Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Inzwischen erschien von Martina Maria Sam „Rudolf Steiner – die Wiener Jahre 1884 -1890“, Dornach, 2021, 536 Seiten, € 50,00. Von derselben Autorin erschien 2018 der erste Band über „Rudolf Steiner - Kindheit und Jugend“. Auf beide Werke werde ich in meinen Rundbriefen noch mehrfach zurückkommen. Mein zusammenfassendes Urteil über Frau Sams Arbeiten: eine ganz andere Stufe der Biographik als bisher. Frau Sam beseitigt den Mehltau, den Christoph Lindenberg teilweise und Helmut Zander vollständig über R. Steiners Leben gelegt haben.  

Es gibt vielleicht nichts Interessanteres als die Biografie Rudolf Steiners. Wie er schon als kleiner Junge im Stationsbüro seines Vaters das Telegraphieren lernte, also das Morsealphabet von Kindertagen an selbstverständlich handhaben konnte. Wie er als Realschüler und Student der Technischen Hochschule gerade nicht in eine literarische, humanistische, philosophische oder religiöse Richtung erzogen und ausgebildet worden ist, in der er später hauptsächlich tätig war. Und vor allem: welche allerverschiedensten Menschen er kennenlernte, wie er mit ihnen befreundet war, wie er sie liebte. Dann aber später einen Weg ging, der von seinen damaligen Freunden nicht verstanden worden ist. 

Nehmen wir als Beispiel Marie Eugenie delle Grazie (1864 – 1931, siehe das Foto oben). Steiners Lehrer K. J. Schröer war zunächst von ihr begeistert, später distanzierte er sich wegen ihrer pessimistischen Grundhaltung. R. Steiner schrieb ein Sendschreiben an die Dichterin „Die Natur und unsere Ideale“ (GA 30, S. 237 ff.), das er später als „Urzelle seiner Philosophie der Freiheit“ bezeichnete. Den Pessimismus lehnte Steiner ab, die künstlerische Kraft, mit welcher dieser Pessimismus gestaltet wurde, den bewunderte er. Schröer war von Steiners Text enttäuscht und sagte zu ihm, wenn er so über den Pessimismus schreibe, dann hätten sie sich nie verstanden (GA 28, Kap. VII). R. Steiner war betroffen. Es ging damals ein „wirklicher Riss“ durch sein Gefühlsleben (ebenda). Auf der einen Seite dieses Risses sein geliebter Lehrer Schröer, auf der anderen Seite der Kreis um Marie Eugenie delle Grazie, wo er sich trotz der inhaltlichen Gegensätze menschlich so wohlfühlte. Es folgten mehrere Feuilletons, die R. Steiner über die Dichterin schrieb. Sie bedankte sich jeweils sehr herzlich. Um die Jahrhundertwende, als R. Steiner schon in Berlin war, schrieb Marie Eugenie delle Grazie an R. Steiner über dessen neuesten Artikel, sie sähe sich durch seine Worte wie in einem Spiegel, so treffend seien sie. Dann kam kurz darauf R. Steiners theosophische Zeit, und Marie Eugenie delle Grazie war mehr als irritiert. Sie schrieb 1904 die Komödie „Narren der Liebe“, wo ein gewisser Dr. Benno Randolph vorkommt, mit dem sie R. Steiner persiflierte. Steiner blieb ein Verehrer von delle Grazies Dichtungen, rezitierte ihre Werke in der Arbeiterbildungsschule und ließ ihre Texte später auch von Marie Steiner deklamieren. Den „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ (1919) unterschrieb delle Grazie. Dann kam 1924/25 die Artikelserie „Mein Lebensgang“, wo R. Steiner den Kreis um delle Grazie ausführlich beschrieb und ihn als „Stätte des Anti-Goetheanismus“ bezeichnete. Darüber war delle Grazie enttäuscht. Sie schrieb an C. S. Picht, dass sie gerade damals doch jeden Abend ein Goethe Gedicht gelesen habe. R. Steiner meinte aber mit Goetheanismus nicht den Dichter von „Füllest wieder Busch und Tal...“, sondern den Goethe, aus dessen Denkweise sich so etwas wie die Anthroposophie entwickeln konnte. Eben diese Goethe`sche Methode war es, die im Kreis um delle Grazie abgelehnt wurde. 

Die genannten Enttäuschungen und Risse kann man verstehen, wenn man sich in die beteiligten Persönlichkeiten und deren Denkweise versetzt. R. Steiners Weg und seine Geistesfreiheit, Toleranz und vor allem seine Liebefähigkeit waren für seine Freunde eine Herausforderung, vielleicht auch eine Überforderung. Ähnlich wie bei delle Grazie war es bei Rosa Mayreder, bei Moritz Zitter, bei Hermann Bahr, bei Friedrich Eckstein und teilweise auch bei den Söhnen der Familie Specht.

So wie mit seinen Freunden, so war es auch mit den Denkern und Forschern, mit denen R. Steiner sich identifizierte, es waren Menschen mit so grundverschiedenen Ansichten wie: Thomas von Aquin, Goethe, Max Stirner, Eduard von Hartmann, Franz Brentano, Friedrich Nietzsche und Ernst Haeckel. Sicher ist, dass R. Steiner selbst aus all diesen Identifikationen und vielseitigen Freundschaften den größten Gewinn gezogen hat und zeitlebens dafür sehr dankbar war.

Was lag hier vor? R. Steiners Leben war ein Leben der künftigen Epoche. In Zukunft (im 6. nachatlantischen Zeitraum) wird nämlich jeder andere Mensch, dem wir begegnen, mehr mit unserem Ich zu tun haben als wir selbst: „Das Sonderbare wird eintreten, dass jeder andere, der uns begegnet und der etwas mit uns zu tun hat, mehr mit unserem Ich zu tun haben wird als dasjenige, was da in der Haut eingeschlossen wird. So steuert der Mensch auf das soziale Zeitalter zu…“ (GA 187, 27.12.1918). Dasselbe christologisch gesagt: ohne dass unser Ich eine solche „Hohlform“ wird, kann der Christus nicht in uns einziehen (ebenda). Das wird zwar erst im 4. Jahrtausend allgemein menschlich, aber solche Entwicklungen bereiten sich vor. Man kann dadurch R. Steiners Wandelbarkeit, Vielseitigkeit und Lernfähigkeit verstehen. Er lernte in viel höherem Maße von anderen Menschen als uns das möglich ist. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann