Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
gestatten Sie mir zu diesem Thema zwei Vorbemerkungen. Erstens: Goethes Farbenlehre wurde von R. Steiner unterstützt und bestätigt. Daneben begründete R. Steiner eine eigene Farbenlehre mit der Unterscheidung von Bild- und Glanzfarben und hielt mehrere wunderbare Vorträge über den Regenbogen. Das Meiste davon finden Sie in dem Band „Farbenerkenntnis“ (GA 291 a). Zweitens: R. Steiner gab eine Vielzahl von Darstellungen zum Pfad der Erkenntnis. Es liegen seine entsprechenden Bücher vor und seine Klassenstunden aus dem Jahr 1924 (GA 270). Speziell für Naturwissenschaftler beschrieb er einen Weg zur Geisterkenntnis in „Grenzen der Naturerkenntnis“ (GA 322). Auf demselben Wege stellte er in der Vortragsreihe „Die Welt der Sinne und die Welt des Geistes“ (GA 134) vier Stufen dar, nämlich: Staunen – Verehrung – weisheitsvoller Einklang mit den Welterscheinungen – Ergebung in den Weltenlauf. Diese äußerlich betrachtet so verschiedenen Methoden sind innerlich miteinander verwandt und führen am Schluss zu demselben Ziel.
Worum es im Folgenden geht, steht im ersten Vortrag des Helsingforser Zyklus „Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen“ (GA 136), wo R. Steiner die Methode darstellt, wie man zum Schauen der Elementargeister (Gnomen, Undinen, Sylphen und Salamander) gelangen kann. Es sind vier Stufen des „moralischen Naturerempfindens“, wie R. Steiner sie nennt. Bei der ersten Stufe versteht man das Moralische dieses Begriffes noch gut, bei den weiteren muss man es sich erst erarbeiten:
Blauer Himmel Frommheit
Grüne Wiese Gedanke
Weiße Schneefläche Materie
Prim und Oktav Wunsch und Gedanke
Wir wollen hier die Farbe Grün betrachten. Dadurch kann man indirekt auch erkennen, wie es mit den anderen drei Übungen zu halten ist.
Die Farbe Grün ist in der Natur allgegenwärtig und in den letzten Jahrzehnten zum Namen des erwachten Umweltbewusstseins geworden (z. B. „Greenpeace“ oder die „Partei der Grünen“). Eine grüne Wiese oder die Farbe der frisch ausgeschlagenen Lindenblätter geben uns das Grün in seiner Reinheit wieder. Wenn man sich meditativ in das Grün versetzt, also nichts anderes als Grün empfindet, kehrt eine gewisse Ruhe oder Sättigung in unser Erleben ein. Es ist nicht wie beim Rot, das uns attackiert, und es ist nicht wie beim Blau, das eine Wehmut hervorruft, die bis zur Frommheit sich steigern kann, wie es in der ersten Übung dieser Reihe angegeben ist. Weiterhin ist es so, dass man zu dem Grün etwas wissen muss, dass es nämlich eine Mischung aus Gelb und Blau darstellt. Das ist in dieser Weise bei den anderen Farben nicht so und zeigt in einer ersten Schicht, wie der Gedanke oder das Wissen mit dem Grün zusammenpassen.
In seinem Artikel „Sinnlich sittliche Wirkung der Farben“ schreibt Goethe über die Farbe Grün: „Unser Auge findet in derselben eine reale Befriedigung. Wenn beide Mutterfarben sich in der Mischung genau das Gleichgewicht halten, dergestalt dass keine vor der anderen bemerklich ist, so ruht das Auge und das Gemüt auf diesem Gemischten wie auf einem Einfachen. Man will nicht weiter und man kann nicht weiter“ (HH Ausgabe, Band 13, S. 501 der Auflage von 1955).
Stellen wir uns eine grüne Wiese vor, wie sie die Erde bedeckt, und darüber die Sonne, wie sie am blauen Himmel scheint. In diesem Bild ist eigentlich das Rätsel unseres ganzen Daseins enthalten. Gelb repräsentiert das Wesen des Lichtes, Blau repräsentiert das Wesen der Luft. Nun wissen wir, dass der grüne Blattfarbstoff die Eigenschaft hat, mithilfe der Energie des Lichtes den Kohlenstoff der Luft auf die Erde zu bringen, nämlich in der Pflanze zu lebendiger Substanz zu verdichten. Sogar das Wort Kohlenhydrate enthält noch einen Hinweis auf diese Mischung aus Luft und Licht: der Kohlenstoff stammt aus der Luft, der Wasserstoff, auf den die „hydrate“ hinweisen, ist die Quelle der Sonnenenergie (Wasserstoffkern- bzw. Protonen- Fusion in der Sonne). Ohne den grünen Blattfarbstoff (das Chlorophyll) gäbe es kein Leben auf der Erde, keine Pflanzen, keine Tiere und keine Menschen. Gelb ist die Farbe der Sonne, Blau ist die die Farbe des Himmels. Beide gemischt ergeben das Grün der Wiese. Das ist nicht nur malerisch, sondern chemisch real der Fall.
Bis hierher kann eine phänomenologische Betrachtung führen, die R. Steiner Goetheanismus nannte. Einen kleinen Schritt weiter versteht man dann nicht nur die Entstehung unserer Pflanzendecke, sondern die Schöpfung der ganzen sichtbaren Welt: „Alle Materie ist kondensiertes Licht“ (GA 120, 27.5.1910).
Im Menscheninnern entspricht dem: „…die Schöpfung des Verstandes ist mit der Tätigkeit der Sonne verwandt. Das Aufgehen des Verstandes in der Menschennatur ist das Aufleuchten einer inneren Sonne. Dies ist nicht nur im bildlichen, sondern ganz im wirklichen Sinne gesprochen“ (GA 11, Kap. „Austritt des Mondes“). Wenn wir vom Grün aus, also von der inneren Ruhe her – „man will nicht weiter und man kann nicht weiter“ wie Goethe sagte – zu der besagten Verstandessonne blicken, dann ergibt sich: „Die Ideenwelt ist der Urgrund und das Prinzip alles Seins. In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe…Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst und mit sich selbst sich genügende Geist“ (GA 40, „Credo“). So schließen sich die Farbe Grün mit der Sonne des sich selbst erfassenden Gedankens in eins zusammen.
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Und hier noch ein Anhang für diejenigen, die „Die Philosophie der Freiheit“ kennen: wenn wir den dargestellten Zusammenhang vom 3. Kapitel her betrachten, wo wir das Denken durch es selbst erfassen, dann ergibt sich das Folgende. Im Beobachten des Denkens gibt es zweierlei Denken: das beobachtende, tätige, gegenwärtige Denken einerseits und das beobachtete, untätige und vergangene Denken andererseits. Das erstere können wir als Gelb empfinden, weil es strahlend und aktiv wirksam ist; das letztere mit seiner unendlichen Vielfalt erscheint uns wie blau. Da es sich aber beides Mal doch wieder nur um das Denken handelt, sind wir beim Beobachten des Denkens im vollkommenen Grün, weil Blau und Gelb zusammen Grün ergeben.
Oder von der Erde zum Himmel blickend gesagt: das irdische Denken, das auf die Sinnenwelt sich richtet, ist grün. Wir befinden uns gleichsam auf der grünen Wiese der Wirklichkeit. Wollen wir uns aufschwingen zum lebendigen, vergleichsweise himmlischen Denken, dann ist der erste Schritt eine Art geistiger Chemie, die das Grün wieder trennen kann in Gelb und Blau, die sich wie Begriff und Wahrnehmung zueinander verhalten, und als Farben den Himmel umspannen.
Mit herzlichen Grüßen zu den Weihnachtstagen
Ihr Friedwart Husemann