Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

gsuuwfür den Erwachsenen ist das Schreien eine Sache für Kinder und Unbeherrschte. Man sagt dann etwa: grandi dolori sono muti (große Schmerzen sind stumm). Aber es braucht dabei nicht zu bleiben. Wo der Alltag schweigt, kann die Kunst beginnen. Deswegen meinte Goethe: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide („Tasso“ Verse 3432-3433 und Motto der Marienbader „Elegie“). 

In diesem Goethe‘schen Sinne ist „Der Schrei“ von Edvard Munch zu verstehen. Das Bild steht nicht nur repräsentativ für die expressionistische Epoche. Es ist eine Prophetie des 20. Jahrhunderts gewesen, wenn Sie bedenken, mit welchen Gefühlen wir dieses Gemälde ab 1945 betrachten mussten. Munch hat das Motiv in 4 Fassungen gestaltet, die zwischen 1893 und 1910 entstanden sind. 

Diese Jahre der vorletzten Jahrhundertwende waren etwas Besonderes. 1899 lief im Sinne einer bestimmten indischen Lehre das finstere Zeitalter oder Kali Yuga ab. 1900 begann das lichte Zeitalter.  Seitdem ist die geistige Welt wieder offen, wodurch so etwas wie die Anthroposophie möglich geworden ist (GA 118, 27.1.1910; GA 266/3, 30. 12.1923). Durch eine Art von Beharrungsvermögen wirkten die Kräfte der Finsternis allerdings weiter. Und weil sie dem inneren Wesen der neuen Zeit nicht mehr angemessen waren, erschienen sie schlimmer als je zuvor. Das hat das 20. Jahrhundert genügend gezeigt. 

Damit verstehen wir auch die Art und Weise, wie der Schrei oder das Schreien bei R. Steiner vorkommen. Ein erstes Beispiel wäre die Grundsteinlegung des ersten Goetheanum am 20.9.1913. Da sprach R. Steiner von dem allgeneinen Reden vom Geiste, was damals wie heute so üblich ist. Für unser gemeinsames Verständnis erinnere ich an Friedrich von Weizsäcker (1912 – 2007). Er redete viel davon, dass ein neuer Geist kommen müsse, dass man wissenschaftlich eine andere Richtung einschlagen müsse. Aber ebenso wie damals bei Steiners Zeitgenossen blieben auch die Reden von Weizsäckers ein bloßes Hoffen und Sehnen. Zweitens liegt der große Unterschied zu R. Steiner darin, dass R. Steiner von einem wahrgenommenen Geist und nicht bloß von einem gedachten Geist sprach. R. Steiners Jenseits war ein wahrgenommenes Jenseits, kein gedachtes, vorgestelltes oder geglaubtes Jenseits. Gebildete Leute erschrecken, wenn man ihnen berichten muss, dass R. Steiner die geistige Welt wahrnehmen konnte. Das halten sie für unmöglich. Bestes Beispiel sind gegenwärtig die Professoren Clement, Traub und Zander, die über R. Steiner ein dickeres Buch am anderen schreiben, aber nicht davon überzeugt sind, dass R. Steiner das Geistige wahrnehmen konnte. Sie meinen, das sei eine Anmaßung oder sogar eine Lüge R. Steiners. 

Die Formen des ersten Goetheanums sind nun gerade das beste Beispiel dafür, dass ihnen ein wahrgenommener Geist zugrunde liegen muss und nicht nur ein ausgedachter: lauter neue, noch nie gesehene Formen in den vielfältigsten Metamorphosen. Ein von Grund auf neuer Kunstimpuls. In den Goetheanum Formen sprach zu unseren Augen, was durch Anthroposophie zu unseren Gedanken spricht. Für uns ist die Anthroposophie zunächst eine Fülle von Ideen. Alle diese Ideen waren aber für R. Steiner Wahrnehmungen.  Und das kann man den anthroposophischen Ideen auch anmerken. 

Über jenes allgemeine Reden vom Geist, das nur einen gedachten Geist kennt, sprach R. Steiner bei der Grundsteinlegung des ersten Goetheanum, das den Inbegriff des wahrgenommenen Geistes darstellte. Wie damals in den esoterischen Stunden üblich, sprach er seine Zuhörer als „Schwestern und Brüder“ an : „Schaut euch an, meine lieben Schwestern und Brüder, wie dieses unbestimmte Sehnen, dieses unbestimmte Hoffen auf den Geist waltet in der heutigen Menschheit! Fühlet hörend, hier beim Grundstein unseres Wahrzeichens, wie in dem unbestimmten Sehnen und Hoffen der Menschheit nach dem Geiste der Schrei hörbar ist nach der Antwort, nach jener Antwort, die gegeben werden kann, wo Geisteswissenschaft walten kann…dass heute die Menschheit an einem Punkte steht, wo die Seelen verdorren, veröden müssten, wenn jener Sehnsuchtsschrei nicht erhört würde“ (GA 42/245, 20.9.1913). 

Ein zweites Beispiel ist der Zyklus „Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt“, den R. Steiner im April 1914 in Wien gehalten hat. Damals prägte er das Wort vom „sozialen Carzinom“ oder „Kulturkrebs“ (GA 153, 14.4.1914). Auf diese Begriffsbildung kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges hat R. Steiner später immer wieder zurückgeblickt. Und in diesem Zusammenhang bezeichnete sich R. Steiner damals selbst als den Schreienden: „Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt, und was selbst dann, wenn man sonst allen Enthusiasmus für Geisteswissenschaft unterdrücken könnte, wenn man unterdrücken könnte das, was den Mund öffnen kann für die Geisteswissenschaft, einen dahin bringt, das Heilmittel der Welt gleichsam entgegenzuschreien für das, was so stark im Anzug ist und was immer stärker und stärker werden wird“ (14.4.1914). 

Das soziale Carzinom ist dadurch zu verstehen, dass man das Leben in der Natur, das Geistesleben des Menschen und die Produktion von Waren miteinander vergleicht. In der Natur findet fortwährend eine Überproduktion statt. Man denke an die vielen Fischkeime, die zugrunde gehen, ohne dass sie zu Fischen heranwachsen oder an die vielen Früchte und Samen , die gar nicht zu Pflanzen heranwachsen, sondern dem Menschen und den Tieren als Nahrung dienen. Ebenso ist es im Geistesleben des Menschen, auch hier kann nicht genug produziert werden. Was fruchtbar ist und wahr, setzt sich dann schon durch, das Unwichtige wird von selbst vergessen. Ganz anders ist es im Wirtschaftsleben. Dass die Waren in Warenhäusern gestapelt werden, um zu warten, bis sie verkauft werden, bzw. die Werbetrommel gerührt wird, damit sie verkauft werden, ist schon pathologisch. Gesund wäre es, wenn nur nach dem Bedarf der Menschen produziert wird. Dass das Geld zusammengestapelt wird, wie das heute durch den Finanzkapitalismus ins Extreme gewachsen ist, ist ebenso pathologisch. Was also in der Natur und im Geistesleben völlig gesund ist, dasselbe Prinzip ist im Wirtschaftsleben krank. Deswegen hat R. Steiner später im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus vorgeschlagen, das Geistesleben vom Wirtschaftsleben zu trennen. 

Ein drittes Beispiel sind zwei literarische Werke des 19. Jahrhunderts, die einige Jahre nach Goethes Tod, also in einer noch idealistischen Zeit erschienen sind. Es sind der Roman „Maha Guru“ von Karl Gutzkow und das Drama „Die ungöttliche Komödie“ des polnischen Dichters Zygmunt Krasinski. Beide Werke findet R. Steiner symptomatisch und referiert ihren Inhalt ausführlich. In beiden Werken geraten einzelne Personen an die Grenze zur geistigen Welt, aber die Umstände gestalten sich so, dass sie verrückt werden müssen. R. Steiner bemerkte: „Man vernimmt aus dem polnischen Drama fast noch mehr als aus dem „Maha Guru“ den Schrei der Menschheit: was soll werden, wenn nicht in richtiger und reiner Form die Menschenseelen empfangen können die Lehren von den geistigen Welten? Was soll werden mit der Menschheit in der Zukunft? Sollen die Menschen, damit sie in die geistige Welt hineinkommen, physisch zerbrechen müssen?“ (GA 254, 31.10.1915). 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann