Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
ich habe jetzt „Petersburg“ von Andrej Belyj gelesen (Insel, 1991, 443 S., Übersetzung aus dem Russischen durch Gisela Drohla). Der Roman erschien 1913 und gilt als sein Meisterstück. Es ist ein Schlüsselwerk des Symbolismus. Mich interessierte das Buch, weil Belyj viele Jahre lang Schüler R. Steiners war und über seine Eindrücke und Erlebnisse mit R. Steiner das wunderbare Buch „Verwandeln des Lebens“ geschrieben hat. „Verwandeln des Lebens“ war der Leitspruch des Symbolismus.
„Petersburg“ war für mich nicht leicht zu lesen, ich habe mehrere Leseperioden dazu gebraucht. Die vielen, ineinander verschlungenen Handlungsstränge haben sich mir dadurch nicht vollständig erschlossen. Der Stil ist freischwebend und assoziativ, gelegentlich humorvoll, oftmals ironisch, dann wieder sehr ernst. Manche Bilder wie der grünlich schimmernde Nebel, die hinziehenden Wolken oder die schrill pfeifenden kleinen Dampfer auf der Neva kehren immer wieder, ohne dass man eigentlich weiß, warum. Es geht im Wesentlichen um den alten Senator Apollon Apollonowitsch Ableuchow und seinen Sohn Nikolaj. Ihr Verhältnis ist zwar äußerlich korrekt, innerlich aber von gegenseitiger Verachtung geprägt. Der Sohn will seinen Vater ermorden und legt dafür eine Bombe mit Zeitschaltuhr. Etwa die Hälfte des Romans spielt solange, als diese Uhr tickt. Nikolajs Entschluss bleibt indessen ambivalent, er will ihn rückgängig machen, kann es aber nicht, weil ausgerechnet sein Vater nichtsahnend die getarnte Bombe aus ihrem Versteck weggetragen hatte. Glücklicherweise trifft die explodierende Bombe zuletzt niemanden. Stattdessen wird aber vorher eine Nebenfigur ermordet, dem Leser kommt dies wie eine Stellvertretung vor. Die Beschreibung dieses Ereignisses ist abgründig und hässlich. Schön und seelisch berührend ist die Versöhnung zwischen Vater und Sohn, die am Ende dadurch zustande kommt, dass die Mutter Nikolajs, also die Frau des Senators, nach 2 1/2 Jahren Abwesenheit aus Spanien zurückkommt. Um seine Mutter zu begrüßen, legt Nikolaj seinen Kopf in ihren Schoß und weint und schluchzt herzzerreißend, wodurch beide Eltern gerührt sind und die Familie wieder zueinander findet.
Inhaltliche Anklänge an die Anthroposophie, die Belyj damals schon sehr gut kannte, erscheinen höchstens als Ausschmückung. Aber die symbolistische Methode als solche kann ohne weiteres als „imaginativ“ gelten. Im guten wie im schlechten Sinne. Im guten Sinne: das Freischwebende, Mehrdeutige der Bilder, die nicht als das genommen werden wollen, was sie äußerlich sind, sondern die auf etwas deuten, was hinter ihnen verborgen wirksam ist. Im schlechten Sinne: dass man zu keiner Klarheit kommt, dass alles mehrdeutig bleibt, dass beispielsweise die Hirngespinste und Angstvorstellungen Nikolajs, die als solche erscheinen und auch als solche bezeichnet werden, denselben Stellenwert haben wie die beschriebene Romanwirklichkeit.
Was ist ein Symbol? Was bedeutet der Symbolismus? Goethe schrieb: „Alles, was geschieht, ist Symbol, und, indem es vollkommen sich selbst darstellt, deutet es auf das übrige. In dieser Betrachtung scheint mir die höchste Anmaßung und die höchste Bescheidenheit zu liegen. Diese Forderung haben wir mit dem Obersten und dem Geringsten gemein“ (Brief vom 2.4.1818 an Schubarth, HH Ausgabe der Briefe, Band 3, 1965, S. 426). Auch ein Verkehrsschild ist ein Symbol, es wird von jedem verstanden, bezieht sich aber auf nichts Höheres. Das Kreuz ist Symbol für das Höchste, wird aber erst am Ende aller Tage verstanden und verwirklicht sein. Auf dem Wege dazwischen liegt die Arbeit an den Symbolen, die wir nach Goethe so gestalten sollen, dass sie „vollkommen sich selbst darstellen“. Bestes Beispiel ist die Urpflanze. Sie ist ein Symbol, aber gleichzeitig auch eine lebendige Idee, die sich ausweitet und zusammenzieht. Sie tut dies dreimal hintereinander, zuerst als Spross und Kelch, dann eine Stufe höher als Blüte und Stempel bzw. Staubfäden, zuletzt dehnt sie sich als Frucht wieder aus und zieht sich als Same wieder zusammen. Damit kehrt sie an ihren Ausgangspunkt zurück (Goethe „Die Metamorphose der Pflanzen“, Gedicht und Aufsatz mit demselben Titel). Die Mutter mit dem Kind ist ein Symbol für das Alltägliche und Wirkliche ebenso wie für das Höchste, z. B. „das Geisteskind im Seelenschoß“. Wenn man unsere Epoche symbolisieren will, kann man das Bild „Der Schrei“ von Edvard Munch wählen. Symbole sind lebendig, mehrdeutig und verwandeln sich: „Siehe, er geht an mir vorüber, ehe ich's gewahr werde, und verwandelt sich, ehe ich's merke“ (Hiob 9,11). In Symbolen zu denken, bereitet auf das imaginative Schauen vor. Wissenschaft und Kunst verbinden sich. Die exakteste Wissenschaft kann zum Symbol werden. R. Steiner hat die Cassini `sche Kurve zur Meditation empfohlen und zur Konkretisierung des Merkurtabes regte er an, sich nicht nur die entwickelnde Pflanze vorzustellen, sondern auch den Elektromagneten (GA 35, Bologna Vortrag, S. 118 der Ausgabe von 1965). Eine Disziplin wie die Physik wird mit der Phantasie sich verbinden, wie Novalis meinte: „Die Physik ist nichts als die Lehre von der Phantasie“ (Fragment Nr. 453, Ausgabe von Ewald Wasmuth, 1957) und Novalis schlug vor: „Goethe soll der Liturg dieser Physik werden, er versteht vollkommen den Dienst im Tempel“ (Nr. 452, ebenda).
All dies gilt auch methodisch. Die „exakte, sinnliche Phantasie“ sah Goethe als die richtige Forschungsweise an („Ernst Stiedenroths Psychologie“, HH Ausgabe, 1966, Band 13, S. 42). Exaktheit und Phantasie sind aber für unser gewöhnliches Empfinden Gegensätze. Ebenso sind Strenge und Lust gegensätzlich, aber Faust erhebt sich gerade dadurch zum höheren Schauen, indem er sie verbindet:
„…schweben mir
Von Felsenwänden, aus dem feuchten Busch
Der Vorwelt silberne Gestalten auf
Und lindern der Betrachtung strenge Lust.“
(Faust I „Wald und Höhle“, Verse 3236 bis 3239).
Solche methodischen Polaritäten wie „der Betrachtung strenge Lust“ oder „exakte, sinnliche Phantasie“ werden im sechsten nachatlantischen Zeitraum, also in der russischen Kulturperiode voll erblühen. Der Goetheanismus ist der Impuls, den die kommende Kulturperiode von uns in Mitteleuropa erwartet. Das empfindet man, wenn man diesen Roman von Andrej Belyj liest. Vielleicht hat er auch deswegen mit kyrillischen Buchstaben seinem Werk das deutsche Wort „Petersburg“ als Titel gegeben, weil er den Menschen in Mitteleuropa sagen wollte: Euer Weg geht zu den Symbolen, das ist von Euch noch zu leisten, das müsst Ihr noch vollenden und zur Vollkommenheit bringen, damit wir Russen einen Inhalt haben, um an Euch anzuknüpfen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann