Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
die Mithras Mysterien waren voll ausgebildete Mysterien mit den 7 Stufen der Einweihung, wie sie R. Steiner oftmals schilderte:
- Rabe (corax),
- Verborgener oder Okkulter (cryphius),
- Streiter (miles),
- Löwe (leo),
- Perser (perses) [bzw. der Name des Volkes, dem man angehörte; Nathanael wurde von Jesus ein „wahrer Israeliter“ (Joh. 1,47) genannt, weil Jesus an Nathanael diesen 5. Grad der Einweihung erkannt hatte, siehe GA 103, 23.5.1908],
- Sonnenläufer (heliodromos),
- Vater (pater).
Sie finden dazu in dem Buch von Schütze sieben Symbole in sehr schön ausgearbeiteten Mosaiken (daraus auf dem Bild : der Rabe).
Höhepunkt des Mithrasdienstes war - wie in allen Mysterien - das Schauen der Sonne um Mitternacht. Die Mithraspriester konnten aus der Erkenntnis des Herzens und des Verhältnisses des Herzens zum Blutkreislauf dieselben Erkenntnisse gewinnen, welche die Druiden aus dem Jahreslauf der Sonne mithilfe ihrer Steinsetzungen und Kromlechs erfahren konnten. Es gibt einen wunderbaren Vortrag für die Arbeiter am Goetheanumbau, wo diese Polarität der Druidenmysterien zu den Mithrasmysterien ausgeführt ist (GA 350, 11.9.1923).
Bei den Mithras Heiligtümern gab es sogenannte „taurobolien“, wo der Stier geopfert wurde und die Einweihung der Schüler vollzogen wurde. Das taurobolium war eine Grube, die nach oben durch einen Rost abgedeckt wurde. Der Einzuweihende kauerte in der Grube, was als ein Analogon zur Grablegung in den Mysterien zu werten ist. Über dem Rost lag der Stier, dem eine Ader geöffnet wurde, sodass der Schüler mit dem warmen Blut übergossen wurde. Entsprechend vorbereitet und begleitet durch mantrische Gesänge und Formeln wurde der Schüler durch diese Zeremonie hellsichtig. So etwas kommt uns heute sehr fremdartig vor. Aber das entsprach der damaligen Konstitution der Menschen.
Wie schon erwähnt gab es in den ersten christlichen Jahrhunderten einerseits den Mithrasdienst und andererseits die christliche Messe, die zunächst in den Katakomben und später in den vom römischen Staat anerkannten Kirchen gefeiert wurde. Wenn man nun fragt, was aus diesen beiden parallelen, im Innersten christlichen, aber äußerlich sich bekämpfenden Richtungen in der Anthroposophie geworden ist, sieht man, dass beide durch die Anthroposophie erneuert worden sind.
Zur Begründung der Christengemeinschaft hat R. Steiner den anwesenden, hauptsächlich protestantisch orientierten Zuhörern zunächst einmal das Wesen der katholischen Messe erklärt. Er tat dies, indem er Satz für Satz die Worte der Menschenweihehandlung aus den Worten der Messe hervorgehen ließ (GA 343). Das war die Erneuerung dessen, was seit Konstantin seinen Weg durch das Abendland gemacht hatte.
Die andere Strömung gibt es in der Anthroposophie aber auch. Sie entstand aus dem Freien Christlichen Religionsunterricht, den R. Steiner für die „Dissidentenkinder“ in der Waldorfschule eingerichtet hatte. Die Sonntagshandlung für Kinder und die Jugendfeier wurden von dort im Wesentlichen wortgleich in die Sakramente der Christengemeinschaft übernommen. Nachdem dann die Jugendfeier in der Waldorfschule zwei Jahre lang gefeiert worden war, wo „Gedenke der Wichtigkeit dieses Augenblickes in deinem Leben…“ gesagt wird, fragten sich die älter werdenden Oberstufenschüler, ob dieser Augenblick nicht eigentlich auch mal vorübergeht. Die Schülerin Johanna Wohlrab stellte die entsprechende Frage. Von den Lehrern wurde diese Frage gegenüber der Schülerin zunächst einmal zurückgewiesen. Aber immerhin leiteten die Lehrer die Frage an R. Steiner weiter. Und R. Steiner sagte sofort, dass diese Frage „von weittragender Bedeutung“ sei (GA 269, S. 124) und vermittelte daraufhin die Opferfeier (GA 269, S. 63 - 79). Die Opferfeier ist eine viergliedrige Messe, aber ohne Brot und Wein. R. Steiner bezeichnete sie als etwas „Messe – Ähnliches“ (ebenda, S. 124). Sie ist ein vollgültiger Kultus, aber ohne Priester. Sie kann überall gefeiert werden, „wo Menschen sind, die sie wünschen“, wie R. Steiner zu Maria Röschl ausdrücklich sagte (ebenda, S. 125).
Und nun das Mithras Motiv der Opferfeier: geopfert wird das Blut und der Leib desjenigen, der an der Feier teilnimmt. Das Blut des Opfernden und der Leib des Opfernden werden verbunden mit dem Blut und dem Leib Christi. Natürlich geschieht dies geistig, seelisch und ganz innerlich. Es wird aber von dem Blut und dem Leib des Opfernden ohne weitere Umschweife gesprochen: „Sie seien in dir [Christus], du [Christus] seiest in ihnen“. Als ich dies zum ersten Mal hörte bzw. verstand, war ich schockiert, dass eine solche Unmittelbarkeit und Innigkeit möglich ist. Die Opferfeier ist vom Tageslicht abgeschlossen, so wie es die Mithras Heiligtümer ebenfalls waren. Frauen waren beim Mithrasdienst ausgeschlossen. In unserer Zeit waren es dann Johanna Wohlrab und Maria Röschl, denen wir die Frage nach der Opferfeier bzw. den wichtigsten Bericht über die Opferfeier verdanken. So geht die Entwicklung weiter.
Es gibt noch viele weitere Aspekte der Mithras Mysterien, der Opferfeier und der Menschenweihehandlung. Mit den obigen Andeutungen soll nur ein einziger Aspekt dargestellt sein, der aber besonders wichtig ist.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann