Rundbrief zur Anthroposophie

MitrasLiebe Freunde,

jeder Reisende durch Italien lernt die Mitgrasheiligtümer kennen. Man sieht dort auf einem Stier reitend den Sonnenhelden mit phrygischer Mütze, der dem Stier sein Schwert ins Herz stößt. Das Bild erinnert an den Hl. Georg oder an Michaels Kampf mit dem Drachen. Aber ganz dasselbe ist es doch nicht. Alfred Schütze (1903 – 1972) hat ein umfassendes Buch über Mithras (Urachhaus, 1972) geschrieben, welches vorbildlich klar geschrieben ist und sämtliche historische und anthroposophische Aspekte enthält. Es ist schön und reichlich bebildert. Alfred Schütze war Priester der Christengemeinschaft. Sein Buch und die Anthroposophie sind meine Quellen. 

Was bedeutete der Stier in diesem Bild? Die alte, lebendige Astronomie sah im oberen Menschen die Planeten Saturn, Jupiter und Mars tätig, und im unteren Menschen die Planeten Merkur, Venus und Mond. Die Erde gab dem eine äußere Gestalt und die Sonne führte diesen aus den Planetenkräften zusammenströmenden Menschen aus dem Irdischen wieder hinaus (GA 204, 15.4.1921). Diese Astronomie war noch mit einer lebendigen Anschauung des Menschen verbunden, die weniger die einzelnen Organe als vielmehr die lebendigen Säfte - Ströme erforschte. Heute haben wir eine physikalische, tote Astronomie und medizinisch eine Anatomie der abgegrenzten Organe. Durch Anthroposophie allerdings kann jene alte Wissenschaft in neuer Form wiedererrungen werden, wofür z. B. mit der Anthroposophischen Medizin erste Keime gelegt und z. T. ausgearbeitet worden sind. 

Warum also der Stier? Man kann das heute gar nicht mehr verstehen, sondern dafür braucht man die Geisteswissenschaft. Die alten Eingeweihten wussten: jene lebendige Astronomie und jene lebendige Organologie, die bringen es gar nicht bis zum Menschen. Die bringen es nur bis zum Stier, bis zum Bilde der Kuh oder des Rindes. Deswegen muss der Sonnenkönig Mithras dem Stier aufgesetzt werden. Der Stier muss bezwungen werden, damit der ganze Mensch vor dem Menschen steht (GA 204, ebenda). Das war der Sinn dieses Kultbildes, und das war das tief Überzeugende für die religiös Gläubigen der damaligen Zeit. 

Es besteht heute eigentlich eine ähnliche Situation in Bezug auf die Entwicklungslehre des 19. Jahrhunderts. Der Entwicklungsgedanke war der wesentliche Fortschritt, den das 19. Jahrhundert gebracht hat. Von diesem Entwicklungsgedanken war R. Steiner zeit seines Lebens methodisch begeistert. Aber was hat er uns inhaltlich gebracht? Zunächst einmal nichts weiter als den Menschen als höheres Tier. Aber die Entwicklung selbst geht eben weiter. So hat R. Steiner im 12. Kapitel seiner „Philosophie der Freiheit“ (Untertitel: „Darwinismus und Sittlichkeit“) folgende Worte geschrieben: „Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes, das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft erstrebt haben. Er ist vergeistigte Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.“ In diesen Worten ist ein modernes Mithras Bild enthalten, man könnte es schon an dem Wort „Krönung“ ahnen.  Das bloße Tier des Materialismus muss zur Menschenwissenschaft und zu einem Handeln aus Liebe erhöht werden. 

Und damit sind wir bei der Ähnlichkeit der Mithras Religion mit dem Christentum. Diese Ähnlichkeit ist offenkundig, vor allem dann, wenn man den kosmischen Christus ins Auge fasst. So wie Christus als das hohe Sonnenwesen den Leib des Menschen Jesus durchdrungen und verwandelt hat, so reitet der Sonnenheld Mithras auf dem Stier und lässt das Opferblut aus ihm herausfließen.  So wie der christliche Kultus das von Kreuze fließende Blut anbetet, so verehrte man in den Mithras Heiligtümern das Opferblut des Stieres. Der Mithraskult und die christliche Messe sind einander sehr ähnlich. Die geschichtliche Entwicklung dieser Parallelitäten verlief aber tragisch. Als das Mysterium von Golgatha sich ereignet hatte, konnten die Vertreter der Mithras Religion nicht erkennen, dass „Christus als der wahre Mithras“ (GA 204, 15.4.1921) schon auf Erden erschienen war, sondern sie blieben bei ihrer Erwartung, dass er ein Kommender sei. Erstaunlicher- und eigentlich paradoxerweise hat sich die Mithras Religion dann gerade in den ersten christlichen Jahrhunderten rasant ausgebreitet. Und als dann das Christentum durch Konstantin zur römischen Staatsreligion geworden war, da wurde der Mithrasdienst verboten und ausgerottet. Das kosmische Verständnis des Christentums, welches durch die Mithras Religion mehr oder weniger leicht hätte erreicht werden können, wurde ausgelöscht. Und so ist es in der Geschichte oftmals gewesen, dass etwas vernichtet wird, was eigentlich die Rettung gewesen wäre. Das Rettende hat allerdings zu seiner eigenen Vernichtung häufig auch dadurch beigetragen, dass es sich selbst nicht recht verstanden hatte.

Wenn Sie an Ödipus vor der Sphinx denken, an die Vision des Ezechiel oder an dasselbe Bild in der Apokalypse, an den Beginn der Göttlichen Komödie oder an Olaf Asteson an der Gjallarbrücke, wo jeweils die drei Tiere bzw. das Viergetier erscheinen, oder an die ersten Klassenstunden (GA 270): immer geht es in den Mysterien darum, das Tier in sich zu erkennen und dadurch zu überwinden. Insofern war das 19. Jahrhundert, wo das Tier als wissenschaftliches Ergebnis der Entwicklungslehre auftrat, selbst schon ein erster Schritt in Richtung auf die Mysterien. Das merkte natürlich niemand, als 1859 Darwins „Entstehung der Arten“ erschien. Aber R. Steiner hat darauf hingewiesen, dass die Menschheit als Ganzes zwischen 1842 und 1879 unbewusst die Schwelle zur geistigen Welt überschritten hat. Die Anthroposophie ist zu dem Zwecke gekommen, damit die Menschheit sich dessen bewusstwerde (GA 233, 1.1.1924 und GA 233a, 12.1.1924). Weil dann, wenn die Menschheit sich dessen nicht bewusstwird, das „zum alleräußersten Unheil der Menschheit führen würde“ (12.1.1924) 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

(Ein zweiter Teil folgt).