Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

Die übliche Meinung ist heute, dass unser Denken, Fühlen und Wollen im Nervensystem zuhause sind. Weil die ganze Seele angeblich nur im Gehirn und im Nerven vorhanden ist, ist es erlaubt, einem Menschen Organe zu entnehmen oder Sterbehilfe zu leisten, wenn er dauerhaft bewusstlos ist. Das Bewusstsein ist viel mehr wert als das ganze übrige Leben.  Im sozialen Bereich haben das Wirtschaftssystem und neuerdings die Finanzwirtschaft in ähnlicher Weise ein Übergewicht erreicht, sodass das Rechtsleben unterdrückt und das Geistesleben schon gar nicht mehr frei und selbständig wirken kann:   

Nerven Sinnes System                    Wirtschaftsleben

Rhythmisches System                                      Rechtsleben

Stoffwechsel Gliedmaßen System                     Geistesleben

Die Ursache von beiden Entartungen ist jeweils der intellektualistische Materialismus, der seit dem 19. Jahrhundert herrschend geworden ist. Von der Tendenz zum Überwuchern her sieht man, wie das Nervensinnes Systems im Wirtschaftsleben sich widerspiegelt, wie wir dies im vorigen Rundbrief kennengelernt haben.  

Nun möchte ich noch einen weiteren Vergleich zwischen den beiden Systemen anstellen. Es geht dabei um den Grad des Bewusstseins, mit dem wir die Glieder unseres Organismus erleben:

NSS         Denken         Wachen

RhS          Fühlen          Träumen

StGS         Wollen           Schlafen

Im Nerven Sinnes System sind wir denkend hellwach. Entsprechend weiß jeder, dass unser soziales Leben vom Wirtschaftsleben geprägt wird. Arbeit und Lohn, Kapital und Zinsen, Mehrwert und Profit, all dies ist uns als Realität klar. 

Schon im Rechtsleben wird es nicht mehr so klar. Im Rhythmischen System und im Fühlen träumen wir. Heute Vormittag bin ich schlechter Laune und weiß eigentlich gar nicht warum. Heute Nachmittag ist es andersherum und ich weiß wieder nicht warum. Die Atmung verläuft höchstens halbbewusst, den Herzschlag spüren wir normalerweise gar nicht. So ist es auch mit unserem Bewusstsein über das Rechtsleben. Es bedarf schon eines gewissen Erwachens, um R. Steiner darin zu folgen, dass eigentlich nur Waren gekauft und verkauft werden dürfen. Waren, die man verbrauchen kann. Ein Grundstück ist aber keine Ware, sondern es ist ein Recht auf Benutzung. Rechte dürfen nicht käuflich sein. Wenn Rechte käuflich sind, entsteht soziale Unterdrückung all derer, die sich das nicht leisten können. Dafür muss man erst erwachen, dass das ein sozialer Faktor ist. 

Vollends im Willensleben, das sich auf Stoffwechselvorgänge stützt, schlafen wir ganz und gar. Wir sind uns des Motivs bewusst, die Kaffeetasse anheben zu wollen, dann beobachten wir von außen, wie unsere Hand die Tasse erhebt. Was dazwischen vorgeht, verschlafen wir. Insofern ist unser Wollen schlafend. Und so schlafen wir auch für die Rolle des Geisteslebens im sozialen Organismus. Der Marxismus meint ja, das Geistesleben sei nur eine Ideologie, der Schaum des Persönlichen, der aus der Realität des Wirtschaftslebens aufsteigt. 

Man glaubt heute nicht, dass es sozial bedeutsam sein könnte, wie wir über uns selbst denken. Wenn die Genetik sagt, jede persönliche DNA sei eine zufällige Mischung aus mütterlicher und väterlicher DNA oder wenn Martin Heidegger und mehr oder weniger gleichlautend Romano Guardini sagen, der Mensch sei „hineingeworfen ins Dasein“ bzw. „hineingeworfen in Gott“, so sind alle drei Behauptungen – die des Genetikers, des Philosophen und des Religionswissenschaftlers - gleichermaßen trostlos und materialistisch. So wird die Individualität des Menschen verleugnet. Die Individualität selbst ist es, die Vater und Mutter zusammenführt. Wir werden eben gerade nicht geworfen, sondern wir sind es selbst, die wir uns ins Dasein werfen. Dieses Gefühl, dass der Mensch für sich selbst und sogar für sein Schicksal verantwortlich ist, schafft initiative Menschen, die den sozialen Problemen gewachsen sind.  

Man sagt dann, Religion müsse Privatsache sein. Ja, eben. In einem gesunden sozialen Organismus sollte das ganze Geistesleben genau in diesem Sinne Privatsache sein. Wenigstens behauptet dies R. Steiner, was ja erstaunlich ist, wenn man es zum ersten Mal hört (GA 23, Kap. 2, S. 83). Da sieht man den Bezug zum Stoffwechsel System unmittelbar, denn dass der Stoffwechsel unsere Privatsache ist, das versteht jeder. Gleichzeitig sieht man aber auch, wieviel noch geleistet werden muss, bis wir diese Höhe der Schätzung des Geisteslebens für den sozialen Organismus erreicht haben werden. Da gibt es noch viel zum Erwachen.

Nerven Sinnes System          Wachen       Wirtschaftsleben

Rhythmisches System           Träumen       Rechtsleben

Stoffwechsel Gliedmaßen S.  Schlafen      Geistesleben

Herzlich Ihr Friedwart Husemann