Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Christian Morgenstern veröffentlichte 1895 seinen Erstling „In Phantas Schloß“. R. M. Rilke war ganz begeistert und schrieb an Morgenstern einen Brief, dem er sogar ein eigenes Gedicht über „Phanta“ beifügte. Die Gedichte „Mondaufgang“ und „Epilog“ hatte Rilke jeweils „wohl zehnmal“ gelesen. Besonders hatte es ihm die letzte Zeile vom „Epilog“ angetan. Ich bringe hier die letzte Passage dieses Gedichtes, wo der Dichter sich wieder zurück zum Mutterherzen der Natur wendet: 

„………

hab ich mich wieder heimgefunden

zum Mutterherzen der Natur!

In ihm ist alles groß und echt,

von gut und böse unentweiht:

Schönheit ist Kraft ihm, Kraft ihm Recht,

sein Pulsschlag ist die Ewigkeit.

Wen dieser Mutter Hände leiten

vom Heut ins Ewige hinein,

der lernt den Schritt des Siegers schreiten,

und Mensch sein heißt ihm König sein.“

 

Der Satz „Und Mensch sein heißt ihm König sein“, der gefiel Rilke.

Über diesen Satz wollen wir noch etwas nachdenken.

Es kann ja nur ein inneres Königtum gemeint sein. So etwas wie das „selbstlose Selbstbewusstsein“, von dem R. Steiner in der Michaelimagination spricht (GA 229, 5.10.1923). Ein Selbstbewusstsein, das die Welt durchschaut, so wie die drei Könige damals den König Herodes durchschauten. Damals war es ein Traum, den die drei richtig deuten konnten. Heute gibt es der Herr den Seinen nicht mehr im Schlafe, sondern die heutige „via regia ins Geistige“ erscheint sehr nüchtern. Sie ist das Studium der Geisteswissenschaft, die für den heutigen Menschen schon die erste Stufe der Geistesschülerschaft bedeutet. Unser Intellekt ist es nämlich, welcher der Erlösung bedarf, der Erlösung durch spirituelle Begriffsbildungen. Der Intellekt muss verwandelt werden, es nützt nichts, ihn vermeiden zu wollen, sonst landet man bei Luzifer. 

Zu all dem passend schreibe ich Ihnen folgende Stelle, die richtig betrachtet unsere besten Kräfte aufrufen kann: 

„Denn die Wahrheit hat Wege, welche nur sie auffinden kann, und welche den Mächten der Finsternis doch nicht auffindbar sind. Möchten wir uns vereinigen, alt und jung, jung und alt, um uns einen klaren Blick anzueignen für das Auffinden solcher Wahrheitswege“ (GA 204, 9.4.1921).  

Herzliche Grüße zur Dreikönigszeit

Ihr Friedwart Husemann