Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freude
Wir sind mit dem vorigen Rundbrief bis zur Seele der Sprache vorgedrungen. Ich will heute versuchen, den Weg zum Geist der Sprache wenigstens anzudeuten.
Johannes sagte „Im Urbeginne war das Wort“. Dem folgend geben wir uns meditativ einem Wort hin, damit es den höheren Menschen in uns erwecke. Dabei ist der Geist der Sprache so stark oder schwach wirksam, soweit wir uns heute konzentrieren und soweit wir den Geist erleben können. Aus dem Orient kam die Silbe AUM oder AOUM oder OM zu uns. In den Mithras Mysterien wurden lange Reihen von Vokalen und Lauten rezitiert oder gesungen, deren Sinn ganz offenkundig einzig und allein gewesen ist, die Seele aus dem Leib zu lösen (Alfred Schütze „Mithras“ S. 181):
„EEO – OEEO – IOO – OE – EEO
EEO – OEEO - IOO – OE – EEO
EE – OOE
IE – EO – OO -OE
IEO – OE – OOE“ usw.
Das Verständnis dieser Vokalfolgen war den Menschen damals wahrscheinlich genauso verschlossen wie uns heute, aber sie konnten noch etwas dabei erleben.
Es gibt bestimmte Laute, die einem zur Meditation behilflich sein können und die Stimmung dazu vorbereiten. R. Steiner empfahl z. B. das Wort „Ruhe“ zu meditieren, damit man die Ruhe findet. Der erste Absatz der ersten Meditation in „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen – in acht Meditationen“ (GA 16) endet mit folgenden Worten: „Außenwelt und Innenwelt stellen sich vor den Menschengeist, wenn die Seele für kürzere oder längere Zeit aufhört mit der Außenwelt eins zu sein und sich in die Einsamkeit des Eigenseins zurückzieht.“ Dieser Satz, der das Wesen der Meditation beschreibt, enthält zum Ende hin eine Häufung der Silbe Ei. Sie erscheint zweimal in „eins zu sein“ und dann viermal in der „Einsamkeit des Eigenseins.“ Das Ei ist dem englischen Laut I (für das deutsche Ich) ähnlich. Die Wortfolge: „Einsamkeit des Eigenseins“ ist besonders geeignet, um sich auf die Meditation vorzubereiten und die nötige Stimmung herzustellen.
Wir können die Silbe Ei mithilfe der Eurythmie noch tiefer verstehen. Die fünf Vokale und zwei Umlaute entsprechen nach R. Steiners Forschungen folgenden Planeten Prozessen (GA 279, 7.7.1924):
U Saturn
O Jupiter
E Mars
Au Sonne
A Venus
I Merkur
Ei Mond
In diesen Entsprechungen liegen eine Fülle von Forschungsfragen. In meinem Buch „Anthroposophische Medizin – ein Weg zu den heilenden Kräften“, 2. Auflage, 2011, habe ich dem Laut A ein ganzes Kapitel gewidmet. Eurythmisch gestalten wir das A durch eine gabelförmige Armstreckung. Das steht in Zusammenhang mit gabelförmigen Wuchsformen im Pflanzenreich und mit dem Pentagramma veneris, also dem 8-jährigen Rhythmus des Planeten Venus. Es ist dies ein goetheanistischer Forschungsansatz, wie er für die anderen Planeten – Vokal Entsprechungen noch nicht geleistet werden konnte, aber sicherlich einmal geleistet werden wird.
Wir erkennen für unseren Zusammenhang: das Ei entspricht dem Mond. Der Mond, wo die Lehrer der Urweisheit wohnen und deren Schweigen so wirksam ist (GA 240, 25.1.1924 und weitere Stellen). Der Mond ist seelisch die reine Schalenbildung, die dem Höheren sich hingibt. Das Ei entspricht der Monden-ähnlichen Gralsschale, die die Sonnenaura trägt. Ägyptisch gesagt entspricht das Ei der Monden Göttin Isis. Sie trägt und empfängt den Sonnengott Osiris. Die Meditation beginnt mit dem Ei: in der „Einsamkeit des Eigenseins“ soll das Licht entzündet werden, das die geistige Welt beleuchtet. Das Licht zum Schauen der geistigen Welt scheint nicht von außen auf die Dinge, wie dies in der physischen Welt der Fall ist, sondern wir sind selbst die Lampe, welche die Dinge in der geistigen Welt beleuchtet. Deswegen nannte Goethe den Hierophanten im Märchen den „Mann mit der Lampe“. Wenn unser Eigenlicht zu leuchten beginnt, dann sind wir zum Au vorangeschritten, wir sind zur inneren Sonne oder zur Osiriskraft gelangt. Das Wort Schauen enthält den Sonnenlaut AU ebenso wie die Worte Aura und Auge.
So geht der Weg in der Meditation vom EI zum AU, vom inneren Mond zur inneren Sonne. All das kann mitschwingen, wenn wir uns zu Beginn der Meditation auf die Worte von der „Einsamkeit des Eigenseins“ konzentrieren.
Die Einsamkeit ist inhaltlich ein Motiv, welches uns jetzt in der Johannizeit zu Johannes dem Täufer führt. Johannes der Täufer sagte „Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste“, was aber missverständlich übersetzt ist. Man muss übersetzen: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit“ (GA 103, 22.8.1908). Für uns bedeutet dies: wir müssen durch Meditation die Einsamkeit überhaupt erst finden, damit der Geist uns rufen kann. Die Meditation ist eine Übung, um die Einsamkeit zu ertragen (GA 94, 8.7.1906). Wir lassen uns deswegen bei der Meditation so leicht stören und ablenken, weil wir die Einsamkeit noch nicht ertragen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann