Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
die wunderbare Liebe, die Bettina von Arnim dem Goethe’schen Genius entgegenbrachte, fasst eine Strömung zusammen, die R. Steiner „Goetheanismus“ nannte. Demgegenüber gibt es auch andere Strömungen, die den Goetheanismus bekämpfen. So war der Kreis um Marie Eugenie delle Grazie in Wien, wo R. Steiner als Student ein und ausging, und wo er geschätzt wurde, eine Stätte des Anti-Goetheanismus („Mein Lebensgang“, GA 28, Kap. VII). Der spiritus rector dieses Kreises war Laurenz Müllner, er pries Alexander Baumgartners Goethe Biographie (1885/1886), die Goethe als den Widerpart des Menschlich-Erstrebenswerten darstellte. Steiner meinte, Baumgartners Buch sei geistreich und tiefgründig, aber es bohre Goethe in Grund und Boden (GA 181, 6.8.1918). Baumgartner war Jesuit. Die Jesuiten kämpfen gegen Goethe und den Goetheanismus (GA 181, 6.8.1918 wie oben und GA 185, 2.11.1918). Diese Feindschaft kann uns darauf hinweisen, wie groß die Bedeutung des Goetheanismus ist. Denn die Jesuiten beschäftigen sich nicht mit unwichtigen Sachen und kämpfen nicht gegen Kleinigkeiten.
Was Goethes Schwächen oder Fehler betrifft, so war er selbst in diesem Punkt bemerkenswert ehrlich. Wahrscheinlich ist dies genau das, was seine Kritiker ihm übelnehmen. In „Dichtung und Wahrheit“ hat Goethe den Abbruch seiner Beziehung zu Friederike Brion in Sesenheim bei Straßburg folgendermaßen beurteilt: „hier war ich zum ersten Mal schuldig...“ Da Goethe Jahrzehnte später dies geschrieben hat, ist in diesem Zusammenhang das Wort „zum ersten Mal“ von besonderem Gewicht. Man möchte die weiteren Male seines Schuldigwerdens eigentlich nicht erfahren. Denn diese Seite seines Wesens muss Goethe mit sich selbst ausmachen, und sie geht andere Menschen nichts an.
Andererseits hat R. Steiner über die schwachen und die guten Seiten von Goethe so gesprochen, dass jeder von uns sich damit identifizieren kann: so wie damals bei Goethe, so ist es heute bei jedem von uns: wir haben eine Doppelnatur in uns. Jeder ist heute beides zugleich: einerseits verwundeter Amfortas mit seinen Gewissensbissen und andererseits strebender Parzival mit seinem spirituellen Aufschwung (GA 144, 7.2.1913, früher irrtümlich 6.2.1913). Amfortas ist Ausdruck der Verstandesseele und gleichzeitig die Quelle unserer noch nicht geläuterten Leidenschaften. Ihn zu überwinden, muss jeder mit sich selbst abmachen. Der strebende Parzival als Ausdruck der Bewusstseinsseele in uns, mit ihm dienen wir unseren Mitmenschen und bringen die Welt ein Stück vorwärts. Und gerade dieser strebende Parzival in Goethe, dieser höhere Mensch in Goethe, der hat viel erreicht. Ihm galt die Liebe Bettinas.
Künstlerisch steht dem Goetheanismus eine große Zukunft bevor. In der Silvesternacht 1922 wurde das Goetheanum zwar durch Brandstiftung zerstört, aber dieser Doppelkuppelbau als architektonische Form wird wiedererstehen. Die Zukunft für Bauten dieser Art wird schon in diesem Jahrhundert kommen: „Wenn das Jahr 2086 kommt, wird man überall in Europa aufsteigen sehen Bauten, die geistigen Zielen gewidmet sind und die Abbilder sein werden von unserem Dornacher Bau mit seinen zwei Kuppeln. Das wird die goldene Zeit sein für solche Bauten, in denen das geistige Leben blühen wird" (GA 286, S. 110 f., zit. nach Anthrowiki; diese Aussage R. Steiners ist von E.A. Karl Stockmeyer überliefert und wird auch in dem Band „Bilder okkulter Siegel und Säulen“ mitgeteilt, den ich momentan aber nicht zur Hand habe).
Auch wissenschaftlich gehört dem Goetheanismus die Zukunft. Das sieht man an Goethes Farbenlehre, die zwei Jahrhunderte lang entschieden bekämpft worden ist, jetzt aber durch die von Matthias Rang erfundene Spiegelspaltblende bestätigt wurde. Rang konnte nachweisen, dass Newtons Spektrum und Goethes Spektrum zueinander komplementär sich verhalten. Früher hieß es immer nur: Newton richtig, Goethe falsch. Dass beide Spektren rein physikalisch betrachtet komplementär zueinander sind, bedeutet die Anerkennung Goethes. Neben unserem absterbenden und verdorrenden Geistesleben gibt es noch ein anderes: „… es gibt daneben ein nicht beachtetes wirkliches Geistesleben: Goetheanismus. Goethe ist in gewisser Beziehung die Universitas litterarum, die geheime Universitas, und der widerrechtliche Fürst auf dem Gebiete des Geisteslebens ist die Universitätsbildung der Gegenwart“ (GA 185, 1.11.1918, ein Tag bevor er am 2.11., wie oben zitiert, vom Gegensatz zum Jesuitismus sprach). „Universitas litterarum“ meint hierbei sämtliche Wissenschaften.
Alles zusammenfassend sagte R. Steiner: „Ich verstehe unter Goetheanismus nicht das, was Goethe bis zum Jahr 1832 gedacht hat, wohl aber etwas, was vielleicht erst im nächsten Jahrtausend im Sinne Goethes gedacht werden kann, was aus der Goetheschen Anschauung, aus dem Goetheschen Vorstellen und Empfinden werden kann“ (GA 181, 6.8.1918, derselbe Vortrag wie oben, wo er ebenfalls den Gegensatz zum Jesuitismus betonte).
Bettinas Liebe hat diese Zukunft des Goetheanismus intuitiv erfasst. Und es ist eigentlich klar, dass Goethe diese Liebe, die auf sein eigenes höheres Wesen gerichtet war, nicht persönlich beantworten konnte, wie es Hermann Hesse und indirekt auch R. M. Rilke (siehe mein voriger Rundbrief) gerne gesehen hätten. Goethe hat die poetische Qualität von Bettinas Briefen hochgeschätzt und viel darin gelesen, das geht aus seinen Antworten hervor und nicht nur aus den Berichten Bettinas, die man bezweifeln mag. Ansonsten hat er eben in Bettina „das Kind“ walten lassen. Auch hat er die Passagen, die auf seine eigene Kindheit sich beziehen, von Bettina übernommen und in „Dichtung und Wahrheit“ verwendet. Ich empfinde seine Antworten dann, wenn man die hier herangezogenen Zusammenhänge ins Auge fasst, als freundschaftlich und aus Bescheidenheit zurückhaltend.
Zum Abschluss hier noch zwei Zeugnisse über Bettina (beide entnommen der rororo Bildmonographie von Helmut Hirsch über Bettina von Arnim, Reinbek, 1987, S. 145). Der dänische Dichter Hans Christian Andersen schrieb: „Eine Stunde Unterhaltung mit Bettina, in welcher sie das Wort führte, war so reich, so interessant, dass ich bei dieser Beredsamkeit, diesem Feuerwerk von Ideen, fast verstummte.“ Der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew schrieb nach einem Besuch bei Bettina: „Wie die Pflanzen aus dem Boden der Erde, so wachsen Ihnen die Gedanken hervor. Und es ist dieselbe Entfaltung des Geistes, welche dort als organisches Gebilde, hier als Gedanke dieses Gebildes, als Seelenpflanze in das Licht heraus sich offenbart.“
Herzlich Ihr Friedwart Husemann
Ein dritter Teil über Bettina/Novalis und die Liebe als Erkenntniskraft folgt