Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

die Sache mit dem Geld ist nicht so leicht zu durchschauen. Mephisto ist es, der im zweiten Teil des Faust das Papiergeld erfindet. Das hat schon vielen zu denken gegeben. 

Ein Lehrstück dazu lieferte der Bankier J.P. Morgan. Er vergab im Jahr 1907 sehr viele, sehr günstige Kredite, die alle eine Laufzeit bis zum 22. 8. hatten. Dann verweigerten die Morgan Banken – für alle unerwartet - am 22.8. die Verlängerung der Kreditlaufzeiten, wodurch ein Börsencrash entstand. Die Zahl der Insolvenzen stieg innerhalb eines Jahres um 47%, die Zahl der Arbeitslosen verdreifachte sich. Morgan selbst hatte sich vor dem 22. 8. 1907 durch den Verkauf sehr guter nicht strategischer Aktien mit genügend Kapital gerüstet. Viele konkurrierende Banken und Geschäfte gingen in Konkurs. Tausende Kunden standen vor den Banken und wollten ihr Geld abheben. Die Börse erholte sich von diesem Crash erst nach zwei Jahrzehnten. Morgan selbst profitierte unglaublich und erreichte einen massiven Machtzuwachs: 1913 kontrollierte er über 300 Großunternehmen bzw. zusammen mit Rockefeller 20% des US-Volksvermögens. Auf dem Höhepunkt der Krise im Oktober 1907 hat er, um die Krise zu mildern, sehr großzügig einen Kredit von 10 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt und später als Kunst - Mäzen und Unterstützer seiner Episkopal Kirche sich erwiesen. Bis heute steht er deswegen historisch für die meisten als Wohltäter da. 

Ich entnehme diesen Bericht über J. P. Morgan einem Text von Prof. Christian Kreiss:   

https://www.heise.de/tp/features/Die-Corona-Angst-und-die-kommende-Wirtschaftsdepression-4693816.html Genaueres über Kreiss finden Sie bei Wikipedia, dort können Sie auch seine aktuellen Videos abrufen. Er ist Fachmann zur Erforschung der Wissenschaftsfinanzierung. Von meiner Münchener Zeit her ist er mir persönlich bekannt. Seine Darstellungen beruhen auf einer ernsten Forschergesinnung. Sein Hauptwerk ist: „Gekaufte Forschung.“  Dieses Werk ist soeben in neuer Auflage erschienen und kann als pdf  kostenlos heruntergeladen werden: : https://tredition.de/autoren/christian-kreiss-29150/gekaufte-wissenschaft-paperback-139560/  pdf: https://menschengerechtewirtschaft.de/wp-content/uploads/2020/08/Buch-Gekaufte-Wissenschaft-pdf.pdf

Was Morgan im Einzelnen gemacht hat, war also Folgendes:  

- Versorgung seiner Kunden durch Kredite

- allen Kreditnehmern denselben Termin zum Ablauf des Kredites geben, ein Plan mit einem Hintergedanken, den niemand durchschauen konnte

- unerwartet allen gleichzeitig kündigen

- sich selber vorab mit genügend Kapital versorgen

- bewusst einen Börsencrash herbeiführen, um die anderen in die Pleite oder Krise zu treiben

- durch großzügige Wiederaufbau - Kredite und Spenden nachträglich sich als Wohltäter darstellen.

Dieses Muster machte Schule. Vor allem die englisch sprechende Finanzwirtschaft hat es sich zum Prinzip gemacht. Dieses Prinzip besteht einfach gesagt darin, dass man durch Schulden den Konkurrenten bzw. Schuldner zunächst von sich abhängig machen und daraufhin ihn vernichten kann. Das ist eine Art von finanzfaschistischer Kriegsführung, wie es Ernst Wolff (Buch „Finanz Tsunami“) nennt.  

Im selben Sinne hat die englische Finanzwirtschaft durch verschiedene Maßnahmen seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts - beginnend mit Margret Thatcher - erreicht, dass die Geldmenge heute weltweit die Realwirtschaft bei weitem übersteigt: von 1990 bis 2010 stieg die zirkulierende Geldmenge um das 300fache, die reale Wirtschaft aber nur um das Dreifache (Zahlen von 2016). Das heißt: wer dieses Geld besitzt, hat viel Macht. Bekanntlich sind es immer weniger Menschen, die immer mehr besitzen. Die gutwilligen realwirtschaftenden Betriebe, die etwas herstellen oder Dienstleistungen erfüllen, auch dann, wenn sie noch so groß sind und qualitativ noch so gut sind, sind vom Gesichtspunkt dieser Geldbesitzer die modernen Sklaven, die zwar arbeiten, aber nicht die Welt lenken können. Aus einem gewissen Grunde möchte ich diejenigen, die reale Wirtschaft treiben, als „Heloten“ bezeichnen. Das waren die Staatssklaven in Sparta, die sich ja dann in einem Aufstand gegen den Staat erhoben haben. Dieses Wort wähle ich, weil R. Steiner in einem bestimmten Zusammenhang davon sprach, dass die englisch sprechenden Völker die anderen Völker zu Heloten machen wollen (18.12.1916, GA 173 bzw. neuerdings GA 173a). Damals noch bezog R. Steiner dies auf bestimmte örtliche Regionen, heute ist es meiner Meinung nach ein Phänomen geworden, das man entsprechend der Globalisierung weltweit betrachten muss. 

Dies muss man nun mit dem Schuldenproblem zusammenschauen. Ein Drittel der in der Welt vorhandenen Geldmenge sind Schulden (zit. nach Wolff). Diese Menschen oder Korporationen, die Schulden haben, die müssen verdienen, um ihre Schulden abzubezahlen. Wenn man denen eine Rezession aufhalst, müssen sie neues Geld leihen oder sie gehen pleite. Wenn sie gute Sachen herstellen oder sonst wertvoll sind, können sie von den Größeren übernommen werden, ansonsten verschwinden sie. Das nennt man Marktbereinigung. Das bedeutet, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer zahlreicher und dadurch immer beherrschbarer werden. 

Vom Gesichtswinkel der Welternährung sagt Jean Ziegler in seinen Büchern im Prinzip dasselbe, er nennt es unsere „kannibalische Weltordnung“. 

So wie damals J.P. Morgan bewusst den Niedergang der anderen herbeigeführt hat, um selbst dadurch reicher zu werden, so ist es durch den modernen Derivate Handel möglich geworden, ganz „legal“, auf den Niedergang des anderen zu wetten (sog. Kasino Kapitalismus). Bei der Finanzkrise 2008 hatte man auf den Niedergang des Euros gewettet, bis Mario Draghi 2012 sein berühmtes Wort sprach „the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro…“ wodurch das Wetten sofort ein Ende hatte. Draghi war geschult, er arbeitete von 2002 bis 2005 bei Goldman Sachs. Goldman Sachs war der Gewinner von 2008, als sein Konkurrent Lehman Brothers vom amerikanischen Staat fallen gelassen worden war. 

Was mit diesem Kasino Kapitalismus alles möglich ist, zeigt der Corona Shutdown. Der neue Star der NY Börse ist William Albert Ackman (SZ vom 27.3.2020, S. 4, „Im Profil“). Er hatte kurz vor dem Corona Shutdown richtig gewettet und durch den Corona Kurssturz innerhalb weniger Tage 2,6 Milliarden Dollar „verdient“. Ich bezweifle, ob man so etwas überhaupt „verdienen“ nennen kann. In Wahrheit ist es eine Perversität, dass so etwas überhaupt möglich ist. Immerhin hat W. A. Ackman jetzt seine Milliarden und kann darüber verfügen, so wie wenn er sie wirklich selbst verdient hätte. Die anderen, die mit einem Mindestlohn von 10 € pro Stunde auskommen müssen, die haben diese Milliarden nicht.  

Warren Buffet, einer der erfolgreichsten Investoren unserer modernen Finanzwirtschaft, sagte 2006 ganz unverblümt:  „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ https://www.nytimes.com/2006/11/26/business/yourmoney/26every.html?_r=0 Original

Klaus Bölling (1928 – 2014), der langjährige Regierungssprecher von Helmut Schmidt, schrieb zum 80. Geburtstag von Egon Bahr eine Kolumne in der SZ (18.3.2002, S. 9) und sagte über die USA: „das neue Rom und dessen Allmachts - Träume“. Wir müssten heute realistisch hinzufügen: es sind eigentlich nicht die USA, sondern es ist die von den USA und von Großbritannien protegierte Finanzwirtschaft, deren Allmacht durchaus real und gar nicht träumerisch ist. 

Im Prinzip hat R. Steiner diese Entwicklung vorhergesagt. Der vierte Zeitraum, d. h. die vierte nachatlantische Kulturperiode (753 vor Chr. bis 1413 nach Chr.) war von Rom beherrscht. Die englisch sprechenden Völker sind das neue Rom des 5. Zeitraums (1414 – 3500). Sie werden aber an den östlichen Völkern untergehen, so wie Rom an den nördlichen Völkern unterging (z. B. mit der Niederlage gegen die Germanen im Teutoburger Wald). Was im 4. Zeitraum ein Nord Süd Problem war, ist im 5. Zeitraum ein West Ost Problem. Die Achse der Konflikte hat sich um 90 ° gedreht. Im Westen entstand ein neues ökonomisches Papsttum (GA 173 a, 17.12.1916). Papsttum und Rom hängen so miteinander zusammen, dass die römische Kirche das äußere Machtgefüge Roms übernommen hat. Ich füge sinngemäß hinzu: die römisch-katholische Kirche ist dann an Luther ähnlich gescheitert wie das alte Rom an den Germanen im Teutoburger Wald. „Neues Rom“ und „neues ökonomisches Papsttum“ sind hier so gemeint, dass sie überwunden werden müssen. Es gibt historisch betrachtet auch positive Aspekte Roms und positive Aspekte des Papsttums, die hier nicht gemeint sind.  

Mit all diesen Zusammenhängen liegt es auf der Hand, dass Sucharit Bhakdi in seinem Buch „Corona – Fehlalarm?“ den Börsen Fachmann Dirk Müller zitiert, der äußerte, warum für viele in der Wirtschaft die Pandemie „ein Segen“ war (S. 138). Müller meinte aber nicht die Wirtschaft im gewöhnlichen Sinn, sondern die Finanzwirtschaft mit den Prinzipien, wie ich sie hier dargestellt habe. Man darf auch nicht so naiv sein und glauben, dass diese Finanzwirtschaftler die Bevölkerung ihres eigenen Landes schonen. Die Wirtschaft der USA ist jetzt (Stand Ende Juli 2020) um etwa 30 %, die deutsche Wirtschaft um 10 % zurückgegangen (der Unterschied kommt durch das verschiedene Lohnniveau, real ist der Abschwung etwa gleich). Solche Zahlen werden von den Finanzwirtschaftlern nur darauf hin betrachtet, wie stark sie zurückgehen. Je stärker, desto besser. Siehe J.P. Morgan. Diese großzügige Kaltblütigkeit, die da herrscht, die muss man verstehen lernen. 

Es ist zunächst einmal das Wichtigste, dass wir solche Entwicklungen mit wachem Sinn verfolgen, um uns das richtige Urteil zu erwerben: „Die soziale Frage, sie steht vor den Toren des Menschendaseins furchtbar fordernd. Sie hat Schreckliches gebracht in den letzten Jahren, sie wird immer drohender und drohender, und nur schläfrige Seelen können das Drohende übersehen“ (R. Steiner am 23.12.1920, GA 202).

Herzlich Ihr Friedwart Husemann