Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
Bettina von Arnim (1785 – 1859) war auf ihre Weise einzigartig. Wenn man sich mit ihr beschäftigt, dann wünscht man sich, es möge noch mehr solcher schöpferischer und initiativer Menschen geben. Sie lernte Goethe, Beethoven, Karl Marx, Iwan Turgenjew, Hans Christian Andersen und Friedrich Schleiermacher u. v. a. kennen und korrespondierte mit ihnen. Karoline von Günderode und Rahel Varnhagen von Ense waren ihre Freundinnen. Sie besuchte Robert Schumann am Ende seines Lebens im Krankenhaus, wo Clara ihn nicht mehr besucht hatte. Seine „Gesänge der Frühe“ wollte Schumann eigentlich „An Diotima“ widmen. Als er aber merkte, dass weder Brahms noch der Geiger Joachim wussten, wer Diotima war, widmete er sie wie folgt: „Gesänge der Frühe – Fünf Stücke für das Pianoforte der hohen Dichterin Bettina zugeeignet von Robert Schumann.“ Diese fünf Stücke sind eine wunderbare Musik. Bettina engagierte sich für die Armen und Unterdrückten, sie brannte für den Südtiroler Freiheitskampf unter Andreas Hofer, sie korrespondierte fleißig mit dem preußischen König und sie hinterließ ein bedeutendes literarisches Werk. Sieben Kinder hat sie geboren und aufgezogen, meist ohne dass ihr Mann da war. Ihre jüngste Tochter Gisela heiratete Herman Grimm, den R. Steiner kennenlernte und von dem er so vieles berichtet hat.
Die Rede soll hier von „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ sein, der 1835 erschien und enthusiastisch begrüßt, viel gelesen und besprochen worden ist. 1841 schrieb dann der Sekretär und ausgewiesene Philologe Goethes, Friedrich Wilhelm Riemer, über Bettinas Briefwechsel kritisch und ernüchternd: das Buch sei ein „Roman“ und ein „Liebesspuk“. Daraufhin nahm das Interesse an diesem Werk ab. Erst wieder Rainer Maria Rilke hob die poetische Qualität dieser Briefe hervor, setzte dafür aber Goethe in ein abfälliges Licht („Malte Laurids Brigge“, 1910). Ähnlich meinte Hermann Hesse, Goethe habe Bettinas Liebe nicht angemessen beantwortet (1924). Rudolf Steiner sagte, diese Briefe „geben uns in einer ganz wunderbaren Weise ein Echo der Goethe’schen Geistesart“ (GA 62, 16.1.1913, S. 250). Das Wort Echo scheint mir in diesem Zusammenhang besonders treffend.
Schon der Titel gibt den Gesichtspunkt wieder, dem Bettina durch das ganze Werk hindurch treu bleibt: „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde – seinem Denkmal“. Sie bezeichnete sich selbst also als Kind, obwohl sie ja, wie jeder wusste, eine erwachsene, gebildete und hochbegabte Frau war. Damit wollte sie den natürlichen Abstand zu Goethe, ihre Unbefangenheit ihm gegenüber und das – im guten Sinne gemeinte - Kindliche ihrer Liebe dokumentieren. Damit war auch die künstlerisch poetische Ausschmückung ihrer Erlebnisse motiviert. Ein Kind hat seine Zukunft noch vor sich. So ist es auch mit Bettinas Liebe zu Goethe. Diese Liebe ist überhaupt auf das Zukünftige in Gothes Art und Wesen gerichtet.
Hier eine Probe aus ihren Texten: „Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt, wenn es wahr ist, dass ich liebe. Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der Gelände, die sich im Fluss spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles sehe ich an, und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so augt mein Blick aus allem die Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle. So dacht ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der Natur mich drängte, fort, dem stillen, einsamen Abend entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da;- und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb, diese schöne Erde, die den Geliebten trägt, dass ich mich hinfinden kann zu ihm“ (Dritter Teil, Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Buch der Liebe; die ersten Absätze).
Man hat das Werther – ähnliche ihrer Darstellung und viele andere Anklänge oder Übernahmen aus Goethes Werken festgestellt. Die Überschrift „Buch der Liebe“ über die oben zitierten Passagen stammt z. B. aus dem Divan. Aber es ist doch methodisch genau richtig, in Goethes Art und Weise über Goethe zu schreiben. Der Hauptpunkt allerdings ist die Frage: was hat sie mit ihrer Liebe gemeint? Warum blieb diese Liebe auch in den Zeiten der Entfremdung und des Bruches ganz unvermindert? Was will uns diese Liebe über Goethe offenbaren?
Damit kommen wir unwillkürlich in die Region, wo wir das Verhältnis R. Steiners zu Goethe beleuchten müssen. An einem wichtigen Wendepunkt seines Lebens schrieb R. Steiner zum 150. Geburtstag von Goethe am 28.8.1899 im Magazin für Literatur: „ Als Johann Gottlieb Fichte das Werk an Goethe gelangen ließ, in dem kühne Denkerkraft und höchster ethischer Ernst einen unvergleichlichen Ausdruck fanden, die «Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre», legte er einen Brief bei, der die Worte enthielt: „Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsentanten der reinsten Geistigkeit des Gefühls auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.“ Diese Sätze sind 1794 geschrieben. Wie der große Philosoph hätten damals die Träger der verschiedensten geistigen Strömungen an Goethe schreiben können. Der Dichter und Denker Goethe stand in dieser Zeit auf der Höhe seines Lebens. Was der Biograph sagt, der am liebevollsten in diese Persönlichkeit sich versenkt und uns darum das intimste Bild von ihr liefert, Albert Bielschowski, das empfanden in den neunziger Jahren schon Goethes Zeitgenossen: „Goethe hatte von allem Menschlichen eine Dosis empfangen und war darum der „menschlichste aller Menschen“. Seine Gestalt hatte ein großartig typisches Gepräge. Sie war ein potenziertes Abbild der Menschheit an sich. Demgemäß hatten auch alle, die ihm nähertraten, den Eindruck, als ob sie noch nie einen so ganzen Menschen gesehen hätten.“ So war Goethes Verhältnis zur geistigen Umwelt beschaffen, als er vor hundert Jahren in sein fünfzigstes Lebensjahr eintrat.“ (GA 30, Goethes geheime Offenbarung).
Es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, dass Goethe ein Mensch ohne Schwächen und Fehler gewesen ist. Wir wollen diesen Aspekt im nächsten Rundbrief erörtern. Aber darum geht es hier nicht. Sondern es geht darum, was Goethe mit seinen Fähigkeiten positiv erreicht hat, und was aus der Entwicklung dieser Eigenschaften werden kann. Darauf war R. Steiners Sinn gerichtet, als er 1899 die oben zitierten Worte schrieb.
Die Methode, die R. Steiner an Bielschowsky so schätzte (A. Bielschowsky „Goethe, sein Leben und seine Werke“, 2 Bände, München 1895, 24. Auflage 1912), dass er „am liebevollsten“ in Goethes Persönlichkeit sich versenkt und dadurch das „intimste Bild von ihm geliefert“ hat, das war dieselbe Liebe, mit der R. Steiner sich in Goethe vertieft hatte. Nur war das, was Steiner hervorholte noch viel mehr als das, was Bielschowsky zu Tage fördern konnte. Das Thema seines damaligen Aufsatzes im Magazin, aus dem wir zitiert haben, war Goethes Märchen. Elf Jahre später kam das erste Mysteriendrama R. Steiners auf die Bühne, welches eine Metamorphose des Goetheschen Märchens ist (GA 125, 31.10.1910 und GA 44 „Entwürfe, Fragmente, Paralipomena…“, 1969, S. 12, da heißt Maria noch Lilie usw.). Die Eurythmie und die Bauformen des Goetheanum sind Weiterentwicklungen der Goethe’schen Metamorphosen Lehre. Seine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft konnte R. Steiner zuletzt “Goetheanum“ nennen.
Dieses liebevolle Versenken in Goethes Persönlichkeit, das ist es, was Bettina allen bisherigen und zukünftigen Goethe Freunden vorgelebt hat. Darüber dann Weiteres im nächsten Rundbrief.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann