung mit dem Genius gehabt haben. Die Flügel meines Genius werden herangeschlagen haben an meine Seele.“
Der Genius ist dasselbe wir der Angelos oder Engel. Und R. Steiner fährt fort mit einem Hinweis, der für diejenigen wichtig sein könnte, die fragen, was man denn jetzt in dieser schwierigen Zeit tun könne:
„Ob man eine solche Empfindung lebendig macht, wenn man an sein Verhältnis zum Schlafe denkt, oder ob man es nicht tut, davon hängt sehr, sehr viel ab in Bezug auf die Überwindung des materialistischen Lebens. Diese Überwindung des materialistischen Lebens kann nur durch die Erregung intimer, aber auch der geistigen Welt entsprechender Empfindungen geschehen. Nur wenn wir recht rege machen solche Empfindungen, dann wird das Leben im Schlafe so intensiv sein, dass andererseits die Berührung mit der geistigen Welt so stark ist, dass nach und nach auch unser waches Leben sich erkraften kann, und wir da nicht bloß die sinnliche Welt, sondern die geistige Welt um uns haben, die doch die wirkliche, die wahrhaft wirkliche Welt ist“ (GA 175, 20.2.1917).
Jetzt im Advent vielleicht eine würdige Beschäftigung, sich mit solchen Inhalten zu befassen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Die ägyptische Kunst wirkt ernst und streng. Ihre Tempel sind größer als die später entstandenen griechischen Tempel. In seinem Buch „Ideen zur Kunstgeschichte“ gab Gottfried Richter der ägyptischen Kunst die Überschrift: „der Wille zum Grab“. Dieser Wille durchzieht die Bauwerke, Plastiken und Mumien der damaligen Zeit und gibt ihnen den Charakter der Schwere. Beim Besuch eines ägyptischen Museums kann man das Lastende erleben. Noch deutlicher erlebt man es im Nachklang eines solchen Besuches.
Der Pyramidenbau wuchs nach R. Steiner „ins Riesenhafte“, die ägyptische Pyramide repräsentierte einen „Machtimpuls, der sich in den grotesk großen Pyramidenbauten auslebte“ (GA 325, 22.5.1921).
Entsprechend gilt für die ägyptische Kultur: „Das ist das Bedenkliche der ägyptischen Kultur, was uns immer darauf hinweisen muss, dass diese ägyptische Kultur eigentlich doch eine absteigende war, eine Dekadenzkultur, von der man nicht als von einer Blütekultur innerhalb der Gesamtmenschheit sprechen darf, denn sie griff auch in die übersinnlichen Schicksale der Menschen ein. Sie fesselte in einer gewissen Weise die Menschenseele nach dem Tode an ihre konservierte Form, an die Mumie. […] Es trat also im Grunde genommen etwas recht Bedenkliches in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit gerade durch die ägyptische Kultur ein. Die chaldäische Kultur hielt sich in dieser Zeit fern und ist, man möchte sagen, eine reinere Kultur“ (GA 216, 24.9.1922).
Die ägyptischen Eingeweihten brauchten die Seelen der Verstorbenen, um den letzten Rest ihres ohnehin nur noch geringen Hellsehens zu bewahren. Die persischen Eingeweihten der vorangehenden Epoche brauchten so etwas noch nicht. In diesem Sinne war das Hellsehen der ägyptischen Initiierten dekadent geworden und brauchte Hilfsmittel, die in früheren Zeiten undenkbar waren.
Die ägyptische Szene in R. Steiners viertem Mysteriendrama („Der Seelen Erwachen“, 7. und 8. Bild, GA 14) stellt eine Einweihung dar, die misslingt. Der Opferweise (die ägyptische Inkarnation des Professor Capesius) führt das Scheitern absichtlich herbei. Er begründet es ausführlich, indem er den geistigen Niedergang der damaligen Verhältnisse beschreibt.
Heute tragen wir als Folge der ägyptischen Zeit die „seelische Mumie in unserem Denken“ (GA 216, 30.9.1922). Unser Denken muss deswegen heute „entmumifiziert“ werden (ebenda). Jeder Leser der „Philosophie der Freiheit“ erlebt, was damit gemeint ist. Unsere anerzogenen Denkgewohnheiten sträuben sich dagegen, das Denken lebendig werden zu lassen.
Ein aktueller Bezug zur Wirksamkeit solcher Gedankenmumien wäre: „Der Untergang des Abendlandes“. Er ist zu einem Sprichwort geworden und war einer der wirksamsten Buchtitel des vorigen Jahrhunderts. Oswald Spengler formulierte diese suggestive Überschrift bereits 1912, also noch vor dem ersten Weltkrieg. Die beiden Bücher dazu erschienen dann 1918 bzw. 1922. Titel und Inhalt sind ein Beispiel für das Wiedererscheinen der ägyptischen Zeit so, wie es nicht sein sollte. Wenn nämlich die Gedankenmumie für sich allein wirksam bleibt, dann kann nur so etwas wie Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ herauskommen, wie R. Steiner meinte (ebenda). Entsprechend gilt dieses Werk mittlerweile als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Der Weg der ägyptischen Kultur war ein Untergang, ein Weg nach abwärts, der aber in gewisser Weise sein musste. Der Weg heute muss demgegenüber wieder aufwärtsführen. Am Widerstand der Mumie müssen wir das Leben gewinnen. Das damalige Einbalsamieren muss uns heute zu einem „Lebenselixier“ werden (ebenda). Oder eurythmisch ins Gleichgewicht gebracht: „Licht strömt aufwärts, Schwere lastet abwärts“ (GA 233 a, 12.1.1924).
Die Anthroposophie als „die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia“ (GA 202, 24.12.1920) ist zu uns gekommen, damit wir den Weg nach aufwärts finden und unser ägyptisches Erbe zum Guten wandeln. Davon handelt der nächste Rundbrief, den Sie zu Weihnachten erhalten.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Der Osiris Mythos erzählt, wie Osiris von seinem Bruder Typhon (Seth oder Ahriman) getötet und später auch zerstückelt worden ist. Osiris wurde in den Nil geworfen und nach Asien geschwemmt. Seine Gemahlin Isis suchte nach dem verlorenen Osiris und fand seine vierzehn Stücke wieder, die sie jedes einzeln in der ägyptischen Erde begrub. Osiris war ein Sonnenwesen und wurde durch diese Verwandlung ein Erdenwesen. Der Ägypter sah die Fruchtbarkeit der Erde vom Frühling bis zum Herbst mit dieser zur Erde gewordenen Osiris Kraft verbunden.
In Christus, der durch das Mysterium von Golgatha mit der Erde sich verbunden hat, erschien eine Kraft, die dem Sonnengott Osiris ähnlich ist, aber doch viel Größeres bewirkt hat. So, wie den Ägyptern der Osiris verloren gegangen ist, so kann uns der Christus nicht verloren gehen. Er ist bei uns alle Tage bis an der Welt Ende (Matthäus 28,20). Was uns aber tatsächlich verloren gegangen ist, das ist die Weisheit, um den Christus zu verstehen. Diese Weisheit nannte man früher die göttliche Sophia. R. Steiner nennt sie in diesem Zusammenhang die Isis und meint damit dasselbe. Die Gnostiker nannten sie Pistis-Sophia. Die Anthroposophie will eine Führerin zu dieser Sophia sein. In diesem Sinne nannte R. Steiner sie auch Anthroposophia.
Nach dem, was uns verloren ging, gilt im Rückblick auf die ägyptische Zeit heute ein neuer Mythos. Damals ging der Osiris verloren, heute fehlt uns die Isis. So wie damals der Osiris von Ahriman getötet worden ist, so wurde die Isis von Luzifer getötet. Woran können wir diese Tat Luzifers erkennen?
Die Gnosis, die Origenes und Clemens von Alexandrien noch vertraten, hat das Mysterium von Golgatha umfassend verstanden und Christus als das göttliche Sonnenwesen begriffen, das in dem Menschen Jesus drei Jahre lang gewirkt hat. Diese Gnosis wurde dann ab dem 3. Jahrhundert nach Christus von der christlichen Kirche ausgerottet. Dem entsprach übersinnlich der Vorgang, dass Luzifer die Isis getötet hat. Die Folge dieses Todes war, dass Isis in den Weltenweiten des Kosmos begraben worden ist. Osiris wurde in der Erde begraben, die Isis in den Weltenweiten. Dem entspricht, dass uns spätestens seit Kopernikus das Weltall zu einem leeren Raum geworden ist, in dem nur die tote Linie und die äußere Mechanik gelten. In Wahrheit lebt im Kosmos die Farbenaura der Isis. Im Hinblick auf diese farbenglänzende, lebendige Isis ist Goethes Farbenlehre entstanden, während Newton nur die im Kosmos getötete Isis begreifen konnte. In Wahrheit ist der Kosmos belebt von geistigen Wesen verschiedenster Art. All das ging uns um der Freiheit willen verloren. All das muss mithilfe des Christusimpulses individuell wieder errungen werden.
Mit dem Christus im Herzen können wir die neue Isis in den Weltenweiten wiederfinden. Das Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ in dem Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriss“ enthält in diesem Sinne die Weisheit der wiedergefundenen Isis. Sie enthält auch eine Christologie, welche die Wiederverkörperung des einzelnen Menschen auf eine Wirkung des vorirdischen Christus, als er noch auf der Sonne wohnte, zurückführt. So wird uns die Isis zur lebendigen Sophia, zur geistigen Maria, wie R. Steiner sie auch nennt, zur Anthroposophia, was in diesem Zusammenhang jeweils dasselbe bedeutet.
Herzliche Grüße zu Weihnachten
Ihr Friedwart Husemann
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