Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Nach R. Steiner ist „die Selbsterkenntnis die Grundlage aller Erkenntnis“ (GA 28, Kap. XX). Auch die Selbstkritik ist psychologisch sehr wichtig. So heißt es doch in der Bibel, dass die Freude im Himmel über einen Sünder, der Busse tut, größer ist als über 99 Gerechte (Lukas 15,7).
Trotzdem oder vielleicht sogar gerade deswegen liegen an diesen beiden Punkten viele Gefahren und Fallstricke. Wilhelm Busch hat in seiner „Kritik des Herzens“ die folgenden klassisch gewordenen Verse geschrieben:
Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich;
So hab' ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp' ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff' ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.
Goethe schrieb im „Wilhelm Meister“ (3. Buch, 10. Kapitel) anlässlich eines Gespräches, das Wilhelm mit Philine führte: „Er [Wilhelm] hatte zu wenig Kenntnis der Welt, um zu wissen, dass eben ganz leichtsinnige und der Besserung unfähige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit großer Freimütigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zurückzutreten, auf dem eine übermächtige Natur sie hinreißt.“
Goethe und Wilhelm Busch nehmen die Situation aufs Korn, wo jemand von der eigenen Selbsterkenntnis oder von der eigenen Selbstkritik zu anderen Menschen spricht. In ähnlichem Sinne meinte auch R. Steiner: „Der Augenblick der Selbsterkenntnis ist ein ernster. Es wird in der Welt viel zu viel von der Selbsterkenntnis philosophiert und theoretisiert. Dadurch wird der Seelenblick eher von dem Ernste abgelenkt, der mit ihr verbunden ist, als zu ihr hingetrieben (GA 17, Kap. „Von dem Hüter der Schwelle…“).
Letztlich ist es so, dass wir im Hinblick auf die Selbsterkenntnis große Feiglinge sind, ohne dass wir es merken. Auf dem Pfad der Erkenntnis ist die Fähigkeit, sich selbst als Fremder gegenüberzustehen, die zweite Bedingung. Die erste Bedingung auf diesem Weg ist die Demut und Verehrung gegenüber Wahrheit und Erkenntnis (nicht gegenüber Menschen) - („Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, 1. Kapitel). Jene Selbsterkenntnis oder die Fähigkeit, sich selbst als Fremder gegenüberzustehen, sei es moralisch oder bildhaft als Rückschau, ist schwer, wie jeder weiß, der es schon probiert hat.
Deswegen brauchen wir jede Art von Hilfe, um das immer tapferer und besser zu bewerkstelligen. Die Situation, die jeder kennt, ist die Reue: „alles habe ich falsch gemacht, es ist schrecklich, ich bin verworfen und verdammt“. Melancholiker baden sich in solchen Gefühlen und Gedanken, von denen sie nicht loskommen. Die andere, selbstgefälligere Variante ist: „ich habe alles richtig gemacht, wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich es genauso wieder machen.“ Menschen, die ein erfolgreiches Leben gehabt haben, sagen so etwas gerne.
Und welche Hilfe gibt es hier, damit wir uns orientieren können? Die Meinung: ich habe alles richtig gemacht, die ist ahrimanisch (GA 166, 30.1.1916). Man bleibt bei dem hängen, was äußerlich geschehen ist. Die Meinung: ich habe alles falsch gemacht, die ist luziferisch (ebd.). Man bleibt bei sich selbst hängen und möchte ein besserer Mensch gewesen sein als man gewesen ist. R. Steiner sagte deswegen an vielen Stellen, dass die Reue egoistisch sei (z.B. GA 293, 23.8.1919).
Ahriman flüstert uns ein: „du hast alles gut gemacht“. Luzifer andererseits macht uns ein schlechtes Gewissen: „du hast alles falsch gemacht“. Demgegenüber können wir in der Mitte zwischen Luzifer und Ahriman den Christus - Ernst der Selbsterkenntnis finden, der uns dann wirklich einen Schritt vorwärtsbringt.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann