Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

es gibt in der Welt Kräfte, die das Gute bekämpfen. In der Geschichte vom Gral werden diese Kräfte auf das Schloss Chastelmarveille, auf Klingsor und seine Gemahlin Iblis zurückgeführt. Goethe hat in seinem Faust dieselben Kräfte in Mephistopheles verkörpert. In der Bibel gibt es in dieser Richtung Luzifer, Satan, Diabolos, den Antichrist und das zweihörnige Tier bzw. den Drachen bzw. Sorat. Es gibt eine ganze Hierarchie des Bösen. Einen gewissen Überblick dazu aus anthroposophischer Sicht gibt Hans Werner Schröder „Der Mensch und das Böse“, Stuttgart, 3. Auflage, 2001

In diesem Zusammenhang wichtig, ist der Begriff der „schwarzen Magie“ oder des „schwarzen Pfades“. Natürlich sträuben sich dem „aufgeklärten Zeitgenossen“ die Haare, wenn er schon nur dieses Wort hört. Man kann die Anthroposophie leicht diffamieren, wenn man nur solche Worte wie „Astralleib“ – „Geheimwissenschaft“ – „esoterisch“ – „Akasha Chronik“ oder „okkult“ zitiert. Man braucht gar nicht zu sagen, was darunter zu verstehen ist, schon der ungewohnte Wortklang zeigt dem „aufgeklärten Zeitgenossen“, dass es sich um einen Unsinn handeln muss. Wenn man aber tiefer eindringen will, geht es ohne diese Begriffe nicht. 

Was schwarze Magie bzw. der schwarzer Pfad ist, wurde von R. Steiner im letzten Kapitel von „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (GA 10) ausführlich dargestellt. Der große Hüter der Schwelle hält eine lange Rede, in welcher er zuletzt den Unterschied zwischen dem weißen und dem schwarzen Pfad erläutert. Der „aufgeklärte Zeitgenosse“ ist wegen dieser „Schwarz - Weiß Malerei“ schon wieder unzufrieden. Aber Schwarz und Weiß sind gerade an dieser Stelle genau die richtigen Begriffe, weil es moralische Qualitäten sind. Der weiße Pfad führt „entweder zum Guten oder zu gar nichts“. R. Steiner selbst rechnete sich zu den „Okkultisten des weißen Pfades.“ Der schwarze Pfad dagegen ist die vollkommene Erfüllung des Egoismus. Den Begriff „Magie“ muss man deswegen wählen, weil es sich nicht bloß um den persönlichen Egoismus eines Menschen wie Du und ich handelt. Sondern es werden übersinnliche Kräfte dazu benutzt, um sie für persönliche oder gruppenegoistische oder nationale Sonderzwecke zu gebrauchen. Wenn dies der Fall ist, dass übersinnliche oder okkulte Kräfte zu egoistischen Zwecken missbraucht werden, dann handelt es sich um schwarze Magie. Weiße Magie ist demgegenüber, wenn bei der Betätigung übersinnlicher Kräfte die persönliche Opferbereitschaft des Einzelnen und in sozialer Hinsicht das Heil der gesamten Menschheit an oberster Stelle stehen. 

Es ist vielleicht ein ungewohnter Wortgebrauch, aber in diesem Fall dient er dem Verständnis: es ist beispielsweise weiße Magie, wenn Sie ein Vaterunser beten, weil Sie damit nicht nur für sich, sondern für alle Menschen und die geistige Welt etwas Gutes tun. Das Wort „uns“ oder „unser“ kommt im Vaterunser neunmal vor. Ebenso ist es weiße Magie, wenn Sie an einem Gottesdienst teilnehmen oder eine Meditation durchführen oder einem lieben Verstorbenen einen spirituellen Text vorlesen, wie R. Steiner oftmals empfohlen hat. Viele weitere Beispiele weißer Magie könnten wir hier anführen.  

Schwarze Magie ist demgegenüber das, was wir zwar vermeiden wollen, was wir aber kennenlernen und durchschauen müssen. Das Urbild der schwarzen Magie – und damit kommen wir auf das Symbol des Grals zurück – ist die Enthauptung Johannes des Täufers. Sie wird bei Matthäus und Markus beschrieben. Salome, die Tochter der Herodias, wünschte sich das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers in einer Schüssel liegend. Dieses Bild braucht man nur einmal gesehen zu haben, um es nie wieder zu vergessen. Rudolf Steiner bezeichnete das „blutige Haupt in der Schüssel“ als „schwarzmagisches Gegenbild der reinen Gralskräfte“ (W. J. Stein „Weltgeschichte im Lichte des heiligen Gral“, Stuttgart, 1966, S. 115). 

Es lohnt sich, bei diesem Bild etwas zu verweilen, weil wir daran viel lernen können. Wir sind dieses Bild durch die vielen malerischen Gestaltungen so gewohnt, dass wir die Unbefangenheit darüber verloren haben. Unbefangen betrachtet ist es doch eine freche Unverschämtheit, eine solche Untat zur Schau zu stellen. Wie wenn man sich seiner eigenen Bosheit und Schamlosigkeit noch rühmen wollte. Andererseits ist so etwas nur deswegen möglich, weil eine raffinierte Zeremonie inszeniert wird. Es ist eben nicht irgendein Bild, sondern es wird das Heiligste der Mondenschale, die den Sonnengeist trägt, nachgeahmt, nachgeäfft und ins Gegenbild verkehrt. Dadurch ist es auf geheime Weise sehr wirksam. Auf dieselbe Art und Weise haben die Nazis das Hakenkreuz, welches ein Gegenbild der vierblättrigen Lotusblume ist, missbraucht. Ebenso das Wort „Führer“, welches in Wahrheit für die Christuswesenheit gilt (GA 15, I). In ähnlicher Weise haben sie es mit vielen anderen Dingen gemacht. 

Weiterhin ist bemerkenswert, dass das schwarzmagische Gegenbild des Grals schon auftrat, bevor der Gral da war. Der Ursprung des Gral ist das Karfreitagsmysterium, als das Blut des Erlösers zur Erde floss. Als Johannes der Täufer enthauptet wurde, war das Mysterium von Golgatha aber noch gar nicht geschehen. Den Menschen bewusst wurde der Gral erst im 9.Jahrhundert, und damals nur einigen Eingeweihten. Bis dahin hatten anstelle der Menschen bestimmte Engelwesen den Gral behütet (GA 26, Kap. „Gnosis und Anthroposophie“). Erst im 11. Jahrhundert wurde der Gral als Erzählung öffentlich. Richard Wagner im 19. Jahrhundert hat mit seinem „Parsifal“ einen weiteren Schritt in Richtung Öffentlichkeit und Kulturfaktor getan. Die schwarzmagischen Gegenkräfte dagegen wussten vom Gral schon vor dem Gral, sie haben das alles vorausschauend beurteilen können, um entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Diese spirituelle Prophetie Fähigkeit der Widersacher Mächte müssen wir uns klar machen. Man darf nicht zu klein von diesen Kräften denken. Die Menschen, die den Gegengral vertreten, haben professionell ausgefeilte Methoden der Geistesschau und wollen damit das Böse bewirken.  

Die Gemeinschaftsbildung der Gralsritter, die um die Christuswesenheit sich gliedert, wird von den Kräften des Gegengrals ebenfalls in ihr Gegenteil verkehrt. Das sind die sogenannten „okkulten Bruderschaften“, von denen R. Steiner als Drahtzieher des ersten Weltkrieges ausführlich gesprochen hat (GA 173 a-c, der längste zusammenhängende Zyklus, den R. Steiner je gehalten hat). Der Zusammenhang der okkulten Bruderschaften mit den Gemeinschaften des Gegengrals ergibt sich aus den mitgeteilten Zusammenhängen ohne weiteres. In Klingsor sah R. Steiner entsprechend die „schlimmsten Kräfte orientalischer Zauberei“ wirksam (GA 144, 7.2.1913).  Wer sonst nicht Bescheid weiss, sieht in so etwas wie „okkulten Bruderschaften“ natürlich den Inbegriff einer „Verschwörungstheorie.“ Aber es kommt ja nicht auf solch eine inzwischen genugsam erschöpfte Phrase an, sondern darauf, wer etwas sagt und welche Tatsachen zugrunde liegen. Das alles muss man immer prüfen. 

Die sogenannten „okkulten Bruderschaften“ gibt es laut R. Steiner (GA 173 c, 20.1.1917) in „ungeheuer großer Zahl“. Sie betreiben „zeremonielle Magie“ (ebenda). Sie erreichen damit für sich selbst eine Art von „ahrimanischer Unsterblichkeit“ (ebenda). Diese Bruderschaften sind „Assekuranzgesellschaften ahrimanischer Unsterblichkeit“ (ebenda). Damit können sie als Verstorbene die Wirksamkeit der beabsichtigten bösen Impulse verstärken.   

Wenn man über so etwas wie „Versicherungsgesellschaften der ahrimanischen Unsterblichkeit“ nachdenkt, kommt man unweigerlich auf unser ägyptisches Erbe zurück. Damals sollten mithilfe der Mumifizierung die physischen Leiber konserviert werden. Jetzt sind es die schwarzmagischen Impulse, die mithilfe verstorbener und dazu präparierter Seelen unsterblich gemacht werden sollen. Und tatsächlich ist es so, dass die zeremonielle Magie jener okkulten Bruderschaften gelenkt und geleitet wird von den besagten Engeln, die im Laufe der ägyptischen Zeit sich nicht der Führung des Christus unterstellt haben. Wir haben darüber im ersten Teil unserer Rundbriefe über unser ägyptisches Erbe berichtet. R. Steiner zitiert (GA 173 c, 20.1.1917) in diesem Zusammenhang aus GA 15, wo er von diesen zurückgebliebenen Engeln gesprochen hat und erinnert daran, dass ohne diese Gegenwirkung unserer Kultur des Guten und Schönen die notwendige Schwere fehlen würde. 

Wesentliche Ziele dieser Gesellschaften sind: sie wollen den „Materialismus noch übermaterialisieren“ (GA 173 c, 20.1.1917). Ihre Methode ist die systematische Ausnützung dessen, was Lüge und Verlogenheit ermöglichen: „Und es ist schon eine wichtige magische Verrichtung, das Unwahre in der Welt so zu verbreiten, dass es wie das Wahre wirkt. Denn in dieser Wirkung des Unwahren wie des Wahren liegt eine ungeheure Kraft des Bösen. Und diese Kraft des Bösen wird von den verschiedenen Seiten her ganz gehörig ausgenützt“ (ebenda). Der Journalismus in diesem Sinne ist ein wichtiger Helfer solch „grauer oder schwarzer Magie“. 

Weitere Folgerungen und Bezüge zur Gegenwart, die sich aufdrängen, will ich vorerst Ihnen überlassen. Es ist klar, dass hier noch sehr viel Forschungsarbeit geleistet werden muss. Worauf es mir ankam, ist, dass die „okkulten Bruderschaften“ im Zusammenhang mit dem Gegengral und im Zusammenhang mit unserem ägyptischen Erbe durchaus plausibel sind. 

Vor wenigen Tagen bezeichnete Prof. Helmut Zander die „okkulten Bruderschaften“ im Werk R. Steiners als typisches Beispiel einer anthroposophischen Verschwörungstheorie (Interview in der Süddeutschen Zeitung am 24.11.2021, S. 9). Als Antwort darauf habe ich mir erlaubt, Ihnen diesen etwas längeren Text zu schicken. Missverständnisse sind wegen meiner komprimierten Formulierungen nicht ausgeschlossen. Mancher Leser, der die vorangehenden 4 Teile über das ägyptische Erbe nicht gelesen hat, hat vielleicht allein schon dadurch Verständnisschwierigkeiten. Wer von Ihnen diese 4 vorangehenden Teile noch einmal zugeschickt haben möchte, kann sich gerne melden. Wer eine Frage oder einen Einwand hat, darf mir gerne schreiben.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann