Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

der Buddhismus dringt immer mehr in unser Geistesleben ein, wie Sie an dem Begriff der „Achtsamkeit“ beobachten können. Dieses Wort wird mittlerweile so oft gebraucht, dass es fast schon wieder zu einer Phrase geworden ist. Die Achtsamkeit als solche, die Buddha in vielerlei Hinsicht sehr eindrucksvoll beschrieben hat, ist natürlich eine gute Sache und mit vielem von dem, was R. Steiner empfahl, sehr verwandt oder identisch.  

Buddha hat seine Erleuchtung unter dem Bodhibaum empfangen (GA 60, 2.3.1911, öffentlicher Vortrag über Buddha). Das Sitzen unter dem Bodhibaum ist gleichbedeutend mit dem Vorgang der Einweihung. Aber es gibt noch genauere Darstellungen über den Grad der jeweiligen Einweihung. Im ersten Kapitel des Johannesevangeliums erkannte Jesus an Nathanael einen bestimmtem Grad der Einweihung. Die Grade er Einweihung waren damals: 1. Rabe (corax), 2. Verborgener oder Okkulter (cryphius), 3. Streiter (miles), 4. Löwe (leo), 5. Perser (perses) und noch zwei weitere Grade. Der fünfte Grad „Perser“ galt für das Volk, dem man angehörte. Nathanael war Israeliter. Jesus nannte Nathanael „einen wahren Israeliter“ und meinte damit den 5. Grad der Einweihung. Daraufhin fragte Nathanael, woher Jesus ihn denn kenne. Jesus antwortete, dass er ihn unter dem Feigenbaum hat sitzen sehen (Joh. 1,48). R. Steiner bemerkte dazu, dass das Sitzen unter dem Feigenbaum dasselbe ist wie das Sitzen unter dem Bodhibaum (GA 103, 23.5.1908, dort auch die Beschreibung der genannten Einweihungsstufen).

Das Sitzen unter dem Bodhibaum bedeutet, dass man den geistigen Aufbau des Menschen kennt (GA 124, 19.12.1910). Damit ist das gemeint, was wir heute als die sieben Wesensglieder in den ersten Kapiteln von „Theosophie“ und „Geheimwissenschaft“ kennenlernen. Ob man die Wesensglieder schauend beobachten kann oder ob man sie mit seinem Verstand und mit seiner Vernunft studiert und versteht, ist natürlich ein Unterschied. Aber dieses letztere „ins Urteil hineingenommene Hellsehen“ (GA 312, 3.4.1920) ist nicht zu verachten und für das Verwirklichen der Anthroposophie vollständig ausreichend. Wer also die 7 Wesensglieder kennt, der sitzt schon unter dem Bodhibaum, zumindest in einer ins Urteil hineingenommen Weise.

Am Ende des Kapitels „Das Wesen des Menschen“ in der „Theosophie“ gibt es eine Stelle, wo der Bodhibaum mehr oder weniger direkt ausgesprochen wird. Der Mensch hat drei leibliche, drei seelische und drei geistige Wesensglieder, wobei Empfindungsleib und Empfindungsseele bzw. Bewusstseinsseele und Geistselbst zusammenfallen, wodurch dann die sieben Wesensglieder sich ergeben. Und nun heißt es über diese drei leiblichen, drei seelischen und drei geistigen Glieder: „Dadurch nimmt der Mensch an den „drei Welten“ (der physischen, seelischen und geistigen) teil. Er wurzelt durch den physischen Körper, Ätherleib und Seelenleib in der physischen Welt und blüht durch das Geistselbst, den Lebensgeist und Geistesmenschen in die geistige Welt hinauf. Der Stamm aber, der nach der einen Seite wurzelt, nach der anderen blüht, das ist die Seele selbst.“ So hat sich der Bodhibaum in die Anthroposophie verwandelt bzw. ist in ihr enthalten.

Weiterhin gibt es eine physiologisch-anatomische Bestimmung des Bodhibaumes. Das Kleinhirn, welches in der hinteren Schädelgrube unter dem Großhirn liegt und keine Verbindungen zu den Sinnesorganen hat, ist nach R. Steiner gleichbedeutend mit dem Bodhibaum (GA 93 a, 7. 10. 1905). Im Schnittbild sieht es aus wie aneinander gelegte Blätter oder Zweige und mikroskopisch zeigt es besonders große Nervenzellen, deren Verzweigung mit Spalierobstbäumen verglichen werden. Physiologisch dient das Kleinhirn dem Gleichgewicht beim Gehen, reguliert also mehr das Unbewusste. Und wer in dieses Unbewusste erkennend eindringen kann, der sitzt unter dem Bodhibaum. 

Der Höhepunkt aller Gedanken zum Bodhibaum steht dann in einem Vortrag (GA 350, 11.9.1923) für die Arbeiter am Goetheanum. Da stellt R. Steiner den Druidenkult, den Mithraskult und den Freimaurerkult dar. Und zuletzt kommt er auf die damals ganz neue Menschenweihehandlung zu sprechen. Dieser neue Kultus dient dazu, um die geistige Wahrnehmung, die durch das Kleinhirn unterhalten wird, zu entwickeln. Die Menschenweihehndlung bringt das Innerste in den Kultus, sie ist ein Weg, um den Bodhibaum zu entwickeln. Das Moderne und Neue ist, dass durch solch einen Kultus der Mensch versteht, dass er erst auf geistige Art lernen muss, was zu geschehen hat im sozialen Menschenleben. Eine richtige Sozialwissenschaft muss von der geistigen Weltumgebung gewollt sein, sie kann nicht nur theoretisch ausgedacht werden. Um ein Beispiel zu nennen, möchte ich hinzufügen: die soziale Dreigliederung, die gerade jetzt so dringend wieder sich als notwendig erweist, die muss man zunächst im Geistigen erfassen: einerseits als Dreigliederung des menschlichen Organismus und  andererseits - wie dies im Kultus geschieht – als Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit der Gottheit in Vater, Sohn und heiligem Geist. Die etablierten Kirchen haben davon nur noch die Worte, aber die wirklichen Begriffe dazu lernt man erst wieder durch Anthroposophie bzw. durch die Menschenweihehandlung, die beide das Wissen vom Bodhibaum erneuert haben. 

Nach seinem Tod im 6. Jahrhundert vor Christus, der gar kein Tod mehr war, sondern eine Verklärung, hat Buddha eine dramatische Entwicklung mit wichtigen Aufgaben für Mensch, Erde und Kosmos durchlitten, die ganz im Sinne des Christentums und im Sinne des Rosenkreuzertums gewesen sind. Aber das Sitzen unter dem Bodhibaum, das Zurückziehen des Bewusstseins in einen Bereich, der mit Auge, Ohr, Geruch und Geschmack, der mit Gedanken, Erinnerungen und Vorstellungen nichts zu tun hat, so wie dies beim Kleinhirn der Fall ist, dieses Sitzen unter dem Bodhibaum hat von seiner Aktualität nichts eingebüßt. Es ist genau das, was wir anthroposophisch unter der Meditation verstehen. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann