Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

das Wesen der moralischen Phantasie erschließt sich über das Wesen der Vorstellung. Die Vorstellung allerdings erscheint uns nicht gerade als ein sympathischer Begriff. Der Mensch von heute denkt dabei an Kants „Ding an sich“ oder an Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“, hat aber auch das Gefühl, dass trotz allen Scharfsinns da vielleicht irgendetwas nicht stimmt.

Die „Welt als Vorstellung“ war das beherrschende Thema der Philosophie am Ende des 19. Jahrhunderts. Eduard von Hartmann, Robert Hamerling und die Neu-Kantianer Otto Liebmann und Johannes Volkelt beherrschten die Szene. Wie man als Leser der „Philosophie der Freiheit“ weiß, beschäftigte sich R. Steiner mit dieser Auffassung sehr gründlich. Seine Bemühungen zusammenfassend bemerkte er später, dass dieser Gedankengang viele Naturforscher und Philosophen „bis zur Ungeheuerlichkeit verblendet habe“ und das Denken der Gegenwart „verdorben“ hat („Die Mystik im Aufgange…“, GA 7, Kap. „Nikolaus von Kues“). Auch sprach er einige Jahre später von dem „verwüstenden Fundamental-Irrtum Kants“ („Philosophie und Anthroposophie“, Aufsatz in GA 35). 

R. Steiners Widerlegung kann zusammengefasst werden als eine reductio ad absurdum, wie er selbst einmal sagte (GA 52, 17.12.1903), also als eine Rückführung auf das Absurde: wenn die ganze Welt nur meine Vorstellung wäre, dann wären aber auch mein Auge, mein Ohr, mein Gehirn, mein Denken und sogar meine Vorstellung selbst auch wieder nur eine Vorstellung. Die ganze Welt kann aber nicht die Vorstellung einer Vorstellung sein, das wäre absurd. Der Gedanke „die Welt ist meine Vorstellung“ hält also vor sich selbst nicht stand.    

Neben dieser unsympathischen Seite der Vorstellung hat sie aber auch eine sympathische, geradezu künstlerische Seite, auf die ich hier aufmerksam machen will. Dass wir uns überhaupt Vorstellungen bilden können, ist ein schöpferischer Akt, der uns zum Menschen macht. Ich sehe einen Baum, das ist eine Wahrnehmung, solange ich den Baum in meinem Wahrnehmungshorizont habe. Dann wende ich mich von dem Baum ab. Was daraufhin in mir zurückbleibt, ist die Erinnerung an den Baum. Ich habe ein mehr oder weniger vollständiges Bild des Baumes in mir. Dies ist die Erinnerungsvorstellung des Baumes. Diese Fähigkeit, dass wir eine gehabte Wahrnehmung als Erinnerung oder Vorstellung oder Erinnerungsvorstellung in uns bewahren können, ist für unsere seelisches Leben absolut grundlegend. Wir können ohne diese Fähigkeit das heute mit dem gestern nicht verknüpfen und erkennen jemanden, den wir gestern begrüßt haben, heute nicht wieder. Ohne diese Fähigkeit wären wir dement. Darüber hinaus ist diese Fähigkeit die Grundlage unserer Kreativität. Ich bringe das Erinnerungsbild in mir selbst hervor und – das ist das Wunderbare – ich kann es verändern. Wissenschaftlich betrachtet kann es dadurch falsch und seinem Original untreu werden, hier liegt natürlich die Ursache vieler Irrtümer. Aber künstlerisch betrachtet ist es eine begeisternde Fähigkeit: ich kann die Vorstellung so verändern, dass sie schön wird und mich beglückt. Die Phantasie beruht auf dem Verändern von Vorstellungen. Insofern ist jeder Mensch ein Künstler seiner eigenen Vorstellungen, um das berühmte Wort von Josef Beuys zu konkretisieren. 

Und genau in dieser Weise hat R. Steiner die moralische Phantasie eingefürt. Ohne diese Phantasie gibt es für den handelnden Menschen keine Erfindung und keinen Fortschritt, alles würde nur beim Alten bleiben. Wir müssten an der Welt verzweifeln, wenn wir nicht den Glauben haben könnten an die schöpferischen Fähigkeiten des Menschen, mit der am Ende die Probleme der Welt doch noch gelöst werden können. R. Steiner bemerkte einmal, dass die moralische Phantasie das eigentliche Neue der „Philosophie der Freiheit“ sei (GA 254, 19.10.1915). Weiterhin bemerkte er – und das scheint mir besonders wichtig -, dass er das „allererste feinste Hellsehen“ in der „Philosophie der Freiheit“ nur auf moralischem Gebiet, eben als moralische Phantasie habe darstellen können (GA 212, 7.5.1922). 

Also Phantasie und Hellsehen? wie kommt diese Verbindung zustande? Die Brücke dazu ist der Begriff der Vorstellung. In der kleinen Schrift „Die Stufen der höheren Erkenntnis“ (GA 12) werden die Stufen der höheren Erkenntnis aus unserer ganz gewöhnlichen Erkenntnis heraus entwickelt. Ich habe das früher hier schon einmal dargestellt, Sie finden es auch in meinem Buch „Rudolf Steiners Schriften in 50 kurzen Porträts“, dessen erste Auflage vergriffen ist, das aber als „book on demand“ vom Verlag weiter verfügbar gehalten wird. Ich bringe, um mich nicht zu wiederholen, deswegen hier nur zusammengefasst die folgende Tabelle: 

Gegenstand                 Materielle Erkenntnis

Vorstellung                   Imagination

Begriff                          Inspiration

Ich                                Intuition

Unsere Fähigkeit zur Vorstellungsbildung wird dann, wenn sie systematisch gesteigert wird, zur Imagination. So zeigen sich Vorstellung, moralische Phantasie und Imagination in ihrer gegenseitigen Verwandtschaft. Wir erfassen damit

1. unsere Irrtumsfähigkeit, denn jede Vorstellung kann auch falsch sein, sie muss erst durch den Begriff verstanden werden.

2. unsere eigene schöpferische Potenz, weil wir die Vorstellung bzw. die moraliche Phantasie selbst hervorbringen.

3. unsere Begabung zu höherer Erkenntnis, weil Vorstellung und Phantasie der Keim unserer imaginativen Fähigkeit sind.  

Die Vorstellung, die moralische Phantasie und die Imagination haben das miteinander gemeinsam, dass sie jeweils die ersten Schritte sind. Es müssen weitere folgen. Dennoch gelangen wir durch diese ersten Schritte in die geistige Welt. Und das ist erst mal Etwas, worüber wir begeistert sein dürfen. Eine Betrachtung über die notwendigen zweiten Schritte folgt. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann