Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

Die jetzige Corona Krise bietet eine Gelegenheit, das Wesen der Angst zu beleuchten. Der eine fürchtet sich vor der Krankheit, der zweite fürchtet sich vor der Impfung, der dritte vor den durchgreifenden Maßnahmen des Staates, der vierte fürchtet, dass er vom RKI tendenziös informiert wird, der fünfte sorgt sich um die eigene Existenz und wird in Verzweiflung getrieben, der sechste ahnt in der weltweit uniformen Reaktion eine geheime Regie hinter den Kulissen der öffentlichen Meinung. Manche Anthroposophen fürchten sich vor den Äußerungen anderer Anthroposophen, die sie für unangemessen halten. Jede dieser Ängste ist irgendwie verständlich und einfühlbar. All diesen Ängsten ist gemeinsam, dass sie umso größer werden, je weniger wir eine Sache beurteilen können.

Besonders perfide ist das bewusste Schüren von Angst, wie es in einem Strategiepapier des Innenministeriums vom 22.3.2020 unverblümt ausgesprochen worden ist. Die Kommunikationsstrategie müsse so gelenkt werden, dass die „erwünschte Schockwirkung“ auf die Bürger entsteht.

In diesem Kontext ist es wichtig, unsere allgemein geltende materialistische Denkweise zu betrachten. Seit Kopernikus und Galilei, seit Bacon, Darwin, Wittgenstein, Einstein, Heisenberg und Popper sind wir immer tiefer in eine Denkweise hineingeraten, die vom Geistigen nichts wissen will. Diese Denkweise will ich hier die materialistische Denkweise nennen. Diese Denkweise musste sein, sie war zur Erziehung der Menschheit notwendig, sie erfüllt ihren Sinn aber letztlich nur dadurch, dass wir sie überwinden.

Und nun gewissermaßen das Ei des Kolumbus in dieser Sache. Es ist so einfach, dass ich mich kaum traue, es zu schreiben, aber es stimmt trotzdem: die materialistische Denkweise kann das Geistige nicht beurteilen und deswegen hat sie Angst vor dem Geistigen. Bei diesem großen Menschheitsproblem gilt dies genauso wie jetzt, wenn wir Angst kriegen, weil wir die Zusammenhänge der Corona Epidemie nicht nach allen Seiten hin fundiert beurteilen können. Dies zusammenfassend schrieb R. Steiner den bemerkenswerten Satz: „Der Materialismus als seelisches Furchtphänomen ist ein wichtiges Kapitel der Seelenwissenschaft“ (GA 17, Kap. „Von dem ätherischen Leib des Menschen und von der elementarischen Welt“).

Natürlich bleiben diese Furcht und diese Angst tief unbewusst. Sie zeigen sich nur indirekt in „Beweisen“ oder „Einwänden“ gegen die geistige Welt, in Diffamierungen R. Steiners oder der Anthroposophie. Eine ähnliche Angst entsteht schon, wenn man die Meinungen Andersdenkender entgegennehmen muss. Das zeigt sich heute in der öffentlichen Berichterstattung in Schlagworten wie „Verschwörungstheoretiker“, „Impfgegner“ oder „rechte Esoteriker“, die, ohne darüber zu berichten, was diese Menschen meinen, einfach nur diffamierend ihnen aufgeklebt werden. Man fühlt hinter solchen Reizworten die Angst, dass das zugrunde liegende Faktum vielleicht zutreffen könnte und dass man es deswegen lieber gar nicht erst prüfen will.

Die genannte Angst tritt auch mit dem Hochmut auf, nicht nur das beurteilen zu können, was sie kennt, sondern auch noch das, von dem sie nach eigenem Eingeständnis nichts weiß. Eindrucksvoll zu beobachten ist sie z. B. bei der Beurteilung der Homöopathie, gegen die seit Jahrzehnten immer wieder dieselben Argumente angeführt werden. Schon ihr Begründer Hahnemann hatte festgestellt, dass seine Potenzen bei jedem Verdünnungsschritt geschüttelt werden müssen. Wenn dies nicht geschieht, sind Hochpotenzen unwirksam. Trotzdem sprechen die Gegner der Homöopathie nach wie vor von Verdünnungen und wenden gegen die Homöopathie etwas ein, was Hahnemann selbst schon zugegeben bzw. widerlegt hat. Es ist auch gar kein Einwand, sondern nur die Angst davor, sich mit etwas beschäftigen zu müssen, was man nicht beurteilen kann.

               Die geistige Welt, wie R. Steiner sie erforscht hat, ist wirklich vorhanden und erkennbar, man kann die unterbewusste Angst vor ihr überwinden, andererseits ist sie aber keinesfalls nur eine Welt voller Seligkeit und Glück und Frieden, wie viele meinen. Sondern, wenn man dort hineinkommt, begegnet man als Schattenwurf der Seligkeit zerstörerischen Mächten. So heißt es beispielsweise in der „Geheimwissenschaft“ (GA 13): „Die übersinnliche Beobachtung hat von dieser Welt des Läuterungsfeuers zu sagen, dass sie bewohnt ist von Wesen, deren Aussehen dem geistigen Auge grauenhaft und schmerzerregend sein kann, deren Lust die Vernichtung zu sein scheint und deren Leidenschaft auf ein Böses sich richtet, gegen welches das Böse der Sinnenwelt unbedeutend wirkt“ (Kap. „Schlaf und Tod“). Diese Geister der Zerstörung nennt R. Steiner an anderer Stelle auch die Geister der Finsternis (GA 177). Mit ihnen hängt u. a. das Entstehen von Bazillen zusammen (GA 177, 14.10.1917). Im Prinzip dieselben Geister bewirken Katastrophen mit vielen Todesopfern wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, Überschwemmungen oder Eisenbahnunglücke (GA 236, 29.6.1924).In diesem Sinne ist die Angst vor der geistigen Welt verständlich, denn dort begegnet man u.a. diesen Dämonen der Zerstörung und der Finsternis. Aber wir kommen heute mit den täglichen Problemen nicht mehr zurecht, wenn wir jener gewissermaßen gefährlichen Seite der geistigen Welt nicht ins Auge schauen wollen.

               Und nun das Erschütternde. Wir selbst mit unserer Angst ernähren diese zerstörerischen Wesen in der geistigen Welt! Hätten wir keine Angst, dann würden diese Wesen an der Pforte zur geistigen Welt wie leere Säcke schlaff herunterhängen. Durch unsere „Angst, Furcht, Kopflosigkeit, Aberglauben, Hoffnungslosigkeit und Zweifelsucht“ werden sie dick und prall, weil diese Geister nur dann leben können, wenn sie sich von den gennannten negativen Eigenschaften der Menschen ernähren. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns stark machen gegen Angst und Furcht. „Lebensangst, Lebensfurcht, Todesangst und Todesfurcht“ müssen wir lernen zu überwinden. (Zusammenfassung des Vortrages über „Die sogenannten Gefahren der Einweihung“ am 12.12.1907 in GA 56). Es ist die Aufgabe der Anthroposophie, das ganze Leben spirituell zu durchsetzen, damit die genannten Dämonen der Zerstörung, die Geister der Finsternis ausgehungert werden.

Angst und Furcht müssen überwunden werden. Der erste Schritt dazu ist – entschuldigen Sie, dass ich schon wieder ein Kolumbus Ei aussprechen muss – das Studium der Geisteswissenschaft. Denn durch das Studieren der Mitteilungen aus der geistigen Welt lernen wir die geistige Welt kennen und beurteilen. Indem wir die geistige Welt beurteilen lernen, überwinden wir unsere Angst vor dem Geistigen, und indem wir die Angst vor dem Geistigen überwinden, überwinden wir den Materialismus.

Nun sagen natürlich viele: ich habe aber gar keine Angst. Wie schon gesagt: die genannte Angst ist uns zum größten Teil gar nicht bewusst. Und zweitens kommt wegen dieser Unbewusstheit dann eines Tages so etwas wie die Corona Krise, wo wir dann gezwungen werden, die Angst kennenzulernen.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann