Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Die ägyptische Kunst wirkt ernst und streng. Ihre Tempel sind größer als die später entstandenen griechischen Tempel. In seinem Buch „Ideen zur Kunstgeschichte“ gab Gottfried Richter der ägyptischen Kunst die Überschrift: „der Wille zum Grab“. Dieser Wille durchzieht die Bauwerke, Plastiken und Mumien der damaligen Zeit und gibt ihnen den Charakter der Schwere. Beim Besuch eines ägyptischen Museums kann man das Lastende erleben. Noch deutlicher erlebt man es im Nachklang eines solchen Besuches.
Der Pyramidenbau wuchs nach R. Steiner „ins Riesenhafte“, die ägyptische Pyramide repräsentierte einen „Machtimpuls, der sich in den grotesk großen Pyramidenbauten auslebte“ (GA 325, 22.5.1921).
Entsprechend gilt für die ägyptische Kultur: „Das ist das Bedenkliche der ägyptischen Kultur, was uns immer darauf hinweisen muss, dass diese ägyptische Kultur eigentlich doch eine absteigende war, eine Dekadenzkultur, von der man nicht als von einer Blütekultur innerhalb der Gesamtmenschheit sprechen darf, denn sie griff auch in die übersinnlichen Schicksale der Menschen ein. Sie fesselte in einer gewissen Weise die Menschenseele nach dem Tode an ihre konservierte Form, an die Mumie. […] Es trat also im Grunde genommen etwas recht Bedenkliches in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit gerade durch die ägyptische Kultur ein. Die chaldäische Kultur hielt sich in dieser Zeit fern und ist, man möchte sagen, eine reinere Kultur“ (GA 216, 24.9.1922).
Die ägyptischen Eingeweihten brauchten die Seelen der Verstorbenen, um den letzten Rest ihres ohnehin nur noch geringen Hellsehens zu bewahren. Die persischen Eingeweihten der vorangehenden Epoche brauchten so etwas noch nicht. In diesem Sinne war das Hellsehen der ägyptischen Initiierten dekadent geworden und brauchte Hilfsmittel, die in früheren Zeiten undenkbar waren.
Die ägyptische Szene in R. Steiners viertem Mysteriendrama („Der Seelen Erwachen“, 7. und 8. Bild, GA 14) stellt eine Einweihung dar, die misslingt. Der Opferweise (die ägyptische Inkarnation des Professor Capesius) führt das Scheitern absichtlich herbei. Er begründet es ausführlich, indem er den geistigen Niedergang der damaligen Verhältnisse beschreibt.
Heute tragen wir als Folge der ägyptischen Zeit die „seelische Mumie in unserem Denken“ (GA 216, 30.9.1922). Unser Denken muss deswegen heute „entmumifiziert“ werden (ebenda). Jeder Leser der „Philosophie der Freiheit“ erlebt, was damit gemeint ist. Unsere anerzogenen Denkgewohnheiten sträuben sich dagegen, das Denken lebendig werden zu lassen.
Ein aktueller Bezug zur Wirksamkeit solcher Gedankenmumien wäre: „Der Untergang des Abendlandes“. Er ist zu einem Sprichwort geworden und war einer der wirksamsten Buchtitel des vorigen Jahrhunderts. Oswald Spengler formulierte diese suggestive Überschrift bereits 1912, also noch vor dem ersten Weltkrieg. Die beiden Bücher dazu erschienen dann 1918 bzw. 1922. Titel und Inhalt sind ein Beispiel für das Wiedererscheinen der ägyptischen Zeit so, wie es nicht sein sollte. Wenn nämlich die Gedankenmumie für sich allein wirksam bleibt, dann kann nur so etwas wie Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ herauskommen, wie R. Steiner meinte (ebenda). Entsprechend gilt dieses Werk mittlerweile als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Der Weg der ägyptischen Kultur war ein Untergang, ein Weg nach abwärts, der aber in gewisser Weise sein musste. Der Weg heute muss demgegenüber wieder aufwärtsführen. Am Widerstand der Mumie müssen wir das Leben gewinnen. Das damalige Einbalsamieren muss uns heute zu einem „Lebenselixier“ werden (ebenda). Oder eurythmisch ins Gleichgewicht gebracht: „Licht strömt aufwärts, Schwere lastet abwärts“ (GA 233 a, 12.1.1924).
Die Anthroposophie als „die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia“ (GA 202, 24.12.1920) ist zu uns gekommen, damit wir den Weg nach aufwärts finden und unser ägyptisches Erbe zum Guten wandeln. Davon handelt der nächste Rundbrief, den Sie zu Weihnachten erhalten.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann