Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Es gibt sieben nachatlantische Kulturperioden, wir leben zurzeit in der fünften (1413 bis ca. 3500). Die Kulturperioden sind aufeinander bezogen und innerlich miteinander verbunden. So wird die siebente Periode in gewisser Weise die erste wiederholen. Die sechste wird eine Wiederspiegelung der zweiten sein. Die dritte, also die ägyptisch – chaldäische Kulturperiode, kehrt in unserer fünften wieder.
Die Namen der genannten Perioden bzw die Seelenglieder, die dabei ausgebildet werden bzw. noch ausgebildet werden sollen, sind folgendermaßen: 1. Uralt – indisch (Ätherleib) 2. Uralt – persisch (Empfindungsleib) 3. Ägyptisch – chaldäisch (Empfindungsseele) 4. Griechisch – römisch (Verstandesseele) 5. Gegenwärtige Periode (Bewusstseins Seele) 6. Slawische Kulturperiode (Geistselbst) 7. Amerikanische Kulturperiode (Lebensgeist). Jede Epoche dauert ca. 2100 Jahre, den zwölften Teil des platonischen Weltenjahres. Die uralt indische und die uralt persische Kulturperiode sind prähistorisch, ebenso wie die atlantische Flut, von der es zwar viele Sagen und Mythen bei fast allen Völkern gibt, aber historisch keine Belege. Nach den Forschungen R. Steiners ist die atlantische Flut (Sintflut der Bibel) eine gesicherte Tatsache.
Was wir jetzt genauer betrachten wollen, ist unser ägyptisches Erbe. Das muss man heute wissen, um die Tendenzen in unserer Zeit richtig beurteilen zu können, z.B. auch so etwas wie die Corona Krise. Die geistige Führung dieser Epochen ist verschieden (Näheres in GA 15 „Die geistige Führung des Menschen und der Menschehit“). Bei der ersten und dann wieder bei der siebenten Epoche führten bzw. werden führen Engel, Erzengel und Urkräfte. Bei der zweiten und dann wieder bei der sechsten führten bzw. werden führen Engel und Erzengel. Während der ägyptischen Zeit und während unserer jetzigen, fünften Periode führten bzw. führen nur noch die Engel. In der griechisch – lateinischen Zeit führten keine höheren Hierarchien, sondern der Mensch war auf sich gestellt. In dieser vierten nachatlantischen Periode ereignete sich das Mysterium von Golgatha als Mittelpunkt aller Entwicklung.
In der vierten Epoche waren es Menschen, die den Christus kennenlernten und ihn in sich aufnahmen. In der ägyptischen Periode waren es die Engel, die den Christus kennenlernten; in der zweiten Periode waren es die Erzengel und in der ersten waren es die Archai. Je höher die Hierarchien, desto früher haben sie den Christus kennenlernen können. In der geistigen Welt und in den Mysterien hatte man die Annäherung des Christuswesens an die Erde und sein künftiges Wirken auf der Erde vorhergesehen und mitverfolgt.
Und jetzt das Problem, was einen beim ersten Kennenlernen erschüttern kann: nicht alle Engel in der ägyptischen Zeit haben sich der Führung des Christus unterstellt! Vielmehr ist eine gewisse Zahl der Engel zurückgeblieben, sie haben nicht die ihnen vorbestimmte Reife erreicht und müssen als luziferische Engel bezeichnet werden. Wir blicken hier in eine der vielen Ursprünge des Bösen in der Welt. Gleichzeitig werden wir aber auch das Notwendige und das innerlich Opfervolle eines solchen Zurückbleibens verstehen lernen.
Unser ägyptisches Erbe besteht aus zwei Strömen. Einerseits die Engel, die sich der Führung des Christus unterstellt haben, sie wollen uns jetzt in dieser fünften Periode zu Christus und zu einer spirituellen Auffassung des Lebens führen. Rosenkreuzertum und Anthroposophie bemühen sich, dieser Strömung einen Ausdruck zu geben. Andererseits die damals in Ägypten zurückgebliebenen, luziferischen Engel. Sie sind heute die Inspiratoren des Materialismus. Die ägyptische Kultur hatte „einen starken materialistischen Einschlag ihrer Spiritualität, der sich zum Beispiel darin einen Ausdruck gab, dass man den physischen Leib der Verstorbenen einbalsamierte…Aus der Gesinnung, welche die Leichen einbalsamierte, wurden die Anschauungen, die heute bloß den Stoff anbeten“ (GA 15, II). Wenn man heute sagt, die Welt besteht aus Atomen, so rührt das von den Engeln her, die in der ägyptischen Zeit luziferisch geworden sind und heute materialistisch wirken. Wenn es nach den christlichen Engeln aus der ägyptischen Zeit gehen würde, dann würden die Menschen heute ganz anders denken. Und so wird es in Zukunft tatsächlich auch sein, dass es nämlich Physiker und Chemiker geben wird, die nachweisen, wie „der Christus die Materie angeordnet hat“ (GA 15, III). Der christliche Impuls wird sich durchsetzen.
Und warum ist es geschehen, dass den christlichen Engeln ein solcher Widerpart entstanden ist? Ohne diesen Widerstand würde es unserer Kultur an der nötigen Schwere fehlen. Die schönsten Dinge können zu Verführern und Versuchern werden: „So wahr es ist, dass die Menschheit durch ihre edlen Impulse vorwärtsgebracht wird, so wahr ist es auch, dass durch die schwärmerische und fanatische Vertretung der edelsten Impulse das Schlimmste für die richtige Entwicklung bewirkt werden kann“ (GA 15, II; wieder zitiert in GA 173 c, 20.1.1917).
Das Böse hat um der Freiheit des Menschen willen seinen guten Sinn. „Alles, was zu irgendeiner Zeit ein Unvollkommenes, ein Zurückgebliebenes darstellt, wird in der Entwicklung doch zu einem Guten gewendet. Dass in einer solchen Wahrheit keine Rechtfertigung der bösen Handlungen des Menschen gesehen werden darf, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden“ (GA 15, II).
Wir werden diesen Zusammenhang in den nächsten Rundbriefen weiterverfolgen. Vorerst wollen wir bei dem bisher Gesagten inhaltlich noch etwas verweilen. Im Alltag ärgert es einen doch allzu leicht und immer wieder, wenn man auf den „Vater aller Hindernisse“ trifft, wie Faust seinen Gefährten nannte (Faust II, Finstere Galerie, Vers 6205). Und wir halten deswegen noch etwas Umschau, was andere große Geister zu diesem Problem gesagt haben.
Im „Prolog im Himmel“ spricht der Herr, also Gottvater, den guten Sinn des Bösen unmittelbar so aus, wie wir es bei R. Steiner kennenlernen:
„Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb‘ ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“ (Faust I, Verse 340 – 343).
Und Christian Morgenstern hat die hier erörterten Zusammenhänge in ein Naturbild gebracht, wodurch eine versöhnliche Stimmung aufkommt:
Was wärst du, Wind,
wenn du nicht Bäume hättest
zu durchbrausen;
was wärst du, Geist,
wenn du nicht Leiber hättest,
drin zu hausen!
All Leben will Widerstand.
All Licht will Trübe.
All Wehen will Stamm und Wand,
dass es sich dran übe.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann