Liebe Freunde

Kürzlich las ich eine Stelle bei R. Steiner, wo er über das Ich des Menschen folgendes schreibt: „…dieses Wesen, das von Augenblick zu Augenblick sich durch Irrtum und Illusion zu der Weisheit tastend hindurchringen muss“ (GA 11, Kap. „Der viergliedrige Erdenmensch“). Ein Satz, der wohl jedem einleuchtet. Der Zusammenhang liegt darin, dass der physische Leib einerseits undurchdringlich und materiell erscheint, aber andererseits in seiner Art die größte Vollkommenheit besitzt. Man denke an den weisheitsvollen Bau unserer Organe und ihr harmonisches Zusammenwirken. Für unseren Astralleib gelten schwankende und ambivalente Verhältnisse: „So tauml‘ ich von Begierde zu Genuss / und im Genuss verschmacht‘ ich nach Begierde“ (Faust I, Verse 3249/3250). Der Astralleib ist von seiner Substanz her zwar geistiger, aber viel unreifer als der physische Leib. Erst recht gilt dies für unser Ich. Es macht uns zwar zum Menschen und führt uns durch wiederholte Erdenleben, aber von irgendeinem Reifegrad kann noch kaum gesprochen werden. Daher sein tastendes, von Augenblick zu Augenblick durch Irrtum und Illusion sich hindurchringendes Wesen.
Wir wollen dieses tastende Wesen des Ich noch etwas weiter ausloten. Kurz nach dem Beginn des ersten Weltkrieges entspannen sich unter den Angehörigen der verschiedenen Nationen, die am Goetheanum in Dornach bauten, erregte Diskussionen. Es ging um die Frage, wer die Schuld am Kriegsausbruch hat. Als R. Steiner nach Kriegsbeginn erstmals wieder nach Dornach kam, erwarteten die dort arbeitenden Anthroposophen, dass er nun sagt, wer die Schuld hat. Das geschah aber nicht. Sondern R. Steiner hielt zwei Vorträge über die Volkseelen Europas (GA 287, 18./19. 10. 1914), wodurch der Streit unter den in Dornach versammelten Nationen sofort geschlichtet war.
Die italienische Volksseele erscheint in dem Kapitäl der Sonnensäule ausgedrückt. Der italienische Volksgeist lebt in der Empfindungsseele. Man könnte denken, das sei eine Zurücksetzung der Italiener. Das ist aber in diesem Kontext ein Missverständnis. Im Vergleich mit den anderen Seelengliedern umspannt die Empfindungsseele den größten Umfang, sie reicht physisch bis zu den Sternen und geistig bis zu den Hierarchien. Dante, der kürzlich seinen 700. Geburtstag feierte, zeigt eindrucksvoll, was die Empfindungsseele alles begreifen und verstehen kann. Faust jedoch muss sagen: „Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“. Er kann nur noch einen Punkt erfassen, nämlich sich selbst. Ohne die italienische Empfindungsseele hätten wir für die 5. nachatlantische Epoche keinen Maßstab. Dante ist ein Nachklang der ganzen verflossenen, dritten ägyptisch – chaldäische Periode, welche die Empfindungsseele originär ausgebildet hatte. Was Dante für uns repräsentiert, das müssen wir uns vom Ich her erst wieder erringen. Deswegen haben die späteren Kulturträger - und die späteren Italiener natürlich auch - am italienischen Geist sich geschult, wie etwa Goethe in Italien. Einen ähnlichen Vorbildcharakter wie Dante haben die italienischen Maler von Giotto bis Tizian, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder die italienischen Geigenbauer aus Cremona, wo die Familien Amati, Guarneri und Stradivari Instrumente herstellten, die bis heute unerreicht sind. So wie Italien hat jedes Land in Europa seine spezifische Aufgabe:
| Italien | Empfindungsseele | Dante | Sonnensäule |
| Frankreich | Verstandesseele | Moliere | Mondensäule |
| England | Bewusstseinsseele | Shakespeare | Marssäule |
| Mitteleuropa | Ich | Goethe/Faust | Merkursäule |
| Russland | Geistselbst | Solowjow | Jupitersäule |
Diese Zusammenhänge hat Herbert Hahn in seinem Werk zur Völkerpsychologie „Vom Genius Europas“ nach allen Seiten hin ausgearbeitet.
Was uns hier interessiert, ist der Zusammenhang mit dem Merkurstab, weil hier das Ich ganz ähnlich beschrieben wird wie in der eingangs erwähnten Stelle: „Wenn man gerade dieses im Faust ausgedrückte Wesen auf sich wirken lässt, dann kommt man dazu, in dem aufstrebenden Ich das Wesen der mitteleuropäischen Menschheit zu sehen, schlangenumwunden. Schlangenumwunden! Das heißt strebend in der noch unentschiedenen Weisheit, strebend in der sich bildenden Weisheit, strebend in der werdenden Weisheit, niemals im Grunde genommen in irgendeiner Sicherheit der Abgeschlossenheit seines Wesens lebend, ist der mitteleuropäische Mensch“ (GA 287, 19.10.1914).
Eine weitere Stelle über das Ich lautet: „Dann folgt als viertes [Wesensglied] das eigentliche Baby, das menschliche Ich, welches als irrendes Irrlicht erst von der Zukunft erwarten muss, in sich solche Gesetze zu bekommen, die ihm eine Richtschnur bieten, wie sie der physische Körper längst schon hat“ (GA 93, 15.5.1905).
Im zweiten Teil dieser Ausführung werden wir uns mit der genannten Richtschnur für das Ich befassen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann