Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Erinnern und Vergessen spielen im täglichen Leben eine große Rolle, ohne dass wir es normalerweise bemerken. In der Schule und im Studium hat man einen Vorteil, wenn man sich etwas leicht merken kann. Bei unserer heutigen Konstitution können wir ohne Erinnerungsfähigkeit nichts lernen. Andererseits hat die Erinnerung auch ihre Schattenseiten. Es gibt Dinge, von denen wir froh wären, wenn wir sie vergessen könnten. Ein Mensch mit starker Erinnerung neigt zu Depressionen, er kann das Ereignis, durch welches er depressiv geworden ist, nicht vergessen. Ein Mensch mit starker Erinnerung kann auch schwer verzeihen und vergeben, weswegen ja auch Jesus im Evangelium gesagt hat, wir sollen nicht nur siebenmal, sondern wir sollen siebenmal siebzig Mal verzeihen lernen (Matth. 18, 22). Ich glaube, er meinte damit die Psychologie des Verzeihens, dass wir für ein und dieselbe Sache immer wieder das Verzeihen durchführen müssen. Verzeihen, Vergeben und Versöhnen sind der Inbegriff christlicher Moral und Lebensweise, die aber - wie alles im Christentum - gar nicht so leicht zu erreichen sind.
Um dieses Gleichgewicht zwischen Erinnern und Vergessen richtig einzustellen, hat R. Steiner in der Waldorfpädagogik das Prinzip eingeführt, dass die Schüler nicht nur etwas lernen, sondern dass sie das Gelernte auch wieder vergessen. Dazu dient der Epochen Unterricht. Nach der Epoche wird das Gelernte vergessen. Erst in der nächsten Epoche wird es wieder hochgeholt und die Schüler kommen mit dem Lernen einen Schritt weiter. Der Epochenunterricht ist auf diese Weise eine Prophylaxe gegen depressive Gefühle im späteren Leben und trägt dazu bei, dass der Mensch später eher geneigt ist, zu verzeihen. In der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss gibt es ein Arien-Duett über den Satz: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist“. In dem jetzt hergestellten Zusammenhang ist dieser Satz eine tiefe Wahrheit, an jener Stelle der genannten Operette allerdings ist er natürlich leichtsinnig gemeint.
So wundert es nicht, dass Erinnern und Vergessen auch für die höhere Erkenntnis grundlegend sind. Sie erinnern sich sicherlich an die Passage in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, wo nach vollzogener Einweihung von dem „Vergessenheitstrank“ und dem „Gedächtnistrank“ die Rede ist. Also auch dort geht es um diese beiden Grundfähigkeiten unserer Seele, allerdings in einem anderen Zusammenhang und in einer anderen Reihenfolge, so wie wir sie hier verfolgen wollen. Uns interessiert hier der Zusammenhang der Imagination mit der Erinnerung, die wir voriges Mal besprochen haben, und der Zusammenhang des Vergessens mit der Inspiration oder Begriffsfähigkeit unserer Seele. Direkt so wir hier gemeint fasst es R. Steiner in seinem öffentlichen Vortrag in Berlin am 19.11.1921 (GA 80a) vor 2500 Zuhörern zusammen:
Imagination Erinnern
Inspiration Vergessen
Rückblickend auf den vorigen Rundbrief wissen wir ja schon:
Imagination Vorstellung
Inspiration Begriff
Das klassische Beispiel einer Vorstellung ist die Erinnerungsvorstellung. Beim Aufstieg in die geistige Welt sieht man als erstes die Welt in Imaginationen. Gleichzeitig damit tritt die Erinnerung an das eigene Leben als ein Tableau bis hin zur eigenen Geburt auf (19.11.1921, GA 80a). Das heißt die Imagination wird ganz von selbst zur Erinnerung an das eigene Leben.
Nun haben Imagination und Vorstellung das miteinander gemeinsam, dass sie zwar der erste Schritt zum schöpferischen Aufsteigen zur eigenen Erkenntnis und auch zum eigenen Aufsteigen in die geistige Welt sind, aber doch auch einen Teil systematischen Irrtums in sich enthalten, der überwunden werden muss. So wie die Vorstellung falsch sein kann, eben weil wir sie selbst hervorbringen, und deswegen unbedingt von dem Begriff verstanden werden muss, so ist es auch mit der Imagination. Wir gelangen nur dadurch in die geistige Welt, dass wir erst einmal uns selbst in die geistige Welt hineinprojizieren, dass wir die Imagination wie einen Schleier über die geistige Welt darüber ziehen. Erst mithilfe der Inspiration wird dieser notwendigerweise auftretende Irrtum überwunden. Dafür müssen die imaginativen Bilder unterdrückt oder anders gesagt vergessen werden, dann erst erscheint der inspirative Begriff, mit dem wir die Imaginationen deuten können.
Auch im täglichen Leben hat der Begriff etwas an sich, das ein Vergessen darstellt. Der Begriff „richtig“ z. B. kann auf 2 X 2 = 4 angewendet werden, ebenso aber auch auf das richtige Abschmecken einer Suppe. Das heißt: der Begriff „richtig“ ist bereit, den Bezug, zu dem er gebildet worden ist, jederzeit wieder zu verlassen und damit ihn zu vergessen. Nur dadurch ist er universell auf jeden beliebigen Zusammenhang anwendbar. Er gilt auch nur solange er mit einem Zusammenhang verbunden ist, das heißt: er kommt und geht gerade solange, wie ich ihn brauche. Er ist wie ein Ton in der Musik, der nur solange tönt, wie er gebildet wird. So versteht man auch, dass die inspirative Welt eine Welt der Töne und der Sphärenharmonie darstellt. Jeder Ton steht mit den anderen Tönen in einem wunderbaren, geordneten Zusammenhang. Es gibt verschiedene Tonsysteme, aber jedes ist gesetzmäßig durchschaubar. Ganz genauso ist es mit unseren Begriffen. So wie beispielsweise die Sekund und die Septim Ergänzungsintervalle sind, so hat jeder Begriff seinen Gegenbegriff, z. B. Ursache und Wirkung oder Wesen und Erscheinung. Wie der Musiker in seinen Tönen sich auskennt, so kennt sich jeder von uns zwischen den Begriffen aus. Auch hier könnte man wieder Josef Beuys zitieren: jeder ist ein Musiker, ohne dass er es weiß, nämlich in der Art und Weise, wie er denkend seine Begriffe benützt.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann