Rundbrief zur Anthroposophie

 

Liebe Freunde

Ita Wegman hat Hunderte von Briefen geschrieben, von denen jeweils ein Durchschlag erhalten geblieben ist. Peter Selg hat aus diesem Material 200 Briefe veröffentlicht (Ita Wegman „Medizinisch – Therapeutische Korrespondenzen“, Dornach, o. J., ca. 2008). Diese Briefe zeigen in erfrischender Weise ihr ermutigendes Wesen. So riet sie 1926 einem früheren Mitarbeiter, der in eine melancholische Stimmung geraten war: „Lesen Sie auch genügend „Anthroposophie“? z. B. möchte ich Ihnen so herzlich raten, den Zyklus „Welt, Erde und Mensch“ zu lesen. Es ist einer von den schönsten Zyklen. Ich könnte mir denken, dass gerade Sie sich für diesen Zyklus interessieren würden“ (S. 130). 

Aus diesem Zyklus (gehalten in Stuttgart 1908, GA 105) möchte ich Ihnen zwei „geheimnisvolle Kanäle“ (16.8.1908) referieren, durch die unsere Zeit mit der alten ägyptischen Zeit verbunden ist. 

Ein Beispiel, welches R. Steiner erwähnt, ist Kopernikus. Mit seinem neuen System legte er die Grundlage für unsere moderne, wissenschaftliche Denkweise. Aber man muss unterscheiden, was aus welcher Quelle stammt. Dass er die Sonne ins Zentrum stellte, war eine Erinnerung an die ägyptische Zeit, wo der Sonnengott Osiris geistig im Zentrum stand. Dass er aber das Sonnensystem zu einem mechanischen und toten Rotieren gemacht hat, kam aus einer anderen Quelle (16.8.1908).

Der materialistische Impuls, alles aus dem Toten heraus zu erklären, entstand erst nach der Begründung des Christentums. Es war im Sinne der „geistigen Weltenführung“ (GA 105, 16.8.1908), es war im Sinne der „Vorsehung“ (ebenda), dass nach der Begründung des Christentums ein Impuls entstand, „der das Denken des Menschen herunterstieß auf den tiefsten Punkt, so dass die Gedanken ganz gefesselt, gebannt wurden an das physische Leben. Das wurde durch die Araber und Mohammedaner gegeben. Der Mohammedanismus [zu R. Steiners Zeiten war dieses Wort politisch noch korrekt] ist nichts anderes als eine besondere Episode in diesem Arabertum, denn in seinem Herüberziehen nach Europa gibt er den letzten Einfluss in das rein logische Denken, das sich nicht erheben kann zu Höherem, Geistigen“ (ebenda). An anderer Stelle bemerkte R. Steiner zu diesem Phänomen des Arabismus, der eine Opposition gegen das Christentum machte, dass wir uns „die Weltregierung nicht so einfach vorstellen dürfen, wie wir es als Menschen gerne hätten“ (GA 235, 9.3.1924). Wieder an einer anderen Stelle heißt es sogar: „Es war einmal ein Segen Europas, dass über Südeuropa herüber die arabisch, maurische Kultur sich ausbreitete“ (GA 159/160, 15.5.1915). Die mittelalterliche, christliche Weltflucht, die nur auf das Jenseits gerichtet war, bekam ihr notwendiges Gegengewicht durch den Arabismus, der die Blicke der Menschen auf das Diesseits und die empirische Welt richtete. 

In diesem Sinne ist unsere moderne Wissenschaft, beginnend etwa mit Kopernikus, eine „Ehe zwischen ägyptischer Erinnerung und Arabismus“ (GA 105, 16.8.1908). Daneben sehen wir eine andere Ehe sich vollziehen, die nicht bloß auf das Mechanische und das Tote gerichtet ist, sondern dem Leben dienen will: das moderne Rosenkreuzertum. Das Rosenkreuzertum will „jenen harmonischen Zusammenklang von ägyptischer Erinnerung mit dem christlichen Kraftimpuls verwirklichen“ (ebenda). Die Anthroposophie will dieser zweiten Strömung zum Durchbruch verhelfen, ohne die erste zu vernachlässigen.

Die erwähnten zwei Strömungen – ägyptische Erinnerung und Arabismus einerseits oder ägyptische Erinnerung und Christentum andererseits – können wir überall beobachten. Bleiben wir noch bei Kopernikus. Sein System ist richtig, aber es gilt nur für die physisch, sichtbare Welt. Schon wenn wir die Planetensphären im Leben nach dem Tode, in der Biographie des Menschen, in der Ordnung unserer inneren Organe, in ihrem Bezug zu den Metallen oder in der Eurythmie kennen lernen: da gilt überall das geozentrische, ptolemäische System. Ist dies ein Widerspruch? Nein. Sondern es gilt: „Man stellt gewöhnlich die Himmelskarte des Ptolemäus derjenigen des Kopernikus gegenüber, wobei man die erstgenannte für irrtümlich erklärt. Das ist falsch. Beide sind gleicherweise wahr. Nur bezieht sich die Karte des Ptolemäus auf den Astralplan [theosophischer Begriff für die erste Form des Geistigen hinter der sichtbaren Welt, methodisch imaginativ erreichbar], und auf diesem Plan ist die Erde im Mittelpunkt der Planeten, und die Sonne ist selbst ein Planet. Die Karte des Kopernikus bezieht sich auf den physischen Plan, da steht die Sonne im Zentrum. Alle Wahrheiten sind relativ, je nach Zeit und Ort. Das System des Ptolemäus wird in einer folgenden Epoche rehabilitiert werden“ (GA 94, 14.6.1906). 

Gegenwärtig ist der Unterschied zwischen den beiden „geheimnisvollen Kanäle“ der, dass die anthroposophisch – rosenkreuzerische Strömung aus ihrem eigenen Weltverständnis heraus die moderne Wissenschaft in ihren Prinzipien voll anerkennt. Die physische Welt ist eine Tatsache und muss mit physischen Methoden erforscht werden. Die entsprechende Gegenliebe, dass die naturwissenschaftliche Strömung die anthroposophische anerkennen würde, ist noch nicht vorhanden. Das wird sich aber eines Tages ändern, z. B. wenn – wie oben erwähnt – das ptolemäische System rehabilitiert sein wird. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann