Rundbrief zur Anthroposophie

Liebe Freunde

In der jetzigen Situation der Corona Krise mit ihren destruktiven und disruptiven Elementen erwacht im einzelnen Menschen die Frage: wie kann ich von mir aus etwas beitragen, dass die guten und die aufbauenden Kräfte in der Welt gestärkt werden? Dazu gab R. Steiner für religiös orientierte Menschen zwei grundlegende Hilfen. Aber auch für jemanden, der bisher nicht religiös orientiert war, können sie den Sinn der religiösen Übung erschließen. Die beiden Hilfen sind der Vortrag „Das Wesen des Gebetes“ (GA 59, 17.2.1910, auch Einzelausgabe), worin das berühmte „Ergebenheitsgebet“ enthalten ist, und der Vortrag „Das Vaterunser – eine esoterische Betrachtung“ (GA 96, 28.1.1907, auch Einzelausgabe).

Der Vortrag über das Vaterunser bringt die sieben Bitten des Vaterunsers in einen Zusammenhang mit den sieben Wesensgliedern des Menschen:   

 Name  1.   3.   Geistesmensch 
 Reich  2.  2.  Lebensgeist
 Wille  3.  1.  Geistselbst
 Brot  4.  7.  Ich
 Schuld  5.  6.  Astralleib
 Versuchung  6.  5.  Ätherleib
 Böse  7.  4.  Physischer Leib

 

Wenn man das Vaterunser betet, folgt man der links wieder gegebenen Reihenfolge. Die Zahlen der sieben Bitten sind rechts zu den Wesensgliedern geschrieben, denen sie entsprechen. Die Wesensglieder selbst erscheinen so, wie es ihrer hierarchischen Ordnung entspricht. Man geht also bei den ersten drei Bitten vom Geistselbst (Name) bis zum Geistesmensch (Wille). Man fängt bei den höheren Wesensgliedern an, die erst keimhaft entwickelt sind, und geht von der Reihenfolge der Wesensglieder her aufwärts von unten nach oben. Diese drei oberen Wesensglieder sind das, was im Vaterunser der Himmel genannt wird. Ebenso ist es bei den schon entwickelten vier Wesensgliedern des Menschen, die das Vaterunser „auf Erden“ verkörpert sieht. Wiederum durchschreiten wir sie von unten nach oben: zuerst das tägliche Brot (physischer Leib) und zuletzt die Bitte um Erlösung von dem Bösen (Ich). Zusammengefasst: erst der höhere, zukünftige Mensch, dann der vorhandene, reale Mensch und beide jeweils in aufsteigender Reihenfolge.

               Es gibt ja viele weitere Aspekte des Vaterunsers, auf die ich hier nicht eingehen will. Auch auf die sechste Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“, auf die man sofort angesprochen wird, wenn man vom Vaterunser spricht, will ich hier nicht eingehen. Ich will nur aufmerksam machen auf diesen doppelten Aufwärtsstrom von unten nach oben. Dieser Aufwärtsstrom kann mit Christi Himmelfahrt verbunden werden.

Worauf also will uns dieser dargestellte doppelte Aufwärtsstrom aufmerksam machen? Biblisch oder apokalyptisch gesagt: „Ich habe deinem Ich gegeben die Richtung nach aufwärts, dem Morgenstern, dem Merkur“ (Apokalypse 2,28, R. Steiners Übersetzung in GA 104, 20. 6. 1908). Seit dem Mysterium von Golgatha geht die Entwicklung wieder nach aufwärts. Das ist gar nicht so leicht. Da gibt es objektive Widerstände. Denn die Kräfte der Finsternis wirken als beharrendes Element und ziehen uns erst recht nach abwärts. Auch ist es so, dass wir erst im Anfang der christlichen Entwicklung stehen. Das glaubt man erst einmal nicht, weil die etablierten Kirchen so alt und verstaubt erscheinen. Aber in dem Buch „Die Geheimwissenschaft im Umriß“ (GA 13), die in vieler Hinsicht ein revolutionäres Christentum enthält, steht: „Was durch die Christus-Erscheinung der Menschheitsentwicklung zugeflossen ist, wirkte wie ein Same in derselben. Der Same kann nur allmählich reifen. Nur der allergeringste [!] Teil der Tiefen der neuen Weistümer ist bis auf die Gegenwart herein in das physische Dasein eingeflossen. Dieses steht erst im Anfang der christlichen Entwicklung (Kap. „Die Weltentwicklung und der Mensch“). Also eben für dieses Aufkeimen, Sprießen, Sprossen und Wachsen des neuen Christentums brauchen wir den doppelten Aufwärtsstrom des Vaterunsers.

Herzlich Ihr Friedwart Husemann

Mißverständnis zum Vaterunser

Liebe Freunde

Meine Darstellung über die Bitten des Vaterunsers im Zusammenhang mit den Wesensgliedern war offensichtlich missverständlich. Es ist ohne Zweifel im Sinne Steiners so, dass die erste Bitte über den Namen Gottes dem Geistselbst entspricht, die zweite Bitte über das Reich Gottes entspricht dem Lebensgeist und die dritte Bitte über den Willen Gottes entspricht dem Geistesmenschen. Das habe ich mit den verschiedenen Zahlen rechts und links darstellen wollen. Bei den unteren Wesensgliedern ist es so, dass das tägliche Brot dem physischen Leib, die Schulden dem Ätherleib, die Versuchung dem Astralleib und die Erlösung von dem Bösen dem Ich entspricht. Das habe ich wiederum mit den rechtsseitig verschränkten Zahlen angedeutet. Die Wesensglier habe ich deswegen in der üblichen Reihenfolge dargestellt und nicht in der dem Vaterunser entsprechenden Reihenfolge, um den Aufwärtsstrom zu zeigen.  

Das Wichtigste, was ich sagen wollte, war, dass man vom Geistselbst zum Geistesmenschen die oberen Wesensglieder aufwärts durchschreitet. Ebenso bei den unteren Wesensgliedern durchschreitet man die Wesensglieder vom vom Phys. Leib zum Ich aufwärts. Von der 3. zur 4. Bitte springt man mitten im Vaterunser (wie oben in den Himmeln also auch auf Erden) vom obersten Wesensglied bis zum untersten, vom Geistesmenschen zum Phys. Leib, von der Bitte über den Willen Gottes hinunter bis zum täglichen Brot. Ich empfinde das wie eine Art von Oktavsprung nach unten, so etwa wie in Mozarts Symphonie No. 29, KV 201, die mit einem Oktavsprung abwärts beginnt und dann Ton für Ton aufwärts schreitend diesen Oktavsprung nach abwärts insgesamt siebenmal wiederholt. Das ist das erste Thema des ersten Satzes in A Dur.

Wenigstens schien es mir, dass dieser doppelte Aufwärtsstrom des Vaterunsers, wie er sich ergibt, wenn man die Bitten mit den Wesensgliedern vergleicht, ein Bild für Christi Himmelfahrt darstellt, bzw überhaupt für die Tatsache, dass es seit dem Mysterium von Golgatha wieder aufwärts geht.

Ich bedanke mich herzlich bei denjenigen von Ihnen, die mir geschrieben haben, sodass ich mich noch einmal äußern konnte und klar geworden ist,  dass das , was Steiner sagte, von mir nicht geändert worden ist. 

Herzlich Ihr Friedwart Husemann