Rundbrief zur Anthroposophie

Lieber Freunde

Goethe schrieb: „Was in die Erscheinung tritt, muss sich trennen, um nur zu erscheinen“ („Polarität“, dtv Ausgabe, München, 1963, Band 39, S. 174). Dieser Satz gilt auch für die Erscheinung Christi auf Erden. Wir müssen unterscheiden zwischen dem Menschen Jesus und dem Christus als Gott, wir müssen unterscheiden zwischen Königen und Hirten, die zwei verschiedene Jesusknaben angebetet haben. Und in jedem menschlichen Kind, das geboren wird, müssen wir abermals unterscheiden das Menschliche von dem im Menschen wirksamen Christus - Göttlichen.  

Der Hinblick auf das Jesuskind

Das Jesuskind hat sich zwar zur Hülle des Christus entwickelt, es war gewissermaßen der Vorverkünder des Christus, aber nicht der Christus selbst. Die Sentimentalität des „herzlieben Jesulein“ ebenso wie der Materialismus des „schlichten Mannes aus Nazareth“ waren nur dadurch möglich, dass man in der Neuzeit glaubte, zusammen mit dem Jesus sei gleichzeitig der Gott der Christenheit geboren worden. 

Mit diesem Vorurteil kann man auch die zwei Jesusknaben nicht begreifen. Die zwei Jesusknaben ergeben sich aus den Evangelien, zweitens hatten die Essäer eine doppelte Messias Erwartung, wie man durch die Qumran Funde 1947 feststellte, und drittens hat R. Steiner die zwei Jesusknaben als Inhalt seiner Forschung in vielen Facetten beschrieben. Die beiden Knaben werden zu einer Absurdität, wenn man sich vorstellen soll, dass auch der göttliche Christus mit jedem dieser beiden Knaben erschienen sein sollte. 

Die Einheitlichkeit des Christusbegriffes wird durch die zwei Jesusknaben gar nicht berührt, sondern im Gegenteil. Der komplizierte Wesensaustausch zwischen den Jesusknaben, der mit 12 Jahren sich ereignete, der Tod des einen und das Weiterleben des anderen, all das macht die spätere, große Wesensdurchdringung des göttlichen Christus mit dem menschlichen Jesus bei der Jordantaufe umso plausibler. 

Die jungfräuliche Empfängnis, ein weiteres skandalon des christlichen Glaubens,  wird sofort verständlich, wenn man sie auf die Jordantaufe bezieht. Der Christus, der Logos, das Welten – Ich oder der Gottessohn ergriff erst bei der Jordantaufe den Leib des Jesus, der damals 30 Jahre alt war. Diese tatsächlich jungfräuliche Ich – Empfängnis hat man etwa ab dem 6. Jahrhundert nach Christus nicht mehr verstanden und in die menschliche Maria zurückgeschoben (GA 353, 26.3.1924). Damit wurde dann eine biologische Absurdität zum Dogma. 

Bei der Jordantaufe ereignete sich ein Ich – Austausch: das Ich des Jesus verließ den Jesusleib, und das Welten – Ich des Christus zog in die übrigen Hüllen des Jesus ein. Dies ist recht verstanden der heiligste Vorgang überhaupt, wenn das Christentum einen Sinn haben soll. Es ist tragisch, wieviel Unsinn und Widersinn über das Christentum gekommen sind, ein jahrhundertelanger immer dicker werdender Mehltau, der sich über das wichtigste Ereignis der Weltentwicklung gebreitet hat. 

Der Hinblick auf jedes Kind, welches geboren wird

Während man also der Jesusgeburt etwas von ihrer irrtümlicherweise gegebenen Göttlichkeit wegnehmen muss, um das Ganze richtig zu verstehen, ist es bei der menschlichen Geburt gerade andersherum. Ihr muss eine neue Christusgöttlichkeit gegeben werden. Damit ist keine Überheblichkeit verbunden, sondern die Erkenntnis des Christusimpulses, der in allen Menschen wirkt, seitdem Menschen geboren werden, natürlich auch in den beiden Jesusknaben, die darüber hinaus einer ganz besonderen geistigen Führung unterlagen.

Es geht hier um die ersten drei Jahre des Kindes, wie sie R. Steiner in dem Buch „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“ (GA 15) schildert. Im ersten Jahr lernt das Kind sich aufzurichten und zu gehen. Im zweiten Jahr lernt es das Sprechen. Im dritten Jahr lernt es das Denken. 

Das Aufrichten des Menschen ist kein genetisch determinierter Vorgang. Es gibt einige Berichte über Wolfskinder, aus denen das ersichtlich wird. Am bekanntesten wurden die „Wolfskinder von Midnapore“ von J.A.L. Singh mit einem Vorwort von Adolf Portmann (Heidelberg 1964). Der in Indien arbeitende Missionar Singh fand Anfang 1920 die beiden Kinder, die auf allen Vieren liefen, die Zähne fletschten und nachts wie Wölfe heulten. Nur langsam gewöhnten sie sich an menschliche Eigenschaften und an menschliche Nahrung. Das eine der beiden Mädchen starb früh, sie war etwa 7 Jahre älter als das andere Mädchen. Das jünger Mädchen lernte nach einigen Jahren das Gehen auf den Knieen und zuletzt sogar das aufrechte Stehen. Dann fing sie an, die menschliche Sprache zu verstehen, und zuletzt hatte sie einen Wortschatz von ca. 30 Worten. Noch etwas später fing sie an, Zusammenhänge zu begreifen und konnte kleine Aufträge durchführen. Sie starb dann in einem ähnlichen Alter wie ihre Schwester mit etwa 9 Jahren. Man sieht daran, dass es des menschlichen Vorbilds bedarf, wenn der Mensch sich aufrichten, sprechen oder denken lernen soll.

Gehen, Sprechen und Denken sind drei Kräfte, die uns in den drei ersten Jahren durch den Christusimpuls gegeben werden. R. Steiner zitiert hierzu das Wort „Ich bin der Weg , die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Der Weg entspricht dem Gehen Lernen, die Wahrheit entspricht dem Sprechen lernen und das Leben entspricht dem Denken. Das Denken stammt seinem Ursprung nach aus dem Lebens - oder Ätherleib (GA 26, Leitsatz Nr. 100).  

Diese Wirkungen des Christusimpulses gelten für alle Menschen. Ein wichtiges Argument gegen den Rassismusvorwurf, dem sich die Anthroposophie immer wieder ausgesetzt sieht. Diese Wirkungen gelten aber auch für alle Menschen, die jemals geboren worden sind, also seit Beginn der Schöpfung. Das ist einer der Hinweise, dass Christus von Anfang an bei der Schöpfung dabei gewesen ist, wie es ja auch im Evangelium gesagt wird: „Im Urbeginne war das Wort“ (Johannes 1,1). Mit diesem Wort ist der Sohn Gottes oder Christus gemeint.

Wie kommt es aber nun, dass die drei Christuskräfte des Gehens, Sprechens und Denkens nur dann wirken, wenn auch Menschen in der Umgebung für denjenigen da sind, der gehen, sprechen und denken lernen soll? Das ist die physiologisch, biologische Ebene dessen, was wir seelisch als Inbegriff des Christentums empfinden: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, das bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20). So tiefgehend wirksam ist der Christusimpuls, dass er gemäß dieser Worte auch bis in die Physiologie des Gehens, Sprechens und Denkens wirksam ist.

Herzlich alles Gute zum Neuen Jahr

Ihr Friedwart Husemann