Rundbrief zur Anthroposophie

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Liebe Freunde

Im vorigen Rundbrief haben wir das Ich des Menschen als Merkurstab im Zusammenhang mit Faust und dem mitteleuropäischen Menschen skizziert. Wir wollen heute dieses Motiv noch etwas weiterverfolgen.

In der kleinen Kuppel des ersten Goetheanums finden Sie die Gestalt des Faust aus dem Blau heraus gemalt, wie er das Wort ICH betrachtet. Es ist das einzige Wort, welches im Goetheanum geschrieben steht. R. Steiner nennt diese Inschrift sogar „unkünstlerisch“ (zit. nach Hilde Raske „Das Farbenwort“, Stuttgart, 1983). Er hatte diese Inschrift selbst entworfen und die ganze rechte Hälfte der kleinen Kuppel selbst gemalt. Unterhalb der Gestalt des Faust und zu ihm dazu gehörend steht ein Skelett als Bild des Todes. Das ist nur zu ertragen, weil andererseits dem Faust ein Kind entgegeneilt. Das Kind ist aus dem Rot orange heraus gemalt.  (siehe Abb. unten am Ende des Textes). Zwischen dem Kind und dem Tod steht Faust mittendrin, wie zwischen der Geburt und dem Tod. Über der Faustgestalt schwebt ein Genius, der das Kind zu Faust hingeleitet. In diesem Kontext vertritt Faust die fünfte nachatlantische Epoche, also die Zeit ab 1413 bis etwa 3500. Es sind demnach vier Figuren, die das Motiv unserer Epoche bilden: der lenkende Genius, das Kind, Faust und der Tod. Man könnte bei Faust an den heutigen Menschen denken, wie er ein Buch über die Anthroposophie liest. Die Frage ist: wird es ihm zur Selbsterkenntnis, zum schöpferischen, jugendlichem Aufschwung oder wird es ihm zum Tod oder sogar nur zum leeren Zitat werden? Der Genius über uns wartet, was wir ihm entgegenbringen. Entschieden und vorherbestimmt ist nichts. 

Das besagte Bild zeigt eine einsame, mit sich selbst beschäftigte Hauptperson, die nach verschiedenen Richtungen gewiesen und geführt oder auch verführt wird. Denn man merkt es dem Skelett unter dem Faust schon an, welche Macht von ihm ausgeht und bewältigt werden muss. Nicht nur Faust wurde repräsentativ für Mitteleuropa, sondern ebenfalls repräsentativ wurde: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, der Refrain, den Paul Celan auf das 20. Jahrhundert rückblickend gestaltete.  

Bei all dem bleibt dann nur noch die Frage: wer hat uns denn mit diesem Ich ins Dasein geworfen? Wer hat uns dieses „irrende Irrlicht“ gegeben?  Warum, Ihr Götter, habt Ihr mich mit meinem Ich so allein gelassen? 

Diese Frage kann nur mithilfe der Anthroposophie beantwortet werden. Das Ich wurde dem Menschen in der Mitte der lemurischen Zeit von den Geistern der Form gegeben. Es gibt sieben Geister der Form (griech. Exusiai oder hebräisch Elohim). Sie wohnten auf der Sonne. Aber einer von ihnen, das war Jahwe oder Jehova, der opferte sich und ging auf den Mond. Es gab demnach sechs Elohim auf der Sonne. Diese sechs Elohim sind der Sonnenlogos, der Christus oder der Sohn Gottes, der bei der Jordantaufe in den Jesus eintrat (GA 103, 26. 5. 1908). Der Sonnenlogos oder - mit den Worten der Geheimwissenschaft - das „hohe Sonnenwesen“ hat jedem von uns das Ich gegeben. Jedes Menschen-Ich hat in dem Christus seinen Ursprung. Daher rührt das Ideal der allumfassende Brüderlichkeit der Menschen untereinander. Seit dem Kreuzestod ist der Sonnenlogos der Geist der Erde, er ist den Menschen viel näher als sie gemeinhin denken. 

Das geschriebene Wort „ICH“ in der kleinen Kuppel ist genau das, was unser Ich aufrichten und ihm die Richtschur geben kann: das Wort I - CH enthält in der deutschen Sprache die Christusinitialen Jesus Christus. (Jesus heißt auf Griechisch IESUS, das deutsche J steht für das griechische IE). Die deutsche Sprache wurde von den christlichen Eingeweihten so gefügt, dass dieser Zusammenhang zustande kam: „So wie man im Sanskrit das AUM für die Trinität hat, haben wir für das Innere des Menschen das Zeichen „ICH“. Dadurch war ein Mittelpunkt geschaffen worden, durch den die Leidenschaften der Welt sich in Rhythmus verwandeln können. Sie müssen sich durch das Ich rhythmisieren. Dieser Mittelpunkt ist wörtlich der Christus“ (GA 93 a, 27.9.1905). Das ist die Richtschnur, das ist die Richtung, die wir für unser Ich brauchen. Der Mensch könnte nämlich sein Ich auch wieder verlieren, wenn er es nicht mit den Inhalten der Geisteswissenschaft erfüllt (GA 166, 8.2.1916). Auch hier spricht R. Steiner über die Christusinitialen in dem Wort ICH. Desgleichen geschieht dies am 9.5.1915 in Wien, am 13.5.1915 in Prag und am 18.5. 1915 in Linz (GA 159/160). Der deutsche Volksgeist hat Jahrhunderte lang darauf hingearbeitet, dass wir mit diesem Wort uns dem Christus so nahe fühlen dürfen (Wien, 9.5.1915). 

Im deutschen Sprachraum wird zwar überall das Wort Ich als Ich geschrieben und auf Hochdeutsch auch so gesprochen, aber mundartlich wird nur in einem begrenzten Raum Mitteleuropas das Ich als Ich ausgesprochen, darum herum sagt man „I“ - „Ik“ - Ikke“ – „ek“ – „eich“ – „ech“ usw (siehe Armin Husemann „Der musikalische Bau des Menschen“, 1993, S. 137: Mundartkarte des Wortes „Ich“ aus dem dtv Atlas der deutschen Sprache, 1983).  Dasselbe gilt für die anderen Sprachen, die das Ich ganz verschieden aussprechen. Das deutsche Ich ist in dem gegebenen Christus - Zusammenhang ein Zeichen, oder es ist ein Vorbild oder Urbild für die anderen Sprachen. Alles, was im Sinne des Christus geschieht, gilt für alle Menschen. Die anderen Sprachen verwandeln und individualisieren das Urbild. Wie schön klingt z. B. das italienische IO oder das russische JA gerade dann, wenn man sie vor dem Hintergrund des Wortes Ich empfindet. Und man meint das Raunen des Weltengrundes zu hören, wenn man das Wort AHAM erlebt, welches auf Hindi oder Sanskrit Ich bedeutet. 

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Herzlich Ihr Friedwart Husemann