Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
die Dreigliederung des menschlichen Organismus (GA 21, Kap. IV,6.) beruht darauf, dass drei deutlich zu unterscheidende Systeme harmonisch zusammenwirken. Dadurch auch kann man verstehen, wie die Seele (Denken, Fühlen und Wollen) mit dem Leib zusammenhängt. Das Leib/Seele Problem wurde damit gelöst:
Nerven-Sinnes-System Denken
Rhythmisches System Fühlen
Stoffwechsel Gliedmaßen System Wollen
Es ist also nicht so, dass alles Seelische nur am Nervensystem hängt, wie man heute glaubt, sondern nur unser Bewusstsein und unser Denken hängen mit dem Nervensystem und dem Gehirn zusammen. Das ist sehr wichtig, um solche Phänomene wie das Wachkoma und die moderne Hirntod Definition richtig einzuschätzen, was aber jetzt nicht unser Thema ist.
Wenn man diese Dreigliederung mit der ebenfalls von R. Steiner inaugurierten sozialen Dreigliederung vergleicht, könnte man meinen, dass das Geistesleben im sozialen Organismus mit dem Nerven Sinnes System, und dass das Wirtschaftsleben im sozialen Organismus mit dem Stoffwechsel Gliedmaßen System zusammenpasst. So ist es aber nach Steiner nicht. Im 2. Kapitel seines Buches „Die Kernpunkte der sozialen Frage“ (GA 23) geht er darauf ein. Nach Steiner muss man so vergleichen:
Nerven-Sinnes-System Wirtschaftsleben Brüderlichkeit
Rhythmisches System Rechtsleben Gleichheit
Stoffwechsel Gliedmaßen S. Geistesleben Freiheit
Wie ist das zu verstehen? Es treten durch diesen Vergleich Eigenschaften der drei Glieder des menschlichen und des sozialen Organismus hervor, die sonst verborgen bleiben. Steiner schreibt: „Eines dieser Glieder ist das Wirtschaftsleben. Hier soll mit seiner Betrachtung begonnen werden, weil es sich ja ganz augenscheinlich, alles übrige Leben beherrschend, durch die moderne Technik und den modernen Kapitalismus in die menschliche Gesellschaft hereingebildet hat. Dieses ökonomische Leben muss ein selbständiges Glied für sich innerhalb des sozialen Organismus sein, so relativ selbständig, wie das Nerven Sinnes System im menschlichen Organismus relativ selbständig ist. Zu tun hat es dieses Wirtschaftsleben mit all dem, was Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum ist“ (S. 61/62).
Unser Geistesleben andererseits beruht nicht nur auf dem sogenannten „Geist“, den wir uns irrtümlicherweise ohne Materie vorstellen, sondern unser Geistesleben beruht auf individuellen Fähigkeiten und auf natürlicher geistiger und physischer Begabung des einzelnen Menschen. Das macht es verwandt mit dem Stoffwechsel Gliedmaßen System, das in ähnlicher Weise individualisiert ist.
Ich füge noch einige weitere Aspekte hinzu, die das verdeutlichen sollen. Unser Denken, das auf dem Nerven Sinnes System beruht, ist universell. Das zeigt sich, wenn wir Denken und Sprache miteinander vergleichen. In der Sprache sind wir noch regional getrennt. Im Italienischen sagt man testa, im Deutschen sagt man zu demselben Organ des Menschen Kopf. Der Deutsche beschriebt die äußere Form des Kopfes, der Italiener benennt die innere Tätigkeit, das Testieren des Kopfes. Aber der Begriff des Organes „Kopf“, der ist in jeder Sprache derselbe. So machen uns die Begriffe zu einer ganzen Menschheit. So auch ist es mit dem Wirtschaftsleben, das weltweit ein Ganzes bildet, das aber durch Nationalität und andere Egoismen daran gehindert wird, ein Ganzes zu sein. Wir haben als Menschheit alle dieselben Begriffe, das ist die Grundlage unserer Brüderlichkeit.
Mit unserem Stoffwechsel ist es anders. Der Stoffwechsel dient nur uns selbst. Ein Stück Brot kann ich vor dem Essen noch mit jemandem teilen, nach dem Essen nicht mehr. So auch beruht das Geistesleben im sozialen Organismus auf den individuellen, abgeschlossenen Fähigkeiten des einzelnen Menschen. Jeder hat seine individuelle Geistesfreiheit im sozialen Organismus wie er seinen eigenen Stoffwechsel hat. Bei unseren Gliedmaßen ist es ähnlich. Dass ein anderer Mensch ein Stück gehen kann, davon habe ich nichts. Ich muss den Weg selbst gehen. Der oft zitierte Satz: „Wege entstehen, wenn wir sie gehen“, deutet auf dieses individuelle Prinzip unserer Gliedmaßen hin, wodurch sie mit dem Geistesleben verwandt sind.
Oder noch einmal anders gesagt, wenn wir uns in unsere Schulzeit zurückversetzen: die Hausaufgaben meines Schulkameraden, die kann ich kurz vor Beginn der Schule noch abschreiben. Es gibt eine konstitutionelle Brüderlichkeit in dem, was wir mit unserem Nerven Sinnes System erarbeiten und was von den Plagiatoren missbraucht wird. Den Weg in die Schule andererseits, den kann mir mein Kamerad nicht abnehmen, dafür muss ich meine eigenen Glieder benützen.
Es ist kein Jonglieren mit Analogien, wenn wir so etwas vergleichen. Sondern es geht darum, wie R. Steiner es formuliert: „dass das menschliche Denken, das menschliche Empfinden lerne, das Lebensmögliche an der Betrachtung des naturgemäßen Organismus zu empfinden und dann diese Empfindungsweise anwenden könne auf den sozialen Organismus“ (GA 23, 2. Kapitel, S. 60).
Wir wollen deswegen noch einen weiteren Vergleich hier anschließen, der den Menschen als umgekehrte Pflanze betrifft. Die mit der Mineralwelt sich auseinandersetzende Wurzel entspricht unserem Kopf. Die Blüte, wo auch die Fortpflanzung stattfindet, entspricht unserem Stoffwechselsystem. Der Blattorganismus und die Atmung sind zueinander komplementär: Tier und Mensch nehmen den Sauerstoff auf und geben den Kohlenstoff ab, die Pflanze nimmt den Kohlenstoff auf und gibt den Sauerstoff ab.
Kopf Wurzel Wirtschaftsleben Brüderlichkeit
Lunge Blatt Rechtsleben Gleichheit
Stoffwechsel Blüte Geistesleben Freiheit
Wenn man sich vorstellt, wie die Pflanzen im Boden wurzeln, so hat jede Pflanze natürlich auch eine Tendenz sich auszubreiten, wenn Sie an den Giersch mit seinen wuchernden Wurzeln im Garten denken. Aber im Ganzen herrscht doch eine ganz wunderbare Brüderlichkeit im Nebeneinander und im Sich gegenseitig Berücksichtigen der Wurzeln. Die Pflanze ist am Boden festgebunden, sie kann den Ort nicht wechseln. So hat auch jede Firma im Wirtschaftsleben ihren „Standort“. Ganz anders ist es mit der Blüte. Da herrscht große Freiheit. Sehen Sie auf die Löwenzahn Samen, wie sie mithilfe ihrer Schirmchen überall hinfliegen. Wenn Sie einen Acker ein Jahr lang brach liegen lassen, kommen schon im nächsten Jahr unzählige Kamillenpflanzen, die den rohen Boden bedecken. Wo sind die hergekommen? Das ist die Freiheit des Samen- und Keimes- Lebens. Der überall frei herumfliegende Samen muss aber im Stempel und dann im Fruchtknoten auch wieder zur Ruhe kommen, sonst entsteht keine Frucht. Die Freiheit des Geisteslebens ist uns in der Freiheit der Samenausbreitung naturhaft vorgegeben. Die Verantwortung, die wir im Geistesleben gegenüber dem Streben nach Wahrheit haben, die erscheint uns naturhaft in Stempel und Fruchtknoten.
Ein zweiter Teil zu demselben Thema folgt.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann