Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde,
die meisten von Ihnen werden sich an ihre Schulzeit erinnern, wo wir die Ballade „Der Ring des Polykrates“ von Friedrich Schiller gelernt haben. Als Herrscher der Insel Samos war Polykrates sehr glücklich und auf sein Glück auch noch stolz. Sein Gastfreund meinte deswegen:
Mir grauet vor der Götter Neide,
Des Lebens ungemischte Freude
Ward keinem Irdischen zuteil.
Was war in der griechischen Zeit mit dem Neid der Götter gemeint? Und wie müssen wir den Neid der Götter heute verstehen? Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland Heinrich Bedford Strohm sagte ja kürzlich, Gott habe diese Corona Epidemie nicht geschickt. Diese Krise wirkte ja nicht nur als Krankheit zerstörerisch, sondern mindestens ebenso zerstörerisch im religiösen, kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Leben der Menschen. Gibt es eine geistige Ursache für diese Kräfte, die das irdische Leben zerstören?
Ovid bringt in seinen „Metamorphosen“ eine Passage über die Göttin des Neides (Zweites Buch, Verse 760 ff). Der Neid lebt in einer finsteren, dampfenden Höhle, ernährt sich von Schlangen und ist gräulich anzusehen. Athene tritt vor die Höhle, die sie nicht betreten darf, und gibt dem Neid den Auftrag, einen irdischen Menschen mit Gift zu töten. Der Neid führt diesen Auftrag umgehend aus.
Nun kann man natürlich denken, so darf es in der geistigen Welt doch nicht sein, dass eine so schlechte Eigenschaft wie der Neid auch noch eine Göttin sein soll. Und dass sich die guten Götter – wie Athene – sich dieses Neides auch noch bedienen, um Zerstörung und Krankheit unter die Menschen zu bringen.
Aber im Prinzip lehrt die Anthroposophie dasselbe. Es ist nur besser verständlich. Rudolf Steiner betont, im Sinne der ägyptischen Mysterien gilt auch heute das Prinzip der „ehernen Notwendigkeit“: „Entweder der Geist wird begriffen oder das Chaos bleibt“ (GA 177, 29.9.1917). Er bringt als Beispiel den ersten Weltkrieg. Gesetzt den Fall, das 19. Jahrhundert wäre ein idealistisches gewesen, man hätte in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nicht bloß „instinktiv immer nur nach dem Wissen gejagt, welches zuletzt in der Ausgestaltung der Mordwerkzeuge seine größten Triumphe feierte, und was in der menschlichen Bereicherung nach rein materiellen Gütern aufging“ (ebenda), dann wäre das Streben nach dem Geist eine „Abschlagszahlung“ (ebenda) gewesen und die Geister der Finsternis hätten gar nicht so viel Macht gehabt, damit so etwas wie der erste Weltkrieg hätte entstehen können. Aber so ist es nicht gewesen. Sondern es kam sogar noch etwas dazu. Die Seelen der verstorbenen Menschen, die während ihres Erdenlebens in dieser materialistischen Tendenz befangen waren, die „lechzen in der geistigen Welt nach zerstörerischen Kräften“ (ebenda). Sie wollen gerade diese physische Welt zerstören, die ihnen die genannte Abschlagszahlung nicht ermöglicht hat. Das ist ein erschütternder Zusammenhang. Aber er ist im Sinne der genannten ehernen Notwendigkeit verständlich.
R. Steiner sagte in diesem Vortrag vom 29.9.1917 während des ersten Weltkrieges: „Fassen Sie es meinetwillen auf als einen Egoismus, als eine Selbstsucht der Götter, aber in der geistigen Welt gilt eine andere Terminologie als hier in der sinnlich physischen Welt. Also fassen Sie es meinetwillen auf als einen Egoismus der Geister, aber die Geister rächen sich, wenn sie hier ignoriert werden. Es ist ein Gesetz, es ist eine eherne Notwendigkeit: die Geister rächen sich. Und unter den mancherlei Charakteristiken, die man geben kann für die Gegenwart ist auch diese richtig, dass man sagen kann: die Rache der Geister dafür, dass man sie solange ignoriert hat, das ist das gegenwärtige Menschheitschaos.“
Es gibt also den Neid der Götter. Aber er ist das Spiegelbild unserer eigenen Schwäche, und wir sind es selbst, die wir nach unserem Tode die Kräfte der Zerstörung in der geistigen Welt auch noch verstärken, wenn wir ein zu wenig oder gar nicht nach dem Geiste strebendes Leben geführt haben.
Herzlich Ihr Friedwart Husemann