Anthroposophische Gesellschaft Michaelzweig Pforzheim
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Friedwart Husemann

Portait Hr.HusemannDr.med.Friedwart Husemann war Facharzt für Innere Medizin und versierter Anthroposoph mit tiefem Hintergrundwissen. Friedwart Husemann verstarb am 3.Februar 2022 unerwartet.

Er verfasste einen regelmäßigen, sehr bemerkenswerten Rundbrief zu vielen aktuellen Themen der Anthroposophie. Einige dieser Rundbriefe sind hier öffentlich wiedergegeben, noch mehr seiner Rundbriefe finden Sie im internen Bereich der Seite, der erst nach Anmeldung zugänglich ist.

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Das neue ökonomische Papsttum

 

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

die Sache mit dem Geld ist nicht so leicht zu durchschauen. Mephisto ist es, der im zweiten Teil des Faust das Papiergeld erfindet. Das hat schon vielen zu denken gegeben. 

Ein Lehrstück dazu lieferte der Bankier J.P. Morgan. Er vergab im Jahr 1907 sehr viele, sehr günstige Kredite, die alle eine Laufzeit bis zum 22. 8. hatten. Dann verweigerten die Morgan Banken – für alle unerwartet - am 22.8. die Verlängerung der Kreditlaufzeiten, wodurch ein Börsencrash entstand. Die Zahl der Insolvenzen stieg innerhalb eines Jahres um 47%, die Zahl der Arbeitslosen verdreifachte sich. Morgan selbst hatte sich vor dem 22. 8. 1907 durch den Verkauf sehr guter nicht strategischer Aktien mit genügend Kapital gerüstet. Viele konkurrierende Banken und Geschäfte gingen in Konkurs. Tausende Kunden standen vor den Banken und wollten ihr Geld abheben. Die Börse erholte sich von diesem Crash erst nach zwei Jahrzehnten. Morgan selbst profitierte unglaublich und erreichte einen massiven Machtzuwachs: 1913 kontrollierte er über 300 Großunternehmen bzw. zusammen mit Rockefeller 20% des US-Volksvermögens. Auf dem Höhepunkt der Krise im Oktober 1907 hat er, um die Krise zu mildern, sehr großzügig einen Kredit von 10 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt und später als Kunst - Mäzen und Unterstützer seiner Episkopal Kirche sich erwiesen. Bis heute steht er deswegen historisch für die meisten als Wohltäter da. 

Ich entnehme diesen Bericht über J. P. Morgan einem Text von Prof. Christian Kreiss:   

https://www.heise.de/tp/features/Die-Corona-Angst-und-die-kommende-Wirtschaftsdepression-4693816.html Genaueres über Kreiss finden Sie bei Wikipedia, dort können Sie auch seine aktuellen Videos abrufen. Er ist Fachmann zur Erforschung der Wissenschaftsfinanzierung. Von meiner Münchener Zeit her ist er mir persönlich bekannt. Seine Darstellungen beruhen auf einer ernsten Forschergesinnung. Sein Hauptwerk ist: „Gekaufte Forschung.“  Dieses Werk ist soeben in neuer Auflage erschienen und kann als pdf  kostenlos heruntergeladen werden: : https://tredition.de/autoren/christian-kreiss-29150/gekaufte-wissenschaft-paperback-139560/  pdf: https://menschengerechtewirtschaft.de/wp-content/uploads/2020/08/Buch-Gekaufte-Wissenschaft-pdf.pdf

Was Morgan im Einzelnen gemacht hat, war also Folgendes:  

- Versorgung seiner Kunden durch Kredite

- allen Kreditnehmern denselben Termin zum Ablauf des Kredites geben, ein Plan mit einem Hintergedanken, den niemand durchschauen konnte

- unerwartet allen gleichzeitig kündigen

- sich selber vorab mit genügend Kapital versorgen

- bewusst einen Börsencrash herbeiführen, um die anderen in die Pleite oder Krise zu treiben

- durch großzügige Wiederaufbau - Kredite und Spenden nachträglich sich als Wohltäter darstellen.

Dieses Muster machte Schule. Vor allem die englisch sprechende Finanzwirtschaft hat es sich zum Prinzip gemacht. Dieses Prinzip besteht einfach gesagt darin, dass man durch Schulden den Konkurrenten bzw. Schuldner zunächst von sich abhängig machen und daraufhin ihn vernichten kann. Das ist eine Art von finanzfaschistischer Kriegsführung, wie es Ernst Wolff (Buch „Finanz Tsunami“) nennt.  

Im selben Sinne hat die englische Finanzwirtschaft durch verschiedene Maßnahmen seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts - beginnend mit Margret Thatcher - erreicht, dass die Geldmenge heute weltweit die Realwirtschaft bei weitem übersteigt: von 1990 bis 2010 stieg die zirkulierende Geldmenge um das 300fache, die reale Wirtschaft aber nur um das Dreifache (Zahlen von 2016). Das heißt: wer dieses Geld besitzt, hat viel Macht. Bekanntlich sind es immer weniger Menschen, die immer mehr besitzen. Die gutwilligen realwirtschaftenden Betriebe, die etwas herstellen oder Dienstleistungen erfüllen, auch dann, wenn sie noch so groß sind und qualitativ noch so gut sind, sind vom Gesichtspunkt dieser Geldbesitzer die modernen Sklaven, die zwar arbeiten, aber nicht die Welt lenken können. Aus einem gewissen Grunde möchte ich diejenigen, die reale Wirtschaft treiben, als „Heloten“ bezeichnen. Das waren die Staatssklaven in Sparta, die sich ja dann in einem Aufstand gegen den Staat erhoben haben. Dieses Wort wähle ich, weil R. Steiner in einem bestimmten Zusammenhang davon sprach, dass die englisch sprechenden Völker die anderen Völker zu Heloten machen wollen (18.12.1916, GA 173 bzw. neuerdings GA 173a). Damals noch bezog R. Steiner dies auf bestimmte örtliche Regionen, heute ist es meiner Meinung nach ein Phänomen geworden, das man entsprechend der Globalisierung weltweit betrachten muss. 

Dies muss man nun mit dem Schuldenproblem zusammenschauen. Ein Drittel der in der Welt vorhandenen Geldmenge sind Schulden (zit. nach Wolff). Diese Menschen oder Korporationen, die Schulden haben, die müssen verdienen, um ihre Schulden abzubezahlen. Wenn man denen eine Rezession aufhalst, müssen sie neues Geld leihen oder sie gehen pleite. Wenn sie gute Sachen herstellen oder sonst wertvoll sind, können sie von den Größeren übernommen werden, ansonsten verschwinden sie. Das nennt man Marktbereinigung. Das bedeutet, dass die Reichen immer reicher, die Armen immer zahlreicher und dadurch immer beherrschbarer werden. 

Vom Gesichtswinkel der Welternährung sagt Jean Ziegler in seinen Büchern im Prinzip dasselbe, er nennt es unsere „kannibalische Weltordnung“. 

So wie damals J.P. Morgan bewusst den Niedergang der anderen herbeigeführt hat, um selbst dadurch reicher zu werden, so ist es durch den modernen Derivate Handel möglich geworden, ganz „legal“, auf den Niedergang des anderen zu wetten (sog. Kasino Kapitalismus). Bei der Finanzkrise 2008 hatte man auf den Niedergang des Euros gewettet, bis Mario Draghi 2012 sein berühmtes Wort sprach „the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro…“ wodurch das Wetten sofort ein Ende hatte. Draghi war geschult, er arbeitete von 2002 bis 2005 bei Goldman Sachs. Goldman Sachs war der Gewinner von 2008, als sein Konkurrent Lehman Brothers vom amerikanischen Staat fallen gelassen worden war. 

Was mit diesem Kasino Kapitalismus alles möglich ist, zeigt der Corona Shutdown. Der neue Star der NY Börse ist William Albert Ackman (SZ vom 27.3.2020, S. 4, „Im Profil“). Er hatte kurz vor dem Corona Shutdown richtig gewettet und durch den Corona Kurssturz innerhalb weniger Tage 2,6 Milliarden Dollar „verdient“. Ich bezweifle, ob man so etwas überhaupt „verdienen“ nennen kann. In Wahrheit ist es eine Perversität, dass so etwas überhaupt möglich ist. Immerhin hat W. A. Ackman jetzt seine Milliarden und kann darüber verfügen, so wie wenn er sie wirklich selbst verdient hätte. Die anderen, die mit einem Mindestlohn von 10 € pro Stunde auskommen müssen, die haben diese Milliarden nicht.  

Warren Buffet, einer der erfolgreichsten Investoren unserer modernen Finanzwirtschaft, sagte 2006 ganz unverblümt:  „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ https://www.nytimes.com/2006/11/26/business/yourmoney/26every.html?_r=0 Original

Klaus Bölling (1928 – 2014), der langjährige Regierungssprecher von Helmut Schmidt, schrieb zum 80. Geburtstag von Egon Bahr eine Kolumne in der SZ (18.3.2002, S. 9) und sagte über die USA: „das neue Rom und dessen Allmachts - Träume“. Wir müssten heute realistisch hinzufügen: es sind eigentlich nicht die USA, sondern es ist die von den USA und von Großbritannien protegierte Finanzwirtschaft, deren Allmacht durchaus real und gar nicht träumerisch ist. 

Im Prinzip hat R. Steiner diese Entwicklung vorhergesagt. Der vierte Zeitraum, d. h. die vierte nachatlantische Kulturperiode (753 vor Chr. bis 1413 nach Chr.) war von Rom beherrscht. Die englisch sprechenden Völker sind das neue Rom des 5. Zeitraums (1414 – 3500). Sie werden aber an den östlichen Völkern untergehen, so wie Rom an den nördlichen Völkern unterging (z. B. mit der Niederlage gegen die Germanen im Teutoburger Wald). Was im 4. Zeitraum ein Nord Süd Problem war, ist im 5. Zeitraum ein West Ost Problem. Die Achse der Konflikte hat sich um 90 ° gedreht. Im Westen entstand ein neues ökonomisches Papsttum (GA 173 a, 17.12.1916). Papsttum und Rom hängen so miteinander zusammen, dass die römische Kirche das äußere Machtgefüge Roms übernommen hat. Ich füge sinngemäß hinzu: die römisch-katholische Kirche ist dann an Luther ähnlich gescheitert wie das alte Rom an den Germanen im Teutoburger Wald. „Neues Rom“ und „neues ökonomisches Papsttum“ sind hier so gemeint, dass sie überwunden werden müssen. Es gibt historisch betrachtet auch positive Aspekte Roms und positive Aspekte des Papsttums, die hier nicht gemeint sind.  

Mit all diesen Zusammenhängen liegt es auf der Hand, dass Sucharit Bhakdi in seinem Buch „Corona – Fehlalarm?“ den Börsen Fachmann Dirk Müller zitiert, der äußerte, warum für viele in der Wirtschaft die Pandemie „ein Segen“ war (S. 138). Müller meinte aber nicht die Wirtschaft im gewöhnlichen Sinn, sondern die Finanzwirtschaft mit den Prinzipien, wie ich sie hier dargestellt habe. Man darf auch nicht so naiv sein und glauben, dass diese Finanzwirtschaftler die Bevölkerung ihres eigenen Landes schonen. Die Wirtschaft der USA ist jetzt (Stand Ende Juli 2020) um etwa 30 %, die deutsche Wirtschaft um 10 % zurückgegangen (der Unterschied kommt durch das verschiedene Lohnniveau, real ist der Abschwung etwa gleich). Solche Zahlen werden von den Finanzwirtschaftlern nur darauf hin betrachtet, wie stark sie zurückgehen. Je stärker, desto besser. Siehe J.P. Morgan. Diese großzügige Kaltblütigkeit, die da herrscht, die muss man verstehen lernen. 

Es ist zunächst einmal das Wichtigste, dass wir solche Entwicklungen mit wachem Sinn verfolgen, um uns das richtige Urteil zu erwerben: „Die soziale Frage, sie steht vor den Toren des Menschendaseins furchtbar fordernd. Sie hat Schreckliches gebracht in den letzten Jahren, sie wird immer drohender und drohender, und nur schläfrige Seelen können das Drohende übersehen“ (R. Steiner am 23.12.1920, GA 202).

Herzlich Ihr Friedwart Husemann 

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Bettina von Arnim (2. Teil) und die Zukunft des Goetheanismus

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

die wunderbare Liebe, die Bettina von Arnim dem Goethe’schen Genius entgegenbrachte, fasst eine Strömung zusammen, die R. Steiner „Goetheanismus“ nannte. Demgegenüber gibt es auch andere Strömungen, die den Goetheanismus bekämpfen. So war der Kreis um Marie Eugenie delle Grazie in Wien, wo R. Steiner als Student ein und ausging, und wo er geschätzt wurde, eine Stätte des Anti-Goetheanismus („Mein Lebensgang“, GA 28, Kap. VII). Der spiritus rector dieses Kreises war Laurenz Müllner, er pries Alexander Baumgartners Goethe Biographie (1885/1886), die Goethe als den Widerpart des Menschlich-Erstrebenswerten darstellte. Steiner meinte, Baumgartners Buch sei geistreich und tiefgründig, aber es bohre Goethe in Grund und Boden (GA 181, 6.8.1918).  Baumgartner war Jesuit. Die Jesuiten kämpfen gegen Goethe und den Goetheanismus (GA 181, 6.8.1918 wie oben und GA 185, 2.11.1918). Diese Feindschaft kann uns darauf hinweisen, wie groß die Bedeutung des Goetheanismus ist. Denn die Jesuiten beschäftigen sich nicht mit unwichtigen Sachen und kämpfen nicht gegen Kleinigkeiten. 

Was Goethes Schwächen oder Fehler betrifft, so war er selbst in diesem Punkt bemerkenswert ehrlich. Wahrscheinlich ist dies genau das, was seine Kritiker ihm übelnehmen. In „Dichtung und Wahrheit“ hat Goethe den Abbruch seiner Beziehung zu Friederike Brion in Sesenheim bei Straßburg folgendermaßen beurteilt: „hier war ich zum ersten Mal schuldig...“ Da Goethe Jahrzehnte später dies geschrieben hat, ist in diesem Zusammenhang das Wort „zum ersten Mal“ von besonderem Gewicht. Man möchte die weiteren Male seines Schuldigwerdens eigentlich nicht erfahren. Denn diese Seite seines Wesens muss Goethe mit sich selbst ausmachen, und sie geht andere Menschen nichts an.  

Andererseits hat R. Steiner über die schwachen und die guten Seiten von Goethe so gesprochen, dass jeder von uns sich damit identifizieren kann: so wie damals bei Goethe, so ist es heute bei jedem von uns: wir haben eine Doppelnatur in uns. Jeder ist heute beides zugleich: einerseits verwundeter Amfortas mit seinen Gewissensbissen und andererseits strebender Parzival mit seinem spirituellen Aufschwung (GA 144, 7.2.1913, früher irrtümlich 6.2.1913). Amfortas ist Ausdruck der Verstandesseele und gleichzeitig die Quelle unserer noch nicht geläuterten Leidenschaften. Ihn zu überwinden, muss jeder mit sich selbst abmachen. Der strebende Parzival als Ausdruck der Bewusstseinsseele in uns, mit ihm dienen wir unseren Mitmenschen und bringen die Welt ein Stück vorwärts. Und gerade dieser strebende Parzival in Goethe, dieser höhere Mensch in Goethe, der hat viel erreicht. Ihm galt die Liebe Bettinas. 

Künstlerisch steht dem Goetheanismus eine große Zukunft bevor. In der Silvesternacht 1922 wurde das Goetheanum zwar durch Brandstiftung zerstört, aber dieser Doppelkuppelbau als architektonische Form wird wiedererstehen. Die Zukunft für Bauten dieser Art wird schon in diesem Jahrhundert kommen: „Wenn das Jahr 2086 kommt, wird man überall in Europa aufsteigen sehen Bauten, die geistigen Zielen gewidmet sind und die Abbilder sein werden von unserem Dornacher Bau mit seinen zwei Kuppeln. Das wird die goldene Zeit sein für solche Bauten, in denen das geistige Leben blühen wird" (GA 286, S. 110 f., zit. nach Anthrowiki; diese Aussage R. Steiners ist von E.A. Karl Stockmeyer überliefert und wird auch in dem Band „Bilder okkulter Siegel und Säulen“ mitgeteilt, den ich momentan aber nicht zur Hand habe). 

Auch wissenschaftlich gehört dem Goetheanismus die Zukunft. Das sieht man an Goethes Farbenlehre, die zwei Jahrhunderte lang entschieden bekämpft worden ist, jetzt aber durch die von Matthias Rang erfundene Spiegelspaltblende bestätigt wurde. Rang konnte nachweisen, dass Newtons Spektrum und Goethes Spektrum zueinander komplementär sich verhalten. Früher hieß es immer nur: Newton richtig, Goethe falsch. Dass beide Spektren rein physikalisch betrachtet komplementär zueinander sind, bedeutet die Anerkennung Goethes. Neben unserem absterbenden und verdorrenden Geistesleben gibt es noch ein anderes: „… es gibt daneben ein nicht beachtetes wirkliches Geistesleben: Goetheanismus. Goethe ist in gewisser Beziehung die Universitas litterarum, die geheime Universitas, und der widerrechtliche Fürst auf dem Gebiete des Geisteslebens ist die Universitätsbildung der Gegenwart“ (GA 185, 1.11.1918, ein Tag bevor er am 2.11., wie oben zitiert, vom Gegensatz zum Jesuitismus sprach). „Universitas litterarum“ meint hierbei sämtliche Wissenschaften.  

Alles zusammenfassend sagte R. Steiner: „Ich verstehe unter Goetheanismus nicht das, was Goethe bis zum Jahr 1832 gedacht hat, wohl aber etwas, was vielleicht erst im nächsten Jahrtausend im Sinne Goethes gedacht werden kann, was aus der Goetheschen Anschauung, aus dem Goetheschen Vorstellen und Empfinden werden kann“ (GA 181, 6.8.1918, derselbe Vortrag wie oben, wo er ebenfalls den Gegensatz zum Jesuitismus betonte). 

Bettinas Liebe hat diese Zukunft des Goetheanismus intuitiv erfasst. Und es ist eigentlich klar, dass Goethe diese Liebe, die auf sein eigenes höheres Wesen gerichtet war, nicht persönlich beantworten konnte, wie es Hermann Hesse und indirekt auch R. M. Rilke (siehe mein voriger Rundbrief) gerne gesehen hätten. Goethe hat die poetische Qualität von Bettinas Briefen hochgeschätzt und viel darin gelesen, das geht aus seinen Antworten hervor und nicht nur aus den Berichten Bettinas, die man bezweifeln mag. Ansonsten hat er eben in Bettina „das Kind“ walten lassen. Auch hat er die Passagen, die auf seine eigene Kindheit sich beziehen, von Bettina übernommen und in „Dichtung und Wahrheit“ verwendet. Ich empfinde seine Antworten dann, wenn man die hier herangezogenen Zusammenhänge ins Auge fasst, als freundschaftlich und aus Bescheidenheit zurückhaltend.  

Zum Abschluss hier noch zwei Zeugnisse über Bettina (beide entnommen der rororo Bildmonographie von Helmut Hirsch über Bettina von Arnim, Reinbek, 1987, S. 145). Der dänische Dichter Hans Christian Andersen schrieb: „Eine Stunde Unterhaltung mit Bettina, in welcher sie das Wort führte, war so reich, so interessant, dass ich bei dieser Beredsamkeit, diesem Feuerwerk von Ideen, fast verstummte.“  Der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew schrieb nach einem Besuch bei Bettina: „Wie die Pflanzen aus dem Boden der Erde, so wachsen Ihnen die Gedanken hervor. Und es ist dieselbe Entfaltung des Geistes, welche dort als organisches Gebilde, hier als Gedanke dieses Gebildes, als Seelenpflanze in das Licht heraus sich offenbart.“ 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

Ein dritter Teil über Bettina/Novalis und die Liebe als Erkenntniskraft folgt

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Bettina von Arnim, 1. Teil

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

Bettina von Arnim (1785 – 1859) war auf ihre Weise einzigartig. Wenn man sich mit ihr beschäftigt, dann wünscht man sich, es möge noch mehr solcher schöpferischer und initiativer Menschen geben. Sie lernte Goethe, Beethoven, Karl Marx, Iwan Turgenjew, Hans Christian Andersen und Friedrich Schleiermacher u. v. a. kennen und korrespondierte mit ihnen. Karoline von Günderode und Rahel Varnhagen von Ense waren ihre Freundinnen. Sie besuchte Robert Schumann am Ende seines Lebens im Krankenhaus, wo Clara ihn nicht mehr besucht hatte. Seine „Gesänge der Frühe“ wollte Schumann eigentlich „An Diotima“ widmen. Als er aber merkte, dass weder Brahms noch der Geiger Joachim wussten, wer Diotima war, widmete er sie wie folgt: „Gesänge der Frühe – Fünf Stücke für das Pianoforte der hohen Dichterin Bettina zugeeignet von Robert Schumann.“ Diese fünf Stücke sind eine wunderbare Musik. Bettina engagierte sich für die Armen und Unterdrückten, sie brannte für den Südtiroler Freiheitskampf unter Andreas Hofer, sie korrespondierte fleißig mit dem preußischen König und sie hinterließ ein bedeutendes literarisches Werk. Sieben Kinder hat sie geboren und aufgezogen, meist ohne dass ihr Mann da war. Ihre jüngste Tochter Gisela heiratete Herman Grimm, den R. Steiner kennenlernte und von dem er so vieles berichtet hat. 

Die Rede soll hier von „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“ sein, der 1835 erschien und enthusiastisch begrüßt, viel gelesen und besprochen worden ist. 1841 schrieb dann der Sekretär und ausgewiesene Philologe Goethes, Friedrich Wilhelm Riemer, über Bettinas Briefwechsel kritisch und  ernüchternd: das Buch sei ein „Roman“ und ein „Liebesspuk“. Daraufhin nahm das Interesse an diesem Werk ab. Erst wieder Rainer Maria Rilke hob die poetische Qualität dieser Briefe hervor, setzte dafür aber Goethe in ein abfälliges Licht („Malte Laurids Brigge“, 1910). Ähnlich meinte Hermann Hesse, Goethe habe Bettinas Liebe nicht angemessen beantwortet (1924). Rudolf Steiner sagte, diese Briefe „geben uns in einer ganz wunderbaren Weise ein Echo der Goethe’schen Geistesart“ (GA 62, 16.1.1913, S. 250). Das Wort Echo scheint mir in diesem Zusammenhang besonders treffend. 

Schon der Titel gibt den Gesichtspunkt wieder, dem Bettina durch das ganze Werk hindurch treu bleibt: „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde – seinem Denkmal“. Sie bezeichnete sich selbst also als Kind, obwohl sie ja, wie jeder wusste, eine erwachsene, gebildete und hochbegabte Frau war. Damit wollte sie den natürlichen Abstand zu Goethe, ihre Unbefangenheit ihm gegenüber und das – im guten Sinne gemeinte - Kindliche ihrer Liebe dokumentieren. Damit war auch die künstlerisch poetische Ausschmückung ihrer Erlebnisse motiviert. Ein Kind hat seine Zukunft noch vor sich. So ist es auch mit Bettinas Liebe zu Goethe. Diese Liebe ist überhaupt auf das Zukünftige in Gothes Art und Wesen gerichtet. 

Hier eine Probe aus ihren Texten: „Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt, wenn es wahr ist, dass ich liebe. Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der Gelände, die sich im Fluss spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles sehe ich an, und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so augt mein Blick aus allem die Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle. So dacht ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der Natur mich drängte, fort, dem stillen, einsamen Abend entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da;- und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreue; und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb, diese schöne Erde, die den Geliebten trägt, dass ich mich hinfinden kann zu ihm“ (Dritter Teil, Tagebuch zu Goethes Briefwechsel mit einem Kinde, Buch der Liebe; die ersten Absätze). 

Man hat das Werther – ähnliche ihrer Darstellung und viele andere Anklänge oder Übernahmen aus Goethes Werken festgestellt. Die Überschrift „Buch der Liebe“ über die oben zitierten Passagen stammt z. B. aus dem Divan. Aber es ist doch methodisch genau richtig, in Goethes Art und Weise über Goethe zu schreiben. Der Hauptpunkt allerdings ist die Frage: was hat sie mit ihrer Liebe gemeint? Warum blieb diese Liebe auch in den Zeiten der Entfremdung und des Bruches ganz unvermindert? Was will uns diese Liebe über Goethe offenbaren?   

Damit kommen wir unwillkürlich in die Region, wo wir das Verhältnis R. Steiners zu Goethe beleuchten müssen. An einem wichtigen Wendepunkt seines Lebens schrieb R. Steiner zum 150. Geburtstag von Goethe am 28.8.1899 im Magazin für Literatur: „ Als Johann Gottlieb Fichte das Werk an Goethe gelangen ließ, in dem kühne Denkerkraft und höchster ethischer Ernst einen unvergleichlichen Ausdruck fanden, die «Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre», legte er einen Brief bei, der die Worte enthielt: „Ich betrachte Sie, und habe Sie immer betrachtet als den Repräsentanten der reinsten Geistigkeit des Gefühls auf der gegenwärtig errungenen Stufe der Humanität. An Sie wendet mit Recht sich die Philosophie: Ihr Gefühl ist derselben Probierstein.“ Diese Sätze sind 1794 geschrieben. Wie der große Philosoph hätten damals die Träger der verschiedensten geistigen Strömungen an Goethe schreiben können. Der Dichter und Denker Goethe stand in dieser Zeit auf der Höhe seines Lebens. Was der Biograph sagt, der am liebevollsten in diese Persönlichkeit sich versenkt und uns darum das intimste Bild von ihr liefert, Albert Bielschowski, das empfanden in den neunziger Jahren schon Goethes Zeitgenossen: „Goethe hatte von allem Menschlichen eine Dosis empfangen und war darum der „menschlichste aller Menschen“. Seine Gestalt hatte ein großartig typisches Gepräge. Sie war ein potenziertes Abbild der Menschheit an sich. Demgemäß hatten auch alle, die ihm nähertraten, den Eindruck, als ob sie noch nie einen so ganzen Menschen gesehen hätten.“ So war Goethes Verhältnis zur geistigen Umwelt beschaffen, als er vor hundert Jahren in sein fünfzigstes Lebensjahr eintrat.“ (GA 30, Goethes geheime Offenbarung). 

Es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, dass Goethe ein Mensch ohne Schwächen und Fehler gewesen ist. Wir wollen diesen Aspekt im nächsten Rundbrief erörtern. Aber darum geht es hier nicht. Sondern es geht darum, was Goethe mit seinen Fähigkeiten positiv erreicht hat, und was aus der Entwicklung dieser Eigenschaften werden kann. Darauf war R. Steiners Sinn gerichtet, als er 1899 die oben zitierten Worte schrieb. 

Die Methode, die R. Steiner an Bielschowsky so schätzte (A. Bielschowsky „Goethe, sein Leben und seine Werke“, 2 Bände, München 1895, 24. Auflage 1912), dass er „am liebevollsten“ in Goethes Persönlichkeit sich versenkt und dadurch das „intimste Bild von ihm geliefert“ hat, das war dieselbe Liebe, mit der R. Steiner sich in Goethe vertieft hatte. Nur war das, was Steiner hervorholte noch viel mehr als das, was Bielschowsky zu Tage fördern konnte. Das Thema seines damaligen Aufsatzes im Magazin, aus dem wir zitiert haben, war Goethes Märchen. Elf Jahre später kam das erste Mysteriendrama R. Steiners auf die Bühne, welches eine Metamorphose des Goetheschen Märchens ist (GA 125, 31.10.1910 und GA 44 „Entwürfe, Fragmente, Paralipomena…“, 1969, S. 12, da heißt Maria noch Lilie usw.). Die Eurythmie und die Bauformen des Goetheanum sind Weiterentwicklungen der Goethe’schen Metamorphosen Lehre. Seine Freie Hochschule für Geisteswissenschaft konnte R. Steiner zuletzt “Goetheanum“ nennen. 

Dieses liebevolle Versenken in Goethes Persönlichkeit, das ist es, was Bettina allen bisherigen und zukünftigen Goethe Freunden vorgelebt hat. Darüber dann Weiteres im nächsten Rundbrief. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Erinnern und Vergessen

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Erinnern und Vergessen spielen im täglichen Leben eine große Rolle, ohne dass wir es normalerweise bemerken. In der Schule und im Studium hat man einen Vorteil, wenn man sich etwas leicht merken kann. Bei unserer heutigen Konstitution können wir ohne Erinnerungsfähigkeit nichts lernen. Andererseits hat die Erinnerung auch ihre Schattenseiten. Es gibt Dinge, von denen wir froh wären, wenn wir sie vergessen könnten. Ein Mensch mit starker Erinnerung neigt zu Depressionen, er kann das Ereignis, durch welches er depressiv geworden ist, nicht vergessen. Ein Mensch mit starker Erinnerung kann auch schwer verzeihen und vergeben, weswegen ja auch Jesus im Evangelium gesagt hat, wir sollen nicht nur siebenmal, sondern wir sollen siebenmal siebzig Mal verzeihen lernen (Matth. 18, 22). Ich glaube, er meinte damit die Psychologie des Verzeihens, dass wir für ein und dieselbe Sache immer wieder das Verzeihen durchführen müssen. Verzeihen, Vergeben und Versöhnen sind der Inbegriff christlicher Moral und Lebensweise, die aber - wie alles im Christentum - gar nicht so leicht zu erreichen sind. 

Um dieses Gleichgewicht zwischen Erinnern und Vergessen richtig einzustellen, hat R. Steiner in der Waldorfpädagogik das Prinzip eingeführt, dass die Schüler nicht nur etwas lernen, sondern dass sie das Gelernte auch wieder vergessen. Dazu dient der Epochen Unterricht. Nach der Epoche wird das Gelernte vergessen. Erst in der nächsten Epoche wird es wieder hochgeholt und die Schüler kommen mit dem Lernen einen Schritt weiter. Der Epochenunterricht ist auf diese Weise eine Prophylaxe gegen depressive Gefühle im späteren Leben und trägt dazu bei, dass der Mensch später eher geneigt ist, zu verzeihen. In der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss gibt es ein Arien-Duett über den Satz: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist“. In dem jetzt hergestellten Zusammenhang ist dieser Satz eine tiefe Wahrheit, an jener Stelle der genannten Operette allerdings ist er natürlich leichtsinnig gemeint. 

So wundert es nicht, dass Erinnern und Vergessen auch für die höhere Erkenntnis grundlegend sind. Sie erinnern sich sicherlich an die Passage in „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, wo nach vollzogener Einweihung von dem „Vergessenheitstrank“ und dem „Gedächtnistrank“ die Rede ist. Also auch dort geht es um diese beiden Grundfähigkeiten unserer Seele, allerdings in einem anderen Zusammenhang und in einer anderen Reihenfolge, so wie wir sie hier verfolgen wollen. Uns interessiert hier der Zusammenhang der Imagination mit der Erinnerung, die wir voriges Mal besprochen haben, und der Zusammenhang des Vergessens mit der Inspiration oder Begriffsfähigkeit unserer Seele. Direkt so wir hier gemeint fasst es R. Steiner in seinem öffentlichen Vortrag in Berlin am 19.11.1921 (GA 80a) vor 2500 Zuhörern zusammen: 

Imagination      Erinnern

Inspiration       Vergessen

Rückblickend auf den vorigen Rundbrief wissen wir ja schon: 

Imagination       Vorstellung

Inspiration         Begriff

Das klassische Beispiel einer Vorstellung ist die Erinnerungsvorstellung. Beim Aufstieg in die geistige Welt sieht man als erstes die Welt in Imaginationen. Gleichzeitig damit tritt die Erinnerung an das eigene Leben als ein Tableau bis hin zur eigenen Geburt auf (19.11.1921, GA 80a). Das heißt die Imagination wird ganz von selbst zur Erinnerung an das eigene Leben. 

Nun haben Imagination und Vorstellung das miteinander gemeinsam, dass sie zwar der erste Schritt zum schöpferischen Aufsteigen zur eigenen Erkenntnis und auch zum eigenen Aufsteigen in die geistige Welt sind, aber doch auch einen Teil systematischen Irrtums in sich enthalten, der überwunden werden muss. So wie die Vorstellung falsch sein kann, eben weil wir sie selbst hervorbringen, und deswegen unbedingt von dem Begriff verstanden werden muss, so ist es auch mit der Imagination. Wir gelangen nur dadurch in die geistige Welt, dass wir erst einmal uns selbst in die geistige Welt hineinprojizieren, dass wir die Imagination wie einen Schleier über die geistige Welt darüber ziehen. Erst mithilfe der Inspiration wird dieser notwendigerweise auftretende Irrtum überwunden. Dafür müssen die imaginativen Bilder unterdrückt oder anders gesagt vergessen werden, dann erst erscheint der inspirative Begriff, mit dem wir die Imaginationen deuten können. 

Auch im täglichen Leben hat der Begriff etwas an sich, das ein Vergessen darstellt. Der Begriff „richtig“ z. B. kann auf 2 X 2 = 4 angewendet werden, ebenso aber auch auf das richtige Abschmecken einer Suppe. Das heißt: der Begriff „richtig“ ist bereit, den Bezug, zu dem er gebildet worden ist, jederzeit wieder zu verlassen und damit ihn zu vergessen. Nur dadurch ist er universell auf jeden beliebigen Zusammenhang anwendbar. Er gilt auch nur solange er mit einem Zusammenhang verbunden ist, das heißt: er kommt und geht gerade solange, wie ich ihn brauche. Er ist wie ein Ton in der Musik, der nur solange tönt, wie er gebildet wird. So versteht man auch, dass die inspirative Welt eine Welt der Töne und der Sphärenharmonie darstellt. Jeder Ton steht mit den anderen Tönen in einem wunderbaren, geordneten Zusammenhang. Es gibt verschiedene Tonsysteme, aber jedes ist gesetzmäßig durchschaubar. Ganz genauso ist es mit unseren Begriffen. So wie beispielsweise die Sekund und die Septim Ergänzungsintervalle sind, so hat jeder Begriff seinen Gegenbegriff, z. B. Ursache und Wirkung oder Wesen und Erscheinung. Wie der Musiker in seinen Tönen sich auskennt, so kennt sich jeder von uns zwischen den Begriffen aus. Auch hier könnte man wieder Josef Beuys zitieren: jeder ist ein Musiker, ohne dass er es weiß, nämlich in der Art und Weise, wie er denkend seine Begriffe benützt.   

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

Christentum und Wiederverkörperung

Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde,

das Thema „Christentum und Wiederverkörperung“ ist gründlich beleuchtet worden durch die beiden Klassiker Emil Bock „Wiederholte Erdenleben“ und Rudolf Frieling „Christentum und Wiederverkörperung“. Neuerdings erschien das lesenswerte Werk von Helmut Obst „Reinkarnation - Weltgeschichte einer Idee“. Obst ist evangelischer Theologe und geht u.a. auf R. Steiner, E. Bock und R. Frieling ein, aber natürlich auch auf Hinduismus, Buddhismus, Platon und Lessing etc. 

Ich möchte hier noch einen weiteren Aspekt hinzufügen, der in den genannten Schriften nicht erscheint. Durch den letzten Rundbrief über „Erinnerungen an den Himmel“, der von dem Vorirdischen des Menschen handelt, sind wir auf diesen Aspekt vorbereitet. 

Es handelt sich um das Verständnis des Messopfers. Daran kranken die etablierten Kirchen. Luther hat die Messe abgeschafft, und die katholische Kirche versteht das Messopfer schon lange nicht mehr. Die heiligen Worte bei der Wandlung, die der Priester aus Ehrfurcht nur leise zu sprechen hatte und die deswegen oft fast unverständlich waren „hoc est corpus meum“ (lat. dies ist mein Leib) sind verwischt und verballhornt als „Hokuspokus“ in unsere Alltagssprache übergegangen. 

Protestanten haben einen anerzogenen Widerwillen gegen die Messe. Die Menschenweihehandlung ist ihnen „zu katholisch“. Die Messe ist aber viel mehr als katholisch. Beispielsweise ist sie essäisch. Brot und Wein hat Christus von den Essäern übernommen. Weiterhin ist die Messe eine Verwandlung der Mithrasmysterien. In den Mithrasmysterien wird das vom Opfer - Stier fließende Blut gefeiert wie in der Messe das vom Kreuze fließende Blut. Messe und Mithraskult sind sehr ähnlich. In den eleusinischen Mysterien Griechenlands verehrte man Demeter und Dionysos, die wie Brot und Wein zueinander sich verhalten. Alles, was im Christentum sich auf das äußere und das innere Licht bezieht, z. B. „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh. 8,12) oder „Das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Luk. 17,20) oder wie Paulus sagte: „Nicht ich, sondern der Christus in mir“ (Galater 2,20), steht im Zusammenhang mit den Isis und Osiris Mysterien. Damals ging es um das Osiris – Werden der einzelnen Menschenseele im Leben nach dem Tode, was der ägyptische Eingeweihte dann schon während seines Lebens erreichte. Damals galt: Nicht ich, sondern der Osiris in mir. Die eigene Seele wurde dann zur Isis. 

Die Messe ist eine Fortsetzung des gesamten antiken Mysterienwesens. Weiterhin, und das ist wohl das Wichtigste: Christus hat am Gründonnerstag und als Auferstandener (GA 211, 13.4.1922) die Jünger darüber belehrt, wie die Messe mit Brot und Wein zu feiern ist, und diese Lehren wurden befolgt. 

Und nun das Entscheidende: wie ist es möglich, dass Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi sich verwandeln? Hier setzt die Idee der Wiederverkörperung ein. Rudolf Steiner behauptete nämlich, dass ohne die Wiederverkörperung das Messopfer nicht zu verstehen sei (GA 342, 12.6.1921; GA 346, 11.9.1924, 22.9.1924). Wie hängt das miteinander zusammen? 

Die sich inkarnierende Individualität, also der vor der Empfängnis als Geist lebende Mensch verkörpert sich in den von den Eltern zur Verfügung gestellten Vererbungsleib und gestaltet ihn um. Der Geist des Vorirdischen ergreift das Irdische. Genau in demselben Sinne ergreift der Christusgeist das Brot und den Wein und verwandelt sie so, dass sie in dem Kommunizierenden wie Leib und Blut Christi wirken. Auf diese Weise ist die Wandlung verständlich. 

Es ist eine andere Sache, ob der Kommunizierende genügend geopfert hat, sodass er die Wandlung bemerken kann. Nur so viel wird verwandelt, als vorher geopfert worden ist. Da besteht sogar ein Verhältnis wie beim kaufmännischen Handeln: „Nimm mich hin dafür, dass du dich mir gegeben.“ Das wird zwar nach der Kommunion gesagt, bezieht sich aber auch darauf, wieviel der Kommunizierende geopfert hatte bzw. ob er überhaupt etwas geopfert hat. 

Auch der Priester kann unwürdig sein, sodass die heilige Handlung unwirksam ist. R. Steiner sagte: man sieht es der Aura der Hostie an, ob sie sich gewandelt hat oder nicht (GA 342, S. 139; GA 344, S. 141; GA 343, S. 146, 339, 548, 551). Auch der erste Teil der Messe, das Evangelium - mit den Worten der alten Mysterien gesagt – also die Reinigung, kann unwürdig verlaufen, sodass der Kultus dann tatsächlich nur ein Hokuspokus ist. In keiner Richtung herrscht hier irgendein Automatismus. Aber möglich ist die Wandlung, möglich ist die Stärkung der Menschenseele durch Brot und Wein. 

Eine weitere Frage ist, ob der Christusgeist bzw. der Auferstandene bei der Messe oder bei der Menschenweihehandlung wirklich anwesend ist oder nicht. Diese Frage kann beantwortet werden. Man merkt es als Teilnehmer der Messe, der Menschenweihehandlung oder als Teilnehmer der von R. Steiner für Dissidenten gegebenen Opferfeier (GA 269, S. 63 ff.): wenn du Christus nicht erlebst, dann liegt es nicht an dem Kultus oder an diesem oder jenem, was dir unsympathisch oder fremd ist, sondern es liegt an dir selbst: »Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;/Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!/Auf, bade, Schüler, unverdrossen/Die ird'sche Brust im Morgenrot!« (Faust I, Erdgeistmonolog). Christus ist in den erwähnten Formen des Kultus anwesend, das kann man heute erahnen, erleben oder schauen. 

Außerdem gibt es glaubwürdige Zeugen. Friedrich Rittelmeyer war bei den Vorträgen nicht dabei, bei denen R. Steiner u. v. a. die Menschenweihehandlung erstmals darstellte (GA 343, 29 Vorträge im September und Oktober 1921). Er bekam aber den Text nachträglich vermittelt. Als er sich in die ihm völlig neuen Worte vertiefte, hat er den Auferstandenen erlebt. Bei der Begründung der Christengemeinschaft im September 1922 haben die anwesenden Priester die Gegenwart Christi erbeten und erlebt. Darüber haben sie zeit ihres Lebens nicht gesprochen. Heute aber sollte dies bekannt werden. Albert Steffen war bei der ersten Menschenweihehandlung dabei und schrieb in sein Tagebuch: „Heute fand die erste , auf der Erde aus dem Geiste heraus vollzogene Menschenweihehandlung statt, wobei der auferstandene Christus zugegen war…Ich darf sagen, dass Christus dabei war, denn ich  schaute, als das Wort von Brot und Wein gesprochen wurde, seinen auferstandenen Lichtes-Lebens -Leib. Es ist das erste Mal, dass ich Christus als Wesen vor mir sah. Die Arme waren ausgestreckt und das Haupt umleuchtet. Und ich erlebte dann, dass er heilte und heiligte. Er war da und er ist da.“ (R. Gädeke „Die Gründer der Christengemeinschaft“, Dornach, 1992, S. 31).

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

By Friedwart Husemann
Friedwart Husemann

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