Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde
Es gibt verschlungene Wege der geistigen Führung des Menschen und der Menschheit, die einen erstaunen können. Was als Tragik in einem Zeitalter erscheint und erlitten wird, kehrt im nächsten Zeitalter als Aufbruch- und Jubelstimmung wieder. Ein solches Ereignis will ich Ihnen nachfolgend erzählen, weil es unser Thema des ägyptischen Erbes betrifft.
Moses hat das Volk Israels aus Ägypten in das gelobte Land geführt. Das war etwa 1250 vor Christus. In Jerusalem wirkten dann Saul, David und Salomon, die etwa um 1000 vor Christus lebten. Die babylonische Gefangenschaft der Juden ist nicht dasselbe wie der Auszug aus Ägypten, sie ereignete sich ein halbes Jahrtausend später und dauerte etwa 70 Jahre lang.
Die Bedeutung des Moses als Religionsführer ist überragend. Er empfing auf dem Sinai die 10 Gebote und vor dem brennenden Dornbusch hörte er die Worte seines Gottes „Ejeh asher ejeh“, „Ich bin der ich bin“. Das waren die Worte, mit denen damals der Christus zu Moses gesprochen hat (GA 105, 4.8.1908 und weitere Stellen). Also ohne Moses hätte es kein Christentum gegeben.
Moses hatte jedoch beim Auszug aus Ägypten den Ägyptern etwas weggetragen. Und zwar nichts Geringeres als das Geheimnis des Osiris, das Geheimnis des Weltenwortes. Mose hätte das „Ejeh asher ejeh“ nicht erleben können, wenn er den Ägyptern nicht das Weltenwort weggetragen hätte (GA 144, 5.2.1913). In den altägyptischen Mysterien war Osiris der Sohn der Isis und zugleich ihr Gemahl. Seit Mose das Weltenwort hinweggetragen hatte, wurde Osiris nicht mehr geboren. Die Isis wurde zur trauernden Witwe. Die ohnehin schweigende Göttin machte „ihre Gebärde, ausdrückend, dass sie ohnmächtig geworden war zum Gebären des Weltenwortes und der Weltentöne“ (ebenda). Die Priester der Isis trauerten mit ihr. Man nannte sie deswegen die „Söhne der Witwe“. Die Mysterien wurden tragisch und übten sich in Entsagung. Zuletzt gab es die Isis als Repräsentantin der Sphärenmusik und Osiris als Repräsentant des Weltenwortes nicht mehr. Isis und Osiris starben dahin und tauchten unter.
Es war eine Weltennotwendigkeit, dass Moses so gehandelt hat. Dennoch war es so, dass er den Ägyptern etwas weggenommen und den Priestern Ägyptens und ihrer Göttin viel Leid zugefügt hatte.
Der entsprechende Ausgleich dafür ereignete sich später. Man ahnt es an dem geheimnisvollen Wort von dem „Sohn der Witwe“. Der Jüngling zu Sais, der Jüngling zu Nain, Mani und Parzival waren „Söhne der Witwe“ (siehe hierzu GA 264, Gedächtnisnotizen Elisabeth Vreede, S. 228 – 230). Bei diesen vier wichtigen Persönlichkeiten war es real so, dass ihre Väter jeweils früh gestorben waren. Dennoch enthält die Bezeichnung „Sohn der Witwe“ einen Unterton, der einen aufmerken lässt. Und so ist es auch wirklich gewesen, dass das, was als Isis und Osiris in Ägypten untergegangen war, später wieder erschienen ist: „Wie stieg herauf, was im alten Ägypten untergetaucht war? So stieg es herauf, dass es sichtbar wurde in jener heiligen Schale, die da bezeichnet wird als „heiliger Gral“, die da behütet wird von den Rittern des heiligen Gral. Und im Aufstieg des heiligen Gral kann empfunden werden, was im alten Ägypten hinuntergetaucht ist“ (GA 144, 7.2.1913, früher irrtümlich 6.2.1913).
Sie sehen oben in den Bildwerken den Horusknaben zwischen Osiris und Isis. Der Kopfschmuck der Isis zeigt unmittelbar, was später als Gralssymbol wieder aufgetaucht ist. Die ewige Sonnen - Wegzehrung über der Schale des Mondes ist dasselbe, aber doch etwas ganz anderes. Es ist die auferstandene Sphärenharmonie der Isis und es ist das auferstandene Weltenwort des Osiris, die uns mit der Gralsbewegung in die Zukunft führen.
So werden Leiden und trauernder Rückblick einer Epoche verwandelt in Freuden und Zukunftshoffnung der nächsten Epoche: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden“ (Matthäus 5).
Herzlich Ihr Friedwart Husemann