Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Im vorigen Rundbrief habe ich etwas provozierend den Vergleich gebraucht, dass Christoph Lindenberg „teilweise“ und Helmut Zander „vollständig“ einen Mehltau über Rudolf Steiners Leben gebreitet haben. Daraufhin hat mir ein sehr belesener und kompetenter Leser geantwortet, dass man diese beiden Autoren in „einem Atemzug“ so nicht nennen dürfe. Der Unterschied sei zu groß. Weil dieser Einwand berechtigt ist, will ich heute auf die Verdienste von Christoph Lindenberg eingehen und dann etwas genauer erörtern, was ich mit dem „teilweise“ gemeint habe.
Christoph Lindenberg hat als Auftakt zu seiner großen Biographie ein ganz hervorragendes Buch geschrieben „Rudolf Steiner – eine Chronik“, Stuttgart, 2. Auflage, 2010. Als dieses Buch 1988 in erster Auflage erschien, habe ich es mit größtem Interesse in einem Zug gelesen. Es ist schlicht und einfach überwältigend, was R. Steiner wo, wann, wie, in welcher Reihenfolge und in welcher Dichte Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr geleistet hat. Ganz unabhängig vom mitgeteilten Inhalt ist allein diese außerordentliche Lebensleistung bewunderungswürdig. Die Chronik Lindenbergs ist mir seitdem zu einem wichtigen Lebensbegleiter geworden.
Christoph Lindenberg hat ein sehr gutes Buch über „Motive der Weihnachtstagung im Lebensgang Rudolf Steiners“, Stuttgart, 1994 geschrieben. Das Motiv der Verzögerung im Leben Rudolf Steiners, die Verzögerung durch die Goethe Arbeit am Anfang, dann im Weiteren, wie er erst in den letzten 9 Monaten bis zu seiner Erkrankung im September 1924 das aussprechen konnte, was er von Anfang an hätte sagen wollen, nämlich die Karma Forschung. Weiterhin die Weihnachtstagung als Wagnis. All dies arbeitet Lindenberg meines Erachtens überzeugend heraus.
Die eigentliche große Biographie in zwei Bänden (Stuttgart, 1997, Tb 2011) enthält natürlich auf weiten Strecken sehr vieles, was ich richtig und gut finde und für dessen Darstellung ich dankbar bin. Bei einigermaßen ehrlichem Vorgehen kann man so ein Leben wie das R. Steiners gar nicht „kaputt machen“. Aber eben deswegen sind die Eigenwilligkeiten, die Lindenberg in demselben Werk sich leistet, umso auffallender. Damit kommen wir zu dem, was ich im vorigen Rundbrief als den „teilweisen Mehltau“ in dieser Biographie und vor allem in Lindenbergs Schrift „Individualismus und offenbare Religion“ (Stuttgart, 1970, 1995) bezeichnet habe.
Ein gewisser Mehltau ist es, wenn Lindenberg in Oberlehrer–Attitüde betont, dass R. Steiner die Technische Universität nach acht Semestern Studium ohne Abschluss verlassen habe, wie wenn dies ein Makel oder Versagen R. Steiners gewesen wäre. Es gab aber an der TU gar keinen Abschluss, wie Frau Sam in ihrer Biographie „Rudolf Steiner, die Wiener Jahre“, Dornach, 2021 feststellte. Nur wenn man Lehrer am Realgymnasium werden wollte, brauchte man einen Abschluss. Das wollte R. Steiner aber nicht. Da hätte Lindenberg eine solche Konstitution der TU erwähnen oder erforschen oder wenigstens den Willen R. Steiners berücksichtigen müssen.
Genauso ist es mit der Note „rite“ bei Steiners Dr Arbeit. Diese Benotung erwähnt Lindenberg zwar nicht, aber irgendein anderer Beckmesser, ich weiß nicht mehr, in welcher Zeitung ich es gelesen habe. Ich füge es hier nur wegen desselben Kontextes an. In Rostock gab es für externe Doktoranden, wie R. Steiner einer war, nur „rite“, mehr kriegte man nicht. „Rite“ ist die schlechteste Note, mit der man eine Dr Arbeit abschließen kann. Wenn man das jedoch nur allein erwähnt, kommt Steiner in ein schiefes Licht.
Es ist teilweiser Mehltau, wie Lindenberg R. Steiners Verhältnis zu Radegunde Fehr meint in dem Schwellenerlebnis des Johannes Thomasius wiederfinden zu können („Pforte der Einweihung“, 2. bzw. 9. Bild: „in bittere Not gebracht“ „verlassen“). Dabei steht im Lebensgang, dass Radegunde Fehr und Rudolf Steiner über ihre Liebe nie haben sprechen können. Durch dieses beiderseitige Schweigen lag kein verbindliches Verhältnis vor. Also konnte es auch nicht gebrochen oder verlassen werden. Es war platonische Liebe im wahrsten Sinne des Wortes.
In Sams Biographie habe ich erstmals zwei Fotos von Radegunde gesehen. Dieses Bild erschien in den bisherigen Bildbänden noch nicht. Man will doch das Bild derjenigen Frau sehen, die R. Steiner als „Sonnenhaftes“ in seinem Leben erlebte, mit der er zusammen einen „glücklichen Lebensabschnitt“ verbrachte.
Es ist deutlicher Mehltau, dass Lindenberg bei der Nietzsche Affäre R. Steiner als Postenjäger darstellt und ihm unterstellt, dass er auf das zu erwartende Honorar spekuliert habe.
Die Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (1. bis 4. Band ergaben 15 Jahre Erscheinungsabstand) musste sich R. Steiner abringen, er musste sich immer wieder jedes Wort und vor allem jeden Gedanken mühsam erarbeiten, um in Goethes Art über Goethe schreiben zu können. Das beschreibt R. Steiner im Lebensgang ausführlich. Das erwähnt Lindenberg nicht, sondern stellt Steiner als saumselig und unzuverlässig hin, weil er die Termine zur Abgabe der Manuskripte gegenüber Kürschner nicht eingehalten hat. Man hätte auch sagen können, dass Steiner ein starkes Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem hatte, was er schrieb.
Auf solch einen Gedanken kam aber Lindenberg nicht, das wäre ja „Hagiographie“ gewesen. Das war in den 90er Jahren das Schlimmste, wenn man eine sogenannte Hagiographie über Steiner geschrieben hätte, so wie das allerdings – im Sinne Lindenbergs gesprochen - alle anderen Biographen in der Zeit vor Lindenberg getan hatten: Albert Steffen, Ita Wegman, Marie Steiner, Günther Wachsmuth, Elisabeth Vreede, Ilona Schubert, Friedrich Rittelmeyer, Friedrich Hiebel, Emil Bock, alle Autoren von „Wir erlebten R. Steiner“ und „Erinnerungen an R. Steiner“, Assia Turgenjew, Andrey Belyj, Margarita Woloschin: alles „Hagiographen“?(Hagiograph heißt „Heiligenleben Erzähler“). Also Lindenbergs Biographie ist die erste „Nicht-Hagiographie“. Leider merkt man das aber im negativen Sinn.
Der schlimmste Mehltau, den Lindenberg über Steiners Leben breitete, ist seine Auffassung über Steiners Verhältnis zum Christentum, der sogenannte Haupt - Widerspruch in Steiners Leben. Lindenberg zitiert nicht, was R. Steiner zu seinen angeblichen Widersprüchen mit etwa einem Dutzend Textstellen schriftlich gesagt hat. Wenn die Philosophie der Freiheit „auf den Christusimpuls gebaut ist“, wie Steiner selbst sagte und viele Anthroposophen nach Steiner durchaus plausibel gemacht haben (Heinrich Leiste, Friedrich Hiebel, Frank Teichmann, Lorenzo Ravagli und s. u.), dann kann es in dem Sinne, wie Lindenberg meinte, nicht einen „Weg“ R. Steiners zum Christentum gegeben haben. Ich habe dazu ein Buch geschrieben „R. Steiners Entwicklung“, Dornach, 1999, und Sie finden in dem letzten Kapitel meines Buches „R. Steiners Schriften in 50 kurzen Porträts“, Dornach, 2018 eine Zusammenfassung. Beide Bücher sind im Buchhandel erhältlich.
Es ist eine philologische Selbstverständlichkeit, dass man das, was man über eine Person sagt, an dem prüft, was diese Person in derselben Sache über sich selbst sagte (in unserem Falle R. Steiner, seine Widersprüche, sein Zugang zum Christentum). Das hat Lindenberg versäumt. Die wichtigste Stelle im Lebensgang lautet: „Ich bewegte mich nicht, wie viele glauben, in Widersprüchen vorwärts. Wäre das der Fall, ich würde es gerne zugeben. Allein es wäre nicht die Wirklichkeit in meinem geistigen Fortgang. Ich bewegte mich so vorwärts, dass ich zu dem, was in meiner Seele lebte, neue Gebiete hinzufand“ (Kap. XXX). Dieses Zitat verschweigt Lindenberg. Dieses Zitat verschweigt auch Emil Bock, der die Meinung von der angeblichen „paulinischen Wende“ in R. Steiners Leben begründete. Solch eine Meinung kann man natürlich haben. Es ist „der Glaube von Vielen“ (s.o. Zitat Lebensgang), also eigentlich nichts Besonderes. Deswegen wurde er ja auch von Emil Bock, Lindenberg, Gerhardt Wehr und Lorenzo Ravagli u. a. aufgewärmt. Aber man sollte doch solch eine Meinung in Bezug setzen zu dem, was der Betroffene selbst dazu schriftlich gesagt hatte, wenn man sich biographisch über den Betreffenden äussert. Paulus wenigstens hat seine Wende mehrmals selbst beschrieben, sein Reisbegleiter Lukas in der Apostelgeschichte nicht weniger als dreimal. R. Steiner dagegen hat seine angebliche Wende bzw. seine Entwicklung in Widersprüchen bzw. eine paulinische Wende nicht nur nicht beschrieben, sondern sogar expressis verbis abgelehnt.
Was R. Steiner hier über seine nicht vorhandenen Widersprüche in seinem Leben gesagt hat, ist inhaltlich zu verstehen, man darf es nicht verwechseln mit dem sogenannten „tiefgehenden Umschwung“ (Lebensgang, Kap. XXII), den R. Steiner in Bezug auf seine Seelenkräfte und seine Erkenntnis- und Wahrnehmungsweise erlebte. Davon konnte nur er selbst etwas sagen, auch war es methodisch gemeint. Wir wüssten davon nichts, wenn er es nicht selbst berichtet hätte.
Lindenberg hat – summa summarum - den „Lebensgang“ nicht ernst genommen, sondern so gut es ging relativiert. Er meinte, das sei historisch korrekt oder eben antihagiographisch. Damit bekommt seine Darstellung aber stellenweise einen tendenziösen Charakter, weil er entscheidende Selbstzeugnisse des Betroffenen weglässt.
Diese Methode, das wegzulassen, was einem nicht passt, systematisch ausgebaut, ist dann der Fall Zander. Was Lindenberg mit „Mein Lebensgang“ (oder einschränkend gesagt mit dem genannten Zitat aus dem Lebensgang) gemacht hat, das machte Zander mit dem ganzen Werk R. Steiners.
Um es zuletzt nochmal ins Positive zu wenden. Dieses Weglassen dessen, was einem nicht passt, ist in Martina Maria Sams „Rudolf Steiner - Kindheit und Jugend“ (1. Band) und „Rudolf Steiner – die Wiener Jahre“ (2. Band) in keiner Weise der Fall. Sie bringt alle zugänglichen Quellen in so schöner Ordnung, dass die Tatsachen selbst sprechen. Sie lässt nicht nur nichts weg, sie bringt sogar mehr als alle bisherigen Biographen. Wenn aus den Karma Vorträgen über Friedrich Theodor Vischer oder über Kronprinz Rudolph etwas bekannt ist, dann bringt sie es ausführlich schon für die Zeit, wo R. Steiner mit diesen Personen Jahrzehnte vor den Karma Vorträgen etwas zu tun hatte. Sie referiert die früheren Erdenleben dieser Personen, wie R. Steiner sie erforscht hat. Das finde ich richtig, weil dadurch mit einer neuen Farbe aus seiner Umgebung auf R. Steiners Leben ein Licht fällt. Das Werk R. Steiners ist eben ein Ganzes. Es ist ja kein Zufall, welche Personen R. Steiner in den Karma Vorträgen behandelte. Eigentlich merkt man gar nicht, dass M. M. Sam eine eigene Meinung hat. Sie referiert eben Steiner. Sie ist der Sache verpflichtet und will diese zur Geltung bringen und sonst nichts. Also die eigentliche und vorbildliche biographische Methode.
Für mich ist deswegen das Lesen der Biographien Martina Maria Sams eine große Erleichterung, eine Genugtuung, dass sie das notwendige Gegengewicht gegen Lindenberg und ganz besonders natürlich gegen Zander ohne viel Aufhebens, nur durch ihre Gründlichkeit, ihre gedanklich-bewegliche Geschicklichkeit und ihre methodische Lauterkeit erreicht hat. Es gibt auch Stellen, wo sie Zander direkt widerlegt, ganz hervorragend, aber das führte jetzt zu weit und bringe ich dann mal später.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann