Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
In seelischer Hinsicht müssen wir als Mann und als Frau besonders viel lernen. Das glaubt man erst einmal nicht. Denn was die Liebe betrifft, fühlt sich jeder kompetent. Das stimmt schon, aber eben nur für sich und nicht für den anderen. Mann und Frau lieben auf verschiedene Weise. Das muss man erst einmal verstehen wollen.
Hören wir auf die berühmteste Liebesszene der Weltliteratur: Romeo und Julia, 5. Szene, III. Akt. Die Liebenden genießen ihre Liebe, und die Zeit dabei kann nicht lange genug sein. Dann hört Romeo die Lerche singen als Verkünderin des Morgens und sagt zu Julia, er müsse jetzt nach Mantua aufbrechen. Jedes weitere Zögern bedeute seinen Tod. Julia antwortet: „das ist nicht die Lerche, das ist die Nachtigall, wir haben noch Zeit“. Romeo zweifelt, ob das stimmt. Nachdem ihn Julia aber noch einmal bittet, es ihr zu glauben, sagt Romeo: „gut, wenn Julia sagt, es ist die Nachtigall, dann ist es die Nachtigall, und ich brauche nicht nach Mantua zu fahren, ich bleibe bei dir“. Dann wird Julia aber doch unsicher, beide stellen zuletzt gemeinsam fest, dass es die Lerche ist. Es ist herzzerreißend, aber sie müssen sich trennen.
„Es ist nicht die Lerche, es ist die Nachtigall“: Julia ändert aus Liebe zu Romeo ihre Vorstellungen. Romeo dagegen ändert aus Liebe zu Julia seinen Willen, er bleibt bei ihr, obwohl er weiß, dass es die Lerche ist. Genau in diesem Sinne erklärt R. Steiner die Liebe der Geschlechter zueinander. Die Liebe des Mannes ist in Wünsche getaucht, diese Wünsche können auch sehr edel sein, aber es sind Wünsche. Die Liebe der Frau ist in Vorstellungen getaucht, diese Vorstellungen können auch trivial sein, aber es sind Vorstellungen: „Die Frau trägt wie der Mann das volle Menschliche in sich, aber so, dass sie es wie eine Gabe aus dem Außerirdischen ansieht, wie etwas das im Grunde genommen aus dem Himmlischen herein sich in die Welt ergossen hat…Die Frau sieht die Menschheit so an, dass sie dabei vorzugsweise Werturteile zugrunde legt, dass sie abwertet, abschätzt“ (GA 303, 4.1.1922). Weiterhin in demselben Kontext: „…Dem inneren Wesen nach trägt der Mann die Menschheit so in sich, dass er eigentlich das Menschliche immer wie ein Rätsel empfindet wie etwas, das er nicht ganz durchdringen kann, das an ihn unsägliche Fragen stellt, mit denen er nicht fertig wird.“ Zusammenfassend: „Während also die Frau die Menschheit mehr im Bilde erlebt, erlebt sie der Mann mehr als Wunsch mit einem Rätselcharakter“ …“Die Frauenliebe ist in Phantasie getaucht, die Männerliebe ist in Wunsch getaucht“ (ebenda).
Im seligen Nehmen und Geben der Liebe ist dieser Unterschied gerade das Schöne, fällt aber auch nicht weiter auf. Anders ist es im Konfliktfall. Die ewigen Rätsel und Probleme des Mannes, ob es nun die Anthroposophische Gesellschaft ist, das neue Manuskript, der Feuerwehrverein um die Ecke oder die dringend nötige Motorradreparatur, es gibt für den Mann immer Aufgaben, die unendlich wichtig sind. All diese Dinge können die Frau nach und nach empören. Sie bemerkt den Wunsch- oder gar Suchtcharakter des männlichen Strebens und sagt zu ihrem Mann: „Du bist ein Egoist!“ Im weiteren Verlauf der partnerschaftlichen Auseinandersetzung kommt dann der Mann mit seiner Antwort. Er durchschaut, dass die Vorstellungen seiner Frau nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen, und sagt: „Der Mann, den Du Dir vorstellt, den gibt es nicht!“ Wenn man das Typische dieser beiden Vorwürfe erkannt hat, wie die eine Hälfte der Menschheit über die andere Hälfte urteilt, kann man die eigene Einseitigkeit eher überwinden und versteht den Standpunkt des anderen besser. Man muss in der Partnerschaft lernen, dass man selbst nur die Hälfte ist, nicht nur die Hälfte der Partnerschaft oder der Ehe, sondern die Hälfte der ganzen Menschheit, die Hälfte von Weltenkräften.
Was ist die seelische Begabung der Frau, was ist die seelische Begabung des Mannes? Noch einmal R. Steiner: „Die Seele ist männlich und weiblich zugleich. Sie trägt in sich diese beiden Naturen. Ihr männliches Element ist dem verwandt, was man Wille nennt, ihr weibliches dem, was als Vorstellung bezeichnet wird“ (GA 11, Kap. „Die Trennung der Geschlechter“). Die Frau ist denkbegabt, der Mann ist willensbegabt. Das ist eine sehr gewichtige Aussage, der wir den ganzen nächsten Rundbrief widmen wollen.
Rückblickend auf unsere bisherigen Betrachtungen ergibt sich:
Phys. Leib eingeschlechtlich
Ätherleib gegengeschlechtlich
Astralleib /Seele zweigeschlechtlich
In alldem liegen viele weitere Forschungsfragen, wenn Sie mir diese „typisch männliche“ Bemerkung gestatten. Stellen Sie sich vor, wieviel Richtung und Segen in die Eheberatung und Paartherapie kommen würde, wenn die hier skizzierten Gedanken psychologisch ausgearbeitet wären. Ganz zu schweigen davon, wenn diese Gedanken ein allgemeines Kulturgut wären. Wir werden dieses Thema noch einige weitere Male erörtern, bis wir den Gipfel dieses Problems ersteigen werden, was Mann und Frau für das Ich bedeuten. Das Ich fehlt in der oben wiedergegebenen Wesensgliederordnung. Vorerst will ich das heute angeschlagene Thema mit einem Bild aus der „Okkulten Physiologie“ (GA 128) abschließen. Dort spricht R. Steiner im letzten Vortrag (28.3.1911) von dem weiblichen und dem männlichen Keim. Beide Keimzellen sind für sich allein zum Tode verurteilt. Die weibliche Eizelle ist „zu gut“ für diese Erde. Für sich allein würde sie es nicht bis zur Haut, zu den Sinnesorganen und bis zu den Knochen bringen. Der männliche Keim übertreibt es nach der Gegenseite, er würde unendlich unter das Irdische hinunterführen, zu stark in die Knochen und die Sinnesorgane sich gestalten und dadurch ebenfalls lebensunmöglich sein. Nur durch das Zusammenwirken dieser beiden Impulse, die jeder für sich allein lebensunmöglich sind, wird das menschliche Leben möglich. Jeder von uns ist ein ganzer Mensch. Aber dem Leibe nach sind wir nur die Hälfte des Ganzen. Das zieht sich bis hinauf in die Seele. Der letzte Rest dieser Halbierung in zwei Hälften ist die Denkbegabung der Frau und die Willensbegabung des Mannes.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann