Dr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.
Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.
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Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
gestatten Sie mir zu diesem Thema zwei Vorbemerkungen. Erstens: Goethes Farbenlehre wurde von R. Steiner unterstützt und bestätigt. Daneben begründete R. Steiner eine eigene Farbenlehre mit der Unterscheidung von Bild- und Glanzfarben und hielt mehrere wunderbare Vorträge über den Regenbogen. Das Meiste davon finden Sie in dem Band „Farbenerkenntnis“ (GA 291 a). Zweitens: R. Steiner gab eine Vielzahl von Darstellungen zum Pfad der Erkenntnis. Es liegen seine entsprechenden Bücher vor und seine Klassenstunden aus dem Jahr 1924 (GA 270). Speziell für Naturwissenschaftler beschrieb er einen Weg zur Geisterkenntnis in „Grenzen der Naturerkenntnis“ (GA 322). Auf demselben Wege stellte er in der Vortragsreihe „Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes“ (GA 134) vier Stufen dar, nämlich: Staunen – Verehrung – weisheitsvoller Einklang mit den Welterscheinungen – Ergebung in den Weltenlauf. Diese äußerlich betrachtet so verschiedenen Methoden sind innerlich miteinander verwandt und führen am Schluss zu demselben Ziel.
Worum es im Folgenden geht, steht im ersten Vortrag des Helsingforser Zyklus „Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen“ (GA 136), wo R. Steiner die Methode darstellt, wie man zum Schauen der Elementargeister (Gnomen, Undinen, Sylphen und Salamander) gelangen kann. Es sind vier Stufen des „moralischen Naturerempfindens“, wie R. Steiner sie nennt. Bei der ersten Stufe versteht man das Moralische dieses Begriffes noch gut, bei den weiteren muss man es sich erst erarbeiten:
Blauer Himmel Frommheit
Grüne Wiese Gedanke
Weiße Schneefläche Materie
Prim und Oktav Wunsch und Gedanke
Wir wollen hier die Farbe Grün betrachten. Dadurch kann man indirekt auch erkennen, wie es mit den anderen drei Übungen zu halten ist.
Die Farbe Grün ist in der Natur allgegenwärtig und in den letzten Jahrzehnten zum Namen des erwachten Umweltbewusstseins geworden (z. B. „Greenpeace“ oder die „Partei der Grünen“). Eine grüne Wiese oder die Farbe der frisch ausgeschlagenen Lindenblätter geben uns das Grün in seiner Reinheit wieder. Wenn man sich meditativ in das Grün versetzt, also nichts anderes als Grün empfindet, kehrt eine gewisse Ruhe oder Sättigung in unser Erleben ein. Es ist nicht wie beim Rot, das uns attackiert, und es ist nicht wie beim Blau, das eine Wehmut hervorruft, die bis zur Frommheit sich steigern kann, wie es in der ersten Übung dieser Reihe angegeben ist. Weiterhin ist es so, dass man zu dem Grün etwas wissen muss, dass es nämlich eine Mischung aus Gelb und Blau darstellt. Das ist in dieser Weise bei den anderen Farben nicht so und zeigt in einer ersten Schicht, wie der Gedanke oder das Wissen mit dem Grün zusammenpassen.
In seinem Artikel „Sinnlich sittliche Wirkung der Farben“ schreibt Goethe über die Farbe Grün: „Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung. Wenn beide Mutterfarben sich in der Mischung genau das Gleichgewicht halten, dergestalt dass keine vor der anderen bemerklich ist, so ruht das Auge und das Gemüt auf diesem Gemischten wie auf einem Einfachen. Man will nicht weiter und man kann nicht weiter“ (HH Ausgabe, Band 13, S. 501 der Auflage von 1955).
Stellen wir uns eine grüne Wiese vor, wie sie die Erde bedeckt, und darüber die Sonne, wie sie am blauen Himmel scheint. In diesem Bild ist eigentlich das Rätsel unseres ganzen Daseins enthalten. Gelb repräsentiert das Wesen des Lichtes, Blau repräsentiert das Wesen der Luft. Nun wissen wir, dass der grüne Blattfarbstoff die Eigenschaft hat, mithilfe der Energie des Lichtes den Kohlenstoff der Luft auf die Erde zu bringen, nämlich in der Pflanze zu lebendiger Substanz zu verdichten. Sogar das Wort Kohlenhydrate enthält noch einen Hinweis auf diese Mischung aus Luft und Licht: der Kohlenstoff stammt aus der Luft, der Wasserstoff, auf den die „hydrate“ hinweisen, ist die Quelle der Sonnenenergie (Wasserstoffkern- bzw. Protonen- Fusion in der Sonne). Ohne den grünen Blattfarbstoff (das Chlorophyll) gäbe es kein Leben auf der Erde, keine Pflanzen, keine Tiere und keine Menschen. Gelb ist die Farbe der Sonne, Blau ist die die Farbe des Himmels. Beide gemischt ergeben das Grün der Wiese. Das ist nicht nur malerisch, sondern chemisch real der Fall.
Bis hierher kann eine phänomenologische Betrachtung führen, die R. Steiner Goetheanismus nannte. Einen kleinen Schritt weiter versteht man dann nicht nur die Entstehung unserer Pflanzendecke, sondern die Schöpfung der ganzen sichtbaren Welt: „Alle Materie ist kondensiertes Licht“ (GA 120, 27.5.1910).
Im Menscheninnern entspricht dem: „…die Schöpfung des Verstandes ist mit der Tätigkeit der Sonne verwandt. Das Aufgehen des Verstandes in der Menschennatur ist das Aufleuchten einer inneren Sonne. Dies ist nicht nur im bildlichen, sondern ganz im wirklichen Sinne gesprochen“ (GA 11, Kap. „Austritt des Mondes“). Wenn wir vom Grün aus, also von der inneren Ruhe her – „man will nicht weiter und man kann nicht weiter“ wie Goethe sagte – zu der besagten Verstandessonne blicken, dann ergibt sich: „Die Ideenwelt ist der Urgrund und das Prinzip alles Seins. In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe…Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst und mit sich selbst sich genügende Geist“ (GA 40, „Credo“). So schließen sich die Farbe Grün mit der Sonne des sich selbst erfassenden Gedankens in eins zusammen.
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Und hier noch ein Anhang für diejenigen, die „Die Philosophie der Freiheit“ kennen: wenn wir den dargestellten Zusammenhang vom 3. Kapitel her betrachten, wo wir das Denken durch es selbst erfassen, dann ergibt sich das Folgende. Im Beobachten des Denkens gibt es zweierlei Denken: das beobachtende, tätige, gegenwärtige Denken einerseits und das beobachtete, untätige und vergangene Denken andererseits. Das erstere können wir als Gelb empfinden, weil es strahlend und aktiv wirksam ist; das letztere mit seiner unendlichen Vielfalt erscheint uns wie blau. Da es sich aber beides Mal doch wieder nur um das Denken handelt, sind wir beim Beobachten des Denkens im vollkommenen Grün, weil Blau und Gelb zusammen Grün ergeben.
Oder von der Erde zum Himmel blickend gesagt: das irdische Denken, das auf die Sinnenwelt sich richtet, ist grün. Wir befinden uns gleichsam auf der grünen Wiese der Wirklichkeit. Wollen wir uns aufschwingen zum lebendigen, vergleichsweise himmlischen Denken, dann ist der erste Schritt eine Art geistiger Chemie, die das Grün wieder trennen kann in Gelb und Blau, die sich wie Begriff und Wahrnehmung zueinander verhalten, und als Farben den Himmel umspannen.
Mit herzlichen Grüßen zu den Weihnachtstagen
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Zu Weihnachten kommt dieser Text R. Steiners zu Ihnen:
„Das Vaterunser als tägliches Gebet ist im höchsten Grade geeignet, okkulte Kräfte zu entwickeln. Es ist das wirksamste der Gebete. Je mehr Achtung und Hingebung man für dieses Gebet hat, desto besser ist es für eine Bewusstseinsseele. Wenn der Mensch es betet, so liegen – auch wenn er gar nichts davon weiß – doch dem Gebet die Kräfte zugrunde, die die Ursprungskräfte des Menschen sind. Derjenige, der die Menschen dies Gebet lehrte, musste diese Kräfte kennen. Wer es gebraucht, kann unbewusst diese Kräfte in sich leben haben. Der Respekt vor diesem Gebet wächst immer mehr, je mehr man hineinkommt. Es kommen dann Zeiten, wo man wegen der Hoheit des Vaterunser es sich nicht zu gestatten wagt, das ganze Vaterunser an einem Tag zu beten, da man von dem Zusammenwirken der sieben Bitten eine so große Vorstellung bekommt, dass man sich nicht für würdig hält, jeden Tag dies größte Initiationsgebet in seinem Herzen zu entfalten.“
R. Steiner in einer Fragnbeantwortung am 12.6.1912 in Kristiania (Oslo), Beiträge zu R. St. Gesamtausgabe, Nr.110, Ostern 1993, S. 25
Mit den besten Wünschen für die heiligen Nächte
Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
für den Erwachsenen ist das Schreien eine Sache für Kinder und Unbeherrschte. Man sagt dann etwa: grandi dolori sono muti (große Schmerzen sind stumm). Aber es braucht dabei nicht zu bleiben. Wo der Alltag schweigt, kann die Kunst beginnen. Deswegen meinte Goethe: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide („Tasso“ Verse 3432-3433 und Motto der Marienbader „Elegie“).
In diesem Goethe‘schen Sinne ist „Der Schrei“ von Edvard Munch zu verstehen. Das Bild steht nicht nur repräsentativ für die expressionistische Epoche. Es ist eine Prophetie des 20. Jahrhunderts gewesen, wenn Sie bedenken, mit welchen Gefühlen wir dieses Gemälde ab 1945 betrachten mussten. Munch hat das Motiv in 4 Fassungen gestaltet, die zwischen 1893 und 1910 entstanden sind.
Diese Jahre der vorletzten Jahrhundertwende waren etwas Besonderes. 1899 lief im Sinne einer bestimmten indischen Lehre das finstere Zeitalter oder Kali Yuga ab. 1900 begann das lichte Zeitalter. Seitdem ist die geistige Welt wieder offen, wodurch so etwas wie die Anthroposophie möglich geworden ist (GA 118, 27.1.1910; GA 266/3, 30. 12.1923). Durch eine Art von Beharrungsvermögen wirkten die Kräfte der Finsternis allerdings weiter. Und weil sie dem inneren Wesen der neuen Zeit nicht mehr angemessen waren, erschienen sie schlimmer als je zuvor. Das hat das 20. Jahrhundert genügend gezeigt.
Damit verstehen wir auch die Art und Weise, wie der Schrei oder das Schreien bei R. Steiner vorkommen. Ein erstes Beispiel wäre die Grundsteinlegung des ersten Goetheanum am 20.9.1913. Da sprach R. Steiner von dem allgeneinen Reden vom Geiste, was damals wie heute so üblich ist. Für unser gemeinsames Verständnis erinnere ich an Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007). Er redete viel davon, dass ein neuer Geist kommen müsse, dass man wissenschaftlich eine andere Richtung einschlagen müsse. Aber ebenso wie damals bei Steiners Zeitgenossen blieben auch die Reden von Weizsäckers ein bloßes Hoffen und Sehnen. Zweitens liegt der große Unterschied zu R. Steiner darin, dass R. Steiner von einem wahrgenommenen Geist und nicht bloß von einem gedachten Geist sprach. R. Steiners Jenseits war ein wahrgenommenes Jenseits, kein gedachtes, vorgestelltes oder geglaubtes Jenseits. Gebildete Leute erschrecken, wenn man ihnen berichten muss, dass R. Steiner die geistige Welt wahrnehmen konnte. Das halten sie für unmöglich. Bestes Beispiel sind gegenwärtig die Professoren Clement, Traub und Zander, die über R. Steiner ein dickeres Buch am anderen schreiben, aber nicht davon überzeugt sind, dass R. Steiner das Geistige wahrnehmen konnte. Sie meinen, das sei eine Anmaßung oder sogar eine Lüge R. Steiners.
Die Formen des ersten Goetheanums sind nun gerade das beste Beispiel dafür, dass ihnen ein wahrgenommener Geist zugrunde liegen muss und nicht nur ein ausgedachter: lauter neue, noch nie gesehene Formen in den vielfältigsten Metamorphosen. Ein von Grund auf neuer Kunstimpuls. In den Goetheanum Formen sprach zu unseren Augen, was durch Anthroposophie zu unseren Gedanken spricht. Für uns ist die Anthroposophie zunächst eine Fülle von Ideen. Alle diese Ideen waren aber für R. Steiner Wahrnehmungen. Und das kann man den anthroposophischen Ideen auch anmerken.
Über jenes allgemeine Reden vom Geist, das nur einen gedachten Geist kennt, sprach R. Steiner bei der Grundsteinlegung des ersten Goetheanum, das den Inbegriff des wahrgenommenen Geistes darstellte. Wie damals in den esoterischen Stunden üblich, sprach er seine Zuhörer als „Schwestern und Brüder“ an : „Schaut euch an, meine lieben Schwestern und Brüder, wie dieses unbestimmte Sehnen, dieses unbestimmte Hoffen auf den Geist waltet in der heutigen Menschheit! Fühlet hörend, hier beim Grundstein unseres Wahrzeichens, wie in dem unbestimmten Sehnen und Hoffen der Menschheit nach dem Geiste der Schrei hörbar ist nach der Antwort, nach jener Antwort, die gegeben werden kann, wo Geisteswissenschaft walten kann…dass heute die Menschheit an einem Punkte steht, wo die Seelen verdorren, veröden müssten, wenn jener Sehnsuchtsschrei nicht erhört würde“ (GA 42/245, 20.9.1913).
Ein zweites Beispiel ist der Zyklus „Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt“, den R. Steiner im April 1914 in Wien gehalten hat. Damals prägte er das Wort vom „sozialen Carzinom“ oder „Kulturkrebs“ (GA 153, 14.4.1914). Auf diese Begriffsbildung kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges hat R. Steiner später immer wieder zurückgeblickt. Und in diesem Zusammenhang bezeichnete sich R. Steiner damals selbst als den Schreienden: „Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt, und was selbst dann, wenn man sonst allen Enthusiasmus für Geisteswissenschaft unterdrücken könnte, wenn man unterdrücken könnte das, was den Mund öffnen kann für die Geisteswissenschaft, einen dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für das, was so stark im Anzug ist und was immer stärker und stärker werden wird“ (14.4.1914).
Das soziale Carzinom ist dadurch zu verstehen, dass man das Leben in der Natur, das Geistesleben des Menschen und die Produktion von Waren miteinander vergleicht. In der Natur findet fortwährend eine Überproduktion statt. Man denke an die vielen Fischkeime, die zugrunde gehen, ohne dass sie zu Fischen heranwachsen oder an die vielen Früchte und Samen , die gar nicht zu Pflanzen heranwachsen, sondern dem Menschen und den Tieren als Nahrung dienen. Ebenso ist es im Geistesleben des Menschen, auch hier kann nicht genug produziert werden. Was fruchtbar ist und wahr, setzt sich dann schon durch, das Unwichtige wird von selbst vergessen. Ganz anders ist es im Wirtschaftsleben. Dass die Waren in Warenhäusern gestapelt werden, um zu warten, bis sie verkauft werden, bzw. die Werbetrommel gerührt wird, damit sie verkauft werden, ist schon pathologisch. Gesund wäre es, wenn nur nach dem Bedarf der Menschen produziert wird. Dass das Geld zusammengestapelt wird, wie das heute durch den Finanzkapitalismus ins Extreme gewachsen ist, ist ebenso pathologisch. Was also in der Natur und im Geistesleben völlig gesund ist, dasselbe Prinzip ist im Wirtschaftsleben krank. Deswegen hat R. Steiner später im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgeschlagen, das Geistesleben vom Wirtschaftsleben zu trennen.
Ein drittes Beispiel sind zwei literarische Werke des 19. Jahrhunderts, die einige Jahre nach Goethes Tod, also in einer noch idealistischen Zeit erschienen sind. Es sind der Roman „Maha Guru“ von Karl Gutzkow und das Drama „Die ungöttliche Komödie“ des polnischen Dichters Zygmunt Krasinski. Beide Werke findet R. Steiner symptomatisch und referiert ihren Inhalt ausführlich. In beiden Werken geraten einzelne Personen an die Grenze zur geistigen Welt, aber die Umstände gestalten sich so, dass sie verrückt werden müssen. R. Steiner bemerkte: „Man vernimmt aus dem polnischen Drama fast noch mehr als aus dem „Maha Guru“ den Schrei der Menschheit: was soll werden, wenn nicht in richtiger und reiner Form die Menschenseelen empfangen können die Lehren von den geistigen Welten? Was soll werden mit der Menschheit in der Zukunft? Sollen die Menschen, damit sie in die geistige Welt hineinkommen, physisch zerbrechen müssen?“ (GA 254, 31.10.1915).
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
wenn es um das Latein geht, werden die Menschen gründlich: diese Sprache sollte man lernen, weil sie die Grundlage vieler anderen Sprachen ist - diese Sprache sollte man lernen, weil sie die Grundlage unserer Zivilisation und Bildung darstellt - diese Sprache sollte man lernen, weil man dadurch das logische Denken lernt usw. Solche und ähnliche Argumente waren vor 50 Jahren noch sehr wichtig, sind aber inzwischen ziemlich in den Hintergrund getreten. Das Latein hat keine so große Bedeutung mehr. Das war früher anders. In früheren Jahrhunderten gab es ohne Latein keine Bildung. Heute geht es stattdessen um die Algorithmen der digitalen Technik und um die künstliche Intelligenz. Sie spielen heute eine ähnliche Rolle wie früher das Latein.
Die Arbeiter am Goetheanum fragten R. Steiner (GA 350, 28.6.1923), wie man zum Schauen der geistigen Welt kommen könne. Seine Antwort war: als erstes muss man die Wirkung der lateinischen Sprache überwinden. Er spricht da von der physiologischen Wirkung der lateinischen Sprache auf unser Gehirn. Die lateinische Sprache präparierte unser Gehirn im Laufe der Zeit so, dass wir gar nicht mehr selbständig denken können, sondern dass die lateinische Sprache in uns denkt. Die lateinische Sprache hat dafür gesorgt, dass wir nur mithilfe des Gehirns denken. Dieses automatische Gehirndenken ist unser wirksamster Lehrmeister des bloßen sinnenfälligen und materialistischen Denkens gewesen: „Die Menschen sind Automaten der lateinischen Sprache, die herumlaufen und gar nicht selber denken“ (GA 350, 28.6.1923). Es kommt natürlich auf die Denkweise an, die durch das Latein Jahrhunderte lang gewirkt hat, ganz unabhängig davon, ob wir selbst heute Latein gelernt haben oder nicht, sondern diese Denkweise haben wir im Abendland inzwischen alle gemeinsam.
Eine abendländische Institution, die sich ganz besonders auf das Latein gestützt hat, ist die katholische Kirche. Nun ist es aber ausgerechnet das Latein gewesen, das uns den Geist ausgetrieben hat. Und R. Steiner bemerkt in diesem Zusammenhang: „Das ist es gerade, dass die Kirche, die vorgibt, den Menschen den Geist beizubringen, am meisten dazu beigetragen hat, den Geist auszutreiben“ (GA 350, 28.6.1923).
Immer wieder beschweren sich unsere Zeitgenossen, dass sie R. Steiner nicht lesen können und dass er so schwer zu verstehen sei. Das ist die Folge einer Jahrhunderte langen Erziehung durch das lateinische Denken. Das am Latein geschulte Denken kann die geistige Welt nicht verstehen! Entsprechend hat R. Steiner seine „Philosophie der Freiheit“ so geschrieben, dass auf das Latein keinerlei Rücksicht genommen wird. Dieses Buch will alles Lateinische abstreifen, um die Gedanken beweglich und flüssig zu machen. Die „Philosophie der Freiheit“ bewirkt, dass der Mensch wieder selbständig denken lernt, damit er die geistige Welt verstehen kann (GA 350, 28.6.1923).
In einem anderen Zusammenhang bringt R. Steiner konkrete Beispiele (GA 225, 8.7.1923). Jahrhunderte lang galt als Wissenschaft nur das, was man in Latein ausdrücken konnte. Alles andere war Volksglaube oder Aberglaube. Immerhin: diese messerscharfe Logik der lateinischen Sprache hatte die Macht, um den wissenschaftlichen Betrieb methodisch bis heute zu durchsetzen. Das kann man auch bewundern. Latein ist wie das tote Skelett oder Knochengerüst der Wissenschaft gewesen: „Die lateinische Sprache wurde zu einem Mechanismus in sich“ (ebenda).
Über die Ignorabimus Rede von Emil Dubois Reymond („Grenzen der Naturerkenntnis“, Vortrag am 14. August 1872 in Leipzig) hat R. Steiner oftmals gesprochen. Über das Thema „Grenzen der Naturerkenntnis“ hat er einen ganzen Zyklus (GA 322) gehalten. Jene Ignorabimus Rede aus dem 19. Jahrhundert hat ihren methodischen Ursprungsimpuls in dem mittelalterlichen Unterschied, ob jemand Latein gelernt hatte oder nicht. Wenn im Mittelalter ein Bauernbub ins Klostergymnasium ging, dort Latein lernte und in den Ferien nach Hause kam, dann begegnete er einem anderen Bauernbub, der nicht Latein gelernt hatte. Der ungebildete Bauernbub sagte sich dann im Anblick des gebildeten Bauernbubs: das werde ich nicht wissen: ignorabo! Eine der berühmtesten Reden des 19. Jahrhunderts gipfelte in denselben Worten: ignoramus et ignorabimus! Wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen! Das sind nach Steiner die realen inneren Zusammenhänge unserer abendländischen Entwicklung (GA 225, 8.7.1923).
Der letzte Rest dieses Unterscheidens zwischen Wissen und Nichtwissen, ist dann heute die abgehobene Eitelkeit mancher Wissenschaftler, die es richtig finden, möglichst viele Fremdworte und Fachworte zu benützen. In der Medizin ist z. B. das Wort „implementieren“ zu einer Mode geworden. Wer dieses Wort benützt, der kommt sich besonders gelehrt vor. Was man früher an Autoritätsglauben demjenigen entgegenbrachte, der Latein konnte, das bringt man heute der ganzen Wissenschaft oder eben „den Professoren“ an Autoritätsglauben entgegen (ebenda).
Wie erwärmt es unser Herz, wenn wir demgegenüber bei R. Steiner hören: „Aber nicht nur zu Erforschern der geistigen Welt, soll der Beobachter des Übersinnlichen sprechen. Er muss seine Worte an alle Menschen richten. Denn er hat über Dinge zu berichten, die alle Menschen angehen; ja, er weiß, dass niemand ohne eine Kenntnis dieser Dinge im wahren Sinne des Wortes „Mensch“ sein kann“ (GA 9, „Theosophie“, Einleitung).
Latein ist im Gegensatz zum Griechischen phantasielos. Die römische Literatur und Kunst ist nur ein Abklatsch der griechischen. Für den, der zu viel Latein gelernt hat, ist deswegen die Kunst nur ein schöner Zeitvertreib. Wer aber nach einem lebendigen Denken strebt, der will Wissenschaft und Kunst verbinden. Für den wird das Denken zu einer Herzensangelegenheit. Das ist das michaelische Prinzip, dass unsere Gedanken ein Herz bekommen (GA 217, 3.10.1922): die Wissenschaft soll zu einer Kunst werden.
Die lateinische Sprache – wenn wir sie mit den Augen Michaels betrachten – ist also letztlich ein Werkzeug des Drachens gewesen. Kaum allerdings hatte dieser Drache seine Wirkung verloren, da hat er gleich weitere Kinder bekommen: die nur aus Logik bestehenden Algorithmen und die künstliche Intelligenz. Was früher als Latein in uns war („der Mechanismus in sich“ bzw. „der Mensch als Automat der lateinischen Sprache“), das ist jetzt als Computertechnik und als künstliche Intelligenz außer uns. Und wenn die Menschen jetzt merken, dass sie durch den Navigator im Auto die eigene Orientierungsfähigkeit verlieren und durch die Rechenmaschine das Rechnen verlernen, so ist dies in diesem Zusammenhang ein gutes Zeichen. Das entsprechende Phänomen hatten sie beim Latein noch nicht gemerkt. Das stärkt den Impuls, das selbständige Denken lernen zu wollen. Und von dort ist es nicht mehr weit zum lebendigen Denken und zu dem Denken, das die Ergebnisse der geistigen Forschung verstehen und verwirklichen kann.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
ein Leser meiner Rundbriefe hat mir dieses Buch empfohlen: „Permanent Record – Meine Geschichte“, 2019, 428 S., € 22.-, als Tb in Englisch € 12,87. Für diese Empfehlung bin ich sehr dankbar, denn seit Nelson Mandelas „Der lange Weg zur Freiheit“ habe ich kein so fesselndes Buch eines Zeitgenossen mehr gelesen.
E. Snowden wurde 1983 geboren. Wir lernen mit ihm das amerikanische Schulsystem kennen, und weil er 6 Monate lang beim Militär war, erhalten wir auch einen Einblick in diese Welt. Es ist letztlich eine systematische Ausbildung zum militärischen Schleifer oder Duckmäuser, je nachdem wie man es betrachten will. Als 17-Jähriger erlebte er den 11. September und wollte daraufhin etwas beitragen, um sein Vaterland gegen dessen Feinde zu verteidigen. Deswegen entschied er sich zu einer Laufbahn beim Geheimdienst.
Sehr früh schon hatte er sich in die Computertechnik eingelebt, sodass er einen Teil seiner Schulzeit PC – süchtig war, wie man heute sagen würde. Alles, was er konnte, hat er sich autodidaktisch im Internet angeeignet. Akademisch hatte er nicht einmal einen Bachelor Abschluss. Aber er konnte sehr viel. Wo er hinkam, war er sofort führend in der Beherrschung der technischen Methoden. Als er vom CIA zum NSA kam, bemerkte er, wie lässig man dort mit der Sicherheit umgeht. Daraufhin erfand er das permanente Speichern, um jederzeit eine eigene Kopie dessen zu haben, was man am Computer gearbeitet hatte. Daher der Titel seiner Autobiographie „Permanent Record“. Als er seine Enthüllungen an Journalisten übergeben wollte, durfte seine Identität bis zur endgültigen Kontaktaufnahme natürlich nicht entdeckt werden. Dafür baute er sein Auto zu einem WLAN - Sensor um. In der Nähe eines Restaurants oder einer Bibliothek konnte er dann deren WLAN benutzen. Er wählte dazu das Betriebssystem TAILS, welches nichts speichert. Dazu lief sein PC auf Linux und nicht auf Windows. So blieb er für seine Korrespondenz mit den Journalisten unauffindbar und für den möglicherweise überwachenden NSA erst recht.
Sehr ausführlich schildert Snowden, wie er nach und nach immer mehr entdeckte, dass die USA ganz genauso wie China ein totales Überwachungssystem eines jeden Menschen auf der Erde zur Verfügung haben. Dafür sprichwörtlich geworden ist, dass der NSA das Handy von Angela Merkel abhörte. Die US Regierung sagt darüber öffentlich aber nichts oder sie sagt das Gegenteil. Das empörte Snowden. In seinen Augen war das Ganze ein Verfassungsbruch und ein Verrat am guten Geist der USA, den er bekannt machen wollte und musste. Ein großer Teil des Buches ist ein innerer Monolog mit seiner Gewissensstimme. Einsam, ernst und glasklar hin- und her erwägend. Manchmal erinnerte er mich an Odysseus, wie er die Gefahren abwägend von Homer geschildert wird. Darüber hinaus ist Snowden strategisch hochbegabt. Die Art und Weise, wie er seine Enthüllungen an die Öffentlichkeit bringen wollte, hat er mit niemandem besprechen können und musste es ganz allein erfinden. Besonders wichtig war ihm, dass die komplizierten Zusammenhänge verständlich werden. Und er hat eigentlich alles nur richtig gemacht. Als er dann in Hongkong war, und nach 10 Tagen bangen Wartens die Journalisten endlich kamen, hatte er keinen weiteren Plan, weil er damit gerechnet hatte, dass er gefasst werden wird. Dann wurde ihm aber wunderbarerweise von verschiedenen Seiten hervorragend geholfen. Von Ecuador bekam er ein vorläufiges Asylangebot und schaffte noch den Flug von Hongkong nach Moskau. Von dort wollte er eigentlich über Havanna nach Ecuador weiterfliegen. In Moskau wurde er dann aber festgenommen, weil sein Pass inzwischen vom amerikanischen Außenministerium für ungültig erklärt worden war. Das war sein Glück, denn Russland ist ein viel besseres Exil als Ecuador, weil es gegen die USA viel mehr Gewicht hat.
Das Buch ist sehr gut geschrieben und spannender als jeder Krimi, weil es sich ja nicht um Erfindung, sondern um Realität handelt. Sicherlich nicht zufällig ist eine herzbewegende Liebesgeschichte hineinverwoben. Seine Frau Lindsay musste er schweren Herzens in den USA verlassen, ohne ihr irgendetwas sagen zu können. Erst einen Monat später sah sie ihn in dem weltweit ausgestrahlten Bekenner-Video. Nach 1 ½ Jahren trafen sie sich glücklich in Moskau wieder, und leben seitdem dort wieder zusammen.
Mit den Mysteriendramen gesagt: ein Strader Schicksal. Eine „sonnenreife Seele“, die Ahriman als den „Irrtumsboten“ zum Verschwinden zwang, und die in keinem Moment ihres Lebens die Liebe zu seiner Frau vergessen hatte, so wie es bei Strader und Theodora gewesen ist. Ganz Amerika rückt einem menschlich näher im Hinblick auf diesen einen bewunderungswürdigen
Menschen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
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