Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Anknüpfend an die Mitteilung, dass die ahrimanischen Dämonen in Angst und Schrecken geraten und in den Abgrund stürzen, wenn sie nur das Wort „Ungeborenheit“ im Weltenäther wahrnehmen (GA 203, 13.3.1921, siehe mein Rundbrief „Ahriman und das Ich des Menschen“), möchte ich noch einiges Weitere zu diesem Themenkreis mitteilen. Ich nähere mich dem Thema von verschiedenen Seiten. 

Das Wort Ungeborenheit

hat bei manchen Lesern Missverständnisse ausgelöst. Ungeborenheit ist gemeint als Gegenteil oder Pendant zur Unsterblichkeit. So wie die Unsterblichkeit ein Leben der Seele nach dem Tode annimmt, so meint die Ungeborenheit ein Leben der Seele vor der Geburt bzw. vor der Empfängnis. Also beispielsweise die Suche der Seele nach einem geeigneten Elternpaar und die geistige Gestaltung des Vererbungsstromes durch die sich inkarnierende Individualität, das ist der Zustand der Ungeborenheit, wie er hier gemeint ist. Für Platon war die Präexistenz der Seele eine Selbstverständlichkeit, er meinte ja, dass unser Lernen nur ein Wiedererinnern an das Vorirdische sei (sog. Anamnesislehre). Platons Schüler Aristoteles dagegen glaubte nicht mehr daran, durch ihn wurde die Präexistenz der Seele abgeschafft. 

Nikolaus von der Flüe (1417 - 1487)

der Schweizer Nationalheilige Nikolaus von der Flüe konnte sich an sein Leben vor der Geburt erinnern. Er vertraute dies seinem Beichtvater. Im Zustand vor seiner Geburt sah er das eigene Leben voraus und sah sogar die bei seiner Taufe anwesenden Menschen, die er dann in den folgenden Jahren der Kindheit wiedererkennen konnte, weil er sie vor seiner Geburt schon geschaut hatte. R. Steiner nennt dies „einen bedeutsamen Hinweis auf das Geburtsmysterium des Menschen“ (GA 187, 22.12.1918). Ich bringe dieses Beispiel deswegen, weil die unten referierten Berichte aus dem Buch „Erinnerungen an den Himmel“ mit den Erlebnissen des Nikolaus von der Flüe vergleichbar sind. 

Ein neues Sinnesorgan für wiederholte Erdenleben

Der Mensch entwickelt gegenwärtig ein Organ, welches in der Nähe des Broca`schen Sprachzentrums im Gehirn liegt, und welches ihn befähigen wird, sich an sein früheres Erdenleben zu erinnern. Was man also bisher nur durch Initiation erreichen konnte, wird dann ein Allgemeingut aller Menschen sein. Dieses Organ wird kommen, ob man will oder nicht. Die Anthroposophie hat demgegenüber die Aufgabe, dieses Organ richtig zu benützen. Es kann nämlich auch falsch benützt werden und wird dann die Ursache zu nervösen Krankheiten (GA 152, 1.5.1913, Vortrag in London).

Erinnerungen an den Himmel

Das Buch „Erinnerungen an den Himmel – Was Kinder aus ihrer Zeit vor ihrer Geburt berichten“ von Wayne W. Dyer, Heyne, 2016, amerikanisches Original „Memories of Heaven“, Random House, 2015 bringt eine Fülle von Berichten, was Kinder über ihr Leben vor der Geburt erzählen. Meist sind die Kinder um 3 Jahre alt, wenn also die Erinnerung an das Vorirdische noch frisch ist und das irdische Denken schon zu wirken beginnt. Die meisten Berichte stammen aus den USA und dem übrigen englischsprachigen Raum. Das Umfeld dieser Kinder ist unsere gegenwärtige Welt mit Auto, Fernsehen, PC, Smartphone und Supermarkt. Die Kinder erzählen spontan und unverblümt, was sie erlebt haben. Die Eltern sind überrascht oder sogar erschüttert von dem, was ihre Kinder sagen. Die Kinder erinnern sich an ihr Leben bei Gott oder bei den Engeln, welches sie als ein Leben voller Licht und Liebe erlebt haben. Manche beschreiben es auch als schöne Parklandschaft oder als ein Stehen auf den Wolken oder ein Leben in den Sternen. Regelmäßig und fast immer mit denselben Worten sagen die Kinder, dass sie sich ihre Mutter oder die Eltern ausgesucht haben. Ein Kind berichtet: es gab im Himmel zwei Türen, eine zur Auswahl der Eltern, die andere zur Auswahl der Geschwister. Ein anderes Kind sah eine lange Menschenreihe im Himmel, wo die zu wählenden Eltern hintereinanderstanden, woraus sich das Kind seine Eltern ausgesucht hat. Ein Kind, dessen Mutter sich gleich nach der Geburt hatte scheiden lassen, hatte dies im Leben vor der Geburt vorhergesehen. Es hat die Scheidung als gut und richtig angesehen und die Mutter darüber getröstet. Sogar adoptierte Kinder haben sich vor ihrer Geburt nach kurzem Zwischenaufenthalt bei ihrer leiblichen Mutter für die adoptierenden Eltern entschieden. Auch zur Wahl der Geschwister und der Verwandten kommen detaillierte Berichte, die durch verschiedene Ereignisse sich als richtig herausstellten, wenn z. B. das schon geborene Kind das Geschlecht des zweitgeborenen Kindes  richtig vorhersagt, weil es sein Geschwisterkind schon im Leben vor der Geburt kennengelernt hatte.  

Die Berichte sind in dem Punkt, dass die Kinder sich ihre Eltern und Geschwister im Leben vor der Geburt aussuchen, überzeugend und stimmen mit der Anthroposophie überein. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass so etwas heute auftritt. Ein entsprechendes Buch mit so vielen Zeugnissen wäre vor 50 Jahren undenkbar gewesen. Unsere gegenwärtige Menschheit wird „aus dem Munde der Kinder und Säuglinge“ (Psalm 8) über ihren eigenen geistigen Ursprung aufgeklärt. Dass der Mensch eben nicht bloß aus der Verbindung von weiblichem und männlichem Keim entsteht, wie es die Reproduktionsmedizin suggeriert, sondern drittens aus der sich inkarnierenden Individualität. Diese Individualität gestaltet den vererbten Leib. Hier sieht man unmittelbar die Verwandlung und die Gestaltung der Materie durch den Geist: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ (Schiller, Wallensteins Tod, III/13). Der vorirdische Mensch nimmt die Schwierigkeiten des kommenden Lebens in seine Entschlüsse auf: „Man weiß im Geistessein, dass man zu seiner Gesamtentwicklung ein Sinnesleben nötig hat, das der Seele dann vielleicht im Sinnensein unsympathisch oder bedrückend verläuft, und man strebt es doch an, weil man im Geistessein nicht auf das Sympathische und Angenehme, sondern auf dasjenige sieht, was zur rechten Entfaltung des Eigenseins notwendig ist“ (GA 16, 8. Meditation). 

Weitere Berichte desselben Buches z. B. über frühere Erdenleben sind naturgemäß undeutlich und eher irrtümlich. Die berichteten Zeiträume stimmen mit den von der Anthroposophie her bekannten Zeiträumen nicht überein. Und wie bei den Rückführungstherapien erscheinen als Todesursachen im letzten Erdenleben gewaltsame Ereignisse. Was hier berichtet wird, kann nur allgemein und nicht tatsächlich genommen werden. Hier zeigt sich eben bereits, dass das erwähnte sich bildende Sinnesorgan von der Geisteswissenschaft beurteilend begleitet werden muss. 

Dem Ganzen des Buches tut dieser zuletzt erwähnte Mangel aber keinen Abbruch, weil es doch ein großartiges Zeugnis unseres vorirdischen Lebens dokumentiert.  

Herzlich Ihr Friedwart Husemann