Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde
Wenn R. Steiner die Sixtinische Madonna besprach, machte er darauf aufmerksam, wie viele Engels- oder Kindergesichter Raffael in die Wolken gemalt hat. Dadurch entsteht künstlerisch der Eindruck, wie wenn das Gesicht des zur Erde kommenden Jesuskindes sich aus den vielen Wolkengesichtern verdichtet hätte. Ein Bild für die jungfräuliche Empfängnis oder auch ein Bild für den kosmischen Ursprung des Christuswesens (GA 57, 29.4.1909; GA 105, 4.8.1908).
Im Hinblick auf den Jesus kann die Empfängnis nicht so gewesen sein, dass die Vaterschaft des Josef keine Rolle spielte, erstens biologisch irdisch. Zweitens biblisch, denn was hätten die beiden Geschlechtsregister bei Matthäus und Lukas für einen Sinn, wenn ausgerechnet Josef als Vater des Jesus bedeutungslos gewesen sein sollte? Die eigentliche jungfräuliche Empfängnis war eben etwas ganz anderes. Es war der Moment der Jordantaufe, als der Christusgott, der Logos oder das Welten- Ich aus kosmischen Weiten kommend in den Menschen Jesus einzog und dort etwas mehr als 3 Jahre lang wohnte. Das hat man ab dem 6. Jahrhundert nicht mehr verstanden und deswegen die jungfräuliche Empfängnis in die Mutter Jesu zurückgeschoben (GA 353, 26.3.1924, Arbeitervortrag über die christliche Entwicklung).
Die Sixtinische Madonna ist so gemalt, dass man in dem aus den Wolken geborenen Kind das spätere Ereignis der Christusgeburt bei der Jordantaufe erahnen kann. Ähnlich hat es Michelangelo bei der Pieta im Petersdom gestaltet, er bildete die Mutter so jugendlich, dass sie deutlich jünger erscheint als ihr eigener Sohn, der als Leichnam auf ihren Knieen liegt. Michelangelo selbst und ihm folgend R. Steiner deuteten dies als Hinweis auf die jungfräuliche Empfängnis (GA 57, 29.4.1909).
In der ägyptischen Zeit war es die Göttin Isis, die durch einen Lichtstrahl des Osiris den Horusknaben jungfräulich empfangen hat. Isis als Monden Göttin und Osiris als Sonnengott erscheinen auf vielen ägyptischen Bildwerken. Die christliche Madonna auf der Monden Sichel, die den Knaben als künftigen Träger der Christussonne zur Erde trägt, will dasselbe sagen. Insofern besteht eine innere Verwandtschaft zwischen Isis und Madonna (Titel eines Vortrages am 29.4.1909 in GA 57).
Dieselben Zusammenhänge wurden auch innerlich als Vorbild unserer Seelenentwicklung verstanden. Der ägyptische Eingeweihte konnte schon während seines Lebens das erringen, was jeder Ägypter nach dem Tode erhoffte: ein Osiris zu werden. Das geht aus dem Totenbuch der Ägypter hervor. Die Seele musste dafür gereinigt sein, so rein wie die Seele der Isis gereinigt war. Denselben Vorgang hat Angelus Silesius für unseren Zeitraum so ausgesprochen:
Die geistliche Maria
Ich muß Maria sein und Gott aus mir gebären,
Soll er mich ewiglich der Seligkeit gewähren (Cherubinischer Wandersmann, 1. Buch, Nr. 23).
In seiner Marienhymne spricht Novalis sogar die Stufen der höheren Erkenntnis aus:
Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.
Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.
Die imaginative Welt erscheint uns in tausend Bildern, die den Geistesschüler zunächst verwirren. Er ist noch in der Welt des Raumes, aber es sind schon geistige Bilder. Einen Schritt weiter lernt der Schüler, die Bilder zu unterdrücken und sich auf seine eigene Seele zu besinnen, welche die Bilder geschaffen hat. Dadurch kommt er in ein zeitliches Element. Mit dem „seitdem“ erreicht der Dichter diese Dimension der Zeit und hat die Fülle der Bilder verlassen. Das Wort „verwehen“ ist unmittelbar aus dem Atmen der Luft geschaffen. Inspiration heißt wörtlich übersetzt Einatmung. Dann erst in einem dritten Schritt kommt die sichere Erkenntnis zustande, sodass das Ich des Erkennenden mit dem zu erkennenden Gegenstand verschmilzt. Der Himmel der Erkenntnis steht so klar vor der Seele, dass der Geistessucher das Gefühl der Ewigkeit erlebt. „Steht“ in diesem Zusammenhang ist genau das richtige Wort dafür, dass mit der Intuition die Erkenntnis eines Gegenstandes vollendet ist. Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12) und das Kapitel über die höhere Erkenntnis in der Geheimwissenschaft (GA 13) beschreiben Imagination, Inspiration und Intuition so, wie hier angedeutet.
So über die Madonna dichten, konnte nur, wer dieselbe Madonna in einem früheren Leben gemalt hatte. Novalis ist der wiedergeborene Raffael gewesen (GA 133, 20.6.1912 und viele weitere Stellen). Es gibt 38 Madonnen von Raffael. Das war der Inbegriff jener „tausend Bilder“, die Novalis in seinem früheren Erdenleben als Raffael selbst gemalt hatte. Durch eine glückliche Schicksalsfügung kam die Sixtinischen Madonna 20 Jahre vor der Geburt des Novalis nach Dresden, in die Umgebung, wo der wiedergeborene Raffael sein Leben verbrachte.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann