Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde
Im vorigen Rundbrief haben wir das Ich des Menschen als Merkurstab im Zusammenhang mit Faust und dem mitteleuropäischen Menschen skizziert. Wir wollen heute dieses Motiv noch etwas weiterverfolgen.
In der kleinen Kuppel des ersten Goetheanums finden Sie die Gestalt des Faust aus dem Blau heraus gemalt, wie er das Wort ICH betrachtet. Es ist das einzige Wort, welches im Goetheanum geschrieben steht. R. Steiner nennt diese Inschrift sogar „unkünstlerisch“ (zit. nach Hilde Raske „Das Farbenwort“, Stuttgart, 1983). Er hatte diese Inschrift selbst entworfen und die ganze rechte Hälfte der kleinen Kuppel selbst gemalt. Unterhalb der Gestalt des Faust und zu ihm dazu gehörend steht ein Skelett als Bild des Todes. Das ist nur zu ertragen, weil andererseits dem Faust ein Kind entgegeneilt. Das Kind ist aus dem Rot orange heraus gemalt. (siehe Abb. unten am Ende des Textes). Zwischen dem Kind und dem Tod steht Faust mittendrin, wie zwischen der Geburt und dem Tod. Über der Faustgestalt schwebt ein Genius, der das Kind zu Faust hingeleitet. In diesem Kontext vertritt Faust die fünfte nachatlantische Epoche, also die Zeit ab 1413 bis etwa 3500. Es sind demnach vier Figuren, die das Motiv unserer Epoche bilden: der lenkende Genius, das Kind, Faust und der Tod. Man könnte bei Faust an den heutigen Menschen denken, wie er ein Buch über die Anthroposophie liest. Die Frage ist: wird es ihm zur Selbsterkenntnis, zum schöpferischen, jugendlichem Aufschwung oder wird es ihm zum Tod oder sogar nur zum leeren Zitat werden? Der Genius über uns wartet, was wir ihm entgegenbringen. Entschieden und vorherbestimmt ist nichts.
Das besagte Bild zeigt eine einsame, mit sich selbst beschäftigte Hauptperson, die nach verschiedenen Richtungen gewiesen und geführt oder auch verführt wird. Denn man merkt es dem Skelett unter dem Faust schon an, welche Macht von ihm ausgeht und bewältigt werden muss. Nicht nur Faust wurde repräsentativ für Mitteleuropa, sondern ebenfalls repräsentativ wurde: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, der Refrain, den Paul Celan auf das 20. Jahrhundert rückblickend gestaltete.
Bei all dem bleibt dann nur noch die Frage: wer hat uns denn mit diesem Ich ins Dasein geworfen? Wer hat uns dieses „irrende Irrlicht“ gegeben? Warum, Ihr Götter, habt Ihr mich mit meinem Ich so allein gelassen?
Diese Frage kann nur mithilfe der Anthroposophie beantwortet werden. Das Ich wurde dem Menschen in der Mitte der lemurischen Zeit von den Geistern der Form gegeben. Es gibt sieben Geister der Form (griech. Exusiai oder hebräisch Elohim). Sie wohnten auf der Sonne. Aber einer von ihnen, das war Jahwe oder Jehova, der opferte sich und ging auf den Mond. Es gab demnach sechs Elohim auf der Sonne. Diese sechs Elohim sind der Sonnenlogos, der Christus oder der Sohn Gottes, der bei der Jordantaufe in den Jesus eintrat (GA 103, 26. 5. 1908). Der Sonnenlogos oder - mit den Worten der Geheimwissenschaft - das „hohe Sonnenwesen“ hat jedem von uns das Ich gegeben. Jedes Menschen-Ich hat in dem Christus seinen Ursprung. Daher rührt das Ideal der allumfassende Brüderlichkeit der Menschen untereinander. Seit dem Kreuzestod ist der Sonnenlogos der Geist der Erde, er ist den Menschen viel näher als sie gemeinhin denken.
Das geschriebene Wort „ICH“ in der kleinen Kuppel ist genau das, was unser Ich aufrichten und ihm die Richtschur geben kann: das Wort I - CH enthält in der deutschen Sprache die Christusinitialen Jesus Christus. (Jesus heißt auf Griechisch IESUS, das deutsche J steht für das griechische IE). Die deutsche Sprache wurde von den christlichen Eingeweihten so gefügt, dass dieser Zusammenhang zustande kam: „So wie man im Sanskrit das AUM für die Trinität hat, haben wir für das Innere des Menschen das Zeichen „ICH“. Dadurch war ein Mittelpunkt geschaffen worden, durch den die Leidenschaften der Welt sich in Rhythmus verwandeln können. Sie müssen sich durch das Ich rhythmisieren. Dieser Mittelpunkt ist wörtlich der Christus“ (GA 93 a, 27.9.1905). Das ist die Richtschnur, das ist die Richtung, die wir für unser Ich brauchen. Der Mensch könnte nämlich sein Ich auch wieder verlieren, wenn er es nicht mit den Inhalten der Geisteswissenschaft erfüllt (GA 166, 8.2.1916). Auch hier spricht R. Steiner über die Christusinitialen in dem Wort ICH. Desgleichen geschieht dies am 9.5.1915 in Wien, am 13.5.1915 in Prag und am 18.5. 1915 in Linz (GA 159/160). Der deutsche Volksgeist hat Jahrhunderte lang darauf hingearbeitet, dass wir mit diesem Wort uns dem Christus so nahe fühlen dürfen (Wien, 9.5.1915).
Im deutschen Sprachraum wird zwar überall das Wort Ich als Ich geschrieben und auf Hochdeutsch auch so gesprochen, aber mundartlich wird nur in einem begrenzten Raum Mitteleuropas das Ich als Ich ausgesprochen, darum herum sagt man „I“ - „Ik“ - Ikke“ – „ek“ – „eich“ – „ech“ usw (siehe Armin Husemann „Der musikalische Bau des Menschen“, 1993, S. 137: Mundartkarte des Wortes „Ich“ aus dem dtv Atlas der deutschen Sprache, 1983). Dasselbe gilt für die anderen Sprachen, die das Ich ganz verschieden aussprechen. Das deutsche Ich ist in dem gegebenen Christus - Zusammenhang ein Zeichen, oder es ist ein Vorbild oder Urbild für die anderen Sprachen. Alles, was im Sinne des Christus geschieht, gilt für alle Menschen. Die anderen Sprachen verwandeln und individualisieren das Urbild. Wie schön klingt z. B. das italienische IO oder das russische JA gerade dann, wenn man sie vor dem Hintergrund des Wortes Ich empfindet. Und man meint das Raunen des Weltengrundes zu hören, wenn man das Wort AHAM erlebt, welches auf Hindi oder Sanskrit Ich bedeutet.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Liebe Freunde

Kürzlich las ich eine Stelle bei R. Steiner, wo er über das Ich des Menschen folgendes schreibt: „…dieses Wesen, das von Augenblick zu Augenblick sich durch Irrtum und Illusion zu der Weisheit tastend hindurchringen muss“ (GA 11, Kap. „Der viergliedrige Erdenmensch“). Ein Satz, der wohl jedem einleuchtet. Der Zusammenhang liegt darin, dass der physische Leib einerseits undurchdringlich und materiell erscheint, aber andererseits in seiner Art die größte Vollkommenheit besitzt. Man denke an den weisheitsvollen Bau unserer Organe und ihr harmonisches Zusammenwirken. Für unseren Astralleib gelten schwankende und ambivalente Verhältnisse: „So tauml‘ ich von Begierde zu Genuss / und im Genuss verschmacht‘ ich nach Begierde“ (Faust I, Verse 3249/3250). Der Astralleib ist von seiner Substanz her zwar geistiger, aber viel unreifer als der physische Leib. Erst recht gilt dies für unser Ich. Es macht uns zwar zum Menschen und führt uns durch wiederholte Erdenleben, aber von irgendeinem Reifegrad kann noch kaum gesprochen werden. Daher sein tastendes, von Augenblick zu Augenblick durch Irrtum und Illusion sich hindurchringendes Wesen.
Wir wollen dieses tastende Wesen des Ich noch etwas weiter ausloten. Kurz nach dem Beginn des ersten Weltkrieges entspannen sich unter den Angehörigen der verschiedenen Nationen, die am Goetheanum in Dornach bauten, erregte Diskussionen. Es ging um die Frage, wer die Schuld am Kriegsausbruch hat. Als R. Steiner nach Kriegsbeginn erstmals wieder nach Dornach kam, erwarteten die dort arbeitenden Anthroposophen, dass er nun sagt, wer die Schuld hat. Das geschah aber nicht. Sondern R. Steiner hielt zwei Vorträge über die Volkseelen Europas (GA 287, 18./19. 10. 1914), wodurch der Streit unter den in Dornach versammelten Nationen sofort geschlichtet war.
Die italienische Volksseele erscheint in dem Kapitäl der Sonnensäule ausgedrückt. Der italienische Volksgeist lebt in der Empfindungsseele. Man könnte denken, das sei eine Zurücksetzung der Italiener. Das ist aber in diesem Kontext ein Missverständnis. Im Vergleich mit den anderen Seelengliedern umspannt die Empfindungsseele den größten Umfang, sie reicht physisch bis zu den Sternen und geistig bis zu den Hierarchien. Dante, der kürzlich seinen 700. Geburtstag feierte, zeigt eindrucksvoll, was die Empfindungsseele alles begreifen und verstehen kann. Faust jedoch muss sagen: „Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor“. Er kann nur noch einen Punkt erfassen, nämlich sich selbst. Ohne die italienische Empfindungsseele hätten wir für die 5. nachatlantische Epoche keinen Maßstab. Dante ist ein Nachklang der ganzen verflossenen, dritten ägyptisch – chaldäische Periode, welche die Empfindungsseele originär ausgebildet hatte. Was Dante für uns repräsentiert, das müssen wir uns vom Ich her erst wieder erringen. Deswegen haben die späteren Kulturträger - und die späteren Italiener natürlich auch - am italienischen Geist sich geschult, wie etwa Goethe in Italien. Einen ähnlichen Vorbildcharakter wie Dante haben die italienischen Maler von Giotto bis Tizian, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder die italienischen Geigenbauer aus Cremona, wo die Familien Amati, Guarneri und Stradivari Instrumente herstellten, die bis heute unerreicht sind. So wie Italien hat jedes Land in Europa seine spezifische Aufgabe:
| Italien | Empfindungsseele | Dante | Sonnensäule |
| Frankreich | Verstandesseele | Moliere | Mondensäule |
| England | Bewusstseinsseele | Shakespeare | Marssäule |
| Mitteleuropa | Ich | Goethe/Faust | Merkursäule |
| Russland | Geistselbst | Solowjow | Jupitersäule |
Diese Zusammenhänge hat Herbert Hahn in seinem Werk zur Völkerpsychologie „Vom Genius Europas“ nach allen Seiten hin ausgearbeitet.
Was uns hier interessiert, ist der Zusammenhang mit dem Merkurstab, weil hier das Ich ganz ähnlich beschrieben wird wie in der eingangs erwähnten Stelle: „Wenn man gerade dieses im Faust ausgedrückte Wesen auf sich wirken lässt, dann kommt man dazu, in dem aufstrebenden Ich das Wesen der mitteleuropäischen Menschheit zu sehen, schlangenumwunden. Schlangenumwunden! Das heißt strebend in der noch unentschiedenen Weisheit, strebend in der sich bildenden Weisheit, strebend in der werdenden Weisheit, niemals im Grunde genommen in irgendeiner Sicherheit der Abgeschlossenheit seines Wesens lebend, ist der mitteleuropäische Mensch“ (GA 287, 19.10.1914).
Eine weitere Stelle über das Ich lautet: „Dann folgt als viertes [Wesensglied] das eigentliche Baby, das menschliche Ich, welches als irrendes Irrlicht erst von der Zukunft erwarten muss, in sich solche Gesetze zu bekommen, die ihm eine Richtschnur bieten, wie sie der physische Körper längst schon hat“ (GA 93, 15.5.1905).
Im zweiten Teil dieser Ausführung werden wir uns mit der genannten Richtschnur für das Ich befassen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
In seelischer Hinsicht müssen wir als Mann und als Frau besonders viel lernen. Das glaubt man erst einmal nicht. Denn was die Liebe betrifft, fühlt sich jeder kompetent. Das stimmt schon, aber eben nur für sich und nicht für den anderen. Mann und Frau lieben auf verschiedene Weise. Das muss man erst einmal verstehen wollen.
Hören wir auf die berühmteste Liebesszene der Weltliteratur: Romeo und Julia, 5. Szene, III. Akt. Die Liebenden genießen ihre Liebe, und die Zeit dabei kann nicht lange genug sein. Dann hört Romeo die Lerche singen als Verkünderin des Morgens und sagt zu Julia, er müsse jetzt nach Mantua aufbrechen. Jedes weitere Zögern bedeute seinen Tod. Julia antwortet: „das ist nicht die Lerche, das ist die Nachtigall, wir haben noch Zeit“. Romeo zweifelt, ob das stimmt. Nachdem ihn Julia aber noch einmal bittet, es ihr zu glauben, sagt Romeo: „gut, wenn Julia sagt, es ist die Nachtigall, dann ist es die Nachtigall, und ich brauche nicht nach Mantua zu fahren, ich bleibe bei dir“. Dann wird Julia aber doch unsicher, beide stellen zuletzt gemeinsam fest, dass es die Lerche ist. Es ist herzzerreißend, aber sie müssen sich trennen.
„Es ist nicht die Lerche, es ist die Nachtigall“: Julia ändert aus Liebe zu Romeo ihre Vorstellungen. Romeo dagegen ändert aus Liebe zu Julia seinen Willen, er bleibt bei ihr, obwohl er weiß, dass es die Lerche ist. Genau in diesem Sinne erklärt R. Steiner die Liebe der Geschlechter zueinander. Die Liebe des Mannes ist in Wünsche getaucht, diese Wünsche können auch sehr edel sein, aber es sind Wünsche. Die Liebe der Frau ist in Vorstellungen getaucht, diese Vorstellungen können auch trivial sein, aber es sind Vorstellungen: „Die Frau trägt wie der Mann das volle Menschliche in sich, aber so, dass sie es wie eine Gabe aus dem Außerirdischen ansieht, wie etwas das im Grunde genommen aus dem Himmlischen herein sich in die Welt ergossen hat…Die Frau sieht die Menschheit so an, dass sie dabei vorzugsweise Werturteile zugrunde legt, dass sie abwertet, abschätzt“ (GA 303, 4.1.1922). Weiterhin in demselben Kontext: „…Dem inneren Wesen nach trägt der Mann die Menschheit so in sich, dass er eigentlich das Menschliche immer wie ein Rätsel empfindet wie etwas, das er nicht ganz durchdringen kann, das an ihn unsägliche Fragen stellt, mit denen er nicht fertig wird.“ Zusammenfassend: „Während also die Frau die Menschheit mehr im Bilde erlebt, erlebt sie der Mann mehr als Wunsch mit einem Rätselcharakter“ …“Die Frauenliebe ist in Phantasie getaucht, die Männerliebe ist in Wunsch getaucht“ (ebenda).
Im seligen Nehmen und Geben der Liebe ist dieser Unterschied gerade das Schöne, fällt aber auch nicht weiter auf. Anders ist es im Konfliktfall. Die ewigen Rätsel und Probleme des Mannes, ob es nun die Anthroposophische Gesellschaft ist, das neue Manuskript, der Feuerwehrverein um die Ecke oder die dringend nötige Motorradreparatur, es gibt für den Mann immer Aufgaben, die unendlich wichtig sind. All diese Dinge können die Frau nach und nach empören. Sie bemerkt den Wunsch- oder gar Suchtcharakter des männlichen Strebens und sagt zu ihrem Mann: „Du bist ein Egoist!“ Im weiteren Verlauf der partnerschaftlichen Auseinandersetzung kommt dann der Mann mit seiner Antwort. Er durchschaut, dass die Vorstellungen seiner Frau nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmen, und sagt: „Der Mann, den Du Dir vorstellt, den gibt es nicht!“ Wenn man das Typische dieser beiden Vorwürfe erkannt hat, wie die eine Hälfte der Menschheit über die andere Hälfte urteilt, kann man die eigene Einseitigkeit eher überwinden und versteht den Standpunkt des anderen besser. Man muss in der Partnerschaft lernen, dass man selbst nur die Hälfte ist, nicht nur die Hälfte der Partnerschaft oder der Ehe, sondern die Hälfte der ganzen Menschheit, die Hälfte von Weltenkräften.
Was ist die seelische Begabung der Frau, was ist die seelische Begabung des Mannes? Noch einmal R. Steiner: „Die Seele ist männlich und weiblich zugleich. Sie trägt in sich diese beiden Naturen. Ihr männliches Element ist dem verwandt, was man Wille nennt, ihr weibliches dem, was als Vorstellung bezeichnet wird“ (GA 11, Kap. „Die Trennung der Geschlechter“). Die Frau ist denkbegabt, der Mann ist willensbegabt. Das ist eine sehr gewichtige Aussage, der wir den ganzen nächsten Rundbrief widmen wollen.
Rückblickend auf unsere bisherigen Betrachtungen ergibt sich:
Phys. Leib eingeschlechtlich
Ätherleib gegengeschlechtlich
Astralleib /Seele zweigeschlechtlich
In alldem liegen viele weitere Forschungsfragen, wenn Sie mir diese „typisch männliche“ Bemerkung gestatten. Stellen Sie sich vor, wieviel Richtung und Segen in die Eheberatung und Paartherapie kommen würde, wenn die hier skizzierten Gedanken psychologisch ausgearbeitet wären. Ganz zu schweigen davon, wenn diese Gedanken ein allgemeines Kulturgut wären. Wir werden dieses Thema noch einige weitere Male erörtern, bis wir den Gipfel dieses Problems ersteigen werden, was Mann und Frau für das Ich bedeuten. Das Ich fehlt in der oben wiedergegebenen Wesensgliederordnung. Vorerst will ich das heute angeschlagene Thema mit einem Bild aus der „Okkulten Physiologie“ (GA 128) abschließen. Dort spricht R. Steiner im letzten Vortrag (28.3.1911) von dem weiblichen und dem männlichen Keim. Beide Keimzellen sind für sich allein zum Tode verurteilt. Die weibliche Eizelle ist „zu gut“ für diese Erde. Für sich allein würde sie es nicht bis zur Haut, zu den Sinnesorganen und bis zu den Knochen bringen. Der männliche Keim übertreibt es nach der Gegenseite, er würde unendlich unter das Irdische hinunterführen, zu stark in die Knochen und die Sinnesorgane sich gestalten und dadurch ebenfalls lebensunmöglich sein. Nur durch das Zusammenwirken dieser beiden Impulse, die jeder für sich allein lebensunmöglich sind, wird das menschliche Leben möglich. Jeder von uns ist ein ganzer Mensch. Aber dem Leibe nach sind wir nur die Hälfte des Ganzen. Das zieht sich bis hinauf in die Seele. Der letzte Rest dieser Halbierung in zwei Hälften ist die Denkbegabung der Frau und die Willensbegabung des Mannes.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
dass der Ätherleib des Mannes weiblich und der Ätherleib der Frau männlich ist, wissen die meisten von Ihnen. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass dieser Gedanke gar nicht so leicht zu verstehen ist.
Der erste Schritt zum Begreifen dieses Unterschiedes betrifft empirische Phänomene. Frauen leben durchschnittlich 7 Jahre länger als Männer. Vor einigen Jahrzehnten war dieser Unterschied noch größer, da betrug er etwa 10 Jahre. Dieser Unterschied wird bei den Prämien für Lebensversicherungen beachtet. Früher wurde dieser Unterschied auch bei den Krankenversicherungen gemacht, seit einigen Jahren wurde das aber im Sinne der Gleichberechtigung als ungerecht angesehen, sodass jetzt das Krankenversicherungsrisiko gleichmäßig auf beide Geschlechter verteil worden ist. Die höhere Lebenserwartung der Frau weist auf eine stärkere Lebenskraft des weiblichen Organismus hin. Schwangerschaft, Geburt und Stillfähigkeit weisen in dieselbe Richtung. Umgekehrt ist es mit den physischen Kräften. Es ist selbstverständlich, dass bei Sportwettkämpfen, z. B. beim 100 m Lauf in der Leichtathletik Männer und Frauen getrennt beurteilt werden, weil Männer physisch stärker sind. Also wenn man die Kategorie der Stärke zugrunde legt, kann man sagen: der Mann ist physisch stärker als die Frau, die Frau ist von der Lebenskraft her, also ätherisch stärker als der Mann.
Ich habe viele Jahre im Südbayerischen Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in München Unterricht gegeben. Die meisten Teilnehmerinnen waren Frauen. Und ich merkte im Laufe der Jahre immer deutlicher, wie unsympathisch dieser Gedanke den Frauen ist. Gerade das, was die Frau zur Frau macht, nämlich Schwangerschaft, Geburt und Stillen, die soll eine Frau der Männlichkeit ihres Ätherleibes verdanken? Bei dieser Vorstellung kommt die Männlichkeit den Frauen zu nahe. Vielleicht liegt der weibliche Widerwille gegen diesen Gedanken an der Kategorie der Stärke und Schwäche, mit der hier Mann und Frau verglichen werden, weil stark und schwach eher eine männliche Kategorie ist. Das besagte Unbehagen liegt letztlich aber daran, dass der Ätherleib unsichtbar ist, der physische Leib jedoch sichtbar erscheint. Der Ätherleib ist die große Unbekannte unserer Zivilisation. Und weil die Frau gerade dort ihre Stärke hat, ist ihre Stärke gewissermaßen unsichtbar. Das ist das Grundproblem. In dem Maße, indem der Ätherleib anerkannt werden wird, in dem Maße wird auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau für beide Geschlechter immer befriedigender werden.
Weiterhin muss man verkraften, dass die Begriffe von Weiblichkeit und Männlichkeit sich relativieren. Jeder wird beispielsweise meinen, dass der Ehrgeiz eine typisch männliche Eigenschaft ist. Denken Sie nur an die typisch männliche Karrieresucht. Wer das Familienleben unbefangen beobachtet, wird bemerken, dass Frauen eine Aufopferungsfähigkeit besitzen, die Männer nicht haben. Das Wort Aufopferungsfähigkeit mag veraltet klingen, ich benütze es, weil ich dadurch in einen Gleichklang mit dem gleich folgenden Zitat von Steiner komme. Bei gutem Willen versteht man ja, was gemeint ist. In Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit kommt die gemeinte Aufopferungsfähigkeit sogar organisch physiologisch zum Ausdruck. Und was sagt dazu die Geisteswissenschaft? Der Ehrgeiz des Mannes kommt von der Weiblichkeit seines Ätherleibes! Und die Aufopferungsfähigkeit der Frau rührt von der Männlichkeit ihres Ätherleibes her! (GA 99, 4.6.1907). Die Begriffe männlich und weiblich lösen sich auf. Das wird immer deutlicher werden, je weiter wir zu den höheren Wesensgliedern kommen, die wir in weitern Rundbriefen behandeln wollen.
Bleiben wir aber noch ein wenig bei dem gegengeschlechtlichen Lebensleib. Der physische Leib, der als mineralischer Leib dauernd den Tod in sich trägt, ist so betrachtet eigentlich krank. Der Ätherleib muss ihn fortwährend gesund machen. Der Mann sieht im physischen Leib der Frau das Bild seines eignen Ätherleibes, der ihn gesund macht. Ebenso sieht die Frau im physischen Leib des Mannes das Bild ihres eigenen gesundmachenden Lebensleibes. Das ist die Ebene des Ätherleibes. Das ist die Ebene der Lebensgemeinsamkeit, die nach neueren Forschungen dazu führt, dass Ehen für beide Partner lebensverlängernd sind. Emotional braucht das nicht ebenso befriedigend zu sein, im Gegenteil gehen lange Ehen eher mit einer sogenannten „stabilen Unzufriedenheit“ einher. Die gesundende Wirkung der Lebenspartnerschaft von Mann und Frau war früher besser bekannt:
Kum, kum, Geselle min
Ich entbite harte din
Kum, kum Geselle min.
Süßer rosenfarbner Mund,
Kum und mache mich gesund,
Kum, kum, kum und mache mich gesund.
Kum, kum, süßer rosenfarbner Mund.“ (13. Jahrhundert)
Das ist nicht nur eine dichterische Metapher für die „Liebeskrankheit“, sondern dem liegt die Ahnung zugrunde, dass wir dem physischen Leibe nach krank sind und in dem anderen Geschlecht uns das physisch entgegenkommt, was unsere eigene höhere Natur und Gesundheit bedeutet.
In seiner Autobiographie „Mein Lebensgang“ (GA 28, Kap. XXXVII) berichtet R. Steiner darüber, wie der genannte Gedanke des gegengeschlechtlichen Lebensleibes in ihm entstanden ist, wie er ihn zur Reife bringen und 1906 erstmals in Paris aussprechen konnte. Ich bringe diesen Text, weil Sie daran sehen werden, wieviel aus diesem Gedanken noch herausgeholt werden kann. Der folgende Text ist ein Teil des zweitletzten Abschnittes, den R. Steiner an seinem Lebensgang geschrieben hat. Er erschien in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ am 29.3.1925, einen Tag vor R. Steiners Tod. Die letzte Passage erschien dann einige Tage nach seinem Tod. Der Text lautet:
„Im Pariser Zyklus von Vorträgen habe ich eine Anschauung vorgebracht, die eine lange «Reifung» in meiner Seele hat durchmachen müssen. Nachdem ich auseinandergesetzt hatte, wie sich die Glieder der Menschenwesenheit: physischer Leib, Ätherleib -als Vermittler der Lebenserscheinungen -, Astralleib -als Vermittler der Empfindungs- und Willenserscheinungen -und der «Ich-Träger» im Allgemeinen zueinander verhalten, teilte ich die Tatsache mit, dass der Ätherleib des Mannes weiblich; der Ätherleib der Frau männlich ist. Damit war innerhalb der Anthroposophie ein Licht geworfen auf eine Grundfrage des Daseins, die gerade damals viel behandelt worden ist. Man erinnere sich nur an das Buch des unglücklichen Weininger: «Geschlecht und Charakter» und an die damalige Dichtung.
Aber die Frage war in die Tiefen der Menschenwesenheit geführt. Mit seinem physischen Leib ist der Mensch ganz anders in die Kräfte des Kosmos eingefügt als mit seinem Ätherleib. Durch den physischen Leib steht der Mensch in den Kräften der Erde; durch den Ätherleib in den Kräften des außerirdischen Kosmos. Männlich und Weiblich wird an die Weltgeheimnisse herangeführt.
Für mich war diese Erkenntnis etwas, das zu den erschütterndsten inneren Seelen-Erlebnissen gehörte. Denn ich empfand immer von neuem, wie man sich geduldig-wartend einer geistigen Anschauung nähern muss, und wie man dann, wenn man die «Reife des Bewusstseins» erlebt, mit den Ideen zugreifen muss, um die Anschauung in den Bereich der menschlichen Erkenntnis hereinzuversetzen (GA 28, Kap. XXXVII).“
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freude
Wir sind mit dem vorigen Rundbrief bis zur Seele der Sprache vorgedrungen. Ich will heute versuchen, den Weg zum Geist der Sprache wenigstens anzudeuten.
Johannes sagte „Im Urbeginne war das Wort“. Dem folgend geben wir uns meditativ einem Wort hin, damit es den höheren Menschen in uns erwecke. Dabei ist der Geist der Sprache so stark oder schwach wirksam, soweit wir uns heute konzentrieren und soweit wir den Geist erleben können. Aus dem Orient kam die Silbe AUM oder AOUM oder OM zu uns. In den Mithras Mysterien wurden lange Reihen von Vokalen und Lauten rezitiert oder gesungen, deren Sinn ganz offenkundig einzig und allein gewesen ist, die Seele aus dem Leib zu lösen (Alfred Schütze „Mithras“ S. 181):
„EEO – OEEO – IOO – OE – EEO
EEO – OEEO - IOO – OE – EEO
EE – OOE
IE – EO – OO -OE
IEO – OE – OOE“ usw.
Das Verständnis dieser Vokalfolgen war den Menschen damals wahrscheinlich genauso verschlossen wie uns heute, aber sie konnten noch etwas dabei erleben.
Es gibt bestimmte Laute, die einem zur Meditation behilflich sein können und die Stimmung dazu vorbereiten. R. Steiner empfahl z. B. das Wort „Ruhe“ zu meditieren, damit man die Ruhe findet. Der erste Absatz der ersten Meditation in „Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen – in acht Meditationen“ (GA 16) endet mit folgenden Worten: „Außenwelt und Innenwelt stellen sich vor den Menschengeist, wenn die Seele für kürzere oder längere Zeit aufhört mit der Außenwelt eins zu sein und sich in die Einsamkeit des Eigenseins zurückzieht.“ Dieser Satz, der das Wesen der Meditation beschreibt, enthält zum Ende hin eine Häufung der Silbe Ei. Sie erscheint zweimal in „eins zu sein“ und dann viermal in der „Einsamkeit des Eigenseins.“ Das Ei ist dem englischen Laut I (für das deutsche Ich) ähnlich. Die Wortfolge: „Einsamkeit des Eigenseins“ ist besonders geeignet, um sich auf die Meditation vorzubereiten und die nötige Stimmung herzustellen.
Wir können die Silbe Ei mithilfe der Eurythmie noch tiefer verstehen. Die fünf Vokale und zwei Umlaute entsprechen nach R. Steiners Forschungen folgenden Planeten Prozessen (GA 279, 7.7.1924):
U Saturn
O Jupiter
E Mars
Au Sonne
A Venus
I Merkur
Ei Mond
In diesen Entsprechungen liegen eine Fülle von Forschungsfragen. In meinem Buch „Anthroposophische Medizin – ein Weg zu den heilenden Kräften“, 2. Auflage, 2011, habe ich dem Laut A ein ganzes Kapitel gewidmet. Eurythmisch gestalten wir das A durch eine gabelförmige Armstreckung. Das steht in Zusammenhang mit gabelförmigen Wuchsformen im Pflanzenreich und mit dem Pentagramma veneris, also dem 8-jährigen Rhythmus des Planeten Venus. Es ist dies ein goetheanistischer Forschungsansatz, wie er für die anderen Planeten – Vokal Entsprechungen noch nicht geleistet werden konnte, aber sicherlich einmal geleistet werden wird.
Wir erkennen für unseren Zusammenhang: das Ei entspricht dem Mond. Der Mond, wo die Lehrer der Urweisheit wohnen und deren Schweigen so wirksam ist (GA 240, 25.1.1924 und weitere Stellen). Der Mond ist seelisch die reine Schalenbildung, die dem Höheren sich hingibt. Das Ei entspricht der Monden-ähnlichen Gralsschale, die die Sonnenaura trägt. Ägyptisch gesagt entspricht das Ei der Monden Göttin Isis. Sie trägt und empfängt den Sonnengott Osiris. Die Meditation beginnt mit dem Ei: in der „Einsamkeit des Eigenseins“ soll das Licht entzündet werden, das die geistige Welt beleuchtet. Das Licht zum Schauen der geistigen Welt scheint nicht von außen auf die Dinge, wie dies in der physischen Welt der Fall ist, sondern wir sind selbst die Lampe, welche die Dinge in der geistigen Welt beleuchtet. Deswegen nannte Goethe den Hierophanten im Märchen den „Mann mit der Lampe“. Wenn unser Eigenlicht zu leuchten beginnt, dann sind wir zum Au vorangeschritten, wir sind zur inneren Sonne oder zur Osiriskraft gelangt. Das Wort Schauen enthält den Sonnenlaut AU ebenso wie die Worte Aura und Auge.
So geht der Weg in der Meditation vom EI zum AU, vom inneren Mond zur inneren Sonne. All das kann mitschwingen, wenn wir uns zu Beginn der Meditation auf die Worte von der „Einsamkeit des Eigenseins“ konzentrieren.
Die Einsamkeit ist inhaltlich ein Motiv, welches uns jetzt in der Johannizeit zu Johannes dem Täufer führt. Johannes der Täufer sagte „Ich bin die Stimme eines Predigers in der Wüste“, was aber missverständlich übersetzt ist. Man muss übersetzen: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Einsamkeit“ (GA 103, 22.8.1908). Für uns bedeutet dies: wir müssen durch Meditation die Einsamkeit überhaupt erst finden, damit der Geist uns rufen kann. Die Meditation ist eine Übung, um die Einsamkeit zu ertragen (GA 94, 8.7.1906). Wir lassen uns deswegen bei der Meditation so leicht stören und ablenken, weil wir die Einsamkeit noch nicht ertragen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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