Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

das Thema „Christentum und Wiederverkörperung“ ist gründlich beleuchtet worden durch die beiden Klassiker Emil Bock „Wiederholte Erdenleben“ und Rudolf Frieling „Christentum und Wiederverkörperung“. Neuerdings erschien das lesenswerte Werk von Helmut Obst „Reinkarnation - Weltgeschichte einer Idee“. Obst ist evangelischer Theologe und geht u.a. auf R. Steiner, E. Bock und R. Frieling ein, aber natürlich auch auf Hinduismus, Buddhismus, Platon und Lessing etc. 

Ich möchte hier noch einen weiteren Aspekt hinzufügen, der in den genannten Schriften nicht erscheint. Durch den letzten Rundbrief über „Erinnerungen an den Himmel“, der von dem Vorirdischen des Menschen handelt, sind wir auf diesen Aspekt vorbereitet. 

Es handelt sich um das Verständnis des Messopfers. Daran kranken die etablierten Kirchen. Luther hat die Messe abgeschafft, und die katholische Kirche versteht das Messopfer schon lange nicht mehr. Die heiligen Worte bei der Wandlung, die der Priester aus Ehrfurcht nur leise zu sprechen hatte und die deswegen oft fast unverständlich waren „hoc est corpus meum“ (lat. dies ist mein Leib) sind verwischt und verballhornt als „Hokuspokus“ in unsere Alltagssprache übergegangen. 

Protestanten haben einen anerzogenen Widerwillen gegen die Messe. Die Menschenweihehandlung ist ihnen „zu katholisch“. Die Messe ist aber viel mehr als katholisch. Beispielsweise ist sie essäisch. Brot und Wein hat Christus von den Essäern übernommen. Weiterhin ist die Messe eine Verwandlung der Mithrasmysterien. In den Mithrasmysterien wird das vom Opfer - Stier fließende Blut gefeiert wie in der Messe das vom Kreuze fließende Blut. Messe und Mithraskult sind sehr ähnlich. In den eleusinischen Mysterien Griechenlands verehrte man Demeter und Dionysos, die wie Brot und Wein zueinander sich verhalten. Alles, was im Christentum sich auf das äußere und das innere Licht bezieht, z. B. „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh. 8,12) oder „Das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Luk. 17,20) oder wie Paulus sagte: „Nicht ich, sondern der Christus in mir“ (Galater 2,20), steht im Zusammenhang mit den Isis und Osiris Mysterien. Damals ging es um das Osiris – Werden der einzelnen Menschenseele im Leben nach dem Tode, was der ägyptische Eingeweihte dann schon während seines Lebens erreichte. Damals galt: Nicht ich, sondern der Osiris in mir. Die eigene Seele wurde dann zur Isis. 

Die Messe ist eine Fortsetzung des gesamten antiken Mysterienwesens. Weiterhin, und das ist wohl das Wichtigste: Christus hat am Gründonnerstag und als Auferstandener (GA 211, 13.4.1922) die Jünger darüber belehrt, wie die Messe mit Brot und Wein zu feiern ist, und diese Lehren wurden befolgt. 

Und nun das Entscheidende: wie ist es möglich, dass Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi sich verwandeln? Hier setzt die Idee der Wiederverkörperung ein. Rudolf Steiner behauptete nämlich, dass ohne die Wiederverkörperung das Messopfer nicht zu verstehen sei (GA 342, 12.6.1921; GA 346, 11.9.1924, 22.9.1924). Wie hängt das miteinander zusammen? 

Die sich inkarnierende Individualität, also der vor der Empfängnis als Geist lebende Mensch verkörpert sich in den von den Eltern zur Verfügung gestellten Vererbungsleib und gestaltet ihn um. Der Geist des Vorirdischen ergreift das Irdische. Genau in demselben Sinne ergreift der Christusgeist das Brot und den Wein und verwandelt sie so, dass sie in dem Kommunizierenden wie Leib und Blut Christi wirken. Auf diese Weise ist die Wandlung verständlich. 

Es ist eine andere Sache, ob der Kommunizierende genügend geopfert hat, sodass er die Wandlung bemerken kann. Nur so viel wird verwandelt, als vorher geopfert worden ist. Da besteht sogar ein Verhältnis wie beim kaufmännischen Handeln: „Nimm mich hin dafür, dass du dich mir gegeben.“ Das wird zwar nach der Kommunion gesagt, bezieht sich aber auch darauf, wieviel der Kommunizierende geopfert hatte bzw. ob er überhaupt etwas geopfert hat. 

Auch der Priester kann unwürdig sein, sodass die heilige Handlung unwirksam ist. R. Steiner sagte: man sieht es der Aura der Hostie an, ob sie sich gewandelt hat oder nicht (GA 342, S. 139; GA 344, S. 141; GA 343, S. 146, 339, 548, 551). Auch der erste Teil der Messe, das Evangelium - mit den Worten der alten Mysterien gesagt – also die Reinigung, kann unwürdig verlaufen, sodass der Kultus dann tatsächlich nur ein Hokuspokus ist. In keiner Richtung herrscht hier irgendein Automatismus. Aber möglich ist die Wandlung, möglich ist die Stärkung der Menschenseele durch Brot und Wein. 

Eine weitere Frage ist, ob der Christusgeist bzw. der Auferstandene bei der Messe oder bei der Menschenweihehandlung wirklich anwesend ist oder nicht. Diese Frage kann beantwortet werden. Man merkt es als Teilnehmer der Messe, der Menschenweihehandlung oder als Teilnehmer der von R. Steiner für Dissidenten gegebenen Opferfeier (GA 269, S. 63 ff.): wenn du Christus nicht erlebst, dann liegt es nicht an dem Kultus oder an diesem oder jenem, was dir unsympathisch oder fremd ist, sondern es liegt an dir selbst: »Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;/Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!/Auf, bade, Schüler, unverdrossen/Die ird'sche Brust im Morgenrot!« (Faust I, Erdgeistmonolog). Christus ist in den erwähnten Formen des Kultus anwesend, das kann man heute erahnen, erleben oder schauen. 

Außerdem gibt es glaubwürdige Zeugen. Friedrich Rittelmeyer war bei den Vorträgen nicht dabei, bei denen R. Steiner u. v. a. die Menschenweihehandlung erstmals darstellte (GA 343, 29 Vorträge im September und Oktober 1921). Er bekam aber den Text nachträglich vermittelt. Als er sich in die ihm völlig neuen Worte vertiefte, hat er den Auferstandenen erlebt. Bei der Begründung der Christengemeinschaft im September 1922 haben die anwesenden Priester die Gegenwart Christi erbeten und erlebt. Darüber haben sie zeit ihres Lebens nicht gesprochen. Heute aber sollte dies bekannt werden. Albert Steffen war bei der ersten Menschenweihehandlung dabei und schrieb in sein Tagebuch: „Heute fand die erste , auf der Erde aus dem Geiste heraus vollzogene Menschenweihehandlung statt, wobei der auferstandene Christus zugegen war…Ich darf sagen, dass Christus dabei war, denn ich  schaute, als das Wort von Brot und Wein gesprochen wurde, seinen auferstandenen Lichtes-Lebens -Leib. Es ist das erste Mal, dass ich Christus als Wesen vor mir sah. Die Arme waren ausgestreckt und das Haupt umleuchtet. Und ich erlebte dann, dass er heilte und heiligte. Er war da und er ist da.“ (R. Gädeke „Die Gründer der Christengemeinschaft“, Dornach, 1992, S. 31).

Herzlich Ihr Friedwart Husemann