Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Inzwischen erschien von Martina Maria Sam „Rudolf Steiner – die Wiener Jahre 1884 -1890“, Dornach, 2021, 536 Seiten, € 50,00. Von derselben Autorin erschien 2018 der erste Band über „Rudolf Steiner - Kindheit und Jugend“. Auf beide Werke werde ich in meinen Rundbriefen noch mehrfach zurückkommen. Mein zusammenfassendes Urteil über Frau Sams Arbeiten: eine ganz andere Stufe der Biographik als bisher. Frau Sam beseitigt den Mehltau, den Christoph Lindenberg teilweise und Helmut Zander vollständig über R. Steiners Leben gelegt haben.
Es gibt vielleicht nichts Interessanteres als die Biografie Rudolf Steiners. Wie er schon als kleiner Junge im Stationsbüro seines Vaters das Telegraphieren lernte, also das Morsealphabet von Kindertagen an selbstverständlich handhaben konnte. Wie er als Realschüler und Student der Technischen Hochschule gerade nicht in eine literarische, humanistische, philosophische oder religiöse Richtung erzogen und ausgebildet worden ist, in der er später hauptsächlich tätig war. Und vor allem: welche allerverschiedensten Menschen er kennenlernte, wie er mit ihnen befreundet war, wie er sie liebte. Dann aber später einen Weg ging, der von seinen damaligen Freunden nicht verstanden worden ist.
Nehmen wir als Beispiel Marie Eugenie delle Grazie (1864 – 1931, siehe das Foto oben). Steiners Lehrer K. J. Schröer war zunächst von ihr begeistert, später distanzierte er sich wegen ihrer pessimistischen Grundhaltung. R. Steiner schrieb ein Sendschreiben an die Dichterin „Die Natur und unsere Ideale“ (GA 30, S. 237 ff.), das er später als „Urzelle seiner Philosophie der Freiheit“ bezeichnete. Den Pessimismus lehnte Steiner ab, die künstlerische Kraft, mit welcher dieser Pessimismus gestaltet wurde, den bewunderte er. Schröer war von Steiners Text enttäuscht und sagte zu ihm, wenn er so über den Pessimismus schreibe, dann hätten sie sich nie verstanden (GA 28, Kap. VII). R. Steiner war betroffen. Es ging damals ein „wirklicher Riss“ durch sein Gefühlsleben (ebenda). Auf der einen Seite dieses Risses sein geliebter Lehrer Schröer, auf der anderen Seite der Kreis um Marie Eugenie delle Grazie, wo er sich trotz der inhaltlichen Gegensätze menschlich so wohlfühlte. Es folgten mehrere Feuilletons, die R. Steiner über die Dichterin schrieb. Sie bedankte sich jeweils sehr herzlich. Um die Jahrhundertwende, als R. Steiner schon in Berlin war, schrieb Marie Eugenie delle Grazie an R. Steiner über dessen neuesten Artikel, sie sähe sich durch seine Worte wie in einem Spiegel, so treffend seien sie. Dann kam kurz darauf R. Steiners theosophische Zeit, und Marie Eugenie delle Grazie war mehr als irritiert. Sie schrieb 1904 die Komödie „Narren der Liebe“, wo ein gewisser Dr. Benno Randolph vorkommt, mit dem sie R. Steiner persiflierte. Steiner blieb ein Verehrer von delle Grazies Dichtungen, rezitierte ihre Werke in der Arbeiterbildungsschule und ließ ihre Texte später auch von Marie Steiner deklamieren. Den „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“ (1919) unterschrieb delle Grazie. Dann kam 1924/25 die Artikelserie „Mein Lebensgang“, wo R. Steiner den Kreis um delle Grazie ausführlich beschrieb und ihn als „Stätte des Anti-Goetheanismus“ bezeichnete. Darüber war delle Grazie enttäuscht. Sie schrieb an C. S. Picht, dass sie gerade damals doch jeden Abend ein Goethe Gedicht gelesen habe. R. Steiner meinte aber mit Goetheanismus nicht den Dichter von „Füllest wieder Busch und Tal...“, sondern den Goethe, aus dessen Denkweise sich so etwas wie die Anthroposophie entwickeln konnte. Eben diese Goethe`sche Methode war es, die im Kreis um delle Grazie abgelehnt wurde.
Die genannten Enttäuschungen und Risse kann man verstehen, wenn man sich in die beteiligten Persönlichkeiten und deren Denkweise versetzt. R. Steiners Weg und seine Geistesfreiheit, Toleranz und vor allem seine Liebefähigkeit waren für seine Freunde eine Herausforderung, vielleicht auch eine Überforderung. Ähnlich wie bei delle Grazie war es bei Rosa Mayreder, bei Moritz Zitter, bei Hermann Bahr, bei Friedrich Eckstein und teilweise auch bei den Söhnen der Familie Specht.
So wie mit seinen Freunden, so war es auch mit den Denkern und Forschern, mit denen R. Steiner sich identifizierte, es waren Menschen mit so grundverschiedenen Ansichten wie: Thomas von Aquin, Goethe, Max Stirner, Eduard von Hartmann, Franz Brentano, Friedrich Nietzsche und Ernst Haeckel. Sicher ist, dass R. Steiner selbst aus all diesen Identifikationen und vielseitigen Freundschaften den größten Gewinn gezogen hat und zeitlebens dafür sehr dankbar war.
Was lag hier vor? R. Steiners Leben war ein Leben der künftigen Epoche. In Zukunft (im 6. nachatlantischen Zeitraum) wird nämlich jeder andere Mensch, dem wir begegnen, mehr mit unserem Ich zu tun haben als wir selbst: „Das Sonderbare wird eintreten, dass jeder andere, der uns begegnet und der etwas mit uns zu tun hat, mehr mit unserem Ich zu tun haben wird als dasjenige, was da in der Haut eingeschlossen wird. So steuert der Mensch auf das soziale Zeitalter zu…“ (GA 187, 27.12.1918). Dasselbe christologisch gesagt: ohne dass unser Ich eine solche „Hohlform“ wird, kann der Christus nicht in uns einziehen (ebenda). Das wird zwar erst im 4. Jahrtausend allgemein menschlich, aber solche Entwicklungen bereiten sich vor. Man kann dadurch R. Steiners Wandelbarkeit, Vielseitigkeit und Lernfähigkeit verstehen. Er lernte in viel höherem Maße von anderen Menschen als uns das möglich ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Im vorigen Rundbrief habe ich etwas provozierend den Vergleich gebraucht, dass Christoph Lindenberg „teilweise“ und Helmut Zander „vollständig“ einen Mehltau über Rudolf Steiners Leben gebreitet haben. Daraufhin hat mir ein sehr belesener und kompetenter Leser geantwortet, dass man diese beiden Autoren in „einem Atemzug“ so nicht nennen dürfe. Der Unterschied sei zu groß. Weil dieser Einwand berechtigt ist, will ich heute auf die Verdienste von Christoph Lindenberg eingehen und dann etwas genauer erörtern, was ich mit dem „teilweise“ gemeint habe.
Christoph Lindenberg hat als Auftakt zu seiner großen Biographie ein ganz hervorragendes Buch geschrieben „Rudolf Steiner – eine Chronik“, Stuttgart, 2. Auflage, 2010. Als dieses Buch 1988 in erster Auflage erschien, habe ich es mit größtem Interesse in einem Zug gelesen. Es ist schlicht und einfach überwältigend, was R. Steiner wo, wann, wie, in welcher Reihenfolge und in welcher Dichte Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr geleistet hat. Ganz unabhängig vom mitgeteilten Inhalt ist allein diese außerordentliche Lebensleistung bewunderungswürdig. Die Chronik Lindenbergs ist mir seitdem zu einem wichtigen Lebensbegleiter geworden.
Christoph Lindenberg hat ein sehr gutes Buch über „Motive der Weihnachtstagung im Lebensgang Rudolf Steiners“, Stuttgart, 1994 geschrieben. Das Motiv der Verzögerung im Leben Rudolf Steiners, die Verzögerung durch die Goethe Arbeit am Anfang, dann im Weiteren, wie er erst in den letzten 9 Monaten bis zu seiner Erkrankung im September 1924 das aussprechen konnte, was er von Anfang an hätte sagen wollen, nämlich die Karma Forschung. Weiterhin die Weihnachtstagung als Wagnis. All dies arbeitet Lindenberg meines Erachtens überzeugend heraus.
Die eigentliche große Biographie in zwei Bänden (Stuttgart, 1997, Tb 2011) enthält natürlich auf weiten Strecken sehr vieles, was ich richtig und gut finde und für dessen Darstellung ich dankbar bin. Bei einigermaßen ehrlichem Vorgehen kann man so ein Leben wie das R. Steiners gar nicht „kaputt machen“. Aber eben deswegen sind die Eigenwilligkeiten, die Lindenberg in demselben Werk sich leistet, umso auffallender. Damit kommen wir zu dem, was ich im vorigen Rundbrief als den „teilweisen Mehltau“ in dieser Biographie und vor allem in Lindenbergs Schrift „Individualismus und offenbare Religion“ (Stuttgart, 1970, 1995) bezeichnet habe.
Ein gewisser Mehltau ist es, wenn Lindenberg in Oberlehrer–Attitüde betont, dass R. Steiner die Technische Universität nach acht Semestern Studium ohne Abschluss verlassen habe, wie wenn dies ein Makel oder Versagen R. Steiners gewesen wäre. Es gab aber an der TU gar keinen Abschluss, wie Frau Sam in ihrer Biographie „Rudolf Steiner, die Wiener Jahre“, Dornach, 2021 feststellte. Nur wenn man Lehrer am Realgymnasium werden wollte, brauchte man einen Abschluss. Das wollte R. Steiner aber nicht. Da hätte Lindenberg eine solche Konstitution der TU erwähnen oder erforschen oder wenigstens den Willen R. Steiners berücksichtigen müssen.
Genauso ist es mit der Note „rite“ bei Steiners Dr Arbeit. Diese Benotung erwähnt Lindenberg zwar nicht, aber irgendein anderer Beckmesser, ich weiß nicht mehr, in welcher Zeitung ich es gelesen habe. Ich füge es hier nur wegen desselben Kontextes an. In Rostock gab es für externe Doktoranden, wie R. Steiner einer war, nur „rite“, mehr kriegte man nicht. „Rite“ ist die schlechteste Note, mit der man eine Dr Arbeit abschließen kann. Wenn man das jedoch nur allein erwähnt, kommt Steiner in ein schiefes Licht.
Es ist teilweiser Mehltau, wie Lindenberg R. Steiners Verhältnis zu Radegunde Fehr meint in dem Schwellenerlebnis des Johannes Thomasius wiederfinden zu können („Pforte der Einweihung“, 2. bzw. 9. Bild: „in bittere Not gebracht“ „verlassen“). Dabei steht im Lebensgang, dass Radegunde Fehr und Rudolf Steiner über ihre Liebe nie haben sprechen können. Durch dieses beiderseitige Schweigen lag kein verbindliches Verhältnis vor. Also konnte es auch nicht gebrochen oder verlassen werden. Es war platonische Liebe im wahrsten Sinne des Wortes.
In Sams Biographie habe ich erstmals zwei Fotos von Radegunde gesehen. Dieses Bild erschien in den bisherigen Bildbänden noch nicht. Man will doch das Bild derjenigen Frau sehen, die R. Steiner als „Sonnenhaftes“ in seinem Leben erlebte, mit der er zusammen einen „glücklichen Lebensabschnitt“ verbrachte.
Es ist deutlicher Mehltau, dass Lindenberg bei der Nietzsche Affäre R. Steiner als Postenjäger darstellt und ihm unterstellt, dass er auf das zu erwartende Honorar spekuliert habe.
Die Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (1. bis 4. Band ergaben 15 Jahre Erscheinungsabstand) musste sich R. Steiner abringen, er musste sich immer wieder jedes Wort und vor allem jeden Gedanken mühsam erarbeiten, um in Goethes Art über Goethe schreiben zu können. Das beschreibt R. Steiner im Lebensgang ausführlich. Das erwähnt Lindenberg nicht, sondern stellt Steiner als saumselig und unzuverlässig hin, weil er die Termine zur Abgabe der Manuskripte gegenüber Kürschner nicht eingehalten hat. Man hätte auch sagen können, dass Steiner ein starkes Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem hatte, was er schrieb.
Auf solch einen Gedanken kam aber Lindenberg nicht, das wäre ja „Hagiographie“ gewesen. Das war in den 90er Jahren das Schlimmste, wenn man eine sogenannte Hagiographie über Steiner geschrieben hätte, so wie das allerdings – im Sinne Lindenbergs gesprochen - alle anderen Biographen in der Zeit vor Lindenberg getan hatten: Albert Steffen, Ita Wegman, Marie Steiner, Günther Wachsmuth, Elisabeth Vreede, Ilona Schubert, Friedrich Rittelmeyer, Friedrich Hiebel, Emil Bock, alle Autoren von „Wir erlebten R. Steiner“ und „Erinnerungen an R. Steiner“, Assia Turgenjew, Andrey Belyj, Margarita Woloschin: alles „Hagiographen“?(Hagiograph heißt „Heiligenleben Erzähler“). Also Lindenbergs Biographie ist die erste „Nicht-Hagiographie“. Leider merkt man das aber im negativen Sinn.
Der schlimmste Mehltau, den Lindenberg über Steiners Leben breitete, ist seine Auffassung über Steiners Verhältnis zum Christentum, der sogenannte Haupt - Widerspruch in Steiners Leben. Lindenberg zitiert nicht, was R. Steiner zu seinen angeblichen Widersprüchen mit etwa einem Dutzend Textstellen schriftlich gesagt hat. Wenn die Philosophie der Freiheit „auf den Christusimpuls gebaut ist“, wie Steiner selbst sagte und viele Anthroposophen nach Steiner durchaus plausibel gemacht haben (Heinrich Leiste, Friedrich Hiebel, Frank Teichmann, Lorenzo Ravagli und s. u.), dann kann es in dem Sinne, wie Lindenberg meinte, nicht einen „Weg“ R. Steiners zum Christentum gegeben haben. Ich habe dazu ein Buch geschrieben „R. Steiners Entwicklung“, Dornach, 1999, und Sie finden in dem letzten Kapitel meines Buches „R. Steiners Schriften in 50 kurzen Porträts“, Dornach, 2018 eine Zusammenfassung. Beide Bücher sind im Buchhandel erhältlich.
Es ist eine philologische Selbstverständlichkeit, dass man das, was man über eine Person sagt, an dem prüft, was diese Person in derselben Sache über sich selbst sagte (in unserem Falle R. Steiner, seine Widersprüche, sein Zugang zum Christentum). Das hat Lindenberg versäumt. Die wichtigste Stelle im Lebensgang lautet: „Ich bewegte mich nicht, wie viele glauben, in Widersprüchen vorwärts. Wäre das der Fall, ich würde es gerne zugeben. Allein es wäre nicht die Wirklichkeit in meinem geistigen Fortgang. Ich bewegte mich so vorwärts, dass ich zu dem, was in meiner Seele lebte, neue Gebiete hinzufand“ (Kap. XXX). Dieses Zitat verschweigt Lindenberg. Dieses Zitat verschweigt auch Emil Bock, der die Meinung von der angeblichen „paulinischen Wende“ in R. Steiners Leben begründete. Solch eine Meinung kann man natürlich haben. Es ist „der Glaube von Vielen“ (s.o. Zitat Lebensgang), also eigentlich nichts Besonderes. Deswegen wurde er ja auch von Emil Bock, Lindenberg, Gerhardt Wehr und Lorenzo Ravagli u. a. aufgewärmt. Aber man sollte doch solch eine Meinung in Bezug setzen zu dem, was der Betroffene selbst dazu schriftlich gesagt hatte, wenn man sich biographisch über den Betreffenden äussert. Paulus wenigstens hat seine Wende mehrmals selbst beschrieben, sein Reisbegleiter Lukas in der Apostelgeschichte nicht weniger als dreimal. R. Steiner dagegen hat seine angebliche Wende bzw. seine Entwicklung in Widersprüchen bzw. eine paulinische Wende nicht nur nicht beschrieben, sondern sogar expressis verbis abgelehnt.
Was R. Steiner hier über seine nicht vorhandenen Widersprüche in seinem Leben gesagt hat, ist inhaltlich zu verstehen, man darf es nicht verwechseln mit dem sogenannten „tiefgehenden Umschwung“ (Lebensgang, Kap. XXII), den R. Steiner in Bezug auf seine Seelenkräfte und seine Erkenntnis- und Wahrnehmungsweise erlebte. Davon konnte nur er selbst etwas sagen, auch war es methodisch gemeint. Wir wüssten davon nichts, wenn er es nicht selbst berichtet hätte.
Lindenberg hat – summa summarum - den „Lebensgang“ nicht ernst genommen, sondern so gut es ging relativiert. Er meinte, das sei historisch korrekt oder eben antihagiographisch. Damit bekommt seine Darstellung aber stellenweise einen tendenziösen Charakter, weil er entscheidende Selbstzeugnisse des Betroffenen weglässt.
Diese Methode, das wegzulassen, was einem nicht passt, systematisch ausgebaut, ist dann der Fall Zander. Was Lindenberg mit „Mein Lebensgang“ (oder einschränkend gesagt mit dem genannten Zitat aus dem Lebensgang) gemacht hat, das machte Zander mit dem ganzen Werk R. Steiners.
Um es zuletzt nochmal ins Positive zu wenden. Dieses Weglassen dessen, was einem nicht passt, ist in Martina Maria Sams „Rudolf Steiner - Kindheit und Jugend“ (1. Band) und „Rudolf Steiner – die Wiener Jahre“ (2. Band) in keiner Weise der Fall. Sie bringt alle zugänglichen Quellen in so schöner Ordnung, dass die Tatsachen selbst sprechen. Sie lässt nicht nur nichts weg, sie bringt sogar mehr als alle bisherigen Biographen. Wenn aus den Karma Vorträgen über Friedrich Theodor Vischer oder über Kronprinz Rudolph etwas bekannt ist, dann bringt sie es ausführlich schon für die Zeit, wo R. Steiner mit diesen Personen Jahrzehnte vor den Karma Vorträgen etwas zu tun hatte. Sie referiert die früheren Erdenleben dieser Personen, wie R. Steiner sie erforscht hat. Das finde ich richtig, weil dadurch mit einer neuen Farbe aus seiner Umgebung auf R. Steiners Leben ein Licht fällt. Das Werk R. Steiners ist eben ein Ganzes. Es ist ja kein Zufall, welche Personen R. Steiner in den Karma Vorträgen behandelte. Eigentlich merkt man gar nicht, dass M. M. Sam eine eigene Meinung hat. Sie referiert eben Steiner. Sie ist der Sache verpflichtet und will diese zur Geltung bringen und sonst nichts. Also die eigentliche und vorbildliche biographische Methode.
Für mich ist deswegen das Lesen der Biographien Martina Maria Sams eine große Erleichterung, eine Genugtuung, dass sie das notwendige Gegengewicht gegen Lindenberg und ganz besonders natürlich gegen Zander ohne viel Aufhebens, nur durch ihre Gründlichkeit, ihre gedanklich-bewegliche Geschicklichkeit und ihre methodische Lauterkeit erreicht hat. Es gibt auch Stellen, wo sie Zander direkt widerlegt, ganz hervorragend, aber das führte jetzt zu weit und bringe ich dann mal später.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Christian Morgenstern veröffentlichte 1895 seinen Erstling „In Phantas Schloß“. R. M. Rilke war ganz begeistert und schrieb an Morgenstern einen Brief, dem er sogar ein eigenes Gedicht über „Phanta“ beifügte. Die Gedichte „Mondaufgang“ und „Epilog“ hatte Rilke jeweils „wohl zehnmal“ gelesen. Besonders hatte es ihm die letzte Zeile vom „Epilog“ angetan. Ich bringe hier die letzte Passage dieses Gedichtes, wo der Dichter sich wieder zurück zum Mutterherzen der Natur wendet:
„………
hab ich mich wieder heimgefunden
zum Mutterherzen der Natur!
In ihm ist alles groß und echt,
von gut und böse unentweiht:
Schönheit ist Kraft ihm, Kraft ihm Recht,
sein Pulsschlag ist die Ewigkeit.
Wen dieser Mutter Hände leiten
vom Heut ins Ewige hinein,
der lernt den Schritt des Siegers schreiten,
und Mensch sein heißt ihm König sein.“
Der Satz „Und Mensch sein heißt ihm König sein“, der gefiel Rilke.
Über diesen Satz wollen wir noch etwas nachdenken.
Es kann ja nur ein inneres Königtum gemeint sein. So etwas wie das „selbstlose Selbstbewusstsein“, von dem R. Steiner in der Michaelimagination spricht (GA 229, 5.10.1923). Ein Selbstbewusstsein, das die Welt durchschaut, so wie die drei Könige damals den König Herodes durchschauten. Damals war es ein Traum, den die drei richtig deuten konnten. Heute gibt es der Herr den Seinen nicht mehr im Schlafe, sondern die heutige „via regia ins Geistige“ erscheint sehr nüchtern. Sie ist das Studium der Geisteswissenschaft, die für den heutigen Menschen schon die erste Stufe der Geistesschülerschaft bedeutet. Unser Intellekt ist es nämlich, welcher der Erlösung bedarf, der Erlösung durch spirituelle Begriffsbildungen. Der Intellekt muss verwandelt werden, es nützt nichts, ihn vermeiden zu wollen, sonst landet man bei Luzifer.
Zu all dem passend schreibe ich Ihnen folgende Stelle, die richtig betrachtet unsere besten Kräfte aufrufen kann:
„Denn die Wahrheit hat Wege, welche nur sie auffinden kann, und welche den Mächten der Finsternis doch nicht auffindbar sind. Möchten wir uns vereinigen, alt und jung, jung und alt, um uns einen klaren Blick anzueignen für das Auffinden solcher Wahrheitswege“ (GA 204, 9.4.1921).
Herzliche Grüße zur Dreikönigszeit
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Lieber Freunde
Goethe schrieb: „Was in die Erscheinung tritt, muss sich trennen, um nur zu erscheinen“ („Polarität“, dtv Ausgabe, München, 1963, Band 39, S. 174). Dieser Satz gilt auch für die Erscheinung Christi auf Erden. Wir müssen unterscheiden zwischen dem Menschen Jesus und dem Christus als Gott, wir müssen unterscheiden zwischen Königen und Hirten, die zwei verschiedene Jesusknaben angebetet haben. Und in jedem menschlichen Kind, das geboren wird, müssen wir abermals unterscheiden das Menschliche von dem im Menschen wirksamen Christus - Göttlichen.
Der Hinblick auf das Jesuskind
Das Jesuskind hat sich zwar zur Hülle des Christus entwickelt, es war gewissermaßen der Vorverkünder des Christus, aber nicht der Christus selbst. Die Sentimentalität des „herzlieben Jesulein“ ebenso wie der Materialismus des „schlichten Mannes aus Nazareth“ waren nur dadurch möglich, dass man in der Neuzeit glaubte, zusammen mit dem Jesus sei gleichzeitig der Gott der Christenheit geboren worden.
Mit diesem Vorurteil kann man auch die zwei Jesusknaben nicht begreifen. Die zwei Jesusknaben ergeben sich aus den Evangelien, zweitens hatten die Essäer eine doppelte Messias Erwartung, wie man durch die Qumran Funde 1947 feststellte, und drittens hat R. Steiner die zwei Jesusknaben als Inhalt seiner Forschung in vielen Facetten beschrieben. Die beiden Knaben werden zu einer Absurdität, wenn man sich vorstellen soll, dass auch der göttliche Christus mit jedem dieser beiden Knaben erschienen sein sollte.
Die Einheitlichkeit des Christusbegriffes wird durch die zwei Jesusknaben gar nicht berührt, sondern im Gegenteil. Der komplizierte Wesensaustausch zwischen den Jesusknaben, der mit 12 Jahren sich ereignete, der Tod des einen und das Weiterleben des anderen, all das macht die spätere, große Wesensdurchdringung des göttlichen Christus mit dem menschlichen Jesus bei der Jordantaufe umso plausibler.
Die jungfräuliche Empfängnis, ein weiteres skandalon des christlichen Glaubens, wird sofort verständlich, wenn man sie auf die Jordantaufe bezieht. Der Christus, der Logos, das Welten – Ich oder der Gottessohn ergriff erst bei der Jordantaufe den Leib des Jesus, der damals 30 Jahre alt war. Diese tatsächlich jungfräuliche Ich – Empfängnis hat man etwa ab dem 6. Jahrhundert nach Christus nicht mehr verstanden und in die menschliche Maria zurückgeschoben (GA 353, 26.3.1924). Damit wurde dann eine biologische Absurdität zum Dogma.
Bei der Jordantaufe ereignete sich ein Ich – Austausch: das Ich des Jesus verließ den Jesusleib, und das Welten – Ich des Christus zog in die übrigen Hüllen des Jesus ein. Dies ist recht verstanden der heiligste Vorgang überhaupt, wenn das Christentum einen Sinn haben soll. Es ist tragisch, wieviel Unsinn und Widersinn über das Christentum gekommen sind, ein jahrhundertelanger immer dicker werdender Mehltau, der sich über das wichtigste Ereignis der Weltentwicklung gebreitet hat.
Der Hinblick auf jedes Kind, welches geboren wird
Während man also der Jesusgeburt etwas von ihrer irrtümlicherweise gegebenen Göttlichkeit wegnehmen muss, um das Ganze richtig zu verstehen, ist es bei der menschlichen Geburt gerade andersherum. Ihr muss eine neue Christusgöttlichkeit gegeben werden. Damit ist keine Überheblichkeit verbunden, sondern die Erkenntnis des Christusimpulses, der in allen Menschen wirkt, seitdem Menschen geboren werden, natürlich auch in den beiden Jesusknaben, die darüber hinaus einer ganz besonderen geistigen Führung unterlagen.
Es geht hier um die ersten drei Jahre des Kindes, wie sie R. Steiner in dem Buch „Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit“ (GA 15) schildert. Im ersten Jahr lernt das Kind sich aufzurichten und zu gehen. Im zweiten Jahr lernt es das Sprechen. Im dritten Jahr lernt es das Denken.
Das Aufrichten des Menschen ist kein genetisch determinierter Vorgang. Es gibt einige Berichte über Wolfskinder, aus denen das ersichtlich wird. Am bekanntesten wurden die „Wolfskinder von Midnapore“ von J.A.L. Singh mit einem Vorwort von Adolf Portmann (Heidelberg 1964). Der in Indien arbeitende Missionar Singh fand Anfang 1920 die beiden Kinder, die auf allen Vieren liefen, die Zähne fletschten und nachts wie Wölfe heulten. Nur langsam gewöhnten sie sich an menschliche Eigenschaften und an menschliche Nahrung. Das eine der beiden Mädchen starb früh, sie war etwa 7 Jahre älter als das andere Mädchen. Das jünger Mädchen lernte nach einigen Jahren das Gehen auf den Knieen und zuletzt sogar das aufrechte Stehen. Dann fing sie an, die menschliche Sprache zu verstehen, und zuletzt hatte sie einen Wortschatz von ca. 30 Worten. Noch etwas später fing sie an, Zusammenhänge zu begreifen und konnte kleine Aufträge durchführen. Sie starb dann in einem ähnlichen Alter wie ihre Schwester mit etwa 9 Jahren. Man sieht daran, dass es des menschlichen Vorbilds bedarf, wenn der Mensch sich aufrichten, sprechen oder denken lernen soll.
Gehen, Sprechen und Denken sind drei Kräfte, die uns in den drei ersten Jahren durch den Christusimpuls gegeben werden. R. Steiner zitiert hierzu das Wort „Ich bin der Weg , die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Der Weg entspricht dem Gehen Lernen, die Wahrheit entspricht dem Sprechen lernen und das Leben entspricht dem Denken. Das Denken stammt seinem Ursprung nach aus dem Lebens - oder Ätherleib (GA 26, Leitsatz Nr. 100).
Diese Wirkungen des Christusimpulses gelten für alle Menschen. Ein wichtiges Argument gegen den Rassismusvorwurf, dem sich die Anthroposophie immer wieder ausgesetzt sieht. Diese Wirkungen gelten aber auch für alle Menschen, die jemals geboren worden sind, also seit Beginn der Schöpfung. Das ist einer der Hinweise, dass Christus von Anfang an bei der Schöpfung dabei gewesen ist, wie es ja auch im Evangelium gesagt wird: „Im Urbeginne war das Wort“ (Johannes 1,1). Mit diesem Wort ist der Sohn Gottes oder Christus gemeint.
Wie kommt es aber nun, dass die drei Christuskräfte des Gehens, Sprechens und Denkens nur dann wirken, wenn auch Menschen in der Umgebung für denjenigen da sind, der gehen, sprechen und denken lernen soll? Das ist die physiologisch, biologische Ebene dessen, was wir seelisch als Inbegriff des Christentums empfinden: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, das bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20). So tiefgehend wirksam ist der Christusimpuls, dass er gemäß dieser Worte auch bis in die Physiologie des Gehens, Sprechens und Denkens wirksam ist.
Herzlich alles Gute zum Neuen Jahr
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
In diesen Tagen wird die Sonne schwächer und die Nächte werden länger, sodass Dunkelheit und Finsternis überwiegen. Viele Menschen werden etwas depressiv. Das ist auch einer der Gründe für den Weihnachtsstress, der jedes Jahr regelmäßig wieder kommt, trotz der guten Vorsätze, die man sich im vorigen Jahr gemacht hatte.
Bis das wirkliche Weihnachtslicht kommt, gibt es den Übergang, wo Licht und Finsternis sich in den Farben begegnen. Entsprechend heißt es in der Adventsepistel der Menschenweihehandlung: „Das Glänzen des Sonnenwagens, Das Leuchten des Farbenbogens, der den Himmel umspannt“. (Über die Jahreszeitengebete oder Episteln der Menschenweihehandlung hat Günther Dellbrügger ein wunderbares Buch geschrieben: „Im Herzland“, Urachhaus Verlag). Die Geistesahnung, die der Advent in sich birgt, will verstanden und empfunden sein: „Die Ahnung gehört zu den allerwohltätigsten Gefühlen der Menschenseele“ (GA 113, 30.8.1909). Also diese Wohltat gilt es, im Advent zu gestalten.
In den Klassenstunden ist es im Hinblick auf die Farben ähnlich. Wenn der Geistesschüler im Laufe von 16 Stunden die Finsternis des Erdenseins langsam und schrittweise überwunden hat und das keimende Geisteslicht zu spüren beginnt, dann kommen in der 17. Stunde die wunderschönen Sprüche über den Regenbogen (GA 270, 5.7.1924). In der 19. Stunde wird dann das Geisteslicht entzündet.
In der Klassenstunde und in der Menschenweihehandlung ist es nicht der physisch sichtbare Regenbogen, sondern es ist derjenige Farbenbogen, der sich ergibt, wenn die Finsternis unseres Sinnendaseins sich begegnet mit dem Licht des Geistes. So wie Christus es bei der Heilung des Blindgeborenen ausspricht: „Ich bin in diese Welt gekommen zur Entscheidung darüber, ob diejenigen, die nicht sehen, sehend werden, und diejenigen, die sehend sind, blind werden“ (Johannes 9, 39). Diese paradoxe Rede hat nur dadurch einen Sinn, dass das geistige Licht gemeint ist, demgegenüber unsere physische Welt eine Finsternis ist. Vom geistigen Licht her betrachtet sind wir alle Blindgeborene, die der Heilung bedürfen. Der erste Schritt ist, dass wir uns unserer eigenen geistigen Blindheit bewusst werden.
So ist es nicht nur in der Welt und außerhalb von uns, sondern so ist es auch in uns. Unser eigener Ätherleib, der seinem Wesen nach ein reiner Lichtleib war und auch wieder ein reiner Lichtleib werden soll, wurde von dem Geist der Finsternis, von Ahriman, so verdunkelt, dass wir sein ätherisches Licht nicht mehr sehen, sondern nur noch das äußere Licht schauen können.
In diesem Sinne hat der Auferstandene seine intimeren Schülern ein Lichtgebet gelehrt, das Rudolf Steiner für unsere Zeit mit folgenden Worten überliefert hat:
„Oh, ihr Mächte, lasset mich bewusst im Lichte aus dem Licht heraus hinschauen auf die Vorgänge meines eigenen Lichtleibes und dämpfet ab, nehmet weg die Kraft und Macht der ahrimanischen Kräfte, die mir verdunkeln und herabdämmern die Vorgänge im eigenen Lichtleib! Lasset mich bewusst aus dem Lichte mein eigenes Licht schauen! Lasset mich aus dem Lichte bewusst das Licht schauen, und nehmet weg die Mächte, die mich verhindern, aus dem Lichte das Licht zu schauen“ (GA 165, 2.1.1916).
Herzliche Grüße zum Advent Ihr Friedwart Husemann
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