Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Rudolf Steiner sprach oftmals über die Osterregel und sah darin etwas, worin sich der Ostergedanke ausspricht.

               Der Ostersonntag ist immer am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond. Es muss also erstens Frühling sein, das heißt die Sonne muss über die Frühlings Tag und Nachtgleiche hinausgekommen sein. Dann muss man zweitens den nächsten Vollmond abwarten, man bezeichnet ihn auch als Ostermond. Und dann drittens am darauffolgenden Sonntag ist Ostern. Das frühestmögliche Osterfest eines Jahres ist somit am 22. 3., das spätestmögliche am 25. 4. eines Jahres. Wegen dieser schwankenden Termine gab es immer wieder den Versuch, die Osterregel abzuschaffen, was aber glücklicherweise bisher nicht gelungen ist.

Der Frühlingspunkt

Der Frühlingspunkt ist der Schnittpunkt der Sonnenbahn mit dem Himmelsäquator. Die Sonnenbahn (Ekliptik) schneidet den Himmelsäquator am Frühlingspunkt und am Herbstpunkt unter einem Winkel von 23 ½ °. Dieser Winkel ist die Ursache unserer Jahreszeiten. Wenn die Sonne die hohen Tierkreiszeichen des oberen Bogens durchwandert, ist bei uns auf der nördlichen Halbkugel Sommer. Wenn die Sonne die tiefen Tierkreiszeichen des unteren Bogens durchwandert, dann ist bei uns Winter. Der 21.März ist ein Datum, das uns vom Sternenhimmel und seinem Rhythmus vorgezeichnet wird.

Der Mond

Der Vollmond ist ein Bild für die Jahve Religion, die den Leib des Jesus auf der Erde vorbereitet hat, damit Christus Mensch werden konnte. Vorbereitung der Generationen, Prophetie, Inkarnation, Heranwachsen, Johannes der Täufer, Lehre, Leiden und Tod sind alle noch mit der Weisheit des Mondes zu verstehen, wenn auch mithilfe dieser Weisheit immer weniger verstanden worden ist, je länger Christus auf der Erde war.

Dann aber kam die Auferstehung, die mit der alten Mondenweisheit überhaupt nicht mehr verstanden werden konnte: am ersten Tag der Woche, am Sonntag, wo die gesamte Weisheit der Vergangenheit in Liebe gewandelt wurde, und Christus der Erde den eigentlichen Sinn gegeben hat.

Der Sonntag

Unsere Benennung dieses Tages nach der Sonne meint ursprünglich nicht die am Himmel stehende Sonne, sondern die alte Sonne als zweite Inkarnation unserer Erde. Es ist nämlich eine ganz wunderbare Tatsache, dass unsere Wochentage die Weltentwicklung wiederspiegeln, wie sie im Kapitel „Die Weltentwicklung und der Mensch“ in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13) dargestellt ist:

Samstag – alter Saturn, Saturday, Saturntag

Sonntag – alte Sonne, Sunday

Montag – alter Mond, Monday

Dienstag – Mardi, Marstag, Ziu oder Tiu, Tuesday, 1. Hälfte der Erdentwicklung

Mittwoch – Mercredi, Merkurtag, Wotan, Wednesday, 2. Hälfte der Erdentwicklung

Donnertag – Donar, Thursday, Jupiter, Jeudi, nächste Verkörperung unserer Erde

Freitag – Freia, Venus, Vendredi, übernächste Verkörperung unserer Erde

(GA 93a, 28.10.1905 und weitere Stellen).

Im christlichen Sinne ist es das Wesentliche, dass der Sonntag der erste Tag der Woche ist, also der Tag, an dem Christus auferstand. Deswegen heißt im Italienischen der Sonntag bereits domenica (Tag des Herren), während die anderen Namen im Italienischen wie sonst üblich noch heidnisch sind. Im Russischen heißt der Sonntag sogar Auferstehung: Woskresenije. Im Russischen sind die Namen für die anderen Wochentage nur Nummern, z.B. pjatch heißt fünf, und Freitag heißt Pjatniza. Freitag als fünfter Tag ist die russisch-orthodoxe Zählung, in der jüdischen Zählung ist Freitag der sechste Tag.

Auch viele Christen verwechseln den Sonntag mit dem Sabbat, weil beide Tage Ruhetage sind. Der Sabbat ist aber der 7. Tag der Woche zur Erinnerung daran, dass Gott in 6 Tagen die Welt geschaffen hat und am siebten Tag ausruhte und sein Werk anschaute. Deswegen dürfen strenggläubige Juden am Sabbat auch nicht die kleinste Arbeit verrichten. Der Sonntag dagegen ist der erste Tag der Woche. Das Wort Sonntag für diesen Tag der Auferstehung ist sehr passend, sowohl im ursprünglichen Sinne der alten Sonne als auch im Sinne der jetzigen Sonne, weil wir in Christus das hohe Sonnenwesen verehren, welches auf die Erde gekommen ist: Ich bin das Licht der Welt (Joh. 8,12).

Sonne, Mond und Sterne als zeitliche Merkzeichen

Wenn man vor dem Mysterium von Golgatha den Christus suchte, wandte man sich der Sonne zu. Der Christus war an einem Ort des Raumes zu finden. So fragten auch die Hirten und die Könige zu Weihnachten, wo das neugeborene Kind zu finden ist. Und sie fanden es an einem bestimmten Ort in der Krippe liegen. Am leeren Grab war es anders. Da wurde den Suchenden gesagt: der, den ihr suchet, ist nicht hier (Markus 16,16). Und wenn wir heute den Christus suchen, müssen wir zu der Zeit des Mysteriums von Golgatha zurückgehen. Der vorirdische Christus lebte im Raum, der Christus nach dem Mysterium von Golgatha lebt in der Zeit. Christus kam aus dem Raum in die Zeit (GA 233a, 19.4.1924). Daher rührt die Bestimmung des Osterfestes nach einer zeitlichen Ordnung.

Die Worte „Dies tuet zu meinem Gedächtnis“ (1. Korinther 11, 24 und 11,25; Lukas 22, 19) sind eine Aufforderung, in die Zeit zurück bis zum Mysterium von Golgatha zu gehen. Diese Worte beziehen sich nicht nur auf die Einsetzungsworte beim Abendmahl, sondern eigentlich auf alles, was wir im Sinne Christi tun wollen. Ebenfalls die umfassenden Worte, welche der Auferstandene am Ende des Matthäusevangeliums sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Matth. 28,20), beziehen sich auf sein Wirken in der Zeit. Deswegen wiederholt und erneuert sich Ostern jedes Jahr, eben weil der Auferstandene in der Zeit wirksam ist. In jedem einzelnen Menschen kann sich Ostern jederzeit wiederholen.

In Rußland sagt man zu Ostern als Begrüßung: Christ ist erstanden (Khristos voskres)! Und die Antwort lautet: er ist wahrhaftig auferstanden (On deystvitel'no voskres)! 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann