Rundbrief zur Anthroposophie
Lieber Freunde,
kürzlich fragte mich eine Leserin meiner Rundbriefe, ob man nicht Sorge haben müsse, dass die geplante Corona - Impfung das Ich des Menschen schwächen oder gar auslöschen könnte. Am selben Tag vermittelte mir ein anderer Leser eine Passage aus dem Werk R. Steiners, die diese Frage zwar nicht im Hinblick auf die Impfung, aber im Hinblick auf das Ich sehr deutlich beleuchtet.
Es ist nämlich tatsächlich so, dass es in der Welt Kräfte gibt, die dem Menschen das Ich wegnehmen wollen. Goethe hat dieses Thema in seinem Faust dargestellt. Faust muss den Vertrag mit seinem Blut unterschreiben, welches das Ich des Menschen repräsentiert. Nach Faustens Tod setzt Mephistopheles alles daran, um sich Faustens Seele zu holen. Es misslingt ihm aber, weil die Engel auf ihn und seine Genossen Rosen streuen. Die „Liebe von oben“ hat Faust gerettet. Es war Gretchens Liebe, die zusammen mit der Gnadenliebe Christi von der geistigen Welt aus dies bewirkt haben.
Anthroposophisch gesagt ist es Ahriman, der das Ich des Menschen haben will. Dafür braucht er aber gar keine äußeren Maßnahmen, sondern er kann sein Ziel schon durch unseren gewöhnlichen Unsterblichkeitsgedanken erreichen. Der heutige Unsterblichkeitsgedanke ist völlig leer geworden. Nur aus persönlichem Egoismus glauben die Menschen noch an ein Weiterleben nach dem Tode. In Wirklichkeit sind die heutigen Menschen in ihren Seelentiefen davon überzeugt, dass die Seele mit dem Tode stirbt. Der eine oder der andere unserer Zeitgenossen sagt das auch deutlich genug. Ich erinnere mich an Helmut Schmidt (1918 – 2015) und an Karl Lagerfeld (1933 – 2019), die in Interviews so gesprochen haben.
Hier nun die entsprechende Passage aus dem Werk Rudolf Steiners über unseren Unsterblichkeitsglauben: „Die Wirklichkeit ist in Wahrheit noch viel ernster. Wenn der Mensch nämlich genügend intensiv durch genügend lange Zeit diese unterbewusste Sehnsucht ausbildet, mit dem physischen Tode zugrunde zu gehen, so geht er auch mit dem physischen Tode zugrunde. Dann hört das, was da als Geistig-Seelisches vorhanden ist und was sich sein Abbild schaffte, auf, eine Bedeutung zu haben; dann vereinigt es sich wiederum mit geistigen Welten und verliert die Ichheit. Das Abbild der Ichheit wird ahrimanisch umgestaltet, und die ahrimanischen Mächte bekommen das, was sie wollen: sie bekommen das irdische Leben in die Hand. Das heißt, ein großer Teil der heutigen zivilisierten Welt strebt darnach, die Zivilisation der Erde nicht fortzusetzen, sondern die Menschen zum Sterben zu bringen und ganz anderen Wesen, als die Menschen es sind, das irdische Leben zu übergeben […] Sie sehen also, unsere Zeit steht vor der Gefahr, die Kultur der Erde zu vernichten, nicht bloß falsche Ansichten zu züchten, sondern in dem Menschen Abbilder dieser falschen Ansichten hervorzubringen und die Menschen von ihrem ewigen Sein wegzubringen“ (GA 198, 17.7.1920).
Das kann einem sehr zu denken geben. Wir brauchen demnach keine Impfung, um das Ich des Menschen zu verlieren, womit ich natürlich die Gefahren der Impfung nicht verharmlost haben will. Es genügen schon unsere Gedanken über unser Fortleben der Seele nach dem Tode, um nach dem Tode wirklich nicht weiter zu leben, wenn wir nur lange und intensiv genug uns das Leben nach dem Tode als unmöglich vorgestellt haben. Hier gilt: was du heute denkst, das bist du morgen.
Wodurch aber wird der Gedanke der Unsterblichkeit inhaltvoll und real? Dadurch, dass der Gedanke der Ungeborenheit hinzugefügt wird. Und eben dieser Gedanke ist für die ahrimanischen Geister fürchterlich, vor allem dann, wenn er in Worte sich wandelt, wenn dieser Gedanke also ausgesprochen wird. Wenn das Wort „Ungeborenheit“ im Weltenäther erscheint, geraten die ahrimanischen Dämonen in Angst und Schrecken! Sie verlieren ihre Orientierung, hüllen sich in Finsternis, versinken ins Bodenlose und fallen in den Abgrund (GA 203, 13.3.1921). Es ist wichtig, zu wissen, wodurch Ahriman in Angst und Schrecken gerät. Nemo contra deum nise deus ipse (Niemand gegen Gott wenn nicht Gott selbst). Ahriman ist der Regisseur von Furcht und Angst und Schrecken. Wenn wir dasjenige tun, was Ahriman selbst in Angst und Schrecken versetzt, dann wird er unwirksam, dann muss er uns dienen und dadurch wird er sogar eines Tages erlöst. Unser Denken und die Verwandlung des Gedankens in ein Wort sind hierbei wirksame Taten, wie R. Steiner an der genannten Stelle in GA 203 darstellt.
Mit dem Verwandeln eines Gedankens in ein Wort stelle ich mir vor: ein Gespräch, einen Vortrag, ein geschriebenes Buch, das gelesen wird, ein Gebet, das gebetet, ein Mantram, das meditiert oder einen Kultus, der gefeiert wird.
Anthroposophie als Lehre von dem Vorirdischen des Menschen, als Lehre von der Wiederverkörperung des Menschen durch wiederholte Erdenleben ist demnach ein sehr wirksames Element, um das Ich des Menschen zu retten und Ahriman einen Strich durch seine Rechnung zu machen.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann