Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

dass der Ätherleib des Mannes weiblich und der Ätherleib der Frau männlich ist, wissen die meisten von Ihnen. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass dieser Gedanke gar nicht so leicht zu verstehen ist. 

Der erste Schritt zum Begreifen dieses Unterschiedes betrifft empirische Phänomene. Frauen leben durchschnittlich 7 Jahre länger als Männer. Vor einigen Jahrzehnten war dieser Unterschied noch größer, da betrug er etwa 10 Jahre. Dieser Unterschied wird bei den Prämien für Lebensversicherungen beachtet. Früher wurde dieser Unterschied auch bei den Krankenversicherungen gemacht, seit einigen Jahren wurde das aber im Sinne der Gleichberechtigung als ungerecht angesehen, sodass jetzt das Krankenversicherungsrisiko gleichmäßig auf beide Geschlechter verteil worden ist. Die höhere Lebenserwartung der Frau weist auf eine stärkere Lebenskraft des weiblichen Organismus hin. Schwangerschaft, Geburt und Stillfähigkeit weisen in dieselbe Richtung. Umgekehrt ist es mit den physischen Kräften. Es ist selbstverständlich, dass bei Sportwettkämpfen, z. B. beim 100 m Lauf in der Leichtathletik Männer und Frauen getrennt beurteilt werden, weil Männer physisch stärker sind. Also wenn man die Kategorie der Stärke zugrunde legt, kann man sagen: der Mann ist physisch stärker als die Frau, die Frau ist von der Lebenskraft her, also ätherisch stärker als der Mann. 

Ich habe viele Jahre im Südbayerischen Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in München Unterricht gegeben. Die meisten Teilnehmerinnen waren Frauen. Und ich merkte im Laufe der Jahre immer deutlicher, wie unsympathisch dieser Gedanke den Frauen ist. Gerade das, was die Frau zur Frau macht, nämlich Schwangerschaft, Geburt und Stillen, die soll eine Frau der Männlichkeit ihres Ätherleibes verdanken? Bei dieser Vorstellung kommt die Männlichkeit den Frauen zu nahe.  Vielleicht liegt der weibliche Widerwille gegen diesen Gedanken an der Kategorie der Stärke und Schwäche, mit der hier Mann und Frau verglichen werden, weil stark und schwach eher eine männliche Kategorie ist. Das besagte Unbehagen liegt letztlich aber daran, dass der Ätherleib unsichtbar ist, der physische Leib jedoch sichtbar erscheint. Der Ätherleib ist die große Unbekannte unserer Zivilisation. Und weil die Frau gerade dort ihre Stärke hat, ist ihre Stärke gewissermaßen unsichtbar. Das ist das Grundproblem. In dem Maße, indem der Ätherleib anerkannt werden wird, in dem Maße wird auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau für beide Geschlechter immer befriedigender werden. 

Weiterhin muss man verkraften, dass die Begriffe von Weiblichkeit und Männlichkeit sich relativieren. Jeder wird beispielsweise meinen, dass der Ehrgeiz eine typisch männliche Eigenschaft ist. Denken Sie nur an die typisch männliche Karrieresucht. Wer das Familienleben unbefangen beobachtet, wird bemerken, dass Frauen eine Aufopferungsfähigkeit besitzen, die Männer nicht haben. Das Wort Aufopferungsfähigkeit mag veraltet klingen, ich benütze es, weil ich dadurch in einen Gleichklang mit dem gleich folgenden Zitat von Steiner komme. Bei gutem Willen versteht man ja, was gemeint ist. In Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit kommt die gemeinte Aufopferungsfähigkeit sogar organisch physiologisch zum Ausdruck. Und was sagt dazu die Geisteswissenschaft? Der Ehrgeiz des Mannes kommt von der Weiblichkeit seines Ätherleibes! Und die Aufopferungsfähigkeit der Frau rührt von der Männlichkeit ihres Ätherleibes her! (GA 99, 4.6.1907). Die Begriffe männlich und weiblich lösen sich auf. Das wird immer deutlicher werden, je weiter wir zu den höheren Wesensgliedern kommen, die wir in weitern Rundbriefen behandeln wollen.

Bleiben wir aber noch ein wenig bei dem gegengeschlechtlichen Lebensleib. Der physische Leib, der als mineralischer Leib dauernd den Tod in sich trägt, ist so betrachtet eigentlich krank. Der Ätherleib muss ihn fortwährend gesund machen. Der Mann sieht im physischen Leib der Frau das Bild seines eignen Ätherleibes, der ihn gesund macht. Ebenso sieht die Frau im physischen Leib des Mannes das Bild ihres eigenen gesundmachenden Lebensleibes. Das ist die Ebene des Ätherleibes. Das ist die Ebene der Lebensgemeinsamkeit, die nach neueren Forschungen dazu führt, dass Ehen für beide Partner lebensverlängernd sind. Emotional braucht das nicht ebenso befriedigend zu sein, im Gegenteil gehen lange Ehen eher mit einer sogenannten „stabilen Unzufriedenheit“ einher. Die gesundende Wirkung der Lebenspartnerschaft von Mann und Frau war früher besser bekannt: 

Kum, kum, Geselle min

Ich entbite harte din

Kum, kum Geselle min.

Süßer rosenfarbner Mund,

Kum und mache mich gesund,

Kum, kum, kum und mache mich gesund.

Kum, kum, süßer rosenfarbner Mund.“  (13. Jahrhundert)

Das ist nicht nur eine dichterische Metapher für die „Liebeskrankheit“, sondern dem liegt die Ahnung zugrunde, dass wir dem physischen Leibe nach krank sind und in dem anderen Geschlecht uns das physisch entgegenkommt, was unsere eigene höhere Natur und Gesundheit bedeutet.  

In seiner Autobiographie „Mein Lebensgang“ (GA 28, Kap. XXXVII) berichtet R. Steiner darüber, wie der genannte Gedanke des gegengeschlechtlichen Lebensleibes in ihm entstanden ist, wie er ihn zur Reife bringen und 1906 erstmals in Paris aussprechen konnte. Ich bringe diesen Text, weil Sie daran sehen werden, wieviel aus diesem Gedanken noch herausgeholt werden kann. Der folgende Text ist ein Teil des zweitletzten Abschnittes, den R. Steiner an seinem Lebensgang geschrieben hat. Er erschien in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ am 29.3.1925, einen Tag vor R. Steiners Tod. Die letzte Passage erschien dann einige Tage nach seinem Tod. Der Text lautet:  

„Im Pariser Zyklus von Vorträgen habe ich eine Anschauung vorgebracht, die eine lange «Reifung» in meiner Seele hat durchmachen müssen. Nachdem ich auseinandergesetzt hatte, wie sich die Glieder der Menschenwesenheit: physischer Leib, Ätherleib -als Vermittler der Lebenserscheinungen -, Astralleib -als Vermittler der Empfindungs- und Willenserscheinungen -und der «Ich-Träger» im Allgemeinen zueinander verhalten, teilte ich die Tatsache mit, dass der Ätherleib des Mannes weiblich; der Ätherleib der Frau männlich ist. Damit war innerhalb der Anthroposophie ein Licht geworfen auf eine Grundfrage des Daseins, die gerade damals viel behandelt worden ist. Man erinnere sich nur an das Buch des unglücklichen Weininger: «Geschlecht und Charakter» und an die damalige Dichtung.

Aber die Frage war in die Tiefen der Menschenwesenheit geführt. Mit seinem physischen Leib ist der Mensch ganz anders in die Kräfte des Kosmos eingefügt als mit seinem Ätherleib. Durch den physischen Leib steht der Mensch in den Kräften der Erde; durch den Ätherleib in den Kräften des außerirdischen Kosmos. Männlich und Weiblich wird an die Weltgeheimnisse herangeführt. 

Für mich war diese Erkenntnis etwas, das zu den erschütterndsten inneren Seelen-Erlebnissen gehörte. Denn ich empfand immer von neuem, wie man sich geduldig-wartend einer geistigen Anschauung nähern muss, und wie man dann, wenn man die «Reife des Bewusstseins» erlebt, mit den Ideen zugreifen muss, um die Anschauung in den Bereich der menschlichen Erkenntnis hereinzuversetzen (GA 28, Kap. XXXVII).“ 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann