Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
das Hauptwerk des französischen Literaturnobelpreisträgers Albert Camus „Die Pest“ wird jetzt wegen der Corona Krise wieder öfters besprochen, und ich nahm es zum Anlass, überhaupt mal etwas von ihm zu lesen. Das Buch erschien 1947, zur selben Zeit wie Samuel Beckets „Warten auf Godot“. In beiden Werken geht es um ein Leben, welches absurd oder sinnlos erscheint. Spannend und meisterhaft komponiert erleben wir das Entstehen und das Vergehen der Pest in einer algerischen Stadt. Diese ansteckende Krankheit ist aber nur der Anlass, um nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Als Personen kommen fast nur Männer vor, worüber man sich beschweren könnte. Die Männer sind aber nicht das Wesentliche, sondern das Wesentliche ist die Frage nach der Aufgabe des Menschen.
Erst sterben nur die Ratten, dann sterben die Menschen. Dann muss man der Sache einen Namen geben, und nach einigem Zögern wird die Diagnose Pest gestellt. Die Toten werden gezählt und ihre Zahl wird wöchentlich veröffentlicht. Als diese Zahl über 920 steigt, wird sie täglich gezählt und täglich veröffentlicht, damit sie wenigstens numerisch kleiner erscheint. Erst sind es immer nur die anderen, die sterben. Dann rückt der Tod näher. Herzzerreißend ist das Sterben eines Knaben, der qualvoll sein Leben beenden muss. Niemand kann den Sinn eines solchen Todes verstehen. Auch der Jesuitenpater nicht, der noch am Anfang der Epidemie eine flammende Bußpredigt halten konnte, dann aber, nachdem er den Tod des Knaben miterlebt hatte, zugeben musste, dass dieses Kind nicht als Sünder bezeichnet werden kann, sondern schuldlos gestorben ist. Konsequenterweise stirbt dann der Jesuitenpater selbst an derselben Krankheit, nachdem er seine erste Predigt mit einer zweiten, viel moderateren Kanzelrede relativiert hatte. Dann stirbt auch der nächste Freund der Hauptperson. Das Sterben wird im Laufe der Erzählung immer plastischer und detaillierter geschildert.
Der Journalist Rambert war zufällig in der Stadt, als die Quarantäne beschlossen wurde. Er machte viele offizielle Versuche, um die Stadt verlassen zu dürfen, erreichte es aber nicht. Dann gelang ihm ein inoffizieller Weg. Der funktionierte beim ersten Versuch aber nicht. Beim zweiten Mal ist Rambert mittlerweile so stark engagiert, den Kranken zu helfen, dass er auf die eigene Flucht verzichtet. Die Flucht wäre ihm als Feigheit erschienen. Sein Entschluss entstand still und ohne viel Aufhebens zu machen. Solche innere Bescheidenheit im Gegensatz zu den schreienden äußeren Ereignissen, ist typisch für Camus und sehr überzeugend.
An Rambert zeigt sich, was die Hauptperson Rieux täglich uns vorlebt: der Sinn des Lebens ist, anderen Menschen behilflich zu sein, anderen Menschen beizustehen, auch wenn man ihnen nicht durchgreifend helfen oder gar ihr Leben retten kann. Die Hauptperson ist als Arzt tätig, bekennt sich zum Atheismus und sagt am Schluss über den Menschen: „und um einfach zu sagen, was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“. Dieses Wort wiegt schwer, weil Rieux ansonsten wenig und fast nur Sachbezogenes sagt. Letztlich ist es eine anspruchslose Form dessen, was schon Sophokles in seiner „Antigone“ (Verse 332-333) meinte: „Vieles Gewaltiges gibt es, aber das Gewaltigste ist der Mensch.“
Camus suchte nach dem Wesen des Menschen. Das sieht man durch alle Leere und Sinnlosigkeit immer wieder aufleuchten. Deswegen liest man bis zu Ende. So muss man auch diesem Schriftsteller bis zu Ende folgen, wo er in einem Essay „Heimkehr nach Tipasa“ (1953) die berühmt gewordenen Worte schrieb: „Mitten im tiefsten Winter wurde mir endlich bewusst, dass in mir ein unbesiegbarer Sommer wohnt.“
Das erinnert an den 30. Spruch im Seelenkalender, wo es Ende Oktober heißt: „Der Winter wird in mir den Seelensommer wecken.“ Und das ist unsere Aufgabe im Michaelzeitalter: „Der Mensch wird von einer inneren Sonne sprechen lernen“, er wird „das auf der Erde wandelnde eigene Wesen als sonnengeführt erkennen“ (GA 26, Kap. „Die menschliche Seelenverfassung vor dem Anbruch des Michaelzeitalters“). Aus der französischen Kultur ist für dieses innere Sonnenverständnis viel zu lernen. 1870 waren Monet und Pissarro in London und sahen dort die Werke von William Turner. Sie waren von seinem revolutionären Umgang mit Licht und Farbe begeistert und formulierten ihren Wahlspruch: „Le soleil est dieu.“ Drei Generationen später drückte Albert Camus dasselbe aus, zwar ohne das Wort Gott zu nennen, aber dafür ein Stück weit innerlicher. So geht unser Weg nach innen, zur inneren Sonne.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann