Rundbrief zur Anthroposophie
Liebe Freunde
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als junger Mann meinen Friseur einmal fragte, ob er Linkshänder sei. Nein, sagte er, das hätten schon viele gemeint, das käme durch den Spiegel. Seitdem ertappte ich mich beim Besuch des Friseurs immer wieder dabei, dass ich die rechte und die linke Seite des Spiegelbildes falsch beurteilte. In der letzten Zeit dachte ich nun, so geht das nicht weiter. Ich müsste doch eine so einfache Täuschung sicher vermeiden können. Und da merkte ich: ich muss von mir selber ausgehen. Ich muss mir meiner eigenen rechten Seite bewusst sein, dann beurteile ich die rechte und die linke Seite des Spiegelbildes richtig. Was bei mir selbst rechts oder links ist, das ist auch im Spiegel rechts oder links.
In der imaginativen Welt ist die Spiegelbildlichkeit noch eine von den elementaren Dingen, die einen durcheinanderbringen können: 365 muss man als 563 lesen. Was auf einen zukommt, geht in Wahrheit von einem aus. Was gleisnerisch und schön von außen erscheint, ist in Wahrheit eine hässliche Eigenschaft von einem selber usw. Deswegen ist diese Welt zunächst verwirrend. Man muss in Geduld durch Labyrinthe wandern können. Und man braucht, um sich zurecht zu finden, ein erhöhtes Selbstbewusstsein. Eine erste Andeutung dieses erhöhten Selbstbewusstseins ist es, wenn wir vor einem Spiegel stehend lernen, uns selbst mit unserer eigenen rechten Seite und uns selbst mit unserer eigenen linken Seite mit dem Bild zu vergleichen. Diese Rückbesinnung auf sich selber klärt das Problem. Dazu braucht man eine erhöhte Kraft des Selbstbewusstseins, die in der imaginativen Welt unbedingt notwendig ist. Die Erstarkung des Selbstgefühls ist dort so groß, dass es mit derselben Stärke in der physischen Welt rücksichtslos und egoistisch wäre. Der Geistesschüler muss deswegen bewusst dafür sorgen, dass er das in der imaginativen Welt erstarkte Selbstgefühl nicht in den Alltag trägt, sondern es in der physischen Welt abdämpft und in Liebe verwandelt (GA 17, Kap. „Von dem Ich-Gefühl und von der Liebefähigkeit der menschlichen Seele und deren Verhältnissen zur elementarischen Welt“).
Es gibt keinen Vergleich, den R. Steiner so oft, so inhaltvoll und in so vielen verschiedenen Zusammenhängen benützte wie den Spiegel. Das bekannteste Beispiel ist der Bologna Vortrag von 1911, wo unsere Leibesorganisation im Verhältnis zu unserem Ich als Spiegel dargestellt wird: „Und man wird deshalb zu einer besseren Vorstellung über das «Ich» erkenntnistheoretisch gelangen, wenn man es nicht innerhalb der Leibesorganisation befindlich vorstellt, und die Eindrücke ihm «von außen» geben läßt; sondern wenn man das «Ich» in die Gesetzmäßigkeit der Dinge selbst verlegt, und in der Leibesorganisation nur etwas wie einen Spiegel sieht, welcher das außer dem Leibe liegende Weben des Ich im Transzendenten dem Ich durch die organische Leibestätigkeit zurückspiegelt.“ („Die psychologischen Grundlagen und die erkenntnistheoretische Stellung der Theosophie“, GA 35, S. 111ff).
Der Spiegel ist ein Bild für die ganz allgemeine Tatsache, dass uns in der sinnlichen Welt die große Illusion, die Maja umgibt. Auch hier ist es wiederum entscheidend, ob ich glaube, dass die Maja ein konstituierendes Element der Welt selber ist oder ob ich glaube, dass ich selbst die Maja über die Welt darübergestülpt habe: „Woran liegt es, dass die Welt eine Illusion ist? fragt der Buddhist. Und er antwortet: es liegt an der Welt! Woran liegt es, dass die Welt eine Illusion ist? Fragt der Christ. Er antwortet: es liegt an mir! Ich selber, mein Erkenntnisvermögen, meine ganze Seelenverfassung haben mich so in die Welt hineingestellt, dass ich jetzt nicht das Ursprüngliche sehe [….]. So darf der Buddhist sagen: die Welt ist die große Illusion, also muss ich die Welt überwinden. So darf der Christ sagen: Ich bin in die Welt hineingestellt und muss dort mein Ziel finden.“ (GA 60, 2.3.1911, in einem Vortrag über Buddha). Das ist ein Gedanke, der zu Pfingsten passend ist.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Friedwart Husemann