Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

wenn es um das Latein geht, werden die Menschen gründlich: diese Sprache sollte man lernen, weil sie die Grundlage vieler anderen Sprachen ist - diese Sprache sollte man lernen, weil sie die Grundlage unserer Zivilisation und Bildung darstellt - diese Sprache sollte man lernen, weil man dadurch das logische Denken lernt usw. Solche und ähnliche Argumente waren vor 50 Jahren noch sehr wichtig, sind aber inzwischen ziemlich in den Hintergrund getreten. Das Latein hat keine so große Bedeutung mehr. Das war früher anders. In früheren Jahrhunderten gab es ohne Latein keine Bildung. Heute geht es stattdessen um die Algorithmen der digitalen Technik und um die künstliche Intelligenz. Sie spielen heute eine ähnliche Rolle wie früher das Latein.    

Die Arbeiter am Goetheanum fragten R. Steiner (GA 350, 28.6.1923), wie man zum Schauen der geistigen Welt kommen könne. Seine Antwort war: als erstes muss man die Wirkung der lateinischen Sprache überwinden. Er spricht da von der physiologischen Wirkung der lateinischen Sprache auf unser Gehirn. Die lateinische Sprache präparierte unser Gehirn im Laufe der Zeit so, dass wir gar nicht mehr selbständig denken können, sondern dass die lateinische Sprache in uns denkt. Die lateinische Sprache hat dafür gesorgt, dass wir nur mithilfe des Gehirns denken. Dieses automatische Gehirndenken ist unser wirksamster Lehrmeister des bloßen sinnenfälligen und materialistischen Denkens gewesen: „Die Menschen sind Automaten der lateinischen Sprache, die herumlaufen und gar nicht selber denken“ (GA 350, 28.6.1923). Es kommt natürlich auf die Denkweise an, die durch das Latein Jahrhunderte lang gewirkt hat, ganz unabhängig davon, ob wir selbst heute Latein gelernt haben oder nicht, sondern diese Denkweise haben wir im Abendland inzwischen alle gemeinsam.

Eine abendländische Institution, die sich ganz besonders auf das Latein gestützt hat, ist die katholische Kirche. Nun ist es aber ausgerechnet das Latein gewesen, das uns den Geist ausgetrieben hat. Und R. Steiner bemerkt in diesem Zusammenhang: „Das ist es gerade, dass die Kirche, die vorgibt, den Menschen den Geist beizubringen, am meisten dazu beigetragen hat, den Geist auszutreiben“ (GA 350, 28.6.1923). 

Immer wieder beschweren sich unsere Zeitgenossen, dass sie R. Steiner nicht lesen können und dass er so schwer zu verstehen sei. Das ist die Folge einer Jahrhunderte langen Erziehung durch das lateinische Denken. Das am Latein geschulte Denken kann die geistige Welt nicht verstehen! Entsprechend hat R. Steiner seine „Philosophie der Freiheit“ so geschrieben, dass auf das Latein keinerlei Rücksicht genommen wird. Dieses Buch will alles Lateinische abstreifen, um die Gedanken beweglich und flüssig zu machen. Die „Philosophie der Freiheit“ bewirkt, dass der Mensch wieder selbständig denken lernt, damit er die geistige Welt verstehen kann (GA 350, 28.6.1923).  

In einem anderen Zusammenhang bringt R. Steiner konkrete Beispiele (GA 225, 8.7.1923). Jahrhunderte lang galt als Wissenschaft nur das, was man in Latein ausdrücken konnte. Alles andere war Volksglaube oder Aberglaube. Immerhin: diese messerscharfe Logik der lateinischen Sprache hatte die Macht, um den wissenschaftlichen Betrieb methodisch bis heute zu durchsetzen. Das kann man auch bewundern. Latein ist wie das tote Skelett oder Knochengerüst der Wissenschaft gewesen: „Die lateinische Sprache wurde zu einem Mechanismus in sich“ (ebenda).

Über die Ignorabimus Rede von Emil Dubois Reymond („Grenzen der Naturerkenntnis“, Vortrag am 14. August 1872 in Leipzig) hat R. Steiner oftmals gesprochen. Über das Thema „Grenzen der Naturerkenntnis“ hat er einen ganzen Zyklus (GA 322) gehalten. Jene Ignorabimus Rede aus dem 19. Jahrhundert hat ihren methodischen Ursprungsimpuls in dem mittelalterlichen Unterschied, ob jemand Latein gelernt hatte oder nicht. Wenn im Mittelalter ein Bauernbub ins Klostergymnasium ging, dort Latein lernte und in den Ferien nach Hause kam, dann begegnete er einem anderen Bauernbub, der nicht Latein gelernt hatte. Der ungebildete Bauernbub sagte sich dann im Anblick des gebildeten Bauernbubs: das werde ich nicht wissen: ignorabo! Eine der berühmtesten Reden des 19. Jahrhunderts gipfelte in denselben Worten: ignoramus et ignorabimus! Wir wissen es nicht und wir werden es nicht wissen! Das sind nach Steiner die realen inneren Zusammenhänge unserer abendländischen Entwicklung (GA  225, 8.7.1923). 

Der letzte Rest dieses Unterscheidens zwischen Wissen und Nichtwissen, ist dann heute die abgehobene Eitelkeit mancher Wissenschaftler, die es richtig finden, möglichst viele Fremdworte und Fachworte zu benützen. In der Medizin ist z. B. das Wort „implementieren“ zu einer Mode geworden. Wer dieses Wort benützt, der kommt sich besonders gelehrt vor. Was man früher an Autoritätsglauben demjenigen entgegenbrachte, der Latein konnte, das bringt man heute der ganzen Wissenschaft oder eben „den Professoren“ an Autoritätsglauben entgegen (ebenda).

Wie erwärmt es unser Herz, wenn wir demgegenüber bei R. Steiner hören: „Aber nicht nur zu Erforschern der geistigen Welt, soll der Beobachter des Übersinnlichen sprechen. Er muss seine Worte an alle Menschen richten. Denn er hat über Dinge zu berichten, die alle Menschen angehen; ja, er weiß, dass niemand ohne eine Kenntnis dieser Dinge im wahren Sinne des Wortes „Mensch“ sein kann“ (GA 9, „Theosophie“, Einleitung). 

Latein ist im Gegensatz zum Griechischen phantasielos. Die römische Literatur und Kunst ist nur ein Abklatsch der griechischen. Für den, der zu viel Latein gelernt hat, ist deswegen die Kunst nur ein schöner Zeitvertreib. Wer aber nach einem lebendigen Denken strebt, der will Wissenschaft und Kunst verbinden. Für den wird das Denken zu einer Herzensangelegenheit.  Das ist das michaelische Prinzip, dass unsere Gedanken ein Herz bekommen (GA  217, 3.10.1922): die Wissenschaft soll zu einer Kunst werden. 

Die lateinische Sprache – wenn wir sie mit den Augen Michaels betrachten – ist also letztlich ein Werkzeug des Drachens gewesen. Kaum allerdings hatte dieser Drache seine Wirkung verloren, da hat er gleich weitere Kinder bekommen: die nur aus Logik bestehenden Algorithmen und die künstliche Intelligenz. Was früher als Latein in uns war („der Mechanismus in sich“ bzw. „der Mensch als Automat der lateinischen Sprache“), das ist jetzt als Computertechnik und als künstliche Intelligenz außer uns. Und wenn die Menschen jetzt merken, dass sie durch den Navigator im Auto die eigene Orientierungsfähigkeit verlieren und durch die Rechenmaschine das Rechnen verlernen, so ist dies in diesem Zusammenhang ein gutes Zeichen. Das entsprechende Phänomen hatten sie beim Latein noch nicht gemerkt. Das stärkt den Impuls, das selbständige Denken lernen zu wollen. Und von dort ist es nicht mehr weit zum lebendigen Denken und zu dem Denken, das die Ergebnisse der geistigen Forschung verstehen und verwirklichen kann. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann